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Neue jüdische Presse · 1908-07-03 · Heft 26 (3.7.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 2K. Leite 3. Frankfurter Israelitisches Kamilienblatt. „rischen Markt unterzubringeir suchen. Mer auch das gelang ihr erst, als ihr, der antiseinitischeu Stadt, der I ude zu Hilfe kam. Der Netter in der. Not war der Bizegouverncnr der Bodenkreditanstalt von Taussig, das würdige Vorstandsinitglied der jüd. Gemeinde, der sich s. Zt. durch die Unterbringung der russischen Anleihe große Verdienste um die russischen Pogrome erworben hat. Budapest. Ein ehemaliger Bezirksrichter und nachheriger Königl. Notar, der vor 8 Jahren aus dem Katholizismus nustrat und eine Jüdin ehelichte, ließ dieser Tage als 54jähriger Mann an sich die Besch neidnng vollziehen, nachdem er bereits seit längerer Zeit Tesillin legt, ort und nur koscher ißt. Budapest. Langsam aber sicher schreiten die ungarischen Juden ihrem wirtschaftlichen Ruin entgegen, denn der Staat und die'nichtjüdische Gesellschaft haben sich instinktiv zur Zurückdrängung der Juden vereinigt. Soeben bereitet sich ein gewaltiger Schlag gegen zehn tan sende jüdische Existenzen vor. Das neue Branntweingesetz, das die Steuer um 40 Prozent erhöht, bewirkt diesen Schlag, denn fast sämtliche Branutwcinerzengcr und die meisten >Branntweinschenkcr Ungarns sind Juden, die bereits mühselig ihre Existenz fristen und für die die durch die Steuererhöhung bewirkte Einschränkung des Konsums häufig von verhängnisvoller Tragweite sein wird. Und dazu hat der Ministerpräsident im Mgeordnetcnhause noch erklärt, daß er die Steuererhöhung nur als eine Etappe auf dem Wege zum baldigen Branntweinmonopol betrachtet! Lemberg. 120 Delegierte aus 80 galizischen Orten waren hier zu einer Versammlung jüdischer S ch a n k w i r t c erschienen, um über die Wwendung der Gefahren zu beraten, die ihrem Erlverb drohen. Auch ein Regierungsvertrcter war anwesend. Bekaimtlich tverden 1910 die P r o p i n a t i o - neu a u f g e l ö st, und die vielen Tausende von Schänken, toelche jetzt der Propination angehören, werden ihres Schankrechtes verlustig tverden. Laut dem Plane des Landesausschusses sollen dann Schank- Konzessionen nur in begrenzter Zahl ausgegeben werden. So soll in der Stadt ans je 500 und ans dem Lande aus je 800 Einwohner eine Schänke entfallen. Auf dieser Grundlage schon muß eine große Zahl der heutigen Schankwirte ohne Erwerb bleiben. Zieht man noch in Betracht, daß selbst die wenigen Schanktizcnzen nicht den wirklichen Schänkern, die sich von Anfang an dem Fache gewidmet haben, sondern irgend einem Protcktionskinde verliehen werden dürsten, so begreift man die Gefahr, welche den heutigen. Schänkern droht. Eine weitere Gefahr besteht in der projektierten Verschärfung der Sonntagsruhe, wonach das Schankgewerbe von Samstag Abend 6 Uhr bis Montag früh 6 Uhr zu ruhen habe. Eine solche Verfügung wäre mit dein Ruin der jüdischen Schankwirte gleichbedeutend. Nach langer Debatte nahm die Versammlung eilte Resolution an, die verlangt, daß in dem Gesetze über die Konzcssionierung ausgesprochen werde, daß bei Erteilung von Konzessionen vor" allem diejenigen zu berücksichtigen sind, die schon iin Schankgewerbe stehen, die ferner gegen die geplante Verschärfung der Sonntagsruhe protestiert und den Wunsch ausspricht, daß