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Neue jüdische Presse · 1908-07-03 · Heft 26 (3.7.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 26 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wtxau&fuxtev 3frnrljtilrt)rs fmailicntilutt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. - Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion nnd Hefchäftsstelle: Frankfurt a. IR., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße ‘SeCefon 10507. Herausgeber: Kalg Hei-s. J Jnjertionspreise: Die viergefpaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _- __ 6. Jahrgang. Freitag, Le» 4. Vanius 5668 (3. Juli 1968). Ro. 26. Inhalt LeS Hauptblattes. Artikel: Aus Galizien. — Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — KunstundLiteratur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Briefkasten. Aus Galizien. Die Massenauswanderung der galizischen Juden ist nicht zu Ende, im Gegenteil: sollten die Verhältnisse der galizischen Juden unoerändert bleiben, dann ist sörmlich eine Ueberschwemmung der Nachbarländer stlit galizischen jüdischen Auswanderern zu befürchten. Die ökonomische Lage der galizischen Inden ist schon lange außergewöhnlich schlecht, nur, die Verhältnisse in den früheren Jahren waren solche, daß sie den galizischen Inden trotz seines Elends dennoch in seiner Heimat znrückgchalten haben. Ein großer Teil war sich seines Elends kaum bewußt, . er war mit seinem Thoralcrnen, mit /einem religiösen Bewußtsein und mit seiner zuversichtlichen Hoffnung auf ein besseres Jenseits für alt sein Leiden entschädigt. Ein anderer Teil, welcher Wohl, seines Elends bewußt war, konnte sich aber doch nicht helfen. Die Auswanderung war bei dem früher beschränkten Bahnverkehrc, bei damaliger Seltenheit eines Zeitungsblattcs ein Akt anßcrgelvöhnlicher Kühnheit. , Mit den Veränderungen aber, die die Zeit mit sich brachte, nahm die Auswanderung der galizischen Juden immer mehr zu. Je mehr die Lebenslust in ihnen erwachte, desto stärker fühlten sie ihre elende Lage. Je mehr der Bahnverkehr ausgedehnter und die Zeitschriften häufiger wurden, desto leichter eröffnete sich dem galizischen Juden die Außenwelt. Je mehr die galizischen Juden sich im Auslande niederließen, desto leichter wurde es den Zurückgebliebenen, ihnen nachzufolgen. Hindernisse religiöser Art sind auch allmählich geschwunden; ein namhafter Teil beginnt, die religi ösen Vorschriften immer weniger zu achten, und der Teil, der denselben treu geblieben ist, findet heute überall streng koscheres Essen nach seinem Begriffe, Bethäuser in chassidischer Form u. dgl. in allen größeren Städten der ganzen Welt, — und zu Hause geht's chm wirklich schlecht — nicht mehr zum Aushalten. Neben der von der Regierung und dem Parlament betriebenen planmäßigen Zurückdrängungdes jüdischen Elements auf allen Gebieten der Erwerbslebens (in letzter Zeit: Monopolisierung des Salzhandels, Einlösung der Propinationen usw.) ist auch die Unbeholfenheit des galizischen Juden Ursache seines Elends. Die Kinder wachsen größtenteils fast ohne jede praktische Erziehung auf. Der Chederunterricht, für welchen die Väter verhältnismäßig viel zahlen und der die besten Jahre des Kindes verschlingt, ist derart, daß dem erwachsenen Jünglinge — die Mädchen erhalten überhaupt keine Erziehung — von dem Unterrichte für das praktische Leben nichts Nützliches, ja nicht einmal genügendes hebräisches Wissen bleibt. Noch heute lassen beinahe 50o/o der galizischen Juden ihre Söhne ganz ohne Beruf anfwachsen. Man heiratet ohne die niindesten Existe.izbedingnisse mit sehr wenig oder gar ohne Mitgift, und nach der .Hochzeit wird dann aufs Geratewohl ein Konkurrenzgeschäftchen in die Hand genommen. Binnen 3—4 Jahren ist man mit dem bißchen Mitgift wie mit dem Kredit fertig, und steht dann mit der Familie mittellos in der Welt. — Kaum in 2o/0 derJsraelitischen Kültusgemeinden sind Untcrstützungs lassen für Heimische oder Durchreisende vorhanden (in 90o/o der galizischen Kultusgemeinden findet man überhaupt keine 20 Kronen bares Geld). Man gibt zwar Almosen in Galizien, und sogar über die Kräfte, aber erst dann, wenn der Arme an die Tür pocht, so, daß auch derjenige, der nur momentane Stütze braucht, schon zum Bettelstäbe greifen muß, von welchem er sich nicht mehr