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Neue jüdische Presse · 1908-07-10 · Heft 27 (10.7.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frankfurt» gsraEsHeS FmniUrEIatl. Str. 27. Ist dar wahr? Seitdem es in Israel eine Verkündigung des Gotteswortes, eine Predigt gab, ist dabei die äußerliche Satzung der Thora behandelt worden, und zwar als Hinweis auf etwas Höheres. Das taten schon die Propheten, das taten in höherem Maßstabe die Alexandriner, vor allem Phslo, das tut der Midrasch auf jeder Seite — und der Midrasch nimmt, wie man ja nicht vergessen darf, die Hälfte des jüdischen Schrifttums ein; das taten Juda Halevy und Gabirol in Dichtung und Denkerwerk. Das tat vor allem Maimuni, der mit den: Blicke des Scelenkundigen, des Erziehers, alle Satzungen des Judentums betrachtete. Nicht geringer waren darin die Kabbalisten, welche ihrer ganzen Richtung nach einen besonders geschärften Blick für die unbewußte Wirkung dieser Satzungen haben mußten; Jcsaia Hurwitz und Ephraim Lenkschütz sind darin nicht geringere Verkünder prophetischer Grundsätze, als etwa der gebildete Isaak Arama. Und die unendliche Fülle erbärmlicher Bücher- und Predigtsammlunoen auch in hebräischer Sprache! Und was die Neuzeit in ihren Predigten bezüglich der Deutung geleistet hat, läßt sich wohl kaum schätzen — ohne diese Satzungen würden der Predigt leicht die fruchtbarsten Gegenstände und Vorwürfe fehlen. (Schluß folgt). Brief aus Amerika. Die Juden in Amerika als Religionsgenieinfchaft bieten dem Auge des objektiven Beobachters ein äußerst buntes und mannigfaltiges Bild. — Freilich von einer Harmonie oder von der harmonischen Verkörperung einer Idee, wie es der Zweck eines jeden Bildes ist, kann bei dem Durcheinander im religiösen Leben und in den Anschauungen der amerikanischen Juden nicht die Rede sein. Es paßte da eher der Vergleich mit dem skizzenhaften Entwurf eines Künstlers, der über den Zweck seines Bildes entweder selbst im Unklaren geblieben oder einen solchen erst zu finden eifrig bestrebt ist. Es ist daher zur Zeit schwer zu bestimmen, ob und in wieweit die Hoffnung der europäischen Juden, daß es der amerikanischen Judenheit gelingen wird, den bis jetzt vergeblich gesuchten Schlüssel zu finden, der die Reibung zwischen traditioneller Lehre und modernem Leben schlichten solle, berechtigt oder unberechtigt sei. Mit Sicherheit läßt sich nur die Tatsache konstatieren, daß das Judentum in Amerika augenblicklich einen höchst interessanten und intensiven Kristallisationsprozeß Lurchmacht, dessen Ausgang für die übrige Judenheit keineswegs gleichgiltig sein kann. Interessant ist dieser Prozeß vor allem deshalb, weil die Voraussetzungen, unter denen er seinen Lauf nimmt, ganz eigenartig sind. Zwar hat das Judentum stets, so oft es gezwungen war, in neue Verhältnisse eiuzulenken, eine Wandlung dnrchgemacht; selten oder niemals waren aber die Entwickelungsbedingungen so kompliziert und eigenartig wie in Amerika. Die verhältnismäßig weitreichende Religionsfreiheit, die die Juden in Amerika gleich anderen Religionsgemeinden genießen, schreibt diesem Entwicklungsgänge, wenigstens prinzipiell, keine bestimmte Bahnen vor, sodaß er unbeeinflußt nach Belieben seinen Weg wählen kann. Der einzige Zwang, der dem eingewanderten orthodoxen Juden die Fortsetzung des religiösen Lebens, wie er es in Rußland und Galizien zu üben gewöhnt war, hindernd in den Weg tritt, ist einerseits die Macht der Umgebung und der Verhältnisse, andererseits der bittere Kampf ums Dasein. In ein Land versetzt, wo der Satz „Help your self" zur sittlichen und sozialen Lebensmaxime erhoben und noch mehr betätigt wird, sodaß der Hungertot seinen außergewöhnlichen und mitleiderregenden Charakter längst eingebüßt hat, sieht sich der eingewanderte Jude genötigt, am heiligen Sabbat zu arbeiten, — und er prägt so die Religion der Tat allmählich zu einer -neuen Religion des Glaubens. Noch schlimmer ist's aber um die Jugend, die Hoffnung des amerikan. Judentums, bestellt. Hat der eingewanderte orthodoxe Jude die Liebe zum Judentum und jüdischen Volke schon mit der Muttermilch eingesogen, welche Liebe er besonders