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Neue jüdische Presse · 1908-07-17 · Heft 28 (17.7.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 28 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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SeSe 4. Nr. 28. Breslau. Folgende Zuwendungen erhielten die landesherrliche Genehmigung: Zuwendung des Kaufmanns Alfrä» Hamburger in "Breslau an die Stadt Breslau mit 8000 JL, an die israelitische Krantenverpflegungsanstalt und Beerdigungsanstalt in Breslau mit 6000 JL; des Rentners Jakob Oliven und seiner Ehefrau Auguste geb. Schottländer in. Berlin an die israelitische Krankenverpflegungsanstalt und Beerdigungsgesellschaft in Breslau mit 6000 JL; des Rentners Jsaac Schäfer in Breslau 'an die Syuagogengeinenide in Breslau mit zwei Hausgrundstücken (Gartenstr.) im Werte von zusammen 63000 M Breslau. Auf Antrag des Staatsanwalts vom Glogauer Amtsgericht ist der sich zur Zeit in. einem Sanatorium bei München aufhaltende Antisemit Gras Pückler wegen Geisteskrankheit entmündigt worden. Pücklers strafrechtliche Verantwortung ist durch diese Entmündigung prinzipiell nicht aufgehoben. Oesterreich-Ungar«. Storozynetz lBukowina). Bei einem großen Unwetter, das hier herrschte, schlug der Blitz in die Synagoge und tötete zwei betende Männer. Budapest. Die „Allg. Jüd. Ztg." nimmt den Tätigkeitsbericht des „Ungar. Israelit. Landesfond" zum Anlaß, um der Orthodoxie Untätigkeit undMangel an Opferwilligkeit vorzuwcrfen. Diese Anklagen begründen sich darauf, daß die Orthodoxie überhaupt keinen Fond besitzt; daß die Landes - Repräsentanz bereits vor 3 Jahren die Schaffung eines Pensionsfonds der orthodoxen Kultusbeamten, die Gründung eines Jeschiwa - Fonds beschlossen, daß aber dieser Beschluß „bislang" noch immer auf dem Papier geblieben ist; und daß endlich orthodoxe Gemeinden Subventionen von dem neologen „Ungar. Israelit. Landesfond" annehmen, ja orthod. Rabbiner sich um „glaubensbrüderliche Unterstützung" an den Fonds wanden. Der „Ungar. Israelit. Landesfonds" besitzt ein Vermögen von über 1 Million Kronen. Die Zinsen dieses Kapitals werden zur Unterstützung von Schulen und Beamten israelitischer Gemeinden, Seminar- und Präparandie-Zöglingen, Universitätshörern und der ungarisch-israelitischen Literatur verwendet. Ferner -hat der Fonds für die Gründung eines Pensionsinstituts der israelitischen Kultusbeamten 8000 Kr. reserviert und sich zu noch größeren Opfern bereit erklärt.?ln diese Aufzählung knüpft die „A. I. Z." folgende Bemerkung: „Beschämend müssen wir konstatieren, daß die Orthodoxie nicht nur keinen Millionenfonds, sondern gar keinen Fonds besitzt. . . Der Pensionsfonds sollte durch eine Kronensammlung zusammengebracht werden, aber unsere Gemeinden — Ehre den Ausnahmen! — Verhalten sich der wichtigen Angelegenheit gegenüber so gleichgiltig, daß die bisherigen Resultate der Sammlung geradezu kläglich sind? — Und der Jeschiwa - Fonds? Innerhalb 3 Jahre hat er es noch nicht auf 5000 Kronen gebracht." Die misrachistische „Allg. Jüd. Rundschau", die diese Betrachtungen der antizionistischen orthodoxen „Wlg. Jüd. Ztg." wiedergibt, sieht „die Hauptursache für den Tiefstand der Orthodoxie in dem Mangel an Vertrauen der Zentralkanzlei zur Opferwilligkeit und Gefolgschafts-Bereitwilligkeit der orthodoxen Gemeinden und vice versa in dem Mangel an Vertrauen der Gemeinden zur Tatkraft, zur zielbewußten Tätigkeit und zur — Freiheit der Initiative der Zentralkanzlei." „Der Mangel an jeder Organisationsfähigkeit der Kanzlei; das politische