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Neue jüdische Presse · 1908-07-17 · Heft 28 (17.7.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28. Seite 3. Grundlage? Und doch kann gerade j t e in Gegensatz treten zum Staatswohle. .Die engere und kleinere Gemeinschaft schließt die größere nicht aus; die Mitglieder der engeren Gemeinschaft bedürfen uirserer Hilfe oft, "wogegen die Menschheit uns selten oder nie begegnet — wie sollte der engere Kreis, der sich erhalten will, dadurch zum weiteren in Gegensatz kommen? Das ist eine böse Menschenliebe, aus Menschenliebe die kleinen Kreise aufzusaugen — wir wissen c>avon ein Lied zu singen. Die bloße Tatsache, daß wir, dem Tagesvorteile zum Trotze, unter größten Opfern bestehen und den Fahnenflüchtigen verabscheuen, ist eine Kräftigung des Gedankens der reinen Sittlichkeit, denn Treue ist eine hohe Tugend. Wozu wir bestehe» — was wir der Menschheit noch werden zu verkünden haben — wer iveiß es? Gewiß haben wir vor allem für Gott und Lehre uns 311 erhalten; wir, die Leidenden, haben stets den Leidenden .zu helfen; wir, die Schwächeren, haben stets das Recht der Schwächeren zu vertreten; wir, denen keine äußere Macht zu Gebote steht, haben der .Gewalt gegenüber nur das Recht der Menschenwürde zu verfechten; wir, die wir unter der tönenden Redensart zu leiden haben, müssen die Lüge unter dem glänzenden Gewände erkennen und brandmarken; >vir haben einer Welt .des niederen Vorteils das Recht des Geistes und Gedankens kennzuzeichnen — wer kann .die Ziele alle nennen, die mit uns verloren gehen? Wir wollen All e, daß das Judentum lebe! Es lebt durch die Verschiedenheit der Parteien — wir geben das zu! So möge von allen Seiten der Lebensgeist kommen und die eine Seite wehre der anderen nicht, in ihrem Sinne die Lebenstriebe des Judentums zur Geltung zu bringen. 'Wir sind überzeugt, daß dann die Gotteseinheit und mit ihr Bibel und Talmud und mit .ihnen die alten Formen .des Judentums zu ihrer Geltung gelangen werden. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. In den Räumen des D. I. G. B. war heute der Ausschuß der GesellschaftzurFörderungderWissenschaft des Judentums zu längeren geschäftlichen Beratungen versammelt. Der Geschäftsbericht konstatierte eine weitere Zunahme der Mitgliederzahl, ' die z. Z. über 1100 beträgt, sowie das Erscheinen mehrerer teils von der Gesellschaft hcrausgegebener, teils von ihr subventionierter Schriften, wie des 1. Bandes des MaimonideSwerkes, der 2. Auflage der trefflichen «chrift von I. Eschelbacher „Das Judentum und das Wesen des Christentums", der Vorträge von N. Porges über den französischen Bibelexegeten Joseph Bechor Schor und von I. Guttmann über Kant und das Judentum. Diese beiden Vortrüge gelangen demnächst zur Verteilung an die Mitglieder der Gesellschaft; sonst erhielten diese noch außer dem Jahrbuch 1908 den ersten Band der gesammelten Schriften von David Kaufmann s. A. Noch im nächsten Herbst wird eine weitere wertvolle-Schrift, „Die Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter" aus der Feder des Züricher Privatdozenten Dr. Caro erscheinen. In eingehender Beratung verhandelte sodann der Ausschuß über die eigenen wissenschaftlichen Arbeiten der Gesellschaft, von deren erfreulichem Fortschreiten die einzelnen Kommissionen Kenntnis gebe» konnten, und nahm hierauf den Bericht des Berliner Universitätsprofessors Dr. N. Müller über seine Katakombenforschungen in Nom, zu deren Ermöglichung die Gesellschaft dem verdienstvollen Gelehrten einen namhaften Betrag bewilligt hatte, entgegen. Zum Schluß bewilligte die Versammlung noch eine Reihe von Subventionen für das kommende Geschäftsjahr, um das Erscheinen mehrerer für die Wissenschaft des Judentums verdienstlicher Arbeiten zu ermöglichen. Berit». Die .Alliance Jsraelite Universelle" hat für die Feuerbeschädigten in Wolkowisk (Gouvern. Grodno) eine Unterstützung von 2000 Fr. bewilligt. Berlin. Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" hatte eine BeschwerdeanKultusministcrDr. Holle gerichtet, weil Direktor v. Sanken - Lissa in der amtlichen Direktorversammlung gesagt hatte, daß bei den jüdischen Schülern von einem Heimat ge fühl nicht gesprochen werden könne, denn die jüdische Bevölkerung gebe leicht ihren Heimatort auf. — In seiner Erwiderung schreibt der Kultusminister: „Direktor von Sanden erklärt ausdrücklich, daß ihm jede Absicht einer Beleidigung völlig fern gelegen habe; er hat auch gar nicht von den Juden im allgemeinen gesprochen, sondern von den tatsächlichen Vorgängen in der Provinz Posen, wobei er es nicht unterlassen hat, auch Ausnahmen ausdrücklich zu konstatieren. Daß Direktor von Sanden nicht die Absicht gehabt hat, irgend jemanden zu kränken, geht auch daraus hervor, daß er ganz ohne Ansehen der Person gesprochen und es ebenso beklagt hat, daß viele Beamte, die in die Provinz Posen versetzt werden, nach kurzem Wirken alle Hebel in Bewegung setzen, um wieder fortzukommen. Auch alle Zuhörer haben unter denr Eindruck gestanden, daß Verletzendes nicht gesagt oder gedacht ist. Wäre cs geschehen, so würde der Vorsitzende, Provinzialschulrat Dr. Wege, dem sofort entgegengetreten sein. Auch mein bei der Versammlung anwesender Kommissar hat denselben Eindruck gehabt, wie die übrigen Anwesende». Danach dürfte jede Veranlassung für die Bitte der Beschwerdeschrift vom 31. März, daß ich geeignete Maßnahmen ergreifen möge, um schwere und ungerechtfertigte Beleidigungen einer ganzen Bcvölkerungsklasse für die Zukunft zu verhindern, sortfallen. Den mir unterstellten Behörden ilnd Lehrerkollegien liegt die Neigung vollkommen fern, solcher Beleidigungen sich schuldig zu machen." Diese Antwort ändert nichts au der Tatsache, daß der Direktor den Juden ein Mangel an Heimatgefühl vorgeworfen hat, — ein Vorwurf, der durch Nichts begründet ist. Denn daß in den letzten Jahrzehnten eine starke Abwanderung der jüdischen Bevölkerung Posens nach Berlin stattgefunden hat, ist doch nur unter dem Druck der ökonomischen Verhältnisse geschehen. Der Deutsche boykottierte den Juden aus Antisemitismus, und der Pole, weil der Jude sich zu den Deutschen und nicht zu ihnr rechnet. Osfenbach. Die Nachricht, daß die Behörde nunmehr arbeitslosen ausländischen Juden den Aufenthalt in Osfenbach verweigert, ist sehr bedauerlich. Die fast 2000 meist russischen Juden, die in Offenbach einen Zufluchtsort gefunden haben, sind wohl fast sämtlich als Arbeitslose nach Offenbach gekommen, sie haben Arbeit gesucht und eine Existenz als Fabrikarbeiter oder Hausierer gefunden, sie zahlen ihre Steuern, und niemand von ihnen fällt der städtischen Armenpflege zur Last — und die Leistungen der jüdischen Armenpflege berühren ja doch weder die Stadt noch den Staat! Daß Osfenbach nicht mehr russische Juden beherbergt, beweist, daß auch weiterhin ein Eingreifen der Behörde nicht nötig gewesen wäre, denn wer von den russischen Juden