in der Herstellung neuer „Synagogen" und in der Schaffung neuer „Gemeinden" — solche soll es in Newyork allein 300 geben — mit amerikanischer Betätigungskraft und jüdischer Aufopserungskunst äußert, so steht der größere Teil der in Amerika geborenen jüdischen Jugend dem Judentum völlig indifferent gegenüber. Wie in Amerika überhaupt das Streben und Handeln der Menschen — vom Arbeiter angefangen bis hinauf zum Künstler und Gelehrten — sich ausschließlich um die Frage dreht, wie kann man Geld, und zwar recht viel Geld machen, so ist auch die jüdisch-anierikanische Jugend so sehr von diesem geist- und gcmüttötcnden Materialismus durchdrungen, daß der „Dollar-Moloch" als das Höchste auf Erden, als das Ein und Alles angebetet wird. Es ist daher ebenso begreiflich wie natürlich daß dieses materielle Strebertum, das die Jugend in der Schule und auf der Straße einatmet, auch in das so gerühmte jüdische Familienleben seine verderblichen Schatten wirft. Die schroff sich gegen- Lberstehende Welt- und Lebensbewertung des Amerikaner- und des Judentums, dessen beiderseitigen extremen Vertreter man gewöhnlich in den eingewanderten Eltern und in den in Amerika' auferzogenen Kindern repräsentiert findet, wirkt auf die Eintracht des jüdisch-amerikanischen Familienlebens geradezu zersetzend.. Der der Heranwachsenden Jugend oft sich aufdrängende Gegensatz zwischen dem, was sie in der sogenannten „Talmudthora" von der jüdischen Religion erfährt — beispielsweise die Heiligung des Sabbats —, und dem, was sie im Elternhausc aus Schritt und Tritt, allerdings notgedrungen, übergangen sicht, hat auch, was noch viel mehr zu bedauern ist, das in jüdischen Kreisen so mustergültig gepflegte biblische Gebot: „Ehre Vater und Mutter", tief untergraben. Alles in allem bietet also das gegenwärtige Leben der Jude» in Amerika in religiöser Hinsicht keinen erfreulichen Anblick. Darüber, wie sich das religiöse Leben der Juden in Amerika im einzelnen äußert, nächstes Mal! G. S. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Das „Vierteljabrsheit zur Statistik des Deutschen Reiches" bringt die Zahlen der Eheschließungen in Deutschland 'im Jahre 1905. Diesem Zahlenmaterial zufolge wurden in diesem Jahre in Deutschland 819 jüdisch-christliche Ehen neben 3905 rein jüdischen Ehen geschlossen. Bedenkt man, daß 1901 noch 658 und 1902 626 jüdisch-christliche Ehen geschlossen worden sind, so hat man die traurige Tatsache eines ständig größere Dimensionen annehmenden Auflösungsprozesses. — Was sagen unsere Rabbiner, Lehrer und Gemeinde- Vorstände dazu? Mannheim. Ein Komitee hat sich gebildet, um das 200jährige Bestehen der Klaussynagoge festlich zu begehen. Altona. Joseph Wolff Israel (gen. Joseph Wolff) und Frau Julie geb. Bachrach haben eine wohltätige Stiftung mit einem Kapital von 30 000 JL zu Gunsten bedürftiger Israeliten errichtet. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Die Ablehnung der .Resolution Schmidt" im Reichsrat regt die jüdische Presse nicht zu optimistischen, sondern durchweg — und das mit Recht — zu pessimistischen Betrachtungen an. Stimmten doch nur 205 Abgeordnete dagegen, während 162 ihr Ja gaben und 149 fehlten, z. T. sich vor der Abstimmung schnell drückten! Die „Neue National-Ztg." nennt die Abstimmung einen Pyrrhussieg. „162 Abgeordnete, somit ein Drittel des. Parlamentes, haben bei mündlicher Wstimmung ihr Votum dahin abgegeben, daß jüdische Kinder nur nach dem Prozentsätze der jüdischen Bevölkerung in die Mittelschule auszunehmen seien. 162 Abgeordnete sind dafür, daß die Juden in Oesterreich unter Ausnahmegesetze zu stellen seien.... Und da will man noch von einer Niederlage der Antisemiten sprechen?" Die Prager „Selbstwehr" schreibt: „Die Abstimmung beweist: Erstens, daß die Regierung des Baron Beck allen Völkern und Parteien gegenüber auf der mittleren Linie verbleibt, nur den Juden gegenüber nicht. Sie hat keine Hand gerührt und von der so berühmten Ueberredungskunst leinen Gebrauch gemacht, um den Skandal zu vermeiden, daß ein russischer Antrag vor ein mitteleuropäisches Parlament gebracht wird. — Zweitens aber beweist die Abstimmung, daß bei voller Besetzung