Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Är. 28 Frankfurter JsraelitiMes Kamilrenblaü. Eene 3, dierten. Und man mutz nur die fiebernde Erwartung beobachtet, die sinnliche Erregung am lebhaften Zucken der allzu blassen Lippen, das Feuer schwarzer Augen, das Zittern weißer, schmaler Hände miterlebt haben, um ruhig sagen zu können, daß wir in unserer nervösen, hastigen Zeit, in der lediglich das „Erleben", das „Noch-nie-Dagewesene" reizt, für reine und hohe Kunst noch nicht reif genug sind, daß wir noch nicht naiv genug sind, daß wir innerlicher, tiefer und-reiner werden müssen. mon chfere, ich meine natürlich die anderen, nicht dich, nicht-mich . . . Ich meine jene Künstler, die sich als die einzigen Vertreter wahrhafter Religion und Schönheit vergöttern lassen, ich meine jene Jüngerinnen (zuerst) und Jünger aus Berlin \VW. zwischen Tiergartenstraße und Grnnewaldkolonie. .... Hier liegt die Gefahr, die wir abzuwenden hätten, wenn wir nicht ganz, ganz im Stillen uns selbst ein wenig hingczogen suhlten zu jenen Stätten übersättigter Kultur, zu jenen Stätten der modernsten Treibhauskultur. . . . Und wieder meine ich Treibhauskultur .... Ist es der Abgrund, der klaffend sich uns entgegenstellt in jene»: Werke eines jungen, durch Treibhauskultur zur Perversität getriebenen Juden? Gibt es Schamvolleres, als j-ne verfaulten Früchte, die sich uns schon in den ersten Werken Kurt Münzers zeigen? Er naunteden Roman, den niemanb lesen sollte, „Der Weg nach Zion" und häuste in ihm eine Fülle von törichten Angriffen gegen sein Judenvolk. Und — was mir schlimmer dünkt — häuft in ihm eine greuliche Mischung ekelerregender Perversitäten .... Kunst? Reine Kunst? Kunst, die uns zu Höhen emporführt. Berlin W. schreits aus . . . Und alles ichreit's mit .... Ich aber warne vor diesem Münzer, der — nicht mit Unrecht — schon vor Richtern stand .... Gegen den ein preußischer Assessor Polizeiaussicht beantragt hatte . . . Gewiß, der Antrag war töricht, aber ob's anders als in gerechter Empörung über diesen Herrn geschah —? Aber Berlin W. jauchzt .... Und Münzer ist der Liebling geworden. In der Sezession und im Zoo, im Romantischen Cafe und im Teeraum des Westenkaufhauses slüstern fiebernde Lippen hastig Münzers Worte . . . Judenlippen, mon okörs . . . Ich, der ich Tag für Tag mitten unter ihnen zu weilen gezwungen bin, schaue es mit an. Tag für Tag, und der Ekel steigt in mir auf .... Daß jüdisches Leben doch anders pulsiere als hier im Westen . . . Daß jüdisches Leben getränkt sei von jüdischem Geiste, von jüdischer Innerlichkeit, von jüdischer Reinheit. Und alle „Kllltür Berlin WlV.s dürfte darob ruhig zugrunde gehen. . Meinst du nicht auch, mon petit. . .? Gerhard Stein. Berlin. «Das Ziel der Adlerhetze ist errelcht. Ich bin gestern infolge heftiger Herzaffektion aus der Straße und dann. noch einmal bei Kannenbcrg zusammengebrochen und mußte gegen meine geradezu wahnsinnigen Schmerzen dreiinal Morphium anwenden." Dieser Brief, den der bekannte Nationalökonom Georg Adler, außerordentlicher Professor an der Kieler Universität, an seinem Todestage an einen Freund richtete, beleuchtet grell die Fülle von Widerwärtigkeiten, die der Jude im Staatsamt — wenn auch seine wissenschaftliche Bedeutung und sein Charakter noch so hoch dastehen — über sich ergehen lassen muß. Der am 11. Juni geschriebene Brief ist aber besonders aktuell iin Moment der „Bernhard-Affäre". Dieser ohne Befragung der Berliner Fakultät von dem Kultusminister auf einen ordentlichen Lehrstuhl der Berliner Universität berufene Professor Bernhard war — obwohl viel jünger an Jahren und weit weniger bekannt als Adler-bereits ordentlicher Professor. der Kieler Universität, während Adler noch immer Extraordinarius war. Doch es wäre verfehlt, nur das preußische Kultusministerium für die Zurücksetzung der jüdischen Universitätslehrer verantwortlich zu machen. Wenn die Herrscher in der Gelehrten-Republik, die ausschlaggebenden Professoren, nicht nrit dem Antisemitismus ihrer Vorgesetzten Behörde innerlich ourchaus sympathisierten, so wäre dieser Zustand, daß ein Gelehrter, der Jude ist, in Preußen fast niemals mehr Ordinarius werden kann, unmöglich! 