Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 25 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Seite 4. Frankfurter WvaGÜWB FcünÄieML Rutzlauv. Petersburg. Judenverfolgungen durch das Ministerium für Volksaufklärung! -— Der reaktionäre Kurs im Kultusministerium ^Schwarz hat die jüdische Bevölkerung besonders schwer getroffen. Hintereinander hageln Maßnahme auf Maßnahme, durch die den Juden jede Bildungsmöglichkeit genommen wird. Die Prozentsatznorm wird wie in den finstersten Zeiten strikte eingehalten. Dies gilr nicht nur für die Mittel- und Hochschulen sondern auch als Neuerung für die zahnärztlichen Lehranstalten, die von den Juden höchstens in einem Prozentverhältnis'von 3—10 Prozent besucht werden dürfen, wenn sie ihnen nicht gänzlich verschlossen find. Früher gab es nun wenigstens unter den freien Hörern und Hörerinnen eine beträchtliche Anzahl von Juden: allein dies Institut ist durch Verfügung des Ministeriums über Nacht abgeschafft worden. Zur weiteren Bedrückung der Juden ist die Zahl derer, die als „Wilde" zum Abiturientenexamen zugelassen werden, wesentlich eingeschränkt worden. Vielleicht die ärgste Maßregel ist jedoch dir gegen die jüdischen Privatgymnasien gerichtete. Von den Kronschulen fast ausgeschlossen, hatte die jüdische Bevölkerung in ihrem unbezwinglichcn Drang nach Bildung eine Reihe von höheren Privatschulcn, die die Rechte von Kronschulen hatten, ins Leben gerufen. Mit einem Male sind diese Schulen jetzt ihrer Rechte beraubt worden.' Gemäß den neuen, soeben vom hiesigen Polytechnikum veröffentlichten Aufnahmesatz, ungen werden I u d e n in dasselbe indiesemJahr überhaupt nichtaufgenommen, da die Prozentnorm im vorigen Jahr überschritten sei. Odessa. Der »Russische Verein" verteitt Aufrufe, die die Bevölkerung zur Boykottierung der jüdischen Gewerbetreibenden ausfordern. Die unangenehmen Folgen dieser Ausrufe für die Juden machen sich bereits bemerkbar. — Aus Sibirien werden zahlreiche ungesetzliche Judenausweisungen gemeldet. DwinSk. Eine Feuersbrunst legte am ,14. Juni 151 Holzhäuser in Asche. Hunderte jüdische Familien sind obdachlos. Die meiste,! Häuser waren nicht versichert; von dem Geretteten ist das meiste gestohlen worden. Großbritannien. London. Die vereinigten Vorsteher aller jüdi schen Gemeinden Englands richteten ein Gesuch an die Regierung, in dem die soforttge Durchführung einer Anzahl wichtiger Reformen für die Einwanderer gefordert wird, i Zunächst wird der Bau von Häusern gefordert, indenen die Emigranten wohnen können, bis.die Streitfragen mtt den Ein- ■ Wanderungsbehörden erledigt sind. Dieses Verlangen wird mottviert durch folgende Schilderung des gegenwärtigen Zustandes: Der Beamte ordnet z. B nach seiner Auffassung des Gesetzes an, daß dieser oder zener Einwanderer das Land nicht -betreten dürfe. Alsdann darf der Einwanderer das Schiff nicht verlassen, bis die Immigrations-Kommission etwa das Urteil des Beamten kassiert und eine dem Fremden günstige Entscheidung gefällt hat. Nun tritt aber sehr oft der Fall ein, daß das Schiff nicht die Zeit abwarten kann, bis die Entscheidung der Kommission eintrifft. Dem Emigranten bleibt also weiter nichts übrig, als mit dem Schiff Wetter zu fahren, gleichviel wohin ihn "dieses führe. Diesem „wandernden Elend" soll durch den Bau von Emigrantenhäusern abgeholfen werden. Weiter wird verlangt, daß dem Emigranten eine zweite Appellation an die ordentlichen Gerichte gestattet werden solle. Und schließlich wird die