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Neue jüdische Presse · 1908-07-03 · Heft 26 (3.7.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Was ihn überhaupt von seinem vornehm sich gebärdenden Zunstgenossen unterschied, war, daß er in allen Stücken ganz .entgegengesetzte Wege ein» schlug und in gewissem Sinne sein „Antipode" war. Diese Tatsache stempelte Reb Natten ganz besonders zu einem Schnorrer der alten Schule, deren An» Hänger den modernen Schnorrerberuf so sehr in Mißkredit setzten und so oft Blüthciisticls Bestrebungen zu nichte zu machen drohten. Während Blüthenstiels Geschäftsprinzipicn sich lediglich aus dem Barsystem gründeten, indem er ausschließlich „Kassa" entgegen nahm, war Reb Natten kein solcher „Prinzipienreiter". Wenn man ihm anstatt des baren Betrages irgend einen brauchbaren Gegenstand, sei es ein getragener Rock, sek es ein abgelegter Hut, darreichte, — er nahm diese dargebotenenGegenstände bereitwillig mit freundlichem Danke entgegen. Wußte er doch das Empfangene sofort in Geld umzusetzen. Ihn leitete der Grundsatz, daß man stets nehmen müsse, was geboten werde und durch „Nehmen" noch niemand verarmte. Obgleich er fast täglich hier einen brauchbaren Rock, dort ein Paar noch gut erhaltene Stiefel oder einen tragbaren Hut empfing, ging er selbst mit abgetragenem, nichts weniger als sauberem Rock einher. Seine Füße steckten in zerrissenen Stiefeln, und auf seinem Kopf balancirte ein kleines, rundes, abgegriffenes, verbeultes Hütchen. Machte man ihn auf den' schlechten Zustand seines Anzuges aufmerksam, so pflegte er zu antworten: „Man werd 'mer, bei mei Leben! Uf a feinen Anzug nix geben." — Er wollte eben durch die schlechte Verfassung seines äußeren Menschen das allgemeine Mitleid erwecken und die Angesprochenen zum.Geben geneigter machen. Das Operationsgebiet Reb Nattens war in der Hauptsache sein eigener Wohnort, und nur unmittelbar vor den Hauptfestcn suchte er regelmäßig einige nahegelegene Gemeinden auf. Für jeden Tag der Woche hatte er bestimmte Häuser und eine Familie, in der er eine offene Küche fand. So ging er jahraus, jahrein, man rechnete ihn zum Hauspersonal, Tocrut er an dem bestimmten Tage nicht erschien, vermißte man 'ihn gar schmerzlich. In der Tat war er ein gern gesehener Gast, denn er war vor allen Dingen ein sehr höflicher Mann. Er verfehlte nicht, stets den ganzen jhm verfügbaren Schatz von Höflichkeitsfloskeln ins Feld zu führen, wenn cs galt, seine Devotion ganz besonders zu bekunden, um den Gnnststrahlen, die er auf sich lenken wollte, erhöhte Wärme zu verleihen. Reb Natten war ein Menschenkenner. Er studierte förmlich die Charaktere seiner Gönner. Er verstand es, bei jedem eine gewisse Schwäche zu ergründen, die er als Angriffspunkt benutzte, wenn man sich minder geneigt zum Geben zeigte. Und er hatte es gar bald erspäht, wo der Anzugreifende verwundbar war. Hier schmeichelte er, dort rühmte er. hier klagte er, dort prahlte er, und am meisten Erfolg hatte er da, wo er die Mildtätigkeit und das gute Herz des einen pries, um den ander» zum Wohltun anzufeuern. Für jedes Haus hatte xr seine besondere Taktik. Der erste Tag der Woche gebührte atich ' dem ersten Manne in der Kehille. So fand er denn an 0rcse-,r Tage im Hause des Vorstehers 'Hehmann eim offene Küche. Still, bescheiden pflanzte er sich vor der Küchentüre auf, die Einladung der Frau Vorsteherin entgegenharrend, die ihn stets, sobald sie feiner ansichttg wurde, mit freundlichen Worten begrüßte und ihn zum Eintreten in die Küche aufforderte. „Ach, Natten!" rief sie ihm dann wohl entgegen, „wie geht's mein lieber Natten?" Das Gesicht des Angeordneten verzog sich dann zu einem Grinsen, das Ehrerbietung und Freundlichkeit ausdrücken soltte, die Schulter wurden ^mporgezogen, die Hände fuhren im Bogen nach'beiden Seiten, und den dicken, breiten Lippen entfuhren die Worte: „Wie soll es anem Mann woll geih'n ' Der sau, wie ich, an de Thir muß steih'n." Lächelnd'sah die Frau Vorsteherin-den in Reimen Sprechenden an und sprach dann: ' „Nun, mein lieber Natten, Sie haben ja zu essen und zu trinken, gesund