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Neue jüdische Presse · 1908-07-24 · Heft 29 (24.7.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 29 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter JsraEsches Familirnblatt. Nr. 29. Rußland. haben, sich gegenseitig das Wasser abzulaufen. Es herrscht die Tendenz vor/ sich dem Ministerium — ^kost', was kost' — anzubiedern. Nur so konnte es geschehen, daß das offizielle Organ der Orthodoxie, der „Magyor. Zsido", zu Ehren Apponyis Sphärenharmonien erllingen läßt, um in chm den Erzengel Israels, den befreienden Genius Judas zu verhimmeln. Und Apponyi ist derjenige Kultusminister, dess en Minist er ialrät e v yn den anzustellenden Beamten die Taufe obligatorisch fordern, und unter dessen Regime aus den Gymnasien, ohne gesetzliche Ahndung, wahre Brutstätten der Mission entstehen. Seine Lehrer bestimmen die umnündigen Mittelschüler, daß sic in der Alleinseligmachenden Schutz vor der ungünstigen Klassifikation suchen mögen; und der Schutzpatron der orchodoxen Judenheit schweigt. Und bei der Neplogie? Dafür folgende kurze biographische Skizze: Wir hatten einmal — cs klingt wie aus dem Märchenbuch — einen Wahrmann, der mit der Macht seiner überragenden Individualität seine jüdischen Brüder vor dem Forum beschützte. Kr war Multimillionär; das syntetische Produkt der Kreuzung östlicher und westlicher Kultur; Vorsteher der Pester großen Kultusgemeinde; Fabriks-, Bergwerks-, Schiffahrts-,. Bahngcsellschafts- und Weltbankdirektor, dabei Jude, plus Assimilation. Letzteres wurde sein tragisches Verhängnis. Sein blitzender Geist und seine rollenden Dukaten haben seinen Kindern den Weg in die cxllusiven Klubs und Kasinos gebahnt. Er und sein Geist. sind gestorben; seine Kinder: erst getauft, dann clendlich verkommen mrd jämmerlich geselbstmordct. Seit 12 Jahren erhebt sich auf seinem Grab das blendend weiße Monument, auf dem mit Mcüctekelschrift stehen sollte: Assimilation als einziger Grund unserer Existenz ist Ursache genug, daß wir zugrunde gehn! Zioni. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Um das Andenken Charles Hallgartens zu ehren, hat der Magistrat im Einvernehmen mit dem Polizei-Präsidium einen Teil der Nordendstraße mit dem Namen Hallgarten st raße benannt. Stuttgart. Die Mittel für die Errichtung eines Berthold Auerbach-Denkmals in den Kursaalanlagen in Cannstatt sind nunmehr beisammen; der König von Württemberg und der verstorbene Großherzog von Baden sind unter den Spendern. Professor H. Bolz-Karlsruhe führt das Denkmal aus. (L.) Posen. Heute habe ich von allerlei gemeinnützigen Akten zu berichten. — Die „Jüdischnationale.Frauenvereinigung". veranstaltet auch während der großen Ferien an jedem Dienstag „Kinder-Nachmittage" in einem städtischen Garten. Der „Neue Turnverein" hat zu diesen Veranstaltungen seine Turnspielgeräte zur Verfügung gestellt. — Kaufmann Rudolf Petersdorf hat auch in diesem Jahre für die „Ferien- Kolonien" einen namhaften Bettag gespendet. — Der jüngst verstorbene Professor Dr. Georg Adler-Kiel hat unserer Stadt 3000 JL hinterlassen, aus deren Zinsen'Arme ohne Unterschied der Konfession mit Brennmaterialien zu versehen sind. Oesterreich-Ungar». Wie». Der Philanthrop Nathan Straus aus New-Pork hat der österreichischen Negierung eine vollständigeMilch pasteurisierungsanlage gestiftet, die täglich 100000 Flaschen Milch pasteurisiert. Wie». Abg. Dr. Straucher richtete an den Ministerpräsidenten eine Interpellation, in der er ausführt, daß, seitdem Dr. Geßmann MUglicd des Kabinetts geworden ist, in der Bukowina unter der Patronanz dieses Ministers organisierte, judenfeindliche Parteien entstanden seien. Die Organe der antisemitischen Parteien im Lande erklären ausdrücklich, daß sie unter der Patronanz und werktätigen Förderung des Ministers Dr. Geßmann stehen. Der Interpellant fordert den Ministerpräsidenten auf, zu veranlassen, daß Geßmann seine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle. — Abg. Dr. Gabel hat an den Kultusminister eine Interpellation gerichtet, die die Tatsache zmn Gegenstand hat, daß am Lemberger -Lehrerseminar seit etwa 4 bis 5 Jahren sämtlich eJüdinnentrotzbe st erKenntnisse die Aufnahmeprüfung nicht b e st e h e