Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. ßette 4. „Ich bitte Dich, lieber Vater, bemühe Dich nicht weiter, es wäre doch zwecklos." „Was hör ich. Du willst nit freien?" „Das wollte ich nicht damit gesagt haben. Im Gegenteil, ich bin hauptsächlich zu dem Zwecke jetzt zu Dir gekommen, um Dir mitzuteilen, daß ich mir selbst schon ein Mädchen ausgewählt habe, Las mit der götüichen Hülfe meine Frau werden wird." „Oskar, Junge," rief jetzt Natten mit vor Freude strahlenden Augen, „die Ssimcho-) soll ich iioch erleben? Gebenscht^) sollst De sein! Nu sag mer, wer es is?" Nun mußte Oskar mit der Sprache heraus, mußte seinem Pflegevater diejenige nennen, die er so ganz in sein Herz geschlossen. „Du willst wissen, welches Mädchen ich mir zu meiner Frau erwählt habe, lieber Vater? So höre denn, es ist Sidonie Blütenstiel!" — Als Reb Natten diese Worte vernahm, änderte sich jäh sein Gesichtsausdruck, seine Augen öffneten sich weit, und vor Ueberraschung vermochte er im ersten Augenblicke keine Worte zu finden. Endlich sprach er: ,)Was? Die? — Oskar, ich sag Der, ich sag Der, Oskar, sau lang ich werd l&m, werd nix draus. Du ane aus Michaels Mischpoche^)? Oskar, Junge, was denkst Du da?" Natten hatte sich in eine immer größere Aufregung hineingeredet, nnd. nie hatte Oskar seinen Vater dermaßen aufgeregt gesehen. ,Mie kannst Du Derr sau wegwerfen, Oskar?" fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Du, a Mensch vun de Welt, der chotsche^) a Tochter vun Heymann freien kennt!" „Vater," entgegnete Oskar, „so hoch versteigen sich meine Pläne nicht- Du weißt, welche Stellung ich den jüdischen Kreisen gegenÄer einnehme, wie man mich ignoriert, wenn mich besondere Umstände nötigen, innerhalb derselben aufzutreten. Man sieht in mir nicht mich selbst, sondern die Verhältnisse, in welchen ich ausgewachsen. Man blickt prüfend und mäkelnd dahin, woher ich gekommen, nicht wo ich jetzt bin. Mich zieht es daher auch, nicht in jene jüdischen Kreise, obwohl ich in nichtjüdischen gern gesehen werde. Ein weibliches Wesen aus jenen Kreisen würde ich nie heimführen, denn es würde an einem gegenseitigen Verständnis fehlen. Ich will ein mitfühlendes Herz, das verwandte Regungen mir entgegen trägt. Nur ein solches vermag in wahrhafter, inniger Liebe für mich zu erglühen. Und in der Brust Sidonies schlägt für mich ein solches Herz." Sinnend und kopfschüttelnd hatte Reb Natten den Worten seines Pflegesohnes gelauscht. Sein Zorn war längst verraucht, der Anlegung war eine Seelenruhe gefolgt die es ihm gestattete, Oskars Worte mit Aufmerksamkeit anzuhören. Sein Sohn hatte den Empfindungen seines Herzens in treffender Weise Ausdruck gegeben. Hatte er nicht auch, unter dem Vorurteile der Menge zu leiden? Waltete aber nicht bei ihm das umgekehrte Verhältnis ob? War nicht bas Haus, dem er entstammte, all jenen Häusern ebenbürtig gewesen, in welchem er sich jetzt demütigen mußte, um des Lebens Notdurft zu beschaffen? Weil aber die Misere des Daseins ihn verfolgte, weil er die Milde der Mitwelt in Anspruch nehmen mußte, fand er allüberall Mißachtung. Wohl trug er stets nnd allerorten Frohsinn des Herzens und Heiterkeit der Seele zur Schau, wohl lebten in seinem Munde Spott und Witz, doch waren dies nur Mittel zum Zweck, die ihm die Häuser und die Hände der Mitmenschen öfstren helfen mußten. Konnte er darum seinem Pflegesohne widersprechen? Bewegten nicht sein altes Herz dieselben