des Hauses Herr Schmidt triumphiert hätte. Der ironische Beifall, mit dem seine Parteigenossen das Resultat aufnahmen,' und ihr Zuruf: „162, nächstens Werdens mehr sein!" bilden die richtige Konsequenz aus der namentlichen Wstimmung, die endlich den unterschiedlichen „Freiheitlichen" die Maske vom Gesicht gerissen hat." Die „Jüd. Ztg." nagelt die Affäre als eine Tat der Deutschen, der Deutschen, für deren Interessen die Juden stets die eifrigsten Parteigänger gewesen sind, fest. „Ein Deutscher hat den Antrag gestellt, und es haben — eine Handvoll klerikaler Slovene» und Italiener ausgenommen — nur Deutsche für den Antrag gestimmt. Czechen, Polen und Ruthenen aller Parteirichtungen haben sich geweigert, bei diesem Rechtsbruche mitzn tun, und geschlossen gegen den Antrag gestimmt, selbst einem Antisemiten Baxa, einem Klofac schien er ungeheuerlich! Die Männer des deutschen Freisinnes haben ihn akzeptiert!" Budapest. In Ungarn gehört nominell — — nur nominell, da bereits eine Minorität in den orthodoxen Gemeinden vorhanden ist, die trotz durch geführter Trennung von der Neologie der Sabbatbeobachtung usw. untreu geworden ist — die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der orthodox-jüdischen Konfession an. Denn nach dem „Ungar. Statist. Jahrbuch" gab es Ende 1906 in Ungarn 308 orthodoxe Akuttergcmeinden und 1270 orthodoxe Filialgemeinden nrit 241 Rabbinen und 864 Rabbinatsverwesern gegen 271 neologe Muttergemcinden und 499 neologe Filialgemeinden mit 170 Rabbinen und 377 Rabbinatsverwesern. Leipnik. Der Ausschuß der jüd. Gemeinde hat in seiner Sitzung vom 2. Juli einstimmig eine Resolution gegen den Reichsratsabg. D r. So »t m er angenommen, der im Reichsrat für die Einschränkung der jüd. Schüler stimmte. In der Resolution wird darauf hingewiesen, daß die Olmützer Handelsschule von einem hohen Prozentsatz jüdischer Schüler und Schülerinnen besucht und von jüdischen Religionsgenossen reichlich unterstützt wird. Dadurch, daß Dr. Sommer für die Einschränkung der Zahl der jüdischen Schüler stimmte, hatte er nicht nur im allgemeinen gegen seine Pflicht als Lehrer gehandelt, indem er einem Teile der österreichischen Staatsbürger die ihnen gewährleistete bürgerliche Gleichberechtigung entziehen wollte, sondern auch im speziellen als Lehrer dieser Anstalt, die ihm den Lebensunterhalt gewährt, und deren Interesse er in jeder Beziehung zu wahren verpflichtet ist. Niederlande. Amsterdam. Der am 27. Juni verstorbene Arnold M. Arnstein vermachte eine größere Anzahl Legate, darunter 6000 fl. dem Israel. Mädchenwaisenhaus, 10000 fl. dem Israel. Knabenwaisenhaus, 1000 fl. dem Beth-Hamidrasch, 5000 fl. den jüdischen Armen, 1000 fl. der Israel. Kinderbewahrschule, 2000 fl. dem Israel. Seminar, sänttlich in Amsterdam, 3000 Gulden dem Israel. Waisenhaus in Utrecht und 5000 fl. dem Israel. Krankenhaus und 3000 fl. dem' Israel. Waisenhaus in Fürth. Rußland. Kischinew. Der geistige und organisatorische Urheber des fürchterlichen Pogroms von 1903 Kruschewan lebt noch immer, obwohl es schon längere Zeit keine Pogrome gibt. Ja, er ist in seinem Eifer nicht erlahmt. Was .sein Blatt „Drug" in der letzten Zeit an Hetzartikeln leistet, ist kauin wiederzugeben. Er fordert einen allrussischen Pogrom. Wenn man bedenkt, daß diese mörderische Wühlerarbeit im finsteren Bessarabien vor sich geht, wird man begreifen, welche schweren Tage die Juden von Kischinew wieder durchmachen. Kiew. Auf Veranlassung der Kiew - Podoler Landwirtschaftsverwaltung sind in S w j a t o - s ch i n die Läden und Werkstätten der Juden polizeilich geschlossen worden, und zwar mit der Begründung, daß Swjatoschiu Dorf sei und deshalb die Juden dort kein Wohnrecht haben. Minsk. Die hiesige Ortsgruppe des „Verein vom russischen Volk" hat beschlossen, zum August eine Konferenz einzurufen, die über die Errichtung des Vereines von Detailgeschäften, damit die jüdischen Geschäftsleute zurückgedrängt werden, beschließen soll; in Minsk selbst soll das Einkaufskontor für diese Detailgeschäfte errichtet werden. In verschiedenen. Orten sind in. letzter Zeit berMß^.

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