n. Seminardirektor Wojciechowski schikaniere ostentativ die jüdischen Kandidatinnen, mache sich über ihr Acußercs lustig, äffe ihre Gebärden nach usw. Budapest. In einer Polemik in der „Allg. Jüb. Rundschau" lesen wir aus der Feder Rabbiners Schück's-Temesvar folgende Zeilen, die auf betrübende jüdische Verhältnisse innerhalb der ungarländischen autonomen orthodoxen israelitischen Konfession Hinweisen: „Sollte ihm vielleicht nicht bekannt sein, daß in den orthod. Gemeinden Sarbogard und Kronstadt nicht ein nennenswertes jüdisches Geschäft am Sabbat gesperrt sei? Und sieht es in Nagy-Banya, Ada, Berettyo- Njfala, Tab, Nadudvar, Szckcsfehervar viel besser aus? Kann der Tisza-Fürecher ehrw. Rabbiner dafür, daß mehrere Mitglieder seiner Gemeinde ihre Kinder nicht in den Bund Abrahams aufnehmen und viele derselben Chaserim stechen? Wer wird verdmnmen den Balassa-Gyarmater, Salgo-Tarjaucr, Nagyvarader, Szeredcr, Püspök- Ladanger, ja sogar den Mankocser Rabbiner dafür, daß ein mächtiger Teil ihrer Gemeindemitglieder den Sabbat entweiht und trefe ißt? Wer wird es wagen, den Preßburger Rabbiner s. A. oder Rabbi Gottlieb Fischer s. A. in Stuhlweißenburg dafür verantwortlich zu machen, weil ihre Gemeinden — trotz der im Orte vorhandenen ncologen Gemeinden, also dem Ablcitungskanal der unreligiösen Elemente — unter ihrer Leitung sich so stark verschlechtert haben?" Budapest. Die hiesige israel. Gemeinde hat sich gegen die hiesige orthodoxe israel. Gemeinde einen Akt der Gehässigkeit erlaubt, der geradezu kindisch ist. Die orthod. Gemeinde hat eine 4klassige Bürgerschule. Diese unterstellt sich nicht dem gesetzlichen Schulplan, weil sie auf die jüdischen Fächer das Hauptgewicht legt, und ihre Zöglinge müssen daher an einer öffentlichen Bürgerschule die Prüfung ablegen, um ein gültiges Bürgerschul-Zeugnis zu erhalten. Bisher wurden diese Prüfungen in dem benachbarten Ofen abgelegt; da dort die geforderten Gebühren aber allmählich zu hoch geworden waren, war die Prüfung diesmal zum ersten Male an einer Budapester Schule abgelegt worden. Gegen die Aushändigung der Zeugnisse an die Schüler legte nun die israel. Gemeinde mit der Begründung Protest ein, daß die Schüler von einem ihrer Rcligionslehrcr in Religion zu prüfen seien. Auf Intervention der orth. Gemeinde beim Kultusminister ist der Protest bereits fiir nichtig erklärt worden. Prag. Der Rentier Siegmund Plohn überwies anläßlich seines 80. Geburtstages der israel. Gemeinde zu wohltätigen Zwecken den Bettag von 10 000 Kronen. Karlsbad. Hier weilt zur Kur der bekannte Ghcttodichter Morris Rosenfeld. Er ist bereits von seiner Krankheit genesen, aber er ist immer noch nervös und leidet an einer Magenkrankheit, die er sich als Folge von scharfen Arzcneien zugezogen hat. Rosenfeld fühlt sich jedoch munter und kräftig genug, um seine Gedichte vorzuttagcn. Am 29. Juli wird er im großen Saale des Kurhauses eine Vorlesung veranstalten. Er hat die Absicht, auf seiner Rückreise nach Amerika in Krakau, Budapest, Wien und anderen Städten seine Gedichte vorzuttagcn. I. P.-r. bzcruowit;. Endlich ist die Gerüsthülle von dem Bau des jüdischen Nationalhanses am Elisabethplatz gefallen, und nun sehen wir leibhaftig vor unseren Augen, das was wir längst geahnt haben, näiulich einen Monumentalbau, der nicht nur ehrend für die jüdische Gemeinde ist, die ein solches Werk gufzuführen beschloß, sondern auch für die ganze Stadt, welche hierdurch eine namhafte Verschönerung erfuhr. Wiewohl die Frontlänge gegen den Elisabethplatz nur eine geringe ist, gelang cs dem Architekten doch, durch eine äußerst geschickte Verwendung des Triumpfbogenmotivs dieselbe interessant zu gestalten. Läßt man die vom Bildhauer Stürmer künstlerisch ausgcführten Karyatyden; welche die 4 Säulen, die einen mächtigen Bogen stützen, ttagen, auf sich wirken, oder betrachtet man das von Halbsäulen in edelsten toskanischen Formen umrahmte Fenster des 2. Stockwerkes, stets wird man ein Gefühl ästhetischer Befriedigung empfinden. Petersburg. Die Zeitung „Rjetsch" erzählt folgende Geschichte eines 12jähr. Judenknaben: Im Spital eines Dorfes im Uffaer Gouvernement liegt ein 12jähriger Knabe, dessen Lebenslicht langsam erlöscht. Er heißt Alter Chwotowski. Er war das