Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-06-26 · Heft 25 (26.6.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692587--04055-2698829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Seite 2. Fraaksurter Israelitisches FamilieaLlarr. Nr 25 sichtlichem Gegensatz zur Forschung sich befinden. Erst d a wird der Widerspruch zwischen religiöser und wissenschaftlicher Einheitslehre offenkundig, wo der Forscher nach den Spuren eines höheren Sonderwaltens fragt. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. So wenig es Lei uns Juden Sitte ist, unseren Großen erzene Denkmäler zn errichten, so wenig weihen wir ihnen Gedenktage. Denn wir glauben unsere Großen nicht höher ehren zu können, als indem wir sie in unserem Innern weiterleben lassen. Es war nicht die Absicht, von dieser jüdischen Sitte abzugehen, die den Verein „Nachlaß Z w i" zu einer Akademischen Fesrfeier anläßlich des 100. Geburtstages Samson Raphael Hirsch's s. A. veranlaßte. Im Gegenteil: er wollte der Welt zeigen, daß S. R. Hirsch noch lebt, lebt in tausenden jüdischen Seelen. Und die Absicht ist dem Verein gelungen. Ein zweitausendköpfiges, festlich gellcidetcs Publikum war Sonntag früh in dem Prachtsaale des Kaufmännischen Vereins versammelt, und sein Erscheinen und seine zur Schau getragene Stimmung ist ein beredtes Zeugnis dafür, daß S. R. Hirsch nicht gestorben ist. — — Mit einem von Herrn Kantor Reumann stimmungsvoll einsetzenden Gesang und einem von Fräulein E r n st i u e M o s b a ch e r vorgetragenen Prolog begann die Feier. Dann ergriff Herr H e r - mannSchwab- Halberstadt, der Bruder des Herrn Leopold Schwab, des verdienstvollen und allgemein hochgeschätzten Vereinspräsidenten, das Wort zu einer IVestündigen Rede. Redner entwirft das Lebensbild Hirsch's im Rahmen seiner Zeit. — Hirsch's Ahnen lebten in Frankfurt. Im 17. Jahrhundert zog ein Mann namens Löb Frankfurter von Frankfurt nach Hamburg; dessen Urenkel Mendel, der 1823 starb, war der Großvater Hirschs. Hirsch sollte Kaufmann werden, aber bereits nach einjähriger geschäftlicher Tätigkeit folgte er einem inneren Drange und wandte sich dem Rabbinerberus zu. Hirsch trat also in ein Gymnasium ein. 1821 war Jakob Bernays Rabbiner in Hamburg geworden, und dieser allgemein und jüdisch hervorragend gebildete Mann ward von größtem Einfluß auf Hirsch. Von ihm hörte Hirsch zum ersten Male, daß man ein moderner Mensch sein könne, ohne ein Iota von den Forderungen des traditionellen Judentums aufzugcben. Nach Absolvierung des Gymnasiums geht er nach Mannheim zu Rabbiner Jakob Ettlinger, deni späteren bekannten Altonaer Oberrabbiner, um sich dem Thorastudium zu widmen. 18 Monate bleibt er hier. Sodann studiert er in Bonn Philosophie und Naturkunde. Redner verläßt nun Hirsch und wirrt zunächst einen Blick auf die damaligen Verhältnisse der deutschen Juden. Die Mauern der Ghcttis waren aus Geheiß Napoleons gefallen, und die Inden genossen endlich die langersehnte Freiheit. Leider sollte sich .wieder das Talmudwort bewähren, daß das Judenvolk nicht ungestraft schrankenlose Freiheit vertragen könne. In Berlin und in Hamburg entstanden Reformtempel, und von dort drang die Reform nach Frankfurt. Der Abfall vorn überlieferten Judentum ergriff immer weitere Kreise; ein Pinchas mußte erstehen, wenn das Judentum nicht aintergehen sollte. Da erschienen in Hamburg ,,19 Briefe über das Judentum", und der Verfasser dieser unscheinbaren Briefe, Samson Raphael Hirsch, sollte der Retter werden. Wir hatten Hirsch als Bonner Student verlassen und finden ihn nun als Oldenburger Landesrabbiner. Sein Vorgänger hatte ihn der Regierung empfohlen