überall im Lande Fachorganisationen konzessionierter Schänkcr entstehen und die schließlich gegen die Erhöhung der Branntweinsteuer protestiert. Nach Einnahme der Resolution wurde ein vorbereitendes Komitee gewählt, dem die Ausarbeitung der Statuten übertragen wurde. Da. am darauffolgenden Tage auch in Krakau eine ähnliche Vcrsanunlung stattfand, erklärte sich die Lemberger Versammlung solidarisch mit den in Krakau. versammelten Bernfsgenossen. Frankreich. Paris. Am 28. Juni fand hier unter dem Vorsitze ihres Präsidenten N. Lev e n die Generalversammlung der „Ica" statt. Der Präsident hielt dem verstorbenen Mitgliede des Verwaltungsrates Charles Hallgarten einen Nachruf und erstattete den Rechenschaftsbericht: von dem die Versammlung znstimmend Kenntnis nahm. Aus dem Bericht geht hervor, daß die jüdische Kolonisation in Argentinien vorwärts schreitet. Im Laufe des letzten Jahres ist die Bevölkerung von 11974 auf 13 212 Seelen, die bebaute Bodenfläche von 584 Quadratkilometer auf 640 Quadratkilometer und der Viehbestand von 104 000 auf 142 000 Köpfe gestiegen. Die „Jca" hat jetzt einen Landbesitz von 5080 Quadratkilonieter in Argentinien. Die Ernte war befriedigend, ihr Gesamtwert beziffert sich aus fast 5 Millionen Frs., und die Kolonisten kommen ohne Mühe ihren Verpflichtungen gegen die Gesellschaft nach. In Brasilien macht die Kolonisation noch große Schwierigkeiten, in Nord-Amerika dagegen —’ wo etwa 10 000 jüdische Seelen von dem Ackerbau leben — und besonders in Palästina entwickelt sie? sich günstig. Die Jca unterhalt in Rußland Schulen init zusammen 9000 Zöglingen und 100 Leihkassen mit 60000 Mitgliedern. In Galizien hat sie 17 Lcihkasscn mit 11310 Mitgliedern. Rußland. Warschau. Arretiert. — Seltene Au s- Zeichnung für eine Jüdin. — Die jüdischen Schriftsteller Nomberg, Jakubowitsch, Weißenberg, Menachem und Kawa wurden, als sie letzten Samstag spazieren gingen, verhaftet. Jakubowitsch und Nomberg sind inzwischen wieder aus der Haft entlassen worden. — Die Petersburger kaiserl. Gesellschaft für Malerei und Kunst hat der Absolventin ihrer Kurse Fräulein A. Koppel ein Stipendium zu einer Reise nach Frankreich und Italien verliehen. Rumänien. Bukarest. Der Kongreß der Handelskammern beschloß, den Juden weitere Nahrnngszweige abzuschneiden. — Die jüdischen Schankwirte klagen gegen die Presse wegen ihrer Beschuldigung, daß sie Gift in die Getränke mischen. Eine Gerichtsverhandlung fand bereits statt, doch wurde noch kein Urteil gefüllt, vielmehr aus später eine weitere Verhandlung anberaumt. Bukarest. Das neueste: Reglement für die Mittelschulen bedeutet auf dem Gebiete der Behandlung der Juden als Bürger zweiter Klasse einen tveiteren Fortschritt. Nach diesen: Reglement dürfen Fremde (d. h. Juden) erst dann ausgenommen werden, wenn »ach Aufnahme sämtlicher rumänischer Schüler noch Plätze übrig sind; auch müssen sie ein höheres Schulgeld bezahlen. Palästina. A u f g e h o b e n e s B e r b o t. — Bisher bestand eilt Verbot, in einer Entfernung von je 10 Kilometer Zu beiden Seiten der H e d s ch a s - B a h n Land zu kaufen. Dieses Verbot ist in den letzten Tagen aufgehoben worden, wodurch ein neues a u s s i ch t s r c i ch e s G e b i e t d e r A n s i e d l u n g e r s ch l o s s e n. ist. Jerusalem. Durch den Verein „Sentaan Zion in Frankfurt a. M. wurden hier im 1. Quartal djiescs Jahres 3234 diverse Kranke und 2069 Augenkranke in der Poliklinik gratis behandelt. In der Apotheke wurden in dem gleichen Zeitraum 4554 Rezepte, zum großen Teil gratis, abgegeben. 