Gefühle die diesen zu dem entscheidenden Schritt für das Leben nach der bezeichneten Richtung drängten? „Nu, Oskar, sau gor Unrecht hast Du nit," lenkte er daher ein. „Worum mußt Du denn gerad ane aus Michaels Mischpoche nemmen? Kannst De gar kane andere finden?" „Nein, lieber Vater," erwiderte Oskar. „Sidonie hat mein Herz und meine Liebe." „Sau mach denn, was De willst," sprach hierauf Natten, „Du bist klüger, as ich, und Du mußt es besser wissen." „Ich danke Dir, lieber Vater," versetzte nun Oskar, froh darüber, seines Pflegevaters Zustimmung erlangt zu haben. Dann erhob er sich und verließ das Haus. Am andern Tage konnten die Liebenden sich an einem verschwiegenen Orte ihren ersten Erfolg Mitteilen. Nun war aber noch ein letztes Hindernis zu überwinden. Würde es ihnen gelingen? Fast erschien es ihnen unmöglich! — In banger Hoffnung sahen nun Oskar und Sidonie der Rückkehr Raphael Blüthenstiels entgegen. Wenige Tage nur verstrichen, da kündete derselbe seine Rückkehr an, und schon am anderen Tage begrüßte er nach zurückgelegter Wintertour die Seinen. Heiterkeit und Zufriedenheit strahlten aus seinem Gesichte, als er Frau und Tochter nach, so langer Abwesenheit wieder in seine Arme schloß. Und Herr s) Freude. s) Gesegnet. *) Familie. Sogar. Fsnckfwcker FkraMWis FKmÄirMaü. Blüthenstiel hatte diesmal volle Ursache, heiter und zufrieden zu sein, denn sein Geldkätzchen, das er wohl verborgen trug, hatte eine hübsche Rundung angenommen. Das Glück war ihm gerade auf dieser nun beendeten Tour besonders hold gewesen. Er hatte es verstanden, zu den alten Gönnern noch eine erkleckliche Zahl besonders zahlungsfähiger neuer Rentengläubiger zu gewinnen. Und als er begann, sich der ziemlich schweren Tasche zu entledigen, da ließ er wie liebkosend seine Hände darüber hin gleiten und seinem Munde entströmten leise die Worte: „Gott, der Herr, hat mir diesmal ein besonderes Glück verliehen; sein Segen war auf meinem Wege. Ja, es ist wahr: Der Segen Gottes macht reich." Kaiser JFrledricn Quelle ■ Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd RhenmatisnuiB bewährt. Bad Harz bürg Pension Parkh ans 53 Salons n. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I Ranges unter Rabbinats-Aufsicbt an schönst. Waldlage^GeöfthMai-bOkt^ProsgLgrati^Max^ecbt Wohack nidilgi!!.^”"^». Inhaber: JVE. WallaU. Perlen, Juwelen, Goldwaren. Auf Wunsch Auswahlsendungen. — - . — Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 25. Juli (= 26. Tamus): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min Sabvat»Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 15 Min., in Berlin 9 Uhr 15 Min. Wochenabschnitt: Mattaus und Masei. — Die Verordnungen, welche sich, auf Gelübde nnd sonstige Versprechen der Ehefrau beziehen. Der Ehemann kann die Gelobungen der Ehefrau mitunter aufheben. — Israel wird zum Kriege gegen Midjan «msgefordert, weil dieses Volk Israel zur Sünde und zum Abfalle verleitete. Pinchas wird Anführer. Im Anschluß an diesen Krieg werden Gesetze zur „Reinigung" von Geschirren und Geräten mitgeteilt, die heute noch für die religiöse Praxis von grundlegender Bedeutung sind (,Käschern"). Die Kriegsbeute wird unter den Mitkämpfern, der Gemeinde und den Leviten geteilt, ebenso kam eine Abgabe davon ins Heiligtum. — Rüben, Gad und der halbe Stamm Menasche erheben Anspruch auf das Ostjordanland, das sich seiner vielen Wiesen halber für die reiche Viehzucht dieser