einzige Kind' wohlhabender Schneidersleute in Krementschug und verbrächte bis zu seinem 8. Jahre glückliche Kinderjahre. Da kam der russisch-japanische Krieg und damit der Schrecken der Pogrome. Aus Angst vor Pogromen verließen die Eltern Krementschug und zogen nun von einem Ort zum andern. Die Mutter stirbt infolge der vielen seelischen Aufregungen an einem Herzschlag, der Vater folgt ihr bald nach, und der Junge findet Aufnahme bei einem kinderlosen Schuster in Krementschug, der ihm sehr zugetan war. Eines Tages, die Frau des Schusters war verreist, bricht in Krementschug der Pogrom aus, in welchem der Schuster ermordet wird. Der Junge sitzt drei Tage lang in einem Stalle verborgen. Am vierten Tage treibt ihn der Hunger auf die Straße. Kaum vermag er durch die verwüstete Stadt zu gehen. Da gerät er in die Hände eines Besitzers einer Marktbude. Dieser gibt ihm zu essen, behält ihn bei sich, und er lernt bei Schlägen und schlechter Behandlung Purzelbäume und Akrobatenstücke vorführen. Es beginnt nun für ihn wieder eine Wanderung von Ort zu Ort. Durch das traurige Leben wird der arme Junge krank, und da der Budenbesitzer den Kranken nicht mehr verwenden kann, legt er ihn, während er schläft, hinter einen Stall, wo ihn der Ortswächter findet. Kiew. 61 Personen sind im hiesigen Gouvernement zum Judentum zurückgekehrt, und zwar seit 1906, in welchem Jahre allerhöchst die „Freiheit des Glaubens" dekrediert wurde. Warschau. Im laufenden Jahre hatten 30 Juden die hiesigen Gymnasien und 12 die Landwirtschaftliche Schule in Pulewy mit der höchsten Auszeichnung beendet. Ein Teil dieser besten Schüler — „Medaillisten" nennt man sie — dürfte aber keine Aufnahme an einer Universität finden, da diese nicht mehr wie IO«/» Juden aufnchmcn. Tschernigow. Eine Neuerung, die wie das gelbe Judenzeichen im Mittelalter wirken soll, hat das hiesige Gouvernement eingeführt: in den Auslandspässen heißt es von jetzt ab nicht mehr „der N. N.", sondern „der Jude N. N."! Palästina. Jerusalem, 13. Juli. Wieder ein Brand in der heiligen Stadt. Ein gcwaltigerBrand, der ein ganzes Stadtviertel einäscherte. Gegen vierzig Familien sind obdachlos. Ihre Habseligkeiten sind ein Raub der Flammen geworden. — Freitag, Den 10. d. Mts., brach Feuer in dem sog. Orphelizeh- Vicrtel aus. Dasselbe wird nur von aus Mesepotamien eingewanderten Juden bewohnt. Die Leute sind entweder Maurer oder Handlanger oder auch Lastttäger. Nicht imstande, sich feste Wohnungen zu bauen, bezogen sie Holzbudcn, 'gedeckt mit Zinkblech. In einer dieser Buden brach nun Feuer aus, und im Nu stand das ganze Viertel in Flammen. Die Polizei ist sofort auf dem Tatorte erschienen, auch das russische Hospiz entsandte Leute mit einer Wasserspritze. Alles aber leider vergeblich. Nichts, vermochte dem entfesselten Elemeitte, begünstigt von einem Westwinde, Einhalt zu tun. In einem Laden, nächst der Bude wo das Feuer ausbrach, befand sich einiger Petroleum-Vorrat. Dieser bot den Flammen Nahrung. Erst Legen Abend war der Brand erstickt. Gegen 40 Häuser sind total niedergebrannt. Der Schaden beläuft sich auf 10000 Frcs. Die erste Hilfe hat die heilige Stadt den Armen geleistet, nun ist aber die Hilfe der ausländischen Juden nötig. Die Geschäftsstelle des Franks. Israel. Familienblattes dürfte wohl gern bereit sein, Spenden anznnehmen und nach hier zu befördern. H. Amerika. New-Uork. Ein neues Buch des bekannten Kritikers und Essayisten John C. van Dyke, Professor für Kunstgeschichte an Rutgers College und an der Columbia und Harvard Universität, macht in der amerikanischen Judenheit unliebsames Aufsehen. Das Buch, das „The Money God" (Der Gott „Geld") betitelt ist und „Geschäftsmethoden und käufliche Ideale im amerikanischen Leben" behandelt, ist von Antisemitismus durchseucht. Personalien. Frankfurt a. M. Zivilingenieür Adolf Levy ist zum beeidigten Sachverständigen für Zentralheizungs- und Lüftungsanlagen beim Landgericht und beim Oberlandgericht ernannt worden. Berlin. Paul Laskar -Hamburg, der Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden und Leiter des Zcntralbüros für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, ist von einer mehrwöchentlichen

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