Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 28 glaubte ihm, trotzdem Schatten gespenstcrhastcr Wganden Schrecken und Entsetzen in den dichten Reihen der in Basel versammelten Vertreter des Judenvolkes verbreiteten .... trotzdem Streber gegen ihn intrigiert nick» kleinliche, schadenfrohe Menschen ihn verleumdet hatten. Er schwor bei „Im eschkochech-" und das Volk glaubte ihm: so groß war seine Kraft. Mehr als dem Dichter und Staatsmann Herzl ist das Volk dem Menschen Hcrzl verpflichtet, denn sein Werk ist ein Resultat nicht ausgeklügelter Reflexion und politischer Rechnerei, sondern der Ausfluß einer großen, freien Persönlichkeit, die die Freiheit für sich und für andere liebte, weil ihr Sklaverei uiü> Knechtschaft nicht nur ein sittliches, sondern auch ein ästhetisches Verbrechen an der fteien Mcnschennatur ist. Nicht der Mensch der Zwecke, sondern der Edelmensch der Ideen war der Vater eines großen, Unsterblichen Gedankens. Der Ruhm des Tatengenius verbleicht und erblaßt, sobald das Räderwerk der Geschichte sein Werk verschlungen. Um sein Haupt weben sich keine Sagen. Was weiß das englische Volk von Cromwell zu erzählen? Was von Pitt? Es kann nur ihre einzelnen Taten aufzählen, die jedem Engländer heute selbstverständlich erscheinen. Historische Mumien sind sie heute. Befraget aber einen Franzosen über seinen großen Kaiser? Seine Äugen beginnen zu leuchten, noch bevor er den Namen Napoleon über die Lippen gebracht. Er ist noch heute das größte dichterische Objekt der Volksphantasie. Und was der Empcrcur für die Franzosen ist, ist Theodor Hcrzl für die Juden. Freilich hat Herzl keine Schlachten geschlagen, er stand nicht vor Jena und Leipzig, er erfocht nicht unsterbliche, Siege, aber gleich dem großen Korsen hat er — Philister werden die Achsel zucken — den Gang der Geschichte bestimmt und das Siegel seiner Persönlichkeit seinem Volke aufgedrückt. Und hat er nicht jeden zu überzeugen verinocht — aus dem lethargischen Gleichgewicht hat er jeden aufgcrüttelt. Das ist das Merkmal des Genius. Es gleicht einem Blitz, der blendet. Das Judentum bildet ein Glied in der Trio der Geisteskultur. Einst zumindest war dem sicher so. Judäa, Hellas, Rom. Heute, wo diese Grenzen verwischt sind, wo die Geisteskräfte mannigfache Substitutionen erfahren haben, bildet das Judentum immerhin noch eine große Insel im Ozean des Geisteslebens. Fast wäre diese Insel von den Wasserbergen des Ozeans umspült und weggespült worden. Wie wohl damals Europa ausgesehen haben mochte, welche Gestalt wohl die Gesamtkultur gehabt hätte. Die Welt ohne Juden? Man denke sich den Anteil der Juden an der europäischen Kultur des letzten Jahrhunderts weg — und es bleibt eine große, gähnende, nnausfüllbare Lücke. Eine deutsche Literatur ohne Heine, eine deutsche Philosophie ohne Maimon und Cohen, deutsche Politik ohne Jacoby, Lasker, Lassalle? Wie komisch! Theodor Herzl war der große Dammbauer. Er gab der großen, von feindlichen Wogen umspülten Insel einen festen, unerschütterlichen Damm. ,Er hat der baufälligen Pyramide eine Existenzsicherhell für Jahrtausende gegeben. Aber immer wieder muß ich auf den Aristokraten Herzl zurückkommen. Ein Volk, dessen Existenz die Pyramiden begleitet haben, ein Volk, das nicht nur zweien Jahrtausenden christlicher Nächstenliebe, sondern auch einem ganzen Jahrhundert verbrecherischer Schmadlust einer angcfaullen Liberales!