Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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<! ' 1" I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: - Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4.-— — .—. Redaktion und Hsfchäftsstelle: Srsnkfurt 2. IR., vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße T-r-fo« 10507. Herausgeber: Aalg cheis. r.. .. 11 . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirckunft. ' Freitag, de» 2s. 1'uitiii8 5668 (24. Juli 1968). 6. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das Problem der Lösung der Judenfrage. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Personalien. —Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi u. Capuletti. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. — Briefkasten. — Familiennachrichten..— Barmizwohs. Das Problem der Lösung der Judenfrage. Lev Berg, der bekannte Kritiker und Essayist, der vorige Woche starb und auf dem jüdischer: Friedhof in Weißensee beigcsetzt wurde, bespricht in der letzten Nummer des „Lit. Echo" Georg Hermanns Roman „Jettchen Gebert". Er schreibt da: „Der Deutsche in Berlin, Frankfurt a. M. oder München braucht den Juden als solchen schon gar nicht mehr zu sehen: da kommen dann die Vettern aus Benschen, aus dem Osten, mrs Rußland, betonen wieder den Juden im. Berliner oder Frankfurter, werfen ihre ganze Unkultur oder Fremdkultur in die Kreise der höher Entwickelten, die ihr Judentum oder ihre Herkunft schon fast vergessen haben, und reißen den alten Riß zwischen Juden und Deutschen aufs neue auf. Das Problem des Judentums in diesem Falle stellt sich eben als die Betternschast aus Benschen dar. DaS hat. Hermann sehr scharf gesehen, und da ich es auch und gerade für die Juden für sehr wichtig halte, daß diese ihre Probleme *üon ihnen selbst erkannt und rücksichtslos ausgesprochen werden, so erkenne ich schon deshalb diesem Roman eine große Bedeutung zu. Allerdings hat heute die Familie auch für die Juden nicht mehr den Sinn, wie ehemals, da sie ihr eigentliches Vaterland war, der Kapitalismus und die moderne Verkehrsentwickelung haben auch hier zerstörend gewirkt. Aber auch heute noch liegt im russischen Juden und seinem Hineindringen über die Grenzen die Hauptgesahr der deutschen Juden; aus drei Gründen: weil damit immer wieder die Nationalitätenfrage airfgeworfen wird, denn der russische Jude ist allemal, ein Fremder, zweitens, weil die östlichen Juden viel stärkere Rasseeigentünckich leiten haben, zäher und konstanter sind als die westlichen und folglich diese bestimmen, statt sie umgekehrt von ihnen bestimmt würden, und schließlich weil, ganz allgeniein, das schlechtere Element immer über das bessere, das rohere über das feinere siegt." Ob und inwieweit der russische Jude uns „Unkultur" bringt, diese Frage wollen wir, da sie sehr schwer zu beantworten ist, nicht entscheiden, denn es gilt da, die „Minus" mit den „Plus" sorgfältig abzuwägen, und in den jüdischen Tugenden, die der russische Jude mitbringt, hat er ein gewaltiges Plus an Kultur zu verzeichnen. Auch die Tatsache, daß der russische Jude durch seinen Fonds an jüdischer Eigenart und jüdischem Wissen dem Auflösungsprozeß der deutschen Judeicheit hindernd in den Weg tritt, nötigt uns keine Träne des Bedauerns ab. Wir sind uns wohl des Gegensatzes, in den wir uns mit dieser Gefühllosigkeit zu dem größten Teil der deutschen Judenheit stellen, bewußt. Verleugnet die deutsche Judenheit, die Kerntruppe der politischen Demokratie, doch .sogar ihre demokratische Gesinnung und hält im jüdischen Gemeindewcscn mecklenburgische Wahlsysteme aufrecht — nur, weil sie in dem Zufluß aus dem Ausland eine Hemmung ihrer Assimilationsbestrebungcn sieht! Aber wir habe nicht Interesse an der Vernichtung, sondern an der Erhaltung der Juden und des Judentums und verderben es deshalb ruhig mit der unter uns deutschen Juden herrschenden Strömung, die es bereits so weit ^gebracht hat, daß heute jeder fünfte deutsche Jude bezw. Jüdin eine Mischehe eingeht. Etwas anderes ist es freilich mit dem Problem der Lösung her Judenfragc. Darin, daß ein solches Problem vorhanden ist, stimnlcn nicht nur unterschiedslos alle Juden, ja sogar die Nichtjuden überein. So - sehen die konservativen Parteien in den Juden die Vorkämpfer des das Alte und ihnen Genehme vernichtenden