und nach einer glänzend abgelegten Prüfung wurde er Landesrabbiner. Hier in Oldenburg führte er' die Gattin heim, und hier .schrieb er auch die „19 Briefe". Im letzten Briefe verspricht er zwei Werke: 1. „Maurioh", das nie erschienen ist. 2. „Choreb", in welchem Werke er den Zweck der jüdischen Gesetze zu erklären sucht. Im ersten Brief seiner „19 Briefe" spricht Hirsch noch mit Vorsicht von der Reform; in seinem nächsten Werke „Briefe Naphtalis an Simeon" ist diese Vorsicht geschwunden. Damals erschien in Oldenburg eine Broschüre. die alle Gesetze des Judentums in den Staub zog. Als Antwort darauf schrieb Hirsch gleichfalls eine Broschüre. Nach 10 Jahren in Oldenburg wird Hirsch als Landrabbiner nach Emden berufen. Hier mangelte es ihm an Zeit zmn Schriftstellern. Er bleibt 6 Jahre in Emden und wird dann LandeSrabbiner in Mähren mit dem Sitze in Nikolsburg. Es bedurfte hier seiner ganzen Energie, um den Kampf mit den Reformern siegreich zu Ende zu führen. Inzwischen war in Frankfurt die Reform allmächtig geworden und suchte alles Jüdische zn vernichten. In dieser Zeit traurigsten jüdischen Tiefstandes für das Frankfurter Judentum schlossen sich 11 Männer alten Schlages zusammen, beriefen Hirsch zu ihrem Rabbiner — und Hirsch nahm den Kampfposten an. Die kleine Gemeinde wuchs und wuchs unter seiner genialen organisatorischen Befähigung. Aber Hirsch genügte diese Tätigkeit allein nicht. Er gründete die Zeitschrift „Jeschurun". Alle Probleme, die Beziehungen zum Judentunie haben, wurden hier gründlich erörtert. Aber auch sonst war Hirschs Leben ein glückliches. Seine Söhne sah er in angesehenen Stellungen, seine Töchter mit Gelehrten vermählt. — Damals begann er, des Abends Vorträge zu halten, die nachgcschrieben wurden, und so entstand seine „Pentatcuch-Uebersetzung nebst Erklärung". Durch die hebräische Sprache selbst, besonders durch etymologische Vergleiche, erklärt er den Pentateuch. Durch das Gesetz von 1876 macht er seine Gemeinde, die Religionsgesellschast, selbständig. Bald danach starb seine Gattin; in seiner „Psalmcnerklärnng" hat er ihr ein ewiges Denkmal gesetzt. Noch im höchsten Greisenalter ruhte Hirsch.nicht; bis zu seinem Tode arbeitete er an der „Tefilloh-Ucbersctzung nebst Erklärung". Redner schließt unter lang anhaltendem Beifall mit der Aufforderung, die Güter des Judentums weiter zu pflegen, als Erbe Hirschs, als „Nachlaß Zivi". Herr Landrabbiner Dr. Löf?-Emden überbringt die Glückwünsche seiner Gemeinde, in der der Gefeierte wirkte. Er übergibt dem Verein ein Dokument, das von dem -Organisationstalent S. R. Hirschs Kunde gibt. Herr Jakob Rosenheim spricht im Namen der hiesigen Synagogcngemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft". S. R. Hirschs Ideal war die Selbstständigkeit seiner Gemeinde. Seine Gründung der Religionsgesellschaft bezweckte nicht einen Austritt, sondern einen Anschluß an die jüdische Geschichte und an die fromme jüdische Gesamtheit. Dieses Vermächtnis S. R. Hirschs heilig zu halten, sei das Gelöbnis dieser Stunde. Herr Professor Dr. -S u l z b a ch spricht für das Dozentenkollegium des Vereins. Ein Beweis, wie dankbar die Jugend das Interesse S. R. Hirschs für sie bewahrte, sei die Tatfache, daß Jahre nach feinem Tode sich junge Männer zusammentaten, um den Verein „Nachlaß Zwi" zu gründen. Im Naineil des Vereins der Sabbatfrennde ergreift Herr M. A. L o e b das Wort. Diesen Verein, der von wenigen Mitgliedern heute zu 5000 Mitgliedern in etwa 100 Ortsgruppen angcwachscn ist, verbinde kein äußeres Band mit S. R. Hirfch; — Wohl aber der Mut, den S. R. Hirsch bei seinem Auftreten und der Verein bei seiner