Stämme besonders eignet. Moses macht ihnen Vorstellung dagegen, er sieht darin bedenkliche Sonderbestrebungen. Schließlich erhalten sie Ostjordanien gegen das bündige Versprechen, als Kombattanten einst ihren Brüdern im Westen beizustchen. Im zweiten Wochenabschnitt sind die verschiedenen Lagerstätten, wo Israel seit dem Auszuge aus Egypten geweilt, der Ordnung nach aufgezählt. Wiederholt ist eingeschärst, im Umgang mit den Ureinwohnern Palästinas die größte Vorsicht zu gebrauchen.' Schonung der Heidenstämme wird die Nachahmung von deren Gräueltaten im Gefolge haben. — Es werden die Grenzen Westjordanicns festgesteLt für die neuneinhalb Stämme. Die Geometer bei der künftigen Aufteilung dieses Landes werden bestimmt; es sind Stammsürsten. Die Leviten sollen keinen eigentlichen Anteil am Lande erhalten. Nur Städte mit Gemarkung ringsum werden ihnen zugewiesen. Für den ohne böswillige Absicht begangenen Mord wird die Einrichtung getroffen, daß der Mörder in 'eine sogen. „Zufluchtsstadt" fliehe, wo er vor der Rache der aufgeregten Blutsverwandten sicher ist. Dort verweilt er bis zum Tode des Hohenpriesters. Drei „Zufluchtsstädte" lagen diesseits des Jordan, drei jenseits! Der absichtlich begangene Mord soll jedoch mit aller Strenge abgeurteilt werden. Im Schlußteil werden noch Bestimmungen über das Erbfolgerecht mitgeteilt, dabei wird wiederholt auf den einschlägigen Fall der Töchter Zelofchads hingewiesen. Damit schließt das 4. Bch. M. — Man segnet den Monat „Wo" ein. Mn Mittwoch (29. Juli) ist „RauscheChaudesch". Damit beginnen die sogenannten „9 Tage". Die Nationaltrauer wird verstärkt durch Enthaltung von Fleischgenuß, Weingenuß usw. (Am Sabbat ist's erlaubt, Fleisch und Wein zu genießen). Offenbaebtr Druckluft »Hnlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TapplchFalnlffUng. Cafd Consfabler. absthdlg.Hasselbacb. L XtÄTi Kunst und Literatur. „Ewen Pinno" — Predigten, exegetische Erläuterungen und Erklärungen zu talmudischen Stellen — von Rabbiner EliaHu Kljatzkin, Majampol, Gouv. Suwalki. Eine erfreuliche Erscheinung, die immer häufiger wird, tritt uns im letzten Jahrzehnt in der russichen Judenheit entgegen: Ihre Rabbinen haben begonnen, mit den Erscheinungen der Zeit zu rechnen und den Forderungen des äußerlichen Lebens sich anzubequemcn. Noch vor wenigen Jahren war es ein äußerst eltener Fall, daß ein Rabbiner in Rußland über >ie „4 Ellen" der Studierstube hinausschaute, sich mit den profanen Lebensfragen abgab, sich allgemeines Wissen ancignetc oder wenigstens die Landessprache erlernte. War ja in den Jeschiwaus den Talmud- Üngeru aufs strengste verboten, neben dem Talmudstudium etwas anderes zu treiben, und das Lesen eines Buches in einer fremden Sprache, ja sogar eines hebräischen Buches nichttalmudischen Inhalts, wurde (und wird zum Teil auch jetzt) als eine Sünde betrachtet. Woher dieser traurige Zustand im russischen Judentum kommt, diese Weltfremdheit, diese Negation alles allgemeineren Wissens, die absolut keine Begründung in der jüdischen Lehre und Weltanschauung haben, ist hier nicht der Platz zu erörtern. Nun — boruch meschane ho Jttim! — beginnt es jetzt, auch in Rußland anders zu werden. Teils durch den Zwang der Negierung, teils durch den Druck der Zeit vollzieht sich allmählich die längst angestrebte „Aufklärung der Rabbinen". Wie bekannt, gelten die sog. geistige» Rabbinen der russischen Regierung nicht als offizielle Vertreter