Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 26 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. der Erfassung des Begreiflichen nicht zu irren. Auf etwas verzichten, heißt umsoweniger, cs leugnen, als ferne INotwendigkeit auf einem anderen Gebiete sich zeigt, auf dem allumfassenden Gebiete der Religion. * Was dort als hemmend nicht zu berühren ist, bildet hier Ausgangspunkt und Ziel. Was dort geheimnisvoll im Hintergründe als Weltursache anerkannt, aber nicht erforscht werden kann, das wird hier als weltschöpferische und wclterhaltende Macht verkündet, als auf das Ganze irnb aus das Sonderschicksal wirkend, als fordernd in Bezug auf die Lebensführung des Menschen, seine Wünsche und seine Befürchtungen berücksichtigend, ihn leitend im Dies- und Jenseits. Jede trockene wissenschaftliche Zerdehnung der Gotteseinheit, und wenn sie von Maimonides ausginge, und mag sie für das allgemein-wissenschaftliche Streben noch so anregend sein, wird für die Religion selbst nur geringe Vorteile haben. Dadurch kommt man zum Aufstellen von Glaubenssätzen, demnach zum Streit über dieselben, zur Neigung, die Empfindung Anderer in ihrer Harmlosigkeit zu stören und durch dürre Gedanklichkcit beherrschen zu wollen. Hier ist ein Jehuda Halevy mit seinem Cusar das ewig unerreichte Muster der engen und sicheren Grbietsumreißung und des Trennens unvereinbarer Gegenstände. Gott darf nicht bewiesen, Gott muß erlebt werden. Israel hat Gott erkämpft, in ihm hat sich die unerschöpfliche Lebenskraft der Gotteseinheit gezeigt, in der Ewigkeit seines Bestandes hat sich die Offenbarung bewährt. Was auch gekommen ist — wir haben fest an Gott gehalten und haben uns das Recht, mit Gott zu sprechen, nicht nehmen lassen. Unsere Denker haben nicht nur gegen Geistesdunkelheit, sondern auch gegen Unglauben gekämpft; ein Saadiar, ein Maimuni, ein Moses Mendelssohn, Männer, die vollkommen auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Zeit standen, den wissenschaftlichen Kampf liebten, haben sich vor Gott und den Satzungen der Thora ohne Menschenfurcht geneigt und sie befestigt. Ja, ein Kant, der die Unwiderleglichkeit irgend welcher wissenschaftlichen Beweise und Gedankengebäude bezüglich des Uebersinnlichen, jene von Denkern voraussetzungsgemäß behauptete Unwiderleglichkeit ihrer Gedankenbauten als gegenstandslos nachgewiesen hat — er hätte mit leichter Mühe die Möchte des Glaubens nicht weniger entwerten können, als dies etwa die gleichzeitigen Franzosen mit weit geringerem Aufgebot wissenschaftlichen Sinnes getan haben. Kant wollte aber nur der Wissenschaft die ewige Bewegungsmöglichkeft retten und mußte deshalb den Begriff der Unwiderleglichkeit aus den Gebieten vertreiben, auf welchen eine gründliche Erörterung nicht möglich ist. Nun galt es aber, aus dem ewig freien Gebiete der Wissenschaft auf das Leben überzugreifen, und wie Parmenüies mußte er nun, auf dem Gebiete der Notwendigkeit, wo die Anwendbarkeit der Vernunft in Frage stand, das rätselhafte Ding an sich im Sinne der Religion zum Ausdruck bringen. Wer ihm hierin eine Schwäche oder einen inneren Widerspruch vorwirst, der mag bedenken, daß, wer das erste Werk „Kritik der reinen Vernunft" geschrieben hat, nicht den Eindruck eines Zaghaften macht, der vor irgend einer Glaubensburg sich gewohnheitsmäßig neigt. Wohl aber folgt er, wie im ersten Werke, der Notwendigkeit. Wie er dort, auf dem Gebiete der fteien Wissenschaft, in der ErhaÜung der Freiheit, d. h. in der Beseitigung aller als fest gellenden Ergebnisse, seine Aufgabe sicht, so im zweiten Werke, das nicht der Weltanschauung, sondern der Betätigung von Grundsätzen im Leben dient, in der Aufrichtung der Stützen, auf denen das vielgestaltige Leben sich sicher fortbewegen kann, in der Absteckung der sittlichen Ziele, welche die Entwicklung der Gesamtmenschheü fördern und vor jedem Stillstände schützen sollen. Wenn nun Kant, den man den Allzerstörer genannt hat, Gott, Unsterblichkeü und die unbedingte Pflicht, losgelöst von allen Lustreizen, als solche