'Aber warum sollten die Herren Professoren auch anders denken? Hält ihnen doch das antisemitische Kultusministerium den Teil der Konkurrenz, den sie durch ihre Clique nicht fernhalten könnten, so schön vom Leibe, und sie können noch dabei ihre Hände in Unschuld waschen! Berlin. In einer Betrachtung der preußischen Landtagswahlen schreiben die „Mittlg. aus der Vereinigung zur Abwehr des Antisemitismus" unter anderem: „Die schlimmste Versündigung an allen freiheitlichen Grundsätzen war das Wahlbündnis der Freisinnigen Volkspartei in Ober- und Nieder-Barnim mit den Konservativen, deren Kandidaten sich ja ebenfalls zu dem antisemitischen Tivoli-Programm bekennen. Alle liberalen Grundsätze wurden da einfachl ignoriert, selbst die nächststehende liberale Partei, die Nationalliberalen, die im Verein mit den Freisinnigen den Kamps gegen die Reaktion gern ausgenommen hätten, wurden beiseite geschoben und ein Pakt mit den erbittertsten Gegnern der liberalen Weltanschaunng geschlossen. Eine solche Preisgabe aller guten Traditionen der Vergangenheit, zu der ein Eugen Richter, wie wir fest überzeugt sind, niemals seine Hand geboten hätte, wird sich, wie wir fürchten, in Zukunft an der Partei »och schwer rächen. Die Zeniralleitung der Freisinnigen Volkspartei hat sich auch nicht gescheut, im 12. Berliner Wahlkreise und in Rixdorf - Schöneberg bei den Stichwahlen zur Stimmabgabe für die konservativen Wahlmänner aufzufordern. Dabei war im ersteren Wahlkreise von konservativer Seite ein waschechter Antisemit, der Rechtsanwalt Ulrich, als Kandidat aufgestellt, der um, ein Haar — es fehlte ihm nur eine Stimme — in Stichwahl mit dem Sozialdemokraten gekommen wäre. Was haben unter diesen Umständen alle noch so feierlichen Protestkundgebungen gegen den Antisemitismus auf Parteitagen, wie z. B. dem vorjährigen Berliner Parteitage der Volkspartei, noch für einen politischen Wert, wenn im entscheidenden Augenblick das liberale Programm einfach in die Tasche gesteckt und mit Konservativen und Antisemiten wahlpolitische Geschäfte gemacht werden? Und das alles unter ausdrücklicher Approbation der Parteileitung?" Karlsruhe. Die von der Synode bewilligten 65800 Jk für die allgemeinen Bedürs Nisse der Landessynagoge werden dadurch erhoben, daßsür je 100 Jk Vermögenssteuer 18 Pfg. und für je 100 Jk Einkommensteuer 12 Pfg. eingezvgen werden. Diese 65 800 Jk verteilen sich folgendermaßen für jedes Jahr: Zuschuß an die Kosten des Oberrats 4500 Jk, Aufwand für die Synode 100Y Jk, Zuschuß an das Landesstift für Heranbildung von Religionslehrern 4400 Jk, für Aufbesserung gering besoldeter Lehrer 26000 Jk, an ben Pensionsfonds 8000 Jk, zur Unterstützung bedürftiger Gemeinden 6000 Jk, für Förderung des 'Synagogengesangcs 1000 Jk] für die Wanderbibliothek 200 Jk, für soziale Zwecke (Lehrlingsheim und Hospiz in Dürrheiin- 16 650 Jk (L.) Posen. Ein seltsamer Betrug. Eines seltsamen Betruges hat sich in Schneidemühl der taubstumme Schneidcrgeselle des Schneidermeisters E. schuldig gemacht. Seit einiger Zeit bemerkten die Bauhandwerker des evangelischen Dereinshauses, daß ein junger Mensch auf dem Abort wiederholt Hühner schlachtete. In der Annahme, daß es sich um fortgesetzte Diebstähle handle, hielten sic es für ratsam, die Polizei zu benachrichtigen. Die Ermittelungen ergaben, daß