Anstellung von geeigneten Dolmetschern gefordert, die dem des Englischen unkundigen Emigranten ermöglichen, vor der Kommission und evtl, vor den Gerichten sein Recht zu finden. Zwei Schnorrer oder Monteechi und Capuletti. Eine Erzählung von I. Herzb erg-Bromberg. (For'fetzung). Reb Hirsche! sollte sich wahrlich nicht in seinen Erwartungen und Hoffnungen getäuscht sehen. Raphael Blüthenstiel begann nunmehr „das Geschäft selbstständig, während er bisher nur als Gehülfe seines Vaters tätig war, der ihm in' uneigennütziger Weise einen Teil seines Wirkungskreises abgetreten hatte, und zwar den „Kreis Osten", wie der technische Ausdruck bei ihm lautete. Mit geschickter Hand setzte er die schon längst geplante Reform ins Werk. Cr hatte allerdings in erster Zeit mtt mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, indem auf der einen Sette Neid und Uebelwolien, auf der anderen Sette Spott und Hohn ihm gar arg zusetzten. Raphael aber verfolgte unentwegt und mtt der ihm eigenen Beharrlichkeit sein Ziel, und er hatte bald die besten Erfolge zu verzeichnen. Schon sein erstes Erscheinen in der Fremde erregie Aufsehen und Interesse. Er erschien der Judenschaft, mtt der er in Berührung ttat, als eine neue, bisher ungekännte Spezie der Schnorrerzunft. Ein Schnorrer mit Cylinder und Handschuhen war bisher eine noch nie wahrgenommenc Erscheinung. Freilich war sein Cylinder beim ersten Auftreten durchaus nicht streng modern, auch waren die Handschuhe keineswegs vor kurzem erst dem Kaufmannsladen entnommen. Desgleichen zeigte sein Anzug eine schäbige Eleganz. Doch waren diese äußerlichen Mängel, die vielleicht geeignet gewesen wären, einen Glauben an Blüthenstiels Reputation nicht aufkommen zu lassen, gar bald beseitigt. Das Unmoderne und Fehlerhafte, das Unelegante und Schäbige war mtt der Ausdehnung und Prosperität „des Geschäfts" geschwunden. - i Raphael Blüthenstiel war gar bald "ein „bekoweter Mann", und er wurde als solcher überall respektirt. Er hatte eben Glück' in .seinen idealen Bestrebungen und manch andrer Resormheld beneidete ihn ob' seiner kaum geahnten. Erfolge. Vollster Befriedigung gedachte Raphael Blüthenstiel später wohl seines ersten öffentlichen Auftretens. Als er nach der Hochzett sein Köfserchen zur Hand genommen, sich mit dem Regenschirm ausgerüstet und die Geldkatze umgeschnallt hatte, da war er wohl nicht ganz ohne Sorgen und Bangen aus seinem, damals noch recht bescheidenen Heim geschieden. Mit leiser Slimmc hatte er vor seiner Zierel Abschied genommen, und diese hatte ein leises Schluchzen nicht zurückhalten können ob der langen Trennung nach so kurzem, süßen Eheglück. Aber sie hatte sich "als gereiste und erfahrene Schnorrersfrau und Tochter in das Unvermeidliche gefügt. Hatte sie doch das vollste Vertrauen zu ihrem Raphael, den sie so heiß liebte, und zu dem sie voll Verehrung emporschaute. Erschien er ihr doch so ganz anders, als "alle diejenigen waren, die seiner Zunft angehörten. Wen hatte man in der Kehille je zuvor mtt "einem solch hohen Maße von Achtung und Wertschätzung begrüßt. Sie hatte auch in ihrer Familie so manchen.männlichen Berufsgenossen ihres Ravhaels näher kennen gelernt, jedoch keiner von ihnen reichte diesem auch nur annähernd das Wasser. Sie alle erschienen ihr heute als arge, arinselige und bemitleidenswerte Stümper. Sie hafteten an der Scholle, verschlossen sich "dem Fortschritte der Zeit und blieben eben nur „Schnorrer'"' gleich ihren Vätern. Sie genossen keinerlei