Stützen aufstellt, weshalb soll, was einem Scuckia, einem Maimuni, einem Men¬ Franksurter FsraelirischeS FaunUendlau. delssohn, ja, was einem Kant notwendig schien, was gerade das Judentum von jeher lehrt, den Mitgliedern unserer jüdischen Gemeinden nicht genügen'? Soll, wer bisher das Gotteshaus getröstet und ermutigt verlassen hat, es ferner nicht mehr hoffnungsvoll betreten, ohne als Rückständiger, vielleicht gar als Fetischdiener, zu gelten? Und wandelt das Gebet nicht genügend die Welt und das Verhängnis um, wenn es oen Menschen selbst umwandelt, der es spricht? Wie es weiter umwandelnd wirkt — das überlassen wir der höchsten Macht; bleiben wir auf dem Gebiete des Gefühls und der Cinpfindung, wo Kant das Gebiet der Religion mit Recht gesehen hat, er, der nicht mit leeren Schulformeln, sondern mit dem Bedürfnis und der Notwendigkeit gerechnet und dieses Bedürfnis und diese Notwendigkeit selbst aus die Gottheit als Quelle zurückgeführt hat. Weshalb wollen wir Neueren denn mit einem Mal gerade auf religiösem Gebiete so herablassend denselben Kant behandeln, den wir als Befreier der Wissenschaft aus den Fesseln der Schulformeln so sehr bewundern? Hat .er nicht auch die Religion aus den gleichen Fesseln bestell, indem er von allen Schulstreitigkeiten hinweg auf die Tatsachen hingewiesen hat, welche die Religion zu einer Wahrhell machen? Uebrigens — wenn nicht Kant' gelebt und nicht sein zweites Werk geschrieben hätte, wo wäre heute der Gott der sittlichen Forderung? Wie hätte man uns heute in ihm die Gottheit an sich als ein notwendiges Ergebnis unseres Innenlebens zeigen können? Die Gottheit ist aber mehr — sie eillspricht dem Weltgrunde, der in der Wissenschaft als Einhell vorausgesetzt, mit der Welt zusammen gedacht, aber selbst nicht gefunden werden kann. Sie entspricht also einer lebenden Tatsache und ist als Einhell Tatsache, ist kein schattenhafter bloßer Gedanke, keine bloße Forderung unseres Gefühls, entspricht nicht nur einer fernen Zukunftshofsnung auf die Verwirllichung menschlicher Forderungen, sondern ist der Schutz und das Vertrauen auch des Einzelnen — wie diese Geheimnisse mll den Tatsachen der Wissenschaft in Einllang gebracht werden, rst eine andere Frage. Aber diese andere Frage hat das menschliche Bedürfnis nach Trost und Aussicht nicht im Geringsten abgeschwächt, und die Stlllung desselben ist in wellestem Sinne durch die Religion versucht und am sichersten erzielt worden. Selbst wer in Wissenschaft und Leben und in deren Aufgaben seine Befriedigung findet, kommt in die gleichen Stimmungen dem Unbekannten gegenüber, wie das Volk mit seinen großen Massen — deshalb ist die Religion nicht nur eine Sache des nicht denkenden, harmlosen Menschen, sondern ebenso des geistig und sittlich Höherstehenden. Und gäbe es wirllich einen besonderen Kreis Auserlesener, die sich, wie sie glauben, über all diese Bedürfnisse und Stimmungen emporgerungen hahen, so würden sie eine lleine Minderheit bilden, zu welcher jeder Einzelne erst unter großen Mühen sich den Weg bahnen müßte. So sind in den wellaus meisten Menschen all' die Bedürfnisse und Wünsche vorhanden, die man sich so schnell.fortdenkt, wenn man die Notlvcndigkeit der Religion und ihrer Sondergestaltung leugnet — man leugnet damü aber einen Trieb, den man in sich nicht vermutet und der dort auch unauslöschlich vorhanden ist. Und nun soll die Gesamtwelt, well einige Wenige mit Recht so zu denken glauben und ein etwas weiterer Kreis ihnen nachdenkt und nachbetet, ihr ganzes Leben nach den Anschauungen dieser Wenigen richten und lediglich darum in einer Zeit cinseittgen Glückstrebens beglückenden Eindrücken entsagen, well der Glaube sie bietet? (Fortsetzung folgt.) Nr. 26 Aus aller Nell. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Auch die »Israelit. Volks schule" hat eine Hirsch-Gedenkfeier veranstaltet. Nach dem einleitenden Gesänge entwarf Herr Lehrer P i n e a s ein Bild von dem Leben und Wirken des großen Rabbiners, auf dessen Veranlassung vor 27 Jahren die Jraelit. Volksschule begründet wurde. Berlin. Die Tierschutzvereine hören in ihrer Agitation gegen das Schächten nicht auf. Ihre Kampfesweise hat sich aber jetzt der „Prozentsatz"-Methode der Antisemiten angepaßt, und so verlangen sie — siehe die soeben erschienene Nummer der „Tierschutz-Korrespondenz" des Berliner Tierschutz-Vereins! —, daß die Zahl der in einem Orte geschachteten Tiere in einein entsprechendeil Verhältnisse zur Zahl der an diesem Orte wohnenden Juden stehe. Magdeburg. 23 Gemeinden umfaßt gegenwärtig der Synagogen- Gemeinde- Verband der ProvinzSachsen. Der Verband beschäftigt sich hauptsächlich mit der Erteilung von Religionsunterricht, Schulinspektion und Entsendung von Predigern in kleine Gemeinden zu den hohen Feiertagen. Er verausgabte in seinem abgelaufcnen Geschäftsjahre 6400 JL für Religionsunterricht und 7150 JL für Predigerhonorar. Vorsitzender des Verbandes ist Koinmerzienrat Hirsch in Halberstadt. Nürnberg. Hausandachten bedürfen in Bayern der Genehmigung der Behörde. In der jüngsten Sitzung des Stadtmagistrats kam folgender Fall zur Erörterung: In einer Eingabe hatte ein Rechtsanwalt mitgeteilt, daß mehrere Juden Hausandachten, an welchen sich mehr als 10 Personen beteiligen, veranstalten. Das Rabbinat hatte in seinem Gutachten bemerkt, daß Hausandachten, an welchen Mitglieder einer Familie sich beteiligen und bei denen die Beteiligung die Zahl 10 beträgt, verfassungsmäßig garantiert sind. Da aber die beabsichtigten Hausandachten weiter ausgedehnt werden sollen, erllärte der Magistrat, daß er zu der Erteilung der Genehmigung nicht zuständig und die königliche Genehmigung. einzuholen sei. Stuttgart. Der .Staatsanzeiger* veröffentlicht den Entwurf einer neuen Kirchenverfassung der israelit. Religionsgemein- Ä Ä sch°ft. Dieser Entwurf ist von der israelit. Oberkirchenbehörde auf Grund der von den sämtlichen Kirchcnvorsteherämtern des Landes, von dem Verein der Rabbiner und der Lehrer und von einer Anzahl angesehener Israeliten abgegebenen gutachtlichen Aeußerungen sestgcstellt worden. Zweck der Veröffentlichung ist, den Entwurf, ehe er an die Regierung und an die Stände gelangt» der öffentlichen Diskussion zu unterstellen und insbesondere den beteiligten Kreisen eine wiederholte Gelegenheit zu geben, ihre Meinung über die geplante Aenderung der Kirchenverfassung abzugeben. Es soll das alte Gesetz vom 25. April 1828 aufgehoben und durch ein neues Staatsgefetz ersetzt werden, welches sich darauf beschränken wirb, der ist. Religion die fortdauernde Anerkennung in ihrer Eigenschaft als öffentliche Korporation zu sichern und eine Mitwirkung staatlicher Organe, soweit eine solche zur Durchführung ihrer Aufgabe» erforderlich erscheint, zu gewährleisten. Dagegen soll im übrigen der ist. Religionsgeuossenschaft die selbstständige Ordnung und- Verwaltung ihrer Angelegenheiten überlassen bleiben. — Die anständige Handlungsweise der Regierung, den Entwurf vor seiner Beratung im Zlbgeordnetenhause der Beurteilung des jüdischen Publikums zu unterstellen, verdient besonders hervorgehoben zu werden. lb.) Stratzburg. Die Zeitungen veröffentlichen einen Protest der Einwohner Kronenburgs gegen die Anlage des n e n e n i s r a e l. Friedhofes in ihrer Gemarkung, der davon ausgeht, daß der Zentralfriedhof und der Militärfriedhof bereits in ihrem Gebiete seien und daher bei einer Epidemie eine Verschleppung derselben nach Kronenburg stattfinden könne. Da das Bezirkspräsidium die Anlegung des israel. Friedhofes bereits genehmigt hat, so dürfte der Protest trotz seiner mehr als tausend Unterschriften wirkungslos bleiben. (1,) Posen. Spende. — Steuersatz. Für die Errichtung eines Brunnens vor dem Provinzialständehause hat der Rentier Gustav Krvnthal 12000 JL gespendet. Zur Deckung der laufenden Ausgaben erhebt die jüd. Gemeinde von ihren 1700 Zensiten au direkten Beiträgen nur 40«/o der Einkommensteuer. Oesterreich-Uugaru. Wien. Die Stadt Wien hatte mll ihrem Anleihewerben auswärts kein Glück, und so mußte sie denn die 360 Millionen -Anleihe auf dem hei-