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Neue jüdische Presse · 1908-07-10 · Heft 27 (10.7.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3Ttr«tnßfurf«?tr IftitlUislhrg fwiilicntiliitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtlon und Geschäftsstelle: Zrankfurt s. M.. vilbelerstraße 4/6. Ecke Lleichstraße T-refo» 10507. Herausgeber: Salg Gei-s. r Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 6. Jahrgang. Freitag, den 11. Tanms 5668 (10. Juli 1908). Ro. 27. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Brief aus Amerika. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feu illeton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die Lebensfähigkeit des Jndentnms nnd seiner Formen. Bon Rabbiner Dr. L. A. R o s e n f h a l, Berlin. (Fortsetzung). Aber geben wir denen, die eine solche Neugestaltung wünschen, einmal auf einen Augenblick Recht. Es soll die Gottheit lediglich als die Macht gelten, welche die schließliche Verwirklichung des Sittengedankens uns sichert; die Forderung der Liebe schließe sich daran — haben wir nun etwas Sicheres? Gut und Böse sollen doch, wie auch immer die zeitlichen Anschauungen wechseln, immer die beiden Gegensätze sein, die das Gedeihen des Sittengesetzes kennzeichnen oder seine Nichtanwendung. Wie aber eine so weit getriebene Neuerung ganz die Gesamtheit leugnet und nur das Bedürfnis weniger Erlesener bejaht, so wird sich die Gesamtheit nicht zusammenfinden, um ihrem Befehl zuliebe eine auf so schmaler Grundlage befindliche Lehre zu ihrem Eigentum zu machen. Ist dem Einzelnen zuliebe soviel der Gesamtheit Heiliges fortgeräumt, so bleibt der Einzelne, der Mensch, das Maß aller Dinge; das Recht der Stärke, das Recht der freien Persönlichkeit wird verkündet, im Gegensätze zum Hordenmenschen sich ausleben — das bleibt das höchste Ziel, und Torheit ist und bleibt dann jedes Zugeständnis, das der Mensch irgend einem Anderen oder der Gesamtheit macht. Und muß sich ein Gesetz nicht gerade da bewähren, wo es in Gegensatz zu anderen Mächten tritt? Da kein tatsächlicher, darum kein fordernder Gott an den Menschen herantritt, sondern nur ein abgeblaßtes Denkergebilde, so erkennt man auch keine Gesamtheit an, und dmnit ist der Gott ' des Sittengesetzes und das Sittengesetz s e l b st ebenso leicht aufgehoben, wie die Fülle religiöser Satzungen und Formen; und wo ein Noll me tangere aufhört, weil es Anderen wichtig ist, da hören schließlich alle auf, auch wenn sie uns lieb sind. Und wenn dies dünne Gefüge von Anschauungen und Sätzen, diese Auslese aus einem gewaltigen Ganzen auch nicht gewaltsam hinweggeräumt würde, es würde an der eigenen Wirkungslosigkeit vergehen. Der Mensch, mitten im vielgestaltigen Leben stehend, hat soviel an die Forderungen des Augenblicks zu denken, daß der ihm weit entlegene Gott der Sittlichkeit, der keine notwendige Beziehung zu seinem Sonderselbst hat, chm nirgends begegnen wird. Und ist beim All-., tagsmenschen etwa die Forderung, daß er sein ganzes Leben und seine ganze Kraft in den Dienst des Guten und Edlen stellen und durch Taten die .Religion zur Erscheinung bringen soll — ist, sage ich, diese Forderung chm, so volltönend er sie nachsprechen mag, mehr, als ein bloßes Wort? Und was es mit der Betonung der Liebe in Einzelsätzen oder allgemeinen Grundsätzen für eine Bewandtnis hat, ist bekannt. Je mehr man sie einseitig betont, desto mehr Haß ruft sic im Leben selbst hervor und höchstens streiten die Frommen der verschiedenen Religionen darum, wer die allgemeine Menschenliebe zuerst gehabt hat und wer nur vorgibt, sie zu haben. Und das Alles — aus Menschenliebe! Die Forderung, Gott und die Liebe sollen allein den Menschen erfüllen, würde, wenn wirklich zur Geltung gebracht, eine drückend heiße Luft im Leben verbreiten. Das Leben in seiner unendlichen Buncheit zieht den Menschen einmal hier- und einmal dorthin — mag er es doch betrachten nnd sich desselben und seiner Gestaltungen freuen! Das wird gewiß Jeder gern unterschreiben. Alle Augenblicke des Lebens entwickeln den Menschen; alle treiben ihn der Erörterung von Fragen entgegen, die den Menschen betreffen; alle führen sie ihn dazu, sein Verhältnis zum Menschen tiefer zu fühlen. Sie fiihren ihn auf einem Umwege sicher dazu, und dabei darf er sich Stimmungen hingeben, die scheinbar dies Ziel gar nicht im Auge haben und doch darauf Hinzielen. Das ist aber