der Gemeinden, und zwar wegen ihres profanen Unwissens, die offiziellen Rabbinen sind die sog. Kronsrabbinen. Seit einigen Jahren aber verlangt die russische Behörde — besonders in den polnischen Gouvernements — daß ein neuer Rabbiner nicht angestellt werden darf, bevor er ein bestimmtes Examen für allgemeines Wissen abgelegt hat. Es ist daher jetzt eine nicht mehr ungewöhnliche Erscheinung in Rußland, daß Talmudjünger zu gleicher Zeit mit ihrer S m i ch o auch das Maturitätszeugnis erlangen. Es naht die Zeit, in der das Talmndstudium und das profane Studium nicht mehr als zwei entgegengesetzte, sich bekämpfende, ja sich zerstörende Geistesarbeiten betrachtet werden, sondern als sich ergänzende und unterstützende. Auch hier wie in allen Bewegungen fehlte es nicht an Vorkämpfern und Vorbildern. Hin und wieder gab es Koryphäen unter Len russischen Rabbinen, die keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen fanden, und die einsahen, daß mau im Interesse des Judentums eine Brücke schlagen muß zwischen „Thorah" und „Derech Erez", zwischen dem jüdischen und allgemeinen Leben. Rabbi Samuel Mohilewer s. A., Rabbi I. I. Reines aus Lida, Rabbi S. I. Rabbinowitz aus Sopotzkin u. a. m. gingen voran und zeigten Len Scharen der Jeschiwaus - Jünger, daß man zugleich ein G o a u n und Chochom bmilei d'Olmo sein kann. Und sie fanden viele Nachahmer. Rabbi EliaHu Kljatzkin ist eines dieser Vorbilder. Obwohl ein viel gerühmter Talmudkoryphäe, ist er allem Missen der Welt offen. Auf dem Standpunkt stehend, daß ein jüdischer Gelehrter mit seinem Geiste alles umfassen muß und ihm nichts fiemd und unbekannt bleiben darf, eignete er sichzu seinem iinmensen jüdischen Wissen auch respektable Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft an. Es kann hier selbstverständlich nicht die Rede sein von einem systematischen, lückenlosen Studium — denn wie hätte er das in seinem Milieu zu Wege bringen können? —; was er aber durch autodidaktisches Studium der profanen Wissenschaften erreichte, ist geradezu bewundernswürdig. Dies zeugt von einem regen, elastischen, imnier arbeitenden Geist, der alles erforschen und alles umfassen möchte. In seinen Schriften stoßen wir ganz oft auf Bemerkungen, die in das Gebiet der Medizin, der Mathematik, Astronomie, Anthropologie, Soziologie, der Geographie und Weltgeschichte gehören; und alles so nebenbei und so selbstverständlich, als müßte es bei einem Raw vorausgesetzt werden. Uebcrall ist er bewandert, für alles . interessiert er sich, und alles verwertet er für seinen Zweck: für die Verständlichmachung der Thora und die Erklärung der schwierigen Stellen im Talmud. Es ist an ihm etwas von unseren Großen, von den Leuchten der jüdisch-arabischen Glanzperiode: ein Polyhistor. Sehr interessant ist auch die Anschauung Rabbiner Kljatzkin's über Welt nnd Leben, wie sie hier und da in der obengenannten Sammlung der Predigten geäußert wird. Es ist eine wahrhaft jüdische Weltanschauung, gerecht, liebevoll, hoffnungsreich, vertrauend. Auch daraus klingt uns etwas Altbekanntes und WohlberührenLes. Rabbiner Kljatzkin begnügte sich nicht mit seinen hebräischen Schriften und Predigten, die er außer in der obengenannten, in noch einigen Sammlungen herausgab, sondern verfaßte auch ein Werk in der russischen Sprache. Er ist einer der ersten,geistigen Rahoinen, Rußlands, die von , der Kanzel Arab in der Landessprache zu predigen begonnen haben,