Gründung hatten. Als Zeichen der Dankbarkeit werde der Verein i»ei: Artikel S. R. Hirschs im „Jeschurun" über den Sabbat an seine Mitglieder verteilen. Znm Schluß sprechen noch Herr Julius L e w i n für den Verein „Mekor-Chajim" und Herr sind. med. Heinrich Ellern für den „Bund jüd. Akademiker", und dann nimmt die Feier mit dem wirkungsvollen Vortrag eines Doppelquartctts „Die Ehre Gottes in der Natur" von Beethoven ihr Ende. Bevor wir aber schließen, wollen wir noch die Ehrengäste aufzählen, die sich eingefunden hatten. Wir sahen die Kinder und Enkel S. N. Hirschs — Herr und Frau Dr. Plato-Köln, Herr und Frau Michel Leoi-London und Frau Jsak Hirsch Wwe.-Hannover hatten schriftliche Sympathieknndgcbntlgen gesandt —; die Herren Oberkantor Fries - l ä n d e r, Rabbinatsassefsor Posen, Oberrabbiner Hirsch- Zwolle, Vertreter der Gemeindeverwaltung der Israel. Religionsgesellschast, der jüdischen Gemeinden Hanau und Fulda und der Religionsgesellschaften Gießen, Wiesbaden und Bingen, des Vorstandes der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, des Verbandes der Sabbatfreunde, des Bundes gesehcstreuer jüdischer Jngendvereine, der Frankfurter Vereine „Montefiore", „Tifcres Bachurim", „Mekor-Chajim", „Zionistische Vereinigung", ,Misrachi-Ortsgruppe", „Jüd. Frauenverein", der Israel. Realschule und Israel. Volksschule usw. Außerdem waren zahlreiche briefliche und telegraphische Glückwünsche eingelaufen, so von der Landeskanzlei der orthodoxen Judcnheit Ungarns, von den jüdischen Gemeinden Oldenburg und Nikolsburg usw. Die glänzend verlaufene Feier wird ein Nuhniesblatt in der Geschichte des Vereins „Nachlaß Zwi" bilden. Frankfurt a. M. Auch die R e a l s ch u l e der Israel. Religionsgesellschast veranstaltete anläßlich des 100. Geburtstages Samson Raphael Hirsch's eine Gedenkfeier im 'Prunksaale des Kaufmännischen Vereins. Auf dem mit Topfgewächsen und dein Bilde Hirsch's geschmückten Podium saßen das Lehrerkollegium der Schule, die Vorstands- und Ausschnßmitglieder der Israel. Religionsgesellschaft und' die Herren Rabbiner Dr. Breuer,. Rabbinatsassessor Posen und Julius Hirsch. Außer den Schülern und Schülerinnen hatte sich auch eine stattliche Zahl Erwachsener cingesnnden. Mit dem Chorlied „Der Herr ist mein Hirt" begann die Feier. Sodann hielt Herr Rabbiner Dr. Br euer die Festrede. Er unterlegte seiner Rede den Text „Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name Gottes sei gepriesen." Das jüdische Volk habe nie seine Großen geehrt durch die Feier ihrer Geburtstage. Selbstder Feier des Geburtstages der' Thora am 7. Siwan geht unsere Wiirdig» machung für diese Thora am 6. Siwan voraus. Nur so hat die Feier des heutigen Tages Berechtigung, wenn wir im Sinne des Textwortes Gottes Namen zu verwirklichen suchen, indem dieser Tag eine Heiligung unserer selbst ist. Auch S. R. Hirsch kann nur dadurch geehrt iverden, daß man sich seiner würdig erweise, wozu auch gehöre, nur ausschließliches Mitglied der von ihm geschaffenen Gemeinde zu sein. Der ehrwürdige Redner geht nun auf einen markanten Zug Hirschs, „der an demselben Tage, da die sogenannte Reform ihren Einzug in Hamburg hielt, das Licht der Welt erblickte", näher ein, nämlich auf seine Lebensdevise „Tauroh im Derech Erez" und schließt mit dem Wunsche, daß die Zöglinge der Schule, wie Hirsch es wollte, in unwandelbarer Liebe und Treue zu Kaiser!und Reich zn guten Bürgern und guten Juden gedeihen möchten. Herr Direktor Dr. La nge veranschaulichte in seiner Rede den Kindern die Bedeutung S. R. Hirschs, des ersten Direktors der Schule, indem er ein Bild der Reformbestrebungen seiner Zeit gab und nun