in jenen wenigen Grundsätzen nicht ausgesprochen und findet darin auch keinen Raum. Wohl aber ist es unausgesprochen vorhanden in dem ° Glaubensgebäude des Judentums, wenn man es nicht entleert und es in seiner lebendigen Allheit betrachtet. Es ist uns in letzten Jahren von Leuten, die aus unserer Mitte stammten, der Rat gegeben worden, zu verschwinden. Sie fanden u. Ä. auch das am Judentum auszusetzen, daß es den Zweckbegriff einseitig betont, dagegen der harmlos-freudigen Betrachtung der Welt ün sich, der Aesthetik, keinen Raum gewährt. Auf jener Seite dürfte gerade die nackte Hervorkehrung des sittlichen Gedankens die gleichen Vorwürfe Hervorrufen, ganz besonders aber könnte die verständnislose Entwertung der Thora und Bibel in ihrer Allheit und die schonungslose Ablehnung aller gesetzlich überlieferten Formen auf das Gleiche hinaussührcn. Merkwürdig ist nämlich dabei die immer mehr hervortretende Abneigung gegen alles Gestaltige und das immer mehr um sich greifende Streben, die Formel zur Herrscherin alles Lebens zu machen, als wäre sie etwas Anderes, als ein begriffliches und oft nu.r sprachliches. Festlegen lebendig sichtbarer Beziehungen und Bewegungen. Merkwürdig ist dies stete geradlinige Hindeuten auf das eine, was man als Ziel betrachtet, diese Verabscheuung alles dessen, was auf Umwegen reizvoller und sicherer zu dem gleichen Ziel führt. Wir haben schon oben angedeutet, daß die alte gottschedianische stete Frage nach dem fabula docet verschwinden mußte, damit die Kunst wahrhaft belebend und wahrhaft belehrend wirke, ohne daß man die stete Absicht merkt. Nun. ^hat das geschichtliche Elend bis auf wenige hellere Zeiten den Juden gezwungen, stets an den Zweck zu denken; eine harmlose Wcltbetrachtung kannte er schon aus diesem Grunde nicht. Welch ein Glück für chn, daß er die Thoravorlesung anhören und verfolgen mußte. Da wurden ihm alle Seiten des heiligen Buches zu etwas Belehrendem — Geschlechts- und Völkertafeln, Familiengeschichten, Völkerbewegnngen, Heldengestalten zogen an seinem Auge vorüber und lenkten den Blick auf Stunden von der Wirklichkeit und dem Lebenszwecke ab, um — ihm den Menschen so noch schärfer vor's Auge zu halten. Und soll der Zukunft dies unbedingt den Menschen Erhebende durch schwächliche Auslese verkümmert werden? Und sind die so viel angefochtenen Zeremonien des Judentums nicht ebenfalls als glücklich gewählte Mittel zu diesem Zwecke zu betrachten? Sollen wir tausendfach gebrachte Schilderungen in gebundener und ungebundener Rede hier wiederholen, um darzutun, wie diese Formen nicht auf ihre strengen Wahrer allein wirken, sondern wie sie nach langer Zeit als Erinnerungen sich regen, ja, wie sie selbst den Außenstehenden anziehen? Nun ist hier das religiöse Leben mit Formen durchzogen, die nicht künstlich erfunden werden können, und die den Blick auf die Vergangenheit von der düsteren Gegenwart hinweg lenken, auf Ereignisse freudiger und tieftrauriger Art, auf eine Fülle von Menschengestalten, und dabei durchziehen sie die Gegenwart, das Haus selbst, und mühelos gestatten sie jedem Stande .ein fteies Betrachten und ein Ausruhen im Betrachten. Und nun, während der Jude sich der Sabbatlichter, des Sederabends, der Laubhütte und des Lulabstraußes mit dem Ethrog fteut, sollte ein puritanischer Eifer uns mit einem Mal veranlassen, an ihn heranzutreten und ihm zu sagen: Du freust Dich mit etwas Aeußerlichem, mit etwas, was gleichgültig ist für die Betätigung des Höchsten im Leben? Ihm zu sagen: Es ist nicht nur gleichgültig, ob Du diese Bräuche übst oder nicht — es ist, da Du Dich daran freust und es achtest, als läge darin der Zweck der Religion, geradezu etwas Verderbliches, da cs den reinen Gedanken des Judentums hinabzieht. Und sollte der Anblick, der Familienfreude, der Kinder, die so ihren Eltern nähergeführt werden, der Gatten, die sich so finden, uns nicht milder stimmen, daß wir solcher erfteulichen Nebenumstände wegen ihm diese Freude gestatten? Und wenn uns der Augenblick einladen sollte, an der Freude uns zu beteiligen — sollte die Strenge, womit wir den Sittengedanken bekennen, uns dazu zwingen, dies menschliche Gefühl in uns zurückzudrängen, als wäre es ein götzendienerisches? Und weshalb auch? Weil diese Formen als äußerliche sich nicht entwickeln. können, da sie keine Beziehungen zum Innern zeigen?

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