keine Existenz findet, der wandert schon von selbst weiter. Würzburg. Am Sonntag fand auf Veranlaffung der hiesigen „Vereinigung jüdischer Akademiker" eine Samson Raphael Hirsch-Feier statt. Lange vor Beginn der Feier war der Saal im Franziskaner gefüllt, ja überfüllt. Herr Rabbinatskandidat Dr. D e b r e e begrüßte die Erschienenen. Herr Kantor Lehmann-Würzburg sang „Zadik katomor" unter Klavierbegleitung durch Herrn Goldschmidt, der auch sonst noch einiges den Freunden musikalischen Genusses bot. Als eigentlicher Festredner folgte Herr Seminarlehrer Dr. A r n 0 l d Klein. Es hieße den Eindruck der groß angelegten, formvollendeten Rede abschwächen, wollte man Näheres hier anführen. Soviel sei nur gesagt, daß Herr Dr. Klein es verstand, das arbeitsfrohe und arbeitsreiche Leben des großen Führers der deutschjüdischen Orthodoxie den Anwesenden in lebendigen Farben vor Augen zu führen. Jeder fühlte in sich, was dieser Gewaltige in Israel geleistet und wie mächtig sein Einfluß bleiben wird auf alle Zeiten und Geschlechter. Ein jüdischer Schlußgesang, wiederum von Herrn Kantor Lehmann dahier vorgetragen, endete die in allen Teilen wohlgelungene Feier. Der „Vereinigung jüdischer Akademiker" gebührt aber das Lob, eine von echt jüdischem Geist und Bewußtsein zeugende Veranstaltung einem größeren Kreis geboten zu haben. Ihr rnfen wir ein kräftiges „floreat crescat" zu. Die Jugend Israels ist und bleibt unsere stolzeste Hoffnung. —r. (b) Stratzburg. Zur Ergänzung des vorwöchentlichen Berichtes Lher die Gemeinderatswahlen sei mitgeteilt, daß nicht weniger als 17 Vorsteher jüd. Gemeinden zu Gemeinderäten gewählt wurden. Außer in Quatzenheim und Mauersmünster zeigten die Wahlen überall das schönste Einverständnis zwischen den Konfessionen. In den erwähnten beiden Orten gelang es Treibereien aus persönlichen Interessen, den Wahlen eine antisemitische Färbung zu geben. Es wurden dadurch drei jüdische Kandidaten, die bis dahin dem Gemeinderate angchört hatten, nicht wiedergewählt. In Mauersmünster kam Dr. Bielsky, ein jüdischer Arzt, der seit 17 Jahren Bürgermeister des Ortes ist, erst in der Stichwahl durch. — In Gestein ereignete sich ein schrecklicher Uuglücksfall. Die junge Frau des Metzgers Lucien Metzger wollte ein Weingeistlicht füllen, — die Flasche explodierte, — und die arme Person verbrannte lebendigen Leibes. Pleschen. Der vor einigen Wochen in Breslau verstorbene Rentier Moritz Brandt hat der hiesigen jüdischen Gemeinde ein Legat von 5000 JL vermacht. München. Der Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer beriet am 10. dss. über den Israelit. Kultus. Das Referat erstatteten Dr. S ch ä d l e r (Ztr.) und Dr. Casselmann (Lib.). Beide Referenten erklärten^ daß das Judenedikt von 1813, das heute noch zu Recht besteht, vollständig versage, seitdem innerhalb der jüdischen Kultusgemeinden zwei divergierende Richtungen entstanden sind. Dem gegenüber bemerkt Dr. Günther, daß inzwischen die beiden religiösen Richtungen Frieden geschlossen haben, Auch er verlangt die öffentliche Anerkennung der jüdischen Religion; die jüdischen Mitbürger hätten ein volles Anrecht darauf, daß ihnen das gewährt werde. Der Kultusminister erklärte, daß er die Rcformbedürftigkeit des Judenedikts anerkenne; die Aendcrungen stießen jedoch auf Schwierigkeiten, und zwar deshalb, weil eine entscheidende religiöse jüdische Oberbehörde fehle. Der Minister erklärte ferner, daß der Staat für die Zwecke des