S. R. Hirschs diesen Bestrebungen entgegengesetzte Tätigkeit beleuchtete. Die Rede des Herrn Direktors fand ihre harmonische Ergänzung in den Worten des Herrn Jakob Rosen heim, der den Kindern als „dem kommenden Geschlecht" die Worte Napoleons zurief: „Die Jahrtausende blicken auf Euch hinab." Zwischen den Reden trugen Schüler und Schülerinnen Gedichte des seligen Direktors Dr. Mendel Hirsch vor — ans pädagogischen Gründen übergehen wir die Nanien der Vortragenden —, und mit einem Chorlicd schloß die sehr würdige Feier. Frankfurt a. M. Seit einigen Wochen findet auch in der W e st e n d - S y n a g o g e (Unterlindau) am Samstag Nachmittag ein Jugendgottcsd i e n st statt, an dem stets eine große Zahl Knaben teilnehmen. Herr Rabbiner Dr. Jac. H o r o v i tz , auf dessen Veranlassung dieser Gottesdienst eingerichtet wurde, pflegt in Anlehnung an die Sidroh oder Pirkeowans eine dem kindlichen Gemüte angepaßte Anfprachc zu halten. Der aus den Schülern der Religionsschnle gebildete und von Herrn Kantor L c v y geleitete Chor trägt zur Verschönerung des Gottesdienstes bei. Mit Begeisterung beteiligen sich die Knaben aktiv an den vom Vorbeter und der Gemeinde abwechselnd vorgetragenen Response». Es dürfte ferner weite Kreise interessieren, daß Herr Rabbiner Dr. Jac. H o r o v i tz einen S ch nick, a n -A r n ch-S ch iu r eingerichtet hat, der jeden Montag im Schulgebäude Untcrlindan 23 im Anschluß an den Gottesdienst abgehalten wird. Die lichtvollen Erklärungen des Herrn Rabbiners und das liebevolle Eingehen auf. Fragen des praktischen Lebens haben bewirkt, daß die Zahl der Teilnehmer sich von Woche zu Woche vergrößert. Berlin. Berliner Brief. Du hast mir keine allzuleichte Aufgabe gestellt, wenn du über unser Berliner jüdisches Leben in den Tagen der 30 Grad Bericht erbittest. Der Zentralvereiu, der Literaturverem, auch die Zionisten haben ihren Sommerschlaf begonnen. Hoffen wir, daß sie alle sich recht erholen von des vergangenen Winters oft mühseliger Arbeit, damit mit erneuten Kräften ein jeder Verein in seiner Weise für das Judentum wirken kann. . . . Besonders der Zentralverein wird ein hohes Lied auf seine Taten gar bald hören lassen: denn seine 7 Helden, unsere berühmten Schweiger, ziehen wiederum in den Landtag hinein, um ihre Stimme sogar dann einmal zn erheben, wenn es sich um-protestantische Glaubeiisbedrängung drehen wird. Der Schatz „unserer" (?!?) Abgeordneten hat sich ja um 4 erhöht. Zwei „liberale" und zwei sozialistische Abgeordnete bekennen sich zum Gotte Judas. Und da zwei eben Sozialdemokraten sind, so dürfen wir (besonders vom Abgeordneten Hirsch) ernstlich hoffen, daß mit donnernder Stimme, nicht im demütig-kriechenden Geflüster der Zentralvereinler, der Cassels und Peltasohns, auf die brutalen Ungerechtigkeiten hingewiesen werden wird, deren wir uns im Rechtsstaatc Preußen tagtäglich zu erfreuen haben. ... Doch jetzt sei von der Politik geschwiegen... Steigen wir empor zu den reineren Höhen der Kunst. . . . Reineren Höhen? Es ist wirklich eine verzweifelt schwierige Frage, nnd ich fühle mich nicht berufen, darüber zu urteilen, ob die Kunst, die uns heute in den verschiedensten Formen und Gewändern dargebracht wird, uns wirklich zu Höhen, zn reinen Höhen, emporführt. So ist z. B. vor wenigen Wochen eine neue k ü n st l e r i s ch e, höchst künstlerische Veranstaltung aufgetaucht, die sogenannten „Schönheits"-Abende. Ich freventlicher Dunkelmann behaupte nun, daß all die Damen und Herren (oder „Damen" und Herrchen) n i ch t gerade um der Kunst willen zehn nnd zwanzig Mark sür ein Bittet spen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.