Achtung, weder in den Kreisen ihrer Zunftgenossen, noch in der Gemeinde überhaupt. Man scheute sich nicht, ihnen öffentlich das ihnen „Zugedachte" darzureichen, und sie widerstrebten nicht solch unwürdiger Behandlung. Sie ließen sich widerspruchlos allerlei Demütigungen, Schmähungen und Grobheiten gefallen, um nur den erwarteten Obolus zu erlangen. Sic beugten und bückten sich bis zur Erde, klagten und jammerten, priesen und lobhudelten und häuften Knnstmittel auf Kunstmtttel, um möglichst viel im Geschäfte herauszuschlagen. Und ihre Bildung, — wiy gar gering war sie! Ihnen fehlte jeglicher Schneid und die Fähigkeit, ein vernünftiges Gespräch "zu führen. Höchstens vermochte sie mit einem nichts .oeniger als witzigen „Wörtchen" zu"', prunken, das gewissermaßen als Erbstück galt, da es "bereits "vom Urgroßvater mtt mehr oder weniger Erfolg angewandt worden war, und das sie bei passender, oder auch nicht passender Gelegenheit zum Besten zu geben pflegten. — v Wie anders war doch Ihr Raphael! Frau Zierel hatte wahrlich Grund, auf ihn stolz zu sein. Schon auf seiner ersten Einführungstour nach dem „Kreis Osten" hatte er gezeigt, daß er ein Meister seines Berufes war und immer Herr der Situation blieb. Man glaubte, einen gut situirten Kauftnann vor sich zu haben, der in Geschäftssachen irgend welche Angebote zu machen hatte. Man kam dem Fremden, der die Allüren eines Mannes von Welt zeigte, mit "ausgesuchter Höflichkeit entgegen und ließ sich gern in cm längeres Gespräch mit ihm ein, weil "man seine Ueberlegenheit bezüglich Bildung und Welterfahrenheit anerkennen mußte. Und als man nach seinem Namen und ivr Art seines Geschäftes fragte und man erst Aufklärung über die eigentliche Berufstätigkeit des mit einem großen Maße von Selbstbewußtsein austretenden Fremden sich erbat, da war man wohl im ersten Augenblicke befremdet, doch war die umgewandelte Situation in den meisten Fällen keineswegs von Nachteil gewesen für den mit größtem Geschick austretenden Blüthenstiel. Seine erste Eiuführungsrede Pflegte also zu lauten: s „Sie haben die Liebenswürdigkeit, hochverehrter Herr, nach meinem Namen und meinem Berufe, resp. Stande zu ftagen. Gerne komme ich Ihrem gewiß berechttgten Wunsche nach. Denn Menschen, die dauernd in Beziehungen zueinander treten wollen, müssen sich ganz genau kennen. Alle ihre Verhältnisse müssen offen und klar daliegen. Ich komme aber ihrem Verlangen um so fteudiger nach, als mein Name ein klangvoller und zu Hoffnung berechttgender ist, ich heiße Raphael Blüthenstiel. Mein Erzeuger, dessen würdiger Sohn zu sein ich die Ehre habe, ich Ihnen gewiß nicht unbekannt. Er hatte schon seil langen Jahren die hohe Ehre, mit Ihnen geschäftlich in Verbindung zu stehen." > Bei diesen Worten, die Blüthenstiel unter Verbeugungen und lebhaftenGestikulationen sprach, und die voll Spannung von dem Hörer vernommen wurden, wußte dieser jedoch noch immer nicht, was der mit großem Pathos Sprechende denn eigentlich wollte, bis dieser dann fortfuhr: ■ „Mein Herr Vater ist "Ihr langjähriger Geschäftsfreund Michel Blüthenstiel, den Sie wohl nur unter dem Namen „Reb Michael" kennen". „Ah, Reb Michael!" warf dann wohl der gespannt Lauschende ein, dem es nun klar zu werden begann, mit wem! er es zu tun habe, „a Frag', ob ich Reb Michael kenn. Wie ich a klaa Jingelche war, hat mich 3le& Michael auf dem Schoß getragen, wenn ich ihm die Matono*, gebracht hatte. Sagen Sie, lebt er noch und is er gesund?" — ' „Ich danke ergebenst "für die