der Schneidergeselle beauftragt war, die Hühner schächten zu lassen. Er hatte es vorgezogen, die Schächtgebühren für sich zu behalten und das Schächten eigenhändig zu besorgen. Breslau. Liberal! Die »liberale" Mehrheit der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde hat eine „reaktionäre" Wahlordnung beschlossen. Emmerich. Der Kampf um die Kultusst e u e r. Isidor Marx klagte gegen die hiesige jüd. Gemeinde auf Befreiung von der Steuer, da er seit September 1805 in Amsterdam wohne. Die jüd. Gemeinde ist der Ansicht, Marx, der in Emmerich Einkommensteuer usw. zahlt, habe neben seiner daselbst gelegenen Fabrik auch seinen eigentlichen Wohnsitz noch dort. — Das Kollegium erkannte öahin, das Klageverfahren vor dem Bezirksausschuß sei gegenwärtig noch nicht zulässig, da nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts auf derartige Abgaben das Gesetz vom 18. Juni 1840 Anwendung finde, das eine dreimonatliche Reklamationsfrist vorsehe. Erst wenn die in diesem Falle unterbliebene Reklamation an die jüdische Gemeinde fruchtlos verlausen sei, wäre eine Klage binnen 14 Tagen anzustrengen. Bremen. Komitee für hilfsbedürftige durchreisende Juden. Dieses Komitee des Hilfsvereins der deutschen Juden schließt seine Rechnung für 1807 mit 199 400 Mk. in den Einnahmen und Ausgaben ab; 166000 Mk. davon wurden auf Konto „Ozeanreisen" — es wurden 181» Personen befördert — verausgabt. Das Komitee verabfolgte 14 600 Mahlzeiten unentgeltlich, während durchschnittlich 200 Personen pro Tag für geringe Bezahlung ein kräftiges, warmes Mittagbrot, ebenso Frühstück und Abendbrot erhielten. Eingekleidet wurden 1050 Personen. Oesterreich-Ungar». Wien. Aus der Rede des Abg. Adolf Stand in der Budgetdebatte des Abgeordnetenhauses: „Wenn sie glauben, daß wir Juden uns solidarisieren mit den Kohlenwucherern, mit den Börsenmagnaten, mit den Geldprotzen, mit den Juwelenhcbräerinnen, mit denjenigen, welche Tafelorgicn veranstalten, mit den Mädchenhändlern, mit denjenigen, durch deren Maitressenwirtschaft Skandale entstehen, mit denjenigen, die man beim Rennen oder beim Spiele sieht, so täuschen Sie sich. Diese sind die wuchernde Eiterbeule am jüdischen Körper, diese scheiden wir als die ungesunden Kräfte und Säfte unseres Organismus aus. Wir solidarisieren uns mit ganz anderen Gruppen. Wir solidarisieren uns mit dem armen darbenden Volke; wir solidarisieren uns zum Beispiel mit diesen Hausierern, denen Ihr fortwährend Kampf predigt; wir solidarisieren uns mit dem armen jüdischen Krämer; wir solidarisieren uns mit dem Handwerker in Galizien. Und da komme ich auf etwas» was Herr Schmid vor einigen Tagen hier gesagt hat. Er hat uns den großen, guten Rat gegeben, wir sollen uns nicht mehr dem leichten Gewerbe hingeben, sondern wir sollen schwere Arbeit aufsuchen. Herr Schmid kam um Jahrhunderte zu spät mit diesem Rate. Schauen Sie sich die Werkstätten eines Handwerkes in Galizien an! In; einem kleinen, dumpfen Lokal, umgeben von einer Reihe armer Gesellen, darbender hungernder, durstender, ftiercnder Kinder, arbeitet ein solcher Mensch 16, 18 Stunden täglich, um einen oder eineinhalb Gulden für sich und seine Familie zu bekommen. Und da gibt uns Herr Schmid den Rat, daß wir die Arbeit nicht meiden sollen! Sie wollen Juden bei der Arbeit sehen? Gehen Sie nach Salonichi; gehen Sie nach Galatz. wo bei den Schiffen große Juden, stämmige Spaniolen, die Leute und Waren erwarten und Zentner auf ihren Rücken tagelang tragen. . Wenn Sie Juden bei der Arbeit suchen, gehen Sie nach Boryslaw in Galizien. Tausende von jüdischen Arbeitern sitzen tief in den Schächten und arbeiten 12'und 44 Stunden für die fremden Millionäre im Schweiße ihres Angesichts und stets den Tod vor den Angen, um aus