Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. » Redaktion und Geschäftsstelle: < ' . Jnsertionspreife: Abonnementspreis pro Bietteljahr: In Frank- Frankfurt a. m.. Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. furt a. M. Mk. l.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einvilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Die Reklamezeile. 100 „ schließlich Bestellgebühr). Unter Stteifband bezogen: T-r-fo« 10507. Platz- und Daten-Borschrrst ohne Berorndlichkert. Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, '3—37-2' Benagen: sonstige Länder Mk. 2.— - — , Herausgeber: Salg Geis. , Preis nach Uebereinkunft. : 6. Jahrgang. Freitag, den 18. ravius 5668 (17. Juli 1968). No. 28. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Theodor Herzl. — Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Wochen-Kalender — 'Familiennachrichten. Theodor Herzl. Anläßlich der Wiederkehr seines Todestages. Von Maxime Le Ma!tre-Bern. Zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Ab pflegte uns immer des Schicksals mörderische Keule zu erreichen, und in diesen Tagen voll Hiobsgeschick brach auch ein Held im Tode zusammen, von dem spätere Geschlechter bekunden werden, daß er der Schöpfer der jüdischen Volkspolitik und der Vater der jüdischen Renaissance war: Theodor Herzl. Theodor Herzl, der einen Spezialfall in der jüdischen Geschichte darstellt, hat am 20. Tamus 5664 seine schwarzen, meerestiefen Augen geschlossen; allein trotz der kurzen Zeitspmme, die uns von dem Moment trennt, in dem Herzls Auge zum letzten Mal das Himmelslicht geschaut, hat schon das Volk sein Haupt mit Märchen umwoben und seine Majestäteugestalt legendarisch verklärt. Kein Wunder. Das .Herz des Volkes ist sein Grab. Von den vielen Sagen, die Herzls Haupt verklären und die die Mutter dem Kirche beim Summen des Spinnrades in winterlicher Morgenfrühe, der Vater dem Sohne beim Umschlagen des Talmudblattes beim spärlichen Kerzenlicht mitteilen, ist diejenige die charakteristischste, die da erzählt, daß Herzl zu Kaiser und Papst wie zu seinesgleichen gesprochen, nein, als wäre er einer ihresgleichen. Nie habe er sich vor einem Fürsten geduckt, nie vor dem Papste gebeugt. Mit diesen Vorstellungen von Herzl, die den Tatsachen entsprechen, hat das Volk ein Urteil und ein Programm gesprochen. Seiner äußeren Schönheit, auf die der Gott des Rythmus und der Harmonie den ganzen Zauber seiner Pracht ausgegossen, und die nur im unsterblichen Byron ihr Analogon hat, entsprach seine fürstliche Haltung und sein würdevolles Auftreten. Und diese seine würdevolle Haltung gesellte sich harmonisch zu seinem stolzen Selbstbewußtsein und zu der Ueberzeugung vom Adel seines Stammes. Als jüdischer Aristokrat, der von der Würde seiner Ahnenreche und seiner historischen Tradition überzeugt war, räumte,er in der jüdischen Volkspolitik mit dem Bettel und mit der Kriecherei auf. Es gibt allerdings Völker, die auch in der Politik ein Recht aufs Betteln haben, Völker, die der Menschheit und der Geschichte nur ihr nacktes.Dasein gaben. Mein ein Volk wie das jüdische, das immer seine Akkorde zu den großen Symphonien des Geistes und der Kultur geliefert hat, braucht nicht zu betteln und darf auch sticht dulden, daß sein Los von den naH oben kriechenden und nach unten brutalen Gemeindeparnassim bestimmt lverde. Und ein großes Erbe hinterließ uns der Dichter unserer Zukunftsodyssee: Juden Volk! Du sollst nicht betteln, Iudenvolk, bestimme selbst Dein Los. Theodor Herzl war neben dem großen Künstler auch ein domo universale, ein Rcuaissance- Mensch xar excellence. Dichter und Publizist, Staatsmann und Volkspolitiker, Parlamentarier und Organisator von Genie, ein Iixchtskundiger von bewunderungswürdigem Scharfsinn und ein Mann von ernster philosophischer Reflexion. Wer nicht in seinem reichen Können und in der Universalität seines Geistes offenbart sich ein Zug der Renaissance, sondern in seiner pantherhaften Sehnsucht nach der Freiheit der Persönlichkeit, die sowohl in seinem historischen Sinn wiein seiner poetischen Träumerei ihre Wurzel hat. Wie in der Blütezeit der Renaissance, im Quatrocento und im Cinquecanto nur ein Ruf die Lüste durchjagte: Persönlichkeit, Selbständigkeit der Individualität! so führte auch immer der Vater der jüdischen Renaissance ein Wort im Munde: Selbständigkeit der jüdischen Einzel- und