1000 Personen, darunter 7000 Schüler der diversen Schulen und Talmud-Tauros wurden anläßlich der anfangs des Jahres ausgebrochenen Blattern-Epidemie gratis geimpft. 346 Kranken wurden leihweise die Notwendigen Utensilien überlassen. Ferner erstreckte sich die Tätigkeit des Vereins auf Lehrlingtz- sowie Krankenunterstützungeu, Arbcitsfördernugen und Unterstützung russischer Einwandrer. Seit 1. Mai wurde eine Spezial-Klinik für Augenkrankheiten eingerichtet, woselbst Herr Dr. M. Erlanger täglich gratis Sprechstunden abhält. Jni Monat Mai wurden an verschiedenen Patienten 1881 Bebandlungen vorgenommen. Der Verein sieht sich durch diese außerordentliche Inanspruchnahme des Herrn Dr. Erlanger veranlaßt, demselben sobald als irgend möglich eine geeignete Hütfskraft zur Seite zu stellen. Amerika. New-Aork. Juni 1904 wurde hier zu dem Zwecke, Einwanderern aus Galizien und Bukowina zur Seite zu stehen, eine Vereinigung galizischer und bukowin e r Juden gegründet. Die Vereinigung zählt heute bereits 60000 Mitglieder. Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capnletti. Eine Erzählung von I. Herzb erg-Dromberg. (Fortsetzung). Sein Töchterchen, das er Sidonie nannte, gedieh vortrefflich und reifte mit den Jahren zu einer Herr« lichen Jungfrau heran. Er hatte ihr eine sorgfältige Erziehung angedeihen lassen, und sie war erfahren in allen häuslichen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten, sodaß sie einen Mann selbst aus den besten Kreisen hätte beglücken können. 3. Herr Liaphael Blüthenstiel hätte sich zu den glücklichstcni Menschen zählen können, wenn nicht schon seit langer Zeit ein gar bitterer Kummer an seinem Herzen nagte, der ihn nicht zum vollen Genüsse seines Glückes kommen ließ. Ihm war eines Tages ein Konkurrent erstanden in der Person des Reb Roßen Ingelheim, gemeinhin „Reb Natten" genannt. Derselbe war ein kleines, außergewöhnlich bewegliches Männchen. Aus seinem glattgezwickten Gesichte blickten ein Paar dunkle, kleine Augen verschmitzt in die Welt hinaus. Er stand schon im Greisenalter, worauf besonders der zahnlose Mund hindcutete. Auffallend war in diesem Gesichte das spitzrunde Kinn, das, stets rosig schimmernd, ungemein stark hcrvortrat. Reb Natten war nichts weniger als dazu angetan, Blüthenstiel in seiner beruflichen Tätigkeit zu schädigen, nein, doch gefährdete er seine idealen Bestrebungen, indem er stets absichtlich bemüht war, seinen Intentionen entgegen zu hantieren. Durch Wort und Miene war Reb Natten darauf bedacht, Blüthenstiel allüberall dem Fluche der Lächerlichkeit hinzngeben. Wenn man ihn auf seinen Konkurrenten aufmerksam machte und auf seine vornehme Erscheinung hinwies, pflegte er im Tone des Bedauerns und achselzuckend zu erwidern: „Vor Michoöls Raphoöl" Sei bchit kol Jisroäl!