sind Sie auch. Was haben Sie da zu klagen?" „Nun jau, Frau Vorsteherin, es geiht mer jan so Halbenwegen." sFortsetzung folgt). Kunst und Literatur. DieSemiten als Träger der ältesten Kultur Europas ist der Titel eines kürzlich von Pastor Konrad Schmidt in Gleiwitz herausgegebenen Werkes, das in vielfachen Beziehungen das Interesse des jüdischen Lesers zu fesseln geeignet istt 190 Seiten stark, fordert es eine eingehende Krittk von mindestens demselben Umfange heraus. Wir können uns hier nur in ganz allgemeinen Umrissen damit befassen. Das Grundthema bilden zwei etrurische (tuskische) Inschriften, die zwar ebensowenig vollständig einwandfrei übersetzt und erläutert sind, wie die berühmte Eschmuneserinschrift, aber doch hinreichend, m» die semitische Stammes¬ Franffurker FsraÄWWes F-ünttienbkaL Nr. 26. angehörigkeit der Urbewohner von Italien und Hellas zu beweisen. Interessant ist vor allem der Blick hinter die Kulissen der „freien, voraussetzungslosen Forschung", den uns der Verfasser mit anerkennenswertem Freimutc ermöglicht. S. 38: „Daß diese Dokumente noch immer nicht in befriedigender Weise übersetzt worden sind, ist für die Philologie unserer Tage mehr als nur „peinlich." Dr. Jensen von Straßburg nannte die tuskische Sprache noch 1889 auf dem Orientalisten - Kongreß zu Stockholm die „Geißel der Sprachforscher". Und doch hat wohl, wenigstens im letzten halben Jahrhundert, nur die Furcht, in Italien eine semitische Urbevölkerung zu entdecken, davor znrückgeschreckt, den Versuch einer semitischen Erklärung zu erneuern. Der Mann, den semitische Professoren um seine Unabhängigkeit beneiden dürfen, geht aber noch weiter. S. 60: „Läßt sich's auch sonst wahrscheinlich machen, daß Italiens Vorzeit, daß der Ursprung der italienischen Kultur semitisch ist? Ich denke, ja. Und zwar rufe ich keinen geringeren Zeugen auf, als den großen Mommsen, so entsetzt er vielleicht, lebte er heute noch, über diesen Zeugniszwang sein würde." Also selbst Mommsen, der den Antisemitismus „die Gesinnung der Canaille" genannt hat, stand, wenigstens unbewußt, unter den: Banne des „wissenschaftlichen Antisemitismus". Kulissengeheimnisse, die für den aufmerksamen Beobachter freilich nichts Neues bieten. Interessant ist ferner ein Zitat aus Suidas ans dem tuskischen Geschichtsbuch S. 39: „Der Demiurg habe der Welt 12 Jahrtausende zum Lebensalter anberaumt, sechs Jahrtausende habe die Schöpfung gedauert, sechs solle der Bestand sein. Im ersten sei Himmel und Erde, im zweiten das Firmament, im dritten Meer und Gewässer, dann die beiden großen Lichter, die Seelen der Tiere zuletzt der Mensch geschaffen worden. Mit Alfred Müller, die Etrusker U 38, wird angenommen, daß die tuskische Lehre von der biblischen Schöpfungsgeschichte abhängig sei." Bei sachlicher Prüfung finde ich übrigens in den Inschriften nur folgende Worte zweifellos ebräischer oder aramäischer Verwandtschaft: 1. Cchen, rohen, Priester; 2. esch, jesch, es ist; 3. ansch, enofch, Mensch; 4. se, seh, dies; 5. thanre, thore, Rinder; 6. care, carim, Lämmer; 7. esch, esch, Feuer; 8. cuthur, cithor, Rauch; 9. nar, ner, Licht; 10. eth, eth, mit; 1l. sann, panim, Gesicht; 12. precu, barcu, knicen; 13. murzua, murzach, getötet; 14. ein, ain, es gibt nicht; 15. kunur, tännur, Ofen; 16. zel, zel, Schatten, Schutz; 17. ur, ur, Flamme; 18. zulame, zalme, Götzenbilder; 19. vachr, vacher, zögert; 20. raschnesch, rischonim. Erste; 21. ama, amma, Volk; 22. Heu, hen, siehe; 23. pcrasch, parasch, ausbreiten; 24. ce, ce, wie; 25. mulmal, mumal, beschnitten; 26. escul, eschcol, Relief 27. aru, aru, sie pflückten; 28. arz, erez, Land; 29. cl, col, alle; 30. schcuna, schcuna, Bewohner; 31. cenu, canu, kauften; 32. felix, peleg, Stamm; 33. cape, cape, Hände; 34. afuna, verwichen, vergl. Ps. 88, 16 afunah; 35. eca, eca, wie; 36. helo, Halo, wahrlich; 37. tesne, tisna, fassest. 