güttge Nachfrage", antwortete hierauf Blüthenstiel, sich verbeugend, „mein Herr Vater erfreut sich gottlob einer guten Gesundheit. Leider bedauert er es unendlich, seine lieben „östlichen" Freunde und Gönner nicht mehr begrüßen zu können. Er läßt aber Allen durch "mich seinen Sohn die herzlichsten Grüße entbieten." . „Wie freue ich mich, Ihren Vater bei guter Gesundheit zu wissen", war dann wohl die Antwort, „doch sagen Sie nur, worum kümmt er nit wieder, obgleich er gesund ist?" , „Mein Vater hat mir, seitdem ich ".'mich verheiratet habe und das Geschäft selbstständig betreibe, einen Teil seines Wirkungskreises abgetreten. Ich hoffe, daß Sie das Wohlwollen, das Sie so lairge Jahre hindurch ihm bewiesen haben, auch auf mich, sefnen würdigen Sohn und Nachfolger, überttagen werden. Sie wollen sich versichert halten, daß ich stets Alles ausbieten werde, um d.as Verhältnis "zwischen uns zu "einem beide Teile befriedigenden sich gestalten zu lassen." Dieser Einführungsdialog hatte sich dann jedesmal wiederholt, wenn der geschäftskundige Blüthenstiel die ersten persönlichen Beziehungen zu den „Rentengläubigern", die er vermöge der väterlichen „Cession" nunmehr zu den seinigen zu zählen sich voll und ganz berechtigt hielt, anzubahnen sich bemühte. Und niemand wagte es, ihm diese Berechtigung zu bestreiten. Man bedauerte wohl, fortan "auf die Freude verzichten zu müssen, .den "lieben, guten Reb Michael alljährlich begrüßen zu dürfen, sprach aberauch die Freude darüber aus, nunmehr mit einem so würdigen und hochachtbaren Sohne desselben dauernd in Beziehungen treten zu können. Und so war die väterliche Cession in vollem Umfang von allen „Rentengläubiger" ohne jeden Einspruch "sanktioniert worden. Es war dies ein Erfolg, wie ihn Raphael Blüthenstiel nicht vorher zu erhoffen gewagt hatte. Er schmeichelte sich aber, diesen Erfolg zu einem großen Teile seiner Gewandtheit und Menschenkenntnis zuschreiben zu dürfen. Und als die erste „S'man" seiner selbstständigen Tättgkeit beendet war, konnte er frohen ^Herzens "mit gefüllter Geldkatze zu seiner lieben, guten Zierel heimkehren, die ihn hochbeglückt empfing. Mit jeder folgenden „S'man" hatten sich die Erträge seiner Tätigkeit immer mehr vergrößert und als er nach erfolgreicher Beendigung der vierten „S'man" heimkehrtt, da eilte ihm wohl nicht sein liebes Weibchen jubelnd entgegen, doch winkte ihm dafür im trauten Heim ein gar süßes Glück. Die "junge Familie Blüthenstiel hatte ihr erstes zartes Früchtchen gezeitigt, doch es war nur ein weibliches, das sie nichts desto weniger mit höchsten Entzücken willkommen hieß. Nun hatte Raphael zwei teure Wesen zu versorgen, und mtt doppelter Kraft und doppeltem Eifer setzte er seine Berufstätigkeit fort. lFortsetzung folgt). Halber i'rledrivh yueliv Offenbach a. JL ■■ Gegen Gicht nnd Bhenmatismus bewährt. Bad Harzburg iv/z Pension Parkhaus 53 Salons u. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng ritaeile Häuser 1 Banges unter Babbinats-Aufsicbt an schönst. Wohack Hachh Hofjuwelisi*, l, K&lseretr.l, Frankfurt a.'M. Inhaber: hflL. SLIIcLU. Porten, Juwelen, Gotdwaren* •" —- — Auf Wunsch Auswahlsendungen. — ■ ~~ Wochen-rkazeuver. (Zeitangaben nach dem husch.) Samstag, den 27. Juni (= 28. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Min., in Berlin 9 Uhr 35 Min. Wochenabschnitt: Schelach-lecho. Die Kleingläubigkeit des Volkes. Trotz der .göttlichen Versicherung, daß Palästina ein gutes Land ist, sen- *l Spende. ' ■ - ■■■ ■