diesen Schächten das Gold heranszuholen^ So sitzen dort Tausende von Menschen und arbeiten schwer. Ein Mißgriff, es entsteht eine Explosion und viele Familien verlieren ihre Stütze. Und wenn Sie uns fragen, mit welchen Elementen wir uns solidarisieren, so sagen wir offen: Nicht mit denjenigen, die ich zuerst geschildert habe, sondern mit diesen Hausierern und Krämern, mit diesen Arbeitern in Boryslaw und den Schneidern in Newyork, mit diesen Trägern in Brody und Tarnopol und in allen anderen kleineren Städten, mit diesem Kern des jüdischen Volkes teilen wir die Gegenwart und die Hoffnung auf die jüdische Renaissance in der Zukunft." r Wien. In seiner großen Rede zum Budget bemängelte Abgeordneter Dr. Mahler u. a., daß das Kultusbudget fast 21 Will. Kronen für Kultuszwecke vorsieht, aber nicht einen Heller siü r jüdische. Besonders eingehend beschäftigte sich Dr .Mahler mit der bekannten R e« solntionSchmid, die, da die Juden nach ihrem Prozentsatz dreimal soviel als die Nichtjuden die Mittelschulen frequentieren, eine Einschränkung dieser großen jüdischen.Frequenz wünscht, und geißelt diese Resolution als eine Forderung nach dem russischen System. Man wollte die Juden durch Entziehung der Bildung vernicht en. Dr. Mahler schloß seine Rede: „Hier stehen wir. ein kleines Volk, im Kampfe gegen eine Welt des .Hasses, im Kampfe um das Recht auf Bildung und die Menschenrechte unseres Volkes. Und der so oft zitierte Genius des Jahrhunderts, 7>« Zivilisation, wo bleibt er? Ich sehe sie nicht, die geborenen Ritter der Nächstenliebe; was ich sehe, sind um uns herum s bewaffnete Neutrale gegen die Menschlichkeit. Vielleicht wäre es klüger, taktisch richtiger, werden ängstliche Gemüter sagen, zu schweigen, zu warten und zu hoffen, daß auf dieser Tribüne vor den Augen Europas sich keine Majorität für diese Resolution finden werde. Aber, meine Herren, die Ber» nnnft lehrr schweigen, das Herz lehrt reden. Nie und nimmer werden wir still bleiben, da man versucht, uns, eine Klasse von Bürgern dieses Staates zu Bettlern zu machen, zu Bettlern um die Brosamen am Tisch der europäischen Kultur. Jahrtausende hat man uns vom Landbesitz ausgeschlossen und wirft uns nun vor, wir hätten keine Bauern; heute will man vor uns die Bildungsstätten schließen, um in Zukunft über uns herzufallen, wir hätten keine gebildeten Stände. Meine Herren! Für das vollgestrichene Maß bürgerlicher Pflichten, das man uns reicht, verlangen wir das entsprechende Maß Gegenrechte, keine Judenrechte, sondern Bürgerrechte. Sie alle wissen, meine Herren, daß in den Anfängen der Zivilisation, als es hier im Herzen Europas noch so wild znging wie heute in Zentralasrika, als man in Athen Kunst und Wissenschaft noch nicht kannte, ja als mach eine strohgedeckte Hütte an der Stelle der Roma aeterna stand, wie Macaulay sagt, unser so hart bedrängtes Volk bereits seine zedernerrichteten Paläste, seine herrlichen Tempel, seine Philosophen, Dichter und Schriftsteller und seinen einzigen Gott bereits hatte, heute der Gott der ganzen Welt. Welches Volk kämpfte mannhafter für seine Unabhängigkeit und seine Religion gegxn eine erdrückende Ueberzahl, welches Volk gab bis zum letzten Moment seines staatlichen Daseins so sichtbare Beweise, was eine edle Verzweiflung vermag? Was wir, meine Herren, verlangen, ist, daß diese sväten Nachkommen der Helden und Propheten die Geschichte und Tradition ihrer Ahnen kennen und Hochhalten, um ihrer würdig zu werden, daß die Geschichte ihres Volkes an ihnen lebendig lebe und wirke. Bon Ihnen aber, meine Herren, verlangen wir: Achten Sie in uns sich selbst und Ihre Besitztümer. Denn so wie über dem höchsten Gebirge noch hoch der Aar schwebt, so über der schwer ersteigbaren Pflicht die wahre Achtung."