Fortschritts, und die fortschrittlichen Parteien wiederum graut es häufig vor den jüdischen Bundesgenossen, welche sie bei dem antisemitischen Instinkt des Volkes um ihre Popularität bringen, lind für uns Juden selbst ist dieses Hangen und Bangen zwischen Nichtleben- und Nichtsterbenkönnen ein Zustand, dessen Lösung sich alle Nichtapathischen unter uns entgegensehnen müssen. Und merkwürdig: wie verschieden sonst die Anschauungen unter uns Juden sein mögen, für die Lösung des Problems der Judenfrage werden alle, die sich nicht dem Selbstbetrug hingeben, schließlich nur einen gangbaren Weg sehen: die überschüssige jüdische Masse des Ostens muß nach Palästina abgeleitet werden! In Palästina allein kann sich ein lebensfähiges und lebenskräftiges jüdisches Zentrum bilden. Dieses Zentrum allein wird das einzige sein, das sich eine Autonomie erringen wird, denn nur auf dem Boden seiner Väter hat ein Volk den Willen und die Kraft zu solchem Ziele. Und das Vorhandensein dieses autonomen Gemeinwesens — nicht mehr und nicht weniger, und nichts anderes. — bedeutet die , gelöste Judenfrage, — die gelöste Judenfrage nach außen und nach innen. Nach außen. — Die überschüssige jüdische Masse eines Landes Ivird stets nach Palästina abwandern, und in den Zurückgebliebenen wird man die Glieder eines bestehenden Volkes sehen. — und damit wird der Antisemitismus aufgehört haben.. Und nach innen. — Nicht mehr werden die nichtjüdifchen Kulturen die. jüdische aussaugen, nicht mehr werden jüdischer Lebensbetätigung entgegengesetzte Gesetze — siehe: Sonntagsruhe! — Hunderttausende gewaltsam dem Judentum entfremden. Denn wer sich nicht assimilieren will, er har f eine Zufluchtsstätte im. Lande der Väter. Ro. 29. Und die sich dann noch assimilieren wollen, — erst dann werden sie wirklich in der Lage sein, sich zu assimilieren, restlos aufzugehen in ihrer Umgebung. Brief aus Ungarn. Immer enger wird der Kreis, den man unserer Bewegungsfreiheit und Existenzmöglichkeit gezogen hat, und immer beschränkter der Rayon, in den: sich das jüdische Leben nach natürlichen Gesetzen äußern kann. Das einst vielgeruhmte Land der freien Judenrechte bietet das tragische Schauspiel vom permanenten Golus, dessen passiver Held der ewige Jude bleibt. Dichter und Regisseur sind um die Mittel nicht verlegen, unr die Spannung auf den Gipfelpunkt zu treiben. Bald .ist es die Entladung bestialischer Volksinstinkte, die zermarterte, blutige Leiber auf die Bühne schleudert und zwei Bachurim demonstriert, die auf .dem Wege zwischen Teglas und Nyiregjhäz für ihr Judentum die grausigste Martyriologie erduldeten; bald der mit feineren Waffen geführte Kulturkampf (?), der den offenen Boykott kündet und aus Sommerfrischen und Kurorten, wie Bortseld und Balatonföldwar, idyllische Steppen-Bochums mit rassenreinen Ariern zaubert. Für Abwechslung sorgt wohlweislich die hochmögende „demokratische" Regierung, die mit immer neuen, „aristokratischen Paragraphen" und Gesetzesvorlagen uns buchstäblich den Aten: benimmt. Erst war es die „Sonntagsruhe-Enquete", dam: die geistreiche „Spiritusnovelle" — ein Gesetz, das 4000 jüdische Familien an die Luft setzt; und jetzt ist es die „Exekutionsvorlage", die dem Kaufmannsstand, der bei uns zu 99«/» jüdisch ist, den Lebensnerv unterbindet. Es wurde dort nämlich zum Gesetz erhoben, daß die Beamten und Bauern, soweit sie bis jetztverschnldet sind, nicht durch Zwangsvollstreckung zum Zahlen angehalten werden können; und da bis dato in diesen kleinen Kreisen nur auf Kredit gearbeitet würde, ist der uneinbringliche Millionenschaden der jüdischen Gesellschaft in die Augen springend. Die ungarischen Lasker und Bamberger, die ob dieses himmelschreienden Unrechts, das ihren Konfessionsgenossen geschieht, aufbrausen sollten, sind begraben. 23 jüdische Mameluken schweigen im ungarischen Landtag konsequent oder zählen mit Märtyrergeduld die brutalsten Jnvektiven, die ihnen von den Männern mit beschränkter Verhaftung — denn die Abgeordneten sind immun — auf den Kopf geschlendert werden. Sie tun auch vielleicht gut daran, daß sie schweigen. Denn ihrem Worte fehlt der Nachdruck. die einheitlich mobilisierte jüdische Masse, auf die sie sich berufen können. Statt dessen haben wir ein Konglomerat von Judentümern und Konfessiönchen, deren Führer sich in ewigen Negativen austoben und das einzige Streben