38. chimt, chemed, Gelüste, Stolz; 39. schpelth, schephcla, Ebene; 40. mena, menat, Teil; 41. atena, atena, Ihr; 42. uni, oni, Elend; 43. unaccha, anach, Blei; 44. chazi, chazi, Hälfte. Dagegen gibt cs Hunderte von Ethymologien, durch welche der Verfasser die innige Verwandtschaft des ursprünglichen griechischen und lateinischen Sprachschatzes mit dem Ebräischen nachweist, die teils unannehmbar, teils nicht einwandfrei sind, jedenfalls aber, was Homer, Odysseus und die Namen der Jliade betrifft, gut genug sind, um den Antisemiten der Wissenschaft Gallenbeschwerden zu machen. Besonders interessant ist für den seiner alten Sprache kundigen Juden die Art und Weise, wie die moderne Wellhausen'sche Philologie mit derselben umspringt. Dem Verfasser kann daraus kein Vorwurf gemacht werden, denn il faut hurler avec les loups, und es kann nicht verlangt werden, daß diese seit 150 Jahren eingebürgerte Praxis im Handumdrehen einer wirklich wissenschaftlichen Behandlung Platz machen soll. Aber gerade in diesen unverschuldeten Mängeln bietet das Werk eine Fülle des Interessanten. Ahron Marcus. Zum Moral unterricht. Ausgewählte Kapitel aus englischen Lehrbüchern. Ins Deutsche übertragen und mit einer Einleitung versehen von Emily Mtschul (geh. 2 M., geb. 3 Jk). M. Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig. Der Moralunterricht als Hilfsmittel im Religionsunterricht leistet sehr wertvolle Dienste, und aus diesem Grunde sollten ihm unsere Religionslehrer ihr Interesse widmen. Die Vorkämpfer des Moralunterrichts möchten diesen freilich an Stelle der Religion setzen, ein Bemühen, das sich nicht verwirklichen kann, da der Moralunterricht auf die höchsten Fragen keine Antwort hat, wohl aber die Religion. — Das vorliegende Büchlein sei Lehrern und gebildeten Laien empfohlen, sie werden von ihm manche Anregung empfangen. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. H. - Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Bad Harzburg tc Pension Paikhaus 53 Salons n. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser 1 Banges unter Babhinats-Anfsicht an schönst. Wocheu-Salerrder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 4. Juli (= 5. Tamus): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Min., in Berlin 9 Uhr 32 Mn. Wochenabschuitt: Ko rach. Der Levite Korach verbindet sich mit Datan und Abiram aus dem Stamme Ruhen und zweihundertfünfzig angesehenen Männern der Gemeinde gegen Moses und Ahron, denen sie Ucberhebung und Herrschsucht verwerfen. Moses ermahnt die Empörer; die Leviten erinnert er an ihre ohnedies bevorzugte Rangstellung als „Diener des Sttftszeltes". Am andern Morgen soll ein von allen zu bringendes Räucherwerk dartun, weil Gott als Auserwählten will oder nicht. Datan und Abiram zeigen sich besonders trotzig und überhänfen Moses mit noch andern schwerbeleidigenden Vorwürfen. Am andern Tag hatte sich die ganze Gemeinde aufwiegeln lassen. Gott will sie alle vernichten. Moses betet für sie, Gott will Verzeihung gewähren, wenn die Verführten sich von den Verführern absondern. Dies geschieht. Nur Korachs „Anhang" bleibt demselben. Moses verkündet, daß diese Empörer eines ungewöhnlichen Todes sterben werden, zum Beweise der rein göttlichen Sendung Mosis. Darauf öffnet sich die Erde und verschlingt die Rotte der Empörer. Die 250 Mann, die das Räucherwerk gebracht haben, starben durch Feuer. Die Räucherpfannen sollten als Erinnerung zu Beschlägen an dem Altar verwendet werden. (Lehre: Wer Gottes Altar erschüttern will, der macht ihn nur noch fester. Hirsch's Pentateuchkommentar.) ' Dennoch erhebt sich wieder die Gemeinde mit Murren und Vorwürfen, als hätten Mosche und Ahron den Tod der Bösewichte verschuldet. Es starben hierauf 14 700 Mann an einer Seuche. Gott will sie alle vernichten. Ahron bringt zur Sühne Räucherwerk dar. Zum zweiten Mal will Gott zeigen, daß Mosche und Ahron göttliche Sendung und Aufgabe haben. Moses läßt sich die Stäbe aller Stammfürstcn geben, für den Stamm Levi Lein Reconvalescent Kein Nervöser Kein Blutarmer :: soll versäumen, das ausgezeichnete, kräftige Kulmbaclier Art zu trinken. I I Erhältlich in ca. 1000 Verkaufsstellen in Frankfurt a. M. n. von der Brauerei Darmstädter Landstrasse No. 153 — Telefon No. 89 und 897 — direkt. 24

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