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Neue jüdische Presse · 1908-06-26 · Heft 25 (26.6.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^xan^ntiet ZImlitWs familiruklatt. —---» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. | Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- I furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post! abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein- I schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: I Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, I sonstige Länder Mk. 2.— I l.....— ... i H-daKNon und Hsschäftsstette: Srankkurt 3.!N.. vilbelerstraße 4/6. Ecke Bleichstraße T-refon 10507. — Herausgeber: AalZ H e rs. <r"" — " 1 '!> Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. i ..— » 6. Jahrgang. Freitag, den 27. Siwan 5668 (26. Juni 1908). Ro. 25. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Wo ch en-Ka lend er. — Familiennachrichten. Die Lebensfähigkeit des Judentums «nd seiner Formen. Nach einen! Vortrag im „Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde", am 9. April 1908, gehalten von Rabbiner Dr. L. A. R o s e n t h a l, Berlin. (Fortsetzung). Wie man es aber von jeher vorausgesehen hat, wird ein so billiger und zugleich blinder Eifer, schon nur etwas recht Neues und Verblüffendes zu sagen, auf den Mittelpunkt des Ganzen, auf das Heiligste, losgehen. Gibt es da etwas Ungetvöhnlichercs, als eine Umwandlung der Gotteseinheit, die das Zusammenhaltende in Israel ausmachen sollte und soll, ini Sinne des Spinozischcn Pantheos vorzunehmen? Statt keusch und in achtungsvollen! Schweigen an diesem Heiligtum vorüberzugrhrn, darin das zweite Gebot zu achten, will nian eine Einheit zwischen Gott und Welt verkünden. 'Ta nun eine Aenderung des Weltgesetzes nicht möglich ist, die Gottheit somit daran gebunden ist,, so ist auch jedes Gebet in per Absicht oder Hoffnung, ein schwebendes Verhängnis zu ändern, ein Gut, das ich nicht besitze, zu erlangen, von Uebel. Damit schwindet für den, welcher die Weite eines Gedankens zu verfolgen imstande ist, sofort die Möglichkeit und Berechtigung jeder Art von Gottesdienst. Was an dessen Stelle treten könnte, ist etwas Vcrschwonimenes imd Unklares, wobei der Mensch sich trotzdem nichts Anderes als ein höheres Wesen denken kann, und damit wäre der alte Zustand da; oder er denkt sich ein in der Welt steckendes und damit zusammcnhängendcs Nichts, und an dies kann er doch unmöglich seine Worte richten. Eine bloße Lehr- und Betrachtungsstunde der Welt ist etwas, was man im alten Judentum in der Bewunderung der Gottesschöpfung besaß. So will nian dem Lehrhaften in der Thoravorlesung entgehen und das Erbauliche an seine Stelle setzen — und hier würde man das Lehrhafte allein aufsuchen müssen! Du warst gewöhnt, im Augenblicke Deiner schweren Sorgen das Gotteshaus zu besuchen; Du fändest hier Deinen Gott, trugst ihm Deine Leiden und Hoffnungen vor und gingst getröstet von dannen. Hier schallt Dir aber das Wort entgegen: Du täuschest Dich! Da ist niemand, der