Religionsunterrichtes nichts geben könne, daß aber von den Ersparungen an Rabbinerstellen — von 31 seien nur noch 22 besetzt, da die israelitischen Kultusgemeinden immer mehr zurückgingen — 3000 Mark verwendet werden könnten, 2000 ./& davon als Beihilfe an arme israelitische Kultusgemeinden. Die einschlägige Petition des „Landesvereins für israelit. Kultusgemeinden Bayerns" der „Konferenz der bayer. Rabbiner" und des „Israelit. Lehrer- Verein für das Königreich Bayern" wurde der Regierung zur Würdigung überwiesen. Hamburg. Der Senat hat die von dem Vorstand und dem Repräscntantenkollegium der Deutsch- Israelit. Gemeinde beschlossene neue G e m e i n d e v e r f a s s u n g bestätigt. Folgende wichtige Acndcrungen enthält die nun Gesetzeskraft erhaltene neue Gemeindeverfassung. 1. Es ist gestattet, daß außer den bestehenden Kultnsverbänden, Synagogenverband und Tempelverband, sich jetzt auch noch andere Kultusverbände bilden können. Diese Verbände bedürfen jedoch der Genehmigung des Vorstandes und der Repräsentanten; ihre Mitgliederzahl muß mindestens 300 betragen. 2. Eine aus Mitgliedern des Vorstandes und Gemeindeangehörigen gebildete Kommission wird für das Wohlfahrtswesen eingesetzt. 3. In die Armenkommission, Wohlfahrtskommission und in den Vorstand der Töchterschule können auch weibliche Mitglieder der Gemeinde gewählt werden. Emden. Der .Ostfries. Ztg." wird aus Borkum geschrieben: Auch in diesem Jahre ist unsere Insel in den Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus als antisemitischer Bad ort bezeichnet, obwohl die Abstimmung der Borkumer Einwohnerschaft bei der letzten Reichstagswahl keinen Zweifel darüber gelassen hat, daß die überwi.gende Mehrheit mit dem Antisemitismus nichts gemein haben will. Ebenso zeigt eine kürzlich jüdischen Fragestellern gegenüber abgegebene schriftliche Erklärung des Badedirektors Bakker, daß den Einwohnern Borkums jüdische Badegäste ebenso willkommen sind wie andere. Man befürchtet vielleicht, daß in Borkum erholungsuchcnde Israeliten durch judenfeindliche Elemente aus dem Reiche immer noch schikanösen Belästigungen ausgesetzt sein könnten, trotzdem auch der Minister des Innern im Herrenhause eröfsnet hat, jedem derartigen öffentlichem Versuche cntgegentreten zu wollen. Der Unterstützung der Einwohner Borkums dürfen Minister und Badegäste sicher sein. Zweibrücken. Der Shnagogenausschuß der jüd. Gemeinde, sowie zwei weitere Mitglieder derselben, hatten gegen Bezirksrabbiuer Dr. Meyer Privatklage wegen Beleidigung erhoben. Dr. Meyer wurde beschuldigt, die Privatlläger dadurch beleidigt zu haben, daß er in einem von dem Schreiner Schmidt unter seiner angeblichen Mitwirkung und- Anstiftung geschriebenen Briefe, der vervielfältigt und in größerer Anzahl an Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde versandt wurde, die Mitglieder des Synagogenausschusses in ironischem L-inne als unparteiisch und gerecht bezeichnete und ihr Vorgehen gegen den Bellagten als soUes bezeichnete, durch welches sie dem Gespötte und dem Älbscheu der Christen anheim fielen; ferner, daß er einzelnen Mitgliedern der Kultusgemeinde schwer beleidigende Vorwürfe machte. Dr. Meyer bestritt vor dem Schöffengericht entschieden, irgendwie auf Schmidt eingewirkt oder ihn angestiftet zu haben. Schmidt verweigert die Aussage. Das Gericht gelangt nach dreistündiger Beratung zur Freisprechung des Dr, Meyer,

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