befreien kann. Arbeitsvermittlungsbür os sind im ganzen Lande nicht vorhanden. Nimmt es da Wunder, daß mit den jungen, unerzogenen Töchtern, deren Väter im In- und Auslande herumbetteln, Handel getrieben wird? Nimmt es Wunder, daß Söhne solcher Väter aus ihrem Lande fliehen, um im großen Weltstrome zugrunde zu gehen? Kann man sich wundern, daß 'unter solchen Verhältnissen die Armut in Galizien von Tag zu Tag um sich greift? Nein! Unter solchen Umständen muß der besteArbeiter brotlos herumwandern und der tüchtigste Geschäftsmann fallen. Von wem sollen der Schneider, der Schuster, der Tischler Arbeit erhalten, wenn die Masse so arm ist? Wovon soll der Geschäftsmann seine Zahlungen decken, wenn schon nach den Konkurrenzpreisen noch seine Kunden ihm armutshalber schuldig bleiben? Die Juden im Auslande haben Millionen si"ir ihre Brüder in Galizien gespendet; aber alle Versuche der , Hilfe mußten wirkungslos bleiben, da sie vom Auslande dirigiert wurden. Für die Frage, wie den galizischen Juden zu helfen ist, können nur in Galizien selbst zweckmäßige Maßnahmen gefunden werden, und deshalb ist vor wenigen Monaten der Hilfsverein für galizische Juden in Kolomea, dessen Berichte wir in unseren Ausführungen folgen, gegrilndet worden. Dieser Verein hat bereits ein „unentgeltliches Arbeitsvermittlungsbüro" gegründet. Er will ferner in den jüdischen Gemeinden „geregelte Unterstützungskassen" einführen und in den großen Städten und Kurorten von reichen Frauen unentgeltlich verwaltete „Verkaufsstellen für die Heimarbeiten jüdischer Mädchen" einrichten, welch' letztere den im elterlichen Haushalte beschäftigten Kleinbürgermädchen einen Verdienst zuweilen sollen, denn eine Umwandlung zu Arbeiterinnen würde für diese Mädchen nach galizischer Auffassung eine Schädigung in ihrem moralischen Halt sein. Es sollen in den größeren Städten „jüdische Gewerbeschulen" auf religiös-moralischer Grundlage gegründet werden. Zur Einführung und Durchführung „neuer Industriezweige" ist die Bildung einer Aktiengesellschaft geplant. Wünschen wir dem Vereine, daß chm sein Werk gelinge! Er spürt in sich die Kraft, sich aus sich heraus zu helfen; doch im Hinblick auf die Gefahr einer Massenauswanderung wäre es wünschenswert, wenn chm vom Auslande größere Sunimcn zufließen würden, damit seine Sanierungsbestrebungen sich schneller verwirklichen. Die Lebensfähigkeit des Judentums «nd seiner Forme«. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenfhal, Berlin. (Fortsetzung). Die Religion selbst aber lehrt die Geistigkeit, Unerkennbarkeit des höchsten Wesens; sie lehrt, daß in Welt und Geschichte sich die Spuren des Gotteswaltens zeigen, nicht etwa die Gotcheit selb st. Sie verbietet uns, eine Vorstellung, ein Bild derselben uns zu entwerfen, selbst die Eigenschaften Gottes, welche die Thora lehrt, für mehr, als Hilfsmittel unserer menschlichen Beschränktheit zur Erkenntnis des Gotteswcsens in seiner Einheit anzusehen. Wie sollte nun die Wissenschaft, welche mit dem menschlich Erkennbaren zu tun hat, mehr als die Reihenfolge der Erscheinungen erkennen? Worin sonst könnte sie der Menschheit nützen, als in der Anwendung des so Gefundenen auf die Welt der Erscheinungen? Weiter hinaus kann sie nicht gelangen, selbst wenn sie Menschen schaffen lehrte, wie wir längst aus Sämereien Pflanzen und Früchte schaffen, wenn man's so nennen will — wir würden immer nur die Erscheinungsreche zu erkennen imstande sein, welche von den notwendigen Stoffen bis zur Herstellung des domo sapiens führen, der Vorgang selbst, die Ursachen, welche dahin leiten, blieben uns ein so großes Rätsel, wie vorher^ Und wenn die Wissenschaft erst wird die ganze Weite chres jetzigen Forschungsfeldes als Ganzes überblicken können, dann wird das Erklärungsbedürfnis, das sie bei der jetzigen Stofffülle nicht empfindet, wieder über sie kommen, um ebensowenig befriedigt zu werden und sie dadurch wieder zu neuen Entdeckungen zu treiben. Das heißt: In der Wissenschaft der Tatsachen hat das Uebersinnliche keinen Raum, es kann nur verwirren — deshalb dort das Streben nach Ausschluß alles nicht Meßbaren. Dieser Ausschluß soll aber nur ein Förderungsmittel der Forschung sein, ein notwendiger Verzicht auf das Unbegreifliche, um in

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