*). Und dann unterließ er es glicht, um ganz seiner Spottlust zu fröhncn, manchen, selbstverfaßten scherz« reim zum besten zu geben. f Und Reb Natten war in der Reimkunst 'wohl bewandert. Das Reimen schien ihm Irizgcboren zu sein. Was seinen Lippen entströmte, kam in zierlichen, wohlklingenden Reimen zu tage, wenn er auch ein verschworener Feind allen Versmaßes war. Nur das, was gereimt war, galt in seinen Augen als ein Poem, und alles Ungereimte, selbst wenn es voll Poesie und streng nach den Gesetzen der Poetik'abgefaßt gewesen wäre, wurde von ihm mit Geringschätzung angesehen. Wurde er begrüßt mit den Worten: „Wie gehts, Reb Natten?" — Dann pflegte zu antworten: „Mir gehts so Halbenwegen. Doch wie gehts selbst, mecht' ich fregen!" Reb Natten verstand es wohl, aus seiner Reimkunst den weitgehendsten Nutzen zu ziehen. In Leid und Freud dichtete er seine Bekannten an. Seine „Gedichte" pflegten mit dem Refrain zu schließen: „Daß meine Worte auch was batten**), das hofft und wünscht am End' Reb Natten." Herr Raphael Blüthenstiel fürchtete den Sarkasmus des Reb Natten sehr. Denn dieser verfolgte ihn mit seinen Spottreimen auf Weg und Steg. Er versiflirte sein Tun und Lassen, sein Kommen und Gehen; ja, seine ganze äußere Erscheinung wurde in scharfen Worten bespöttelt. So deklamirte er eines Tages auf offener Straße in Gegenwart vieler Menschen in der Nähe Blüthenstiels: „Ein Schnorrer, der geht im hohen Cylinder, Ist doch und bleibt ein Schnorrer nicht minder." Und am folgenden Tage gab er sogar folgenden Rcsin zum besten: „Raphoöl ist a feiner Mann, Das 'wird wohl jeder sagen, Glacechandschuh Hot er gor an. Tut Scherm und Cylinder tragen. Ich trage ä Cylinder nicht, Hab' auch ka Handschuh an, Selbst an 'nen Scherm es mir gebricht. Doch giebt mer jedermann. Er tut so veruehm, wie a Gros, Bekowed er sich gor nennt. Uns Schnorrern ober is er a Strof', Rich mag ihn, wer ihn kennt." — Reb Natten aber war trotz seiner Spottlust, trotz des Sarkasmus, den -alle fürchteten, ein recht bedauernswerter Mann. Er war das echte Prototyp eines „Schlemihls", der durch des Schicksals Tücke in die Lage gedrängt worden war, in der er sich befand. Ehemals hatte er bessere Tage gesehen. Seine Wiege stand in gar vornehmem Hause. Er war der Sohn reicher Eltern, die ihn, den Einzigen, mit größter Liebe und Zärtlichkeit hegten und pflegten. 'Als er aber das Vaterhaus verlassen sollte, um sich die Welt anzusehen, starben plötzlich seine Eltern, und es stellte sich heraus, daß sich der Reichtum derselben lediglich in der Phantasie der Mitwelt befunden hatte. Mittellos mußte er das Elternhaus verlassen, und nun sollte für den verlassenen Jüngling ein ruheloses Leben beginnen. Kein Freund des Hauses, kein näherer Verwandter stand ihm ratend und helfend zur Seite, und so ward er vom wechselrollen Schicksale von Ort zu Ort geworfen. Unfähig durch die Ausübung irgend eines Lebensbernfes sich den Lebensunterhalt zu erringen, war er der Gnade der Mitwelt anheimgegeben, und als man ihm nicht mehr freiwillig und aus eignem Antriebe gab, forderte er das, was man bisher ihm hatte zufließen lassen, und so war er ein Schnorrer geworden. Ja. er „forderte", wo man nicht freiwillig den üblichen Obolus ihnt spendete, und diese Tatsache war es, die ihn hauptsächlich in einen Gegensatz zu Herrn Raphael Blüthenstiel setzte, der seinen höchsten Stolz darin fand, daß man es als eine Ehre ansah, ihm seine „Gebührnisse" zuwenden zu dürfen, ohne vorher darum angegangen worden zu sein. *) ganz Israel. **) batten — helfen, nützen. Es ist dies ein ursprünglich plattdeutscher, in Ostfriesland gebräuchlicher Ausdruck, der auch in den dortigen Jargon übergangen ist.

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