Volksindividualität! Der Künstler Herzl interessierte sich für die Einzel-, der Staatsmann Herzl für die Volksindividualität. Noch bevor er die Ahnenreihe seines Geistes kannte, bevor er die Namen Pinsker, Heß und Smolenskin kannte, ja, noch bevor ihm die Geschichte seinen jüdischen Genius abgerungen, war sein Blick aus die Einzelpersöulichkeit und ihre Befreiung gerichtet. Unsere christliche Mitmenschheit schickte sich damals an, das jüdische Volk als Kollektivum zu erniedrige:!, indem .sie einzelne Juden degradierte, zu Verrätern und Verbrechern stigmatisierte: Dreyfus, Levy-Konitz und Hülsner-Pilsen. Die Ehre des einzelnen Juden war in den Kot getreten, auf dem Haupte des Volkes lastete der ganze Misthaufen ihrer Gemeinheit. — Der Einzelne litt, aber noch mehr das Volk, denn es stellte sich heraus, daß es in diesen! Moment der Not führerlos war. Theodor Herzl sah das Volk und seine Männer in der Not, und sein Herz ward voll .von Empörung. Da entfuhr seinem Mund, gleich dem Donner dem vom Wolken überzogenen Himmel das Wort: Freiheit! Befreiet euch selbst aus euerer Knechtschaft! Wer eine Schwalbe macht keinen Sommer, und die Freiheit des Einzelnen nicht die Freiheit der Gesamtheit aus. Die Befreiung des Einzelnen ist nur hypothetisch und kann auch nur auf Kosten seiner historischen Persönlichkeit errungen werden. .... Aber wie ist die kategorische Frecheit des Einzelnen zu bewerkstelligen: Durch die Befreiung der Gesamtheit. Und nun sprach er das große, unsterbliche Wort: Volksftciheit! — So ward der Künstler Herzl zmm jüdischen Staatsmann und Volkspolitiker. In der Freiheitslehre treffen sich Ethik und Aesthetik: Freiheit des. Willens und Frecheit der Erscheinung. In der Freiheitslehre treffen sich aber auch Ethik und Politik. Wie keine Echik ohne .Autonomie des Willens möglich ist, so keine Politik ohne die Willenskundgebung des Kollektivums zum autonomen, auf Zwecke gerichtetes Handeln in der Gemeinschaft. Und so hat Theodor Herzl die von ihm Vorgefundene jüdische „Volkspolitik", die im Ducken und Kriechen bestand, ethisch korrigiert. Er lehrte das Volk die freie Selbstbestimmung seines Willens, er lehrte das Volk, der Schmied seines eigenen Schicksals zu sein. Sein Blick war nicht von der Philanthropie jüdischer Kommerzienräte getrübt, als Künstler, dessen Formobjekte Rythmus und Harmonie sind, war ihm jedes Schicksalsfatum, das ein Pendant zum Chaos ist, fremd, und als moderner Staatsmann wußte er, daß Pv-i litik eine Handlung der Gesamtheit ist oder — sein soll. Und so verwarf er die bis auf ihn übliche geschwollene Wichtigtuerei der Philanthropie und des Bettels in der Politik, aber ebenst» entschieden das Fatum und den Schicksalsfluch, den unsere heutige Orthodoxie zmn Zentralpunkp ihrer jüdischen Politik gemacht hat. Das philanthropische Betteln ist unschön, ja ekelhaft. Das Fatum als Richtschnur für die .Politik ist unsittlich, denn jede Handlung muß eine Handlung des freien Willens sein, sonst ist sie Naturalismus oder Fetisch ismuH. Und Theodor Herzl war ein Idealist und ein sittlicher Held. Dem Renaissance-Menschen Herzl, dem das Gute und das Schöne identisch waren, da sie beide in der Freiheit ihren Ausgangspunkt haben, war sowohl die eine als die andere .Richtung zuwider. Und daher lehrte er sein Volk, sein Los selbst bestimmen und sein Schicksal mit der Freiheit seines Willens korrigieren. Theodor Herzl, der domo universale und. der Renaissance-Mensch, war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur .Sohle. Als echter Aristokrat verstand er etwas von der Tradition, von der echten — unverfälschten jüdischen Tradition. Die Renaissance, bei aller Neuerimg und bei aller Reform, hat sich von jeher auf die Tradition: verstanden. Sie fand mit wahrem Sxherblicke den Weg zu Plato und Euripides, zu Sokrates und Sopholles. „Und es welke meine rechte Hand, yergäß' ich je dein, o /Jerusalem!" spricht die jüdische Tradition, u. dieses Wort ward ihm zum Hauptpunkte seines jüdisch-polttischen Programms. Und sein Programm ward ihm zum Ideal und zum Heiligtum, und dtzr VerwirUichung seines Ideals widmete er sein» ganze Kraft, seinen Genius jleltte er in ihren- Dienst. Nichts war ihm heiliger als dieses Ideals nichts für einen Juden erstrebenswerter als seine VerwirUichung. Zwang ihn das Volk zum Schwur, dann erhob er seine Rechte und rief laut: „Im eschkochech." „Das hartnäckige Volk"