« und einem Plehwe Trotz geboten hat und noch Kraft genug besitzt, Pogrome zu überstchen — ein . solches Volk soll seinen Willen zum Leben aufgeben? Nur ein Monstrum, nur eine Ausgeburt der Nacht, nur ein ekelerregender Feigling kann einen solchen Gedanken hegen, und nur eine blöde, von der Pein des Löbens verfinsterte Masse, nur ein innerlich zerbrochener, willenloser Pöbel kann sich mit einem solchen Gedanken abfinden. Zum Kreuz kriechen? Ihnen die Hand reichen? Vier Jahrtausende Vergangenheit verleugnen? Und das' Frankfurt« FsraEWS Famittenblatt. eigene Ich desavouieren? So handlen Sklaven, versklavte, versierte Menschen. Herzls Brust empörte sich beim Gedanken des Unterganges des Judenvolkes. Und der Ruhm der Ahnen, die ganze Reihe von Geschlechtern, die fast unendlich große Ahnengalene? Wäre alles ei» Druckfehler der Weltgeschichte? Welchen Eindruck macht auf uns der Anblick eines kühnen, todesmutigen Helden, der plötzlich die Waffen streckt? Und welche Gefühle löst in uns die Nachricht aus, daß jene uralte Famllic mit ihren Traditionen und ihrer Geschichte freiwillig aus dem Kalender verschwunden ist? Nichts ist dem wahren Aristokraten mehr zuwider als Feigheit und Knechtschaft. Und so hat uns Hcrzl bis zur Unvergcßlichkeit cingcschärft, keine Sklaven und Kriecher, keine Bettler und Ducker zu sein. Wir reichen ihnen nicht die Hand, wir strecken nicht die Waffen, denn der letzte Mensch muß der letzte Jude sein. Den letzten Juden als letzten Menschen wird die Geschichte konservieren, Ivenn das Judenvolk sich selbst konserviert. Durch die Her- Vorkehrung der jüdischen Volkseinheit im Lande des Judenvolkes wird sich das Jndenvolk konservieren — und uns dadurch. Dies lehrte Theodor Hcrzl die Juden — diese Lehre ist das Vermächtnis unseres Nationalgenius. Diese Lehre hatte er als Staatsmann, diese Einsicht als Seher, diesen Gedankenflug als Dichter und diese edle Gesinnung als Großer vom Kaliber eines Renaissance-Menschen. Die Lebensfähigkeit des Judentums «nd seiner Formen. Von Rabbiner Dr. L. A. Rasens hal, Berlin. lSchluß). Und da hört man von einer Seite: Die sinnbildliche Deutung sei das Ende der Orthodoxie'. Und diese hat seit Jahrtausenden so selbst auf ihr Ende losgearbcitet! Sollte man andererseits den Wert der Symbolik unterschätzen? Gestaltungsfcindlichc Geister, die nur das Geradlinige und Nächstlliegcnde lieben, dürsten dazu am ersten geneigt sein. Ist aber das nackte Wort, der nackte Gedanke für das Gefühl sicher wirkend genug? Ja, .bei dem . Widerspruch zwischen Wort und Gefühl stellt sich das Sinnbildliche am einfachsten als Mittel zur Verständigung ein. Das äußere zugrunde liegende Bild wirkt auf das Gemüt, die Deutung von da auf die Welt des Gedankens bis zur Unendlichkeit hin. Nehmt aus der Goctheschen Dichtung die Symbolik und ihr nehmt ihr Herz und Seele. .Der Fluß kennzeichnet das Leben eines Mahomet, das Wasser ist die Seele, der Wind das Schicksal, der schnell dahinrollcnde Wagen bedeutet das Dahinrollen der Jahre, der Schlummerruf und das Abendlied die endliche Ruhe des Menschen — soll ich den ganzen Goethe ausschreiben? Worauf anders beruht die tiefe Wirkung des Gleichnisses, der Fabel und Parabel, als durch die Sinnbildlichkeit, die uns veranlaßt, statt des Genannten uns etwas Höheres, daraus zu Deutendes, zu denken? Streicht das Sinnbild aus der Dichtung, ja, ans dem Denken und aus der Sprache, und ihr habt Dichtung, Denken und Sprache selbst vernichtet. Laßt nun einmal den Prediger auf der Kanzel flehen und in .rechter Weise in der Hütte des Festes das Sinnbild fröhlicher Selbstbeschränkunz oder der häuslichen Familicnfreude, im Lulab das Bild der Verschiedenheit unter den Menschen und ..der Notwendigkell ihrer Vereinigung sehen; laßt ihn die einzelnen Bestandteile des Seder deuten — und ihr werdet erkennen, daß diese „äußeren Pflichten" nicht äußerlich bleiben, sondern eben jenen höchsten Gesetzen der Sittlichkeit und Liebe dienen, auf die alles im Jndentmn hinweist. Wenn unter dem Einfluß solcher Belehrungen die Zeremonie wieder herankommt, so regt sich durch den einen Eindruck sofort auch der andere, wie ja die Erziehungslehre genugsam beweist. .Sich solchen dichterischen und lebensvollen, solchen sittigenden Eindrücken verschließen, weil sie nicht nackt den Schulregeln angehören, sondern aus den tiefgeschichtlichen und im Volksbewußtsein mit Recht hoch bewerteten Formen sich ergeben — das hieße gewiß sein eigenes Gefühl verleugnen, sich seiner Empfindungen schämen und in ihnen eine Schwäche sehen, eine Annäherung an das Volkscmpfindcn, etwas, was des Gebildeten unwürdig ist —' und da wären wir bei Gottsched glücklich wieder angelangt. Aus Gott ein Symbol machen — das verbietet das Judentum entschieden! und jede Gottesanschauung, welche Gott und Welt, Gott und Natur sin Verbindung bringt, macht Gott zu einem Symbol; war die Vielgötterei nicht voll solcher Symbole, die sich auf das Naturlcbcn bezogen? Was uns mit Gott versagt ist, das übt das Judentum im weiten Bereiche einer Satzungen aus — es sieht in ihnen'Sinnbilder höchster Wahrheiten und Pflichten. Weshalb nun das Sinnbild eine so tiefe Wirkung hat? Weil es einer ^großen Tatsache entspricht: Ein Gesetz geht durch die Natur, danach bewegen sich alle Wesen und Dinge, darum kann eines das Sinnbild des anderen sein, darum kann es Zeichen für alles geben, — nur nicht 'ür Gott, der über' der Natur steht und von dem dieses Gesetz herrührt! Wer kann darum sagen, diese Formen müßten als starr und entwicklungsunfähig weichen? Musi der Frühling weichen, weil er jedes Jahr kommt? Muß die Sonne weichen, weil sie jeden Morgen gleich aufgeht? Weil diese Formen dem .Anstürme des jeweiligen Zeitgeistes und der Ucberbildung nicht gewichen sind, darum habeil sie sich den frischen Hauch des geschichtlichen Lebens gewahrt, gerade darum sind . sie einige Werkzeuge der Entwicklung geblieben. Die Zeiteil kamen und gingen, die Menschen wurden anders — in diesen Formen blieb Israel der Gottesgcist der Vergangenheit und der Zukunft. In jedem Zeitalter redeten sie eine andere Sprache, jedem Geschlechte sagten sie etwas Anderes, und so sind gerade s i e die Boten immer neuer und fruchtbarer Anregungen geblieben. Mit dem rechten Spürsinne, mit dem jedes Lebewesen das ihm Notwendige erkundet, erkennt das Volk den Wert dieser Formen und wlll sie sich trotz aller schönen Gründe nicht nehmen, sie sich, das ist sprechend, nicht für e w i g nehmen lassen, den Anspruch daran nicht aufgeben. Wer den ewigen Wert solcher Volksstimmungen zu schätzen vermag, der wird wissen, daß die Schule hier zu schweigen hat. Und so ging cs mit der Bibel.. Als Israel sie erfaßte, da ward erst Israel, was es sein mußte. Als sie zum ersten Mal übersetzt wurde, entstand der Hellenismus, und die Heidenwelt erhielt daraus die Religion, durch die sie sich stützte beim Sinken der alten Welt.. Als Luther sie übersetzte, weckte sie das neuzeitliche Geistesleben: als Herder auf sie hinwies, verjüngte sie die Dichtung der Deutschen, und rief die Geschichtswissenschaft mit ihren Gebietsfächern hervor; als Mendelssohn die Thora und die Psalmen übersetzte, erwuchs dem Judentum ein Gcistesfrühling. Was aber wird geschehen, wenn wir sie zurückdrängen und Besseres werden an ihre Stelle setzen wollen? Äiese Frage beantworte ein Anderer! Wir werden nur mit diesen Zeichen bestehen, oder wir werden nicht bestehen. Und wer die Wunder nicht anerkennt, wird den Bestand des Judentums nicht auf ein Wunder gründen wollen. * Wir fühlen, daß wir bestehen miissen; wer leben will, vergeht nicht. Sollen wir nach dem Zlvccke unseres Daseins als Juden fragen? Sollen wir wieder eine enge Linie als den Pfad angeben, den wir zu schreiten haben? Sollen wir uns etwa vor der Menschheit zu verantworten haben, als wenn das .Judentum als Staat im Staate der menschheitlichen Zukunft hinderlich sei? Ist die Familie etwa dem Staate hinderlich oder ist sie dessen gesunde