und diplomatische Herumlaviercn voll Geheimtuerei und Kraftlosigkeit bei den wichtigsten Interessen der gesetzestreuen Judenheit; die sklavische, wortlose Unterwerfung unter den drakonischen Willen einiger weniger der rückständigsten Rabbonim unter gleichzeitiger geringschätziger Brüskierung der wahrhaft gesetzestreuen Intelligenz, all das mußte der orthodoxen öffentlichen Meinung tiefes Mißtrauen zu den Fähigkeiten und Absichten der Kanzlei einflößen." Zwei Schnorrer oder Monteechi und Capnletti. Eine Erzählung von I. Herzb erg-Bromberg. lFortsetzung). Am nächsten Tage pflegte Natten bei dem Zigarren« und Tabakfabrikanten Simon zu speisen. Diese Tatsache kam ihm sehr zu-statten, denn er war ein sogenannter „Universalraucher". Er rauchte gern und alles, was ihm geboten wurde. Er rauchte Zigarren und Zigaretten, große und kleine, gute und schlechte, teuere und billige, leichte und schwere. Auch ließ er gern Tabak in Rauch aufgehen. Außerdem verschmähte er ein „Prümchen" nicht und eine Prise Schnupftabak schätzte er sehr hoch. Gern nahm er all Äe hier genannten Genußmittel entgegen. wenn sie ihm dargebotey wurden. Und da man wußte, daß er sie gern nahm, gab man ihm oft. Hielt man ihm das Zigarrenetuis hin mit den Worten: „Reb Natten, kann ich dienen mit a Zigarr'?" Dann entgegnetc er gewöhnlich: „Wollt ich sie abschlagen, war' ich a Narr." Auch Herr Simon kargte nicht mit derartigen Spenden. Trug Natten Verlangen nach etwas Rauchbarem, so pflegte er indirekt auf sein Ziel loszusteuern. „Herr Simon," begann er dann, „hobben Sie nit a Zigarrenkist' for mir?" „Gewiß, Reb Natten." „Sie braucht grad nit ganz lcddig zu sein, Herr Simon." Herr Simon, diese Andeutung verstehend, reichte Natten hierauf eine Kiste, welche noch eine Anzahl Zigarren enthielt. Prüfend besichtigte Natten die empfangenen Zigarren. Dann sprach er: „Herr Simon, ich hob 'mir verzeihlen lassen, in der Zeitung steiht, nran soll die Zigarren nit ohne Spitz rauchen. Man verderbt sich sunsten den Magen. Sie kennen doch nit vun mir verlangen, daß ich mer soll aach inei Magen verderben mit die Zigarren. Drmn geben Sie mer aach a Spitz dazu." Herr Simon kam sogleich dem Verlangen Nattens nach, denn er wollte in der Tat nicht für den Magen desselben verantwortlich sein. „Geben Sie mer aach gleich a paar Streichhölzer dazu." Auch dieser Wunsch Nattens. wurde erfüllt. Hatte sich Natten diesmal mit Zigarren versorgt, so verstand er es, das nächste Mal seinen Vorrat an Zigaretten, Rauch-, Schnupf- und Kautabak zu vervollständigen. So gelang es Reb Natten, die mannigfachsten Bedarfsartikel sich zu beschaffen, wo sich ihm nur eine passende Gelegenheit und eine offene Hand darbot. Wie am Sonntag, Montag und Dienstag, so verstand er es auch am Mittwoch, Donnerstag und Freitag, ja selbst am Sonnabend, mit Geschick und Erfolg zu manövericren. Auch Barbeträge flössen ihm zu, allerdings in ziemlich beschränktem Maße. Reb Natten konnte sich freilich mit einer mäßigen Einnahme bescheiden, denn er ersparte durch sein Verbleiben am Orte die Reisespesen, die doch einen nennenswerten Betrag ausgemacht hätten. Er brauchte auch nicht größere Einnahmen zu erstreben, denn er war nicht genötigt, wie Raphael Blütenstiel, besondere Ersparnisse fiir eine zu versorgende Tochter zu machen. Freilich, ganz allein stand auch, Reb Natten nicht da. Er hatte einen Pflegesohn. Ein Eheglück hatte ihm nicht geblüht, dafür hatte er einen Knaben an Kindesstatt angenommen. Sein Oskar war sein Stolz und seine Freude. Die Mutter des damals fünffährigen Knaben hatte ihm denselben mit der Zusage übergaben, das Kostgeld für seine Pflege regelmäßig schicken zu wollen. Reb Natten hatte vertrauensvoll das Kind in seine Obhut genommen. Die Mutter hatte ihr Versprechen jedoch nicht gehalten, sie war spurlos verschwunden. Oskar blieb trotzdem bei Reb Natten, der ihn bald so lieb gewonnen hatte, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Er ließ ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen. Hatte er selbst das elende Leben eines Schnorrers durch? kosten müssen, so sollte sein Oskar einen ehrbaren Beruf erwählen, der ihn in den Stand setzte, in ehrlicher Arbeit sein Brot zu verdienen. Seine letzten Pfennige widmete er der Erziehung und Ausbildung seines Pflegesohnes, und gar oft darbte und hungerte er, um demselben das Notwendige zukommen lassen zu können. Oskar war willig und gehorsam linb erkannte das freundliche Streben seines Pflegevaters an. Er berechtigte zu den schönsten Hoffnungen, die auch. im vollsten Maße verwirllicht wurden. Oskar Sternfelb fand in dem bedeutendsten christlichen Banll)ause der Stadt als Lehrling Aufnahme, und nach beendigter Lehrzeit arbeitete er als Buchhalter in demselben Geschäft weiter. Gern hätte ihn Reb Natten in ein jüdisches Geschäft eintreten sehen, doch wer hätte dem Pflegesohn eines Schnorrers Aufnahme gewährt? Oskar Sternfeld bezog nach kurzer Zeit ein namhaftes Jahresgehalt, und sein sehnlichster Wunsch war, daß sein Pflegevater von seinen bisherigen Gepflogenheiten ablleß und dem Schnorrerleben entsagte. Reb Natten konnte und mochte seine altgewohnte Tätigkeit jedoch nicht mehr aufgeben. Was ihm durch die Jahrzehnte die Not diktiert hatte, war ihm zur Leidenschaft geworden. Das Schnorrerleben war sein Element, in dem allein er sich wohl fühlte, und alles Drängen und alle Ueberredungen Oskars blieben ohne Erfolg. Reb Natten wollte bis an sein Lebensende seinem, ihm lieb gewordenen Metier treu bleiben. Würde er nicht auch durch das Aufgeben seiner bisherigen Tätigkeit, durch das Austreten aus der Schnorrerzunft seinem gegen ihn erbitterten Feind Raphael Blütenstiel eine Freude bereitet haben? Und Älütenstiel sollte an ihm keine „Nekomo" erleben! „Grad nit hör' ich uf, ihm zu lehachis bleib ich dabei," hatte er schon oft Oskar entgegnet, wenn dieser ihn. zu einer Sinnesänderung nach dieser Richtung hin veranlassen svollte. 4. So groß die Feindschaft der beiden Zunftgenossen auch war, so unversöhnlich sie sich einander gegenüberstanden, in einer Beziehung strebten sie je einem gleichen Ziele zu. Beide waren bemüht, das Lebensglück ihrer Kinder zu begründen. Während Natten schon seit langem unter den Töchtern seiner Umgebung Umschau gehalten, um seinem Oskar eine passende Frau zu beschaffen, hatte Blütenstiel begonnen, sich nach einem geeigneten Freier für seine Sidonie' umzusehcn. Beide hatten jedoch mit großen Vorurteilen zu kämpfen. Wer eben etwas auf „Jiches", aus „Familie" gab, war weit entfernt, seine Tochter, beziehungsweise seinen Sohn in eine „Schnorrersamilie" eintreten zu lassen, war auch der in Betracht kommende Mann nach jeder Richtung hin völlig vorwurfsfrei und hatte das junge Mädchen eine nennenswerte Mitgift in Aussicht. Dieser Umstand hatte es aber auch zu Wege gebracht, daß sowohl Oskar Sternfeld, als auch Sidonie Blütenstiel ziemlich isoliert dastanben und in der ganzen Gemeinde keine Jugendfteunde gefunden hatten. War es da zu verwundern, daß die beiden jungen Leute, die unter gleichen Verhältnissen aufgewachsen waren, die dieselbe Miseren des Lebens an sich erfahren, sich näher traten und ein erhöhtes Interesse an einander fanden? Wohl waren sie während ihrer Kinderzeit einander völlig ftemd geblieben. Standen sich doch ihre Häuser völlig feindselig und kampfbereit gegenüber, wie das der „Montecchi und Capuletti!" Als sie aber dem Kindesalter entwachsen waren, als sie deS Verhältnisses inne wurden, in welchem sie zu den anderen Gemeindemitgliedern standen, da hatten bald ihre empfänglichen Herzen einander zugestrebt, und sie hatten sich in Liebe zusammengcfunden. Freilich hüteten sie sich wohl, den Vätern von ihrem Verhältnisse zueinander Mitteilung zu machen. Seit einem Jahre bestand das Liebesband, das die beiden Schnorrerkinder miteinander verknüpfte. Doch konnte ihr Verhältnis, sollte es zu einem erwünschten Ziele führen, natürlich nicht auf die Dauer verheimlicht werden. So beschlossen die Liebenden denn, zunächst die Mutter Sidoniens ins Vertrauen zu ziehen. Biele Tage jedoch zögerte Sidonie, ihrer Mutter davon Kenntnis zu geben, tvas ihr Herz S sehr erfüllte. Unzählige Male schon hatte sie der utter stumm gegenüber gesessen, ohne daß sie es gewagt hätte, zu derselben von ihrer Liebe zu Oskar Sternfeld zu reden. Nun war aber der Tag gekommen, an welchem sie sprechen mußte, denn die Rückkehr ihres Vaters stand bevor und sie konnte nur in dessen Abwesenheit vor ihrer Mutter das erste Geständnis ablegen. Und als sie endlich stotternd unter tiefem Erröten der Mutter von ihrem Liebesglück erzählte, da war Frau Zierel Blütenstiel nicht wenig überrascht. Im ersten Momente überfiel sie ein tiefer Schrecken. Es erschien ihr zunächst unfaßbar, wie ihre Tochter zu dem jungen Manne in Beziehungen treten konnte. Hatte sie doch ihr Kind stets sorgsam bewacht, und alle Schritte Sidoniens beobachtet. Nächstdem wagte sie nicht, dem Gedanken Raum zu geben, daß ihre Tochter dem Sohne des ärgsten Feindes ihres Hauses ihr Herz geschenkt. Als Sidonie, die, nachdem einmal die ersten Worte gesprochen waren, mit einein großen Freimute auf die Mutter eingeredet hatte, mit ihrem Geständnis zu Ende war, fand Frau Blütenstiel noch immer keine Worte. Händeringend durchschritt sie das Zimmer. Endlich erfaßte sie beide Hände Sidonies und sprach dann mit vor Erregung zitternder Stiinme: „Sidonie, Kind, was für ein Leid fügst Du Deinen Eltern zu! Wie konntest Du mir, und dem Vater solches antun? Hast Du wohl bedacht, was dieser zu Deiner Liebschaft sagen wird? Ich sage Dir, Kind, schlage Dir die Sache nur aus dem Sinn, denn was Du wünschest, wird nun und nimmer erfüllt werden!" Die Worte der Mutter entlockten den Augen der Tochter heiße Tränen, und die Hände wie flehend emporhebend, sprach sie: „Ach, Mutter, gute Mutter, ich liebe ihn doch so heiß und innig und auch er liebt mich so sehr!" Dann erschütterte ein heftiges Schluchzen den Körper des jungen Mädchens. „Liebe hin, Liebe her," entgegnete ernsten Tones Frau Blütenstiel. „Ein Kind darf nicht zu den Feinden seiner Eltern halten. Ich wage es gar nicht, irgend ein Wort dem Vater davon zu sagen. Im übrigen wirst Du eine ganz andere Partie machen können. Ueberlaß dies nur mir und dem Vater." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Jfriedricit Quelle ——— Offenbach a. JL —— Gegen Gicht und Bhenmatismus bewährt. Bad iKarzburg tc Pension Parkhaus 53 Salons n. FamiUen-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I. Banges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. <WaldlageiGe5ELMai-l;OktiProsg;CTati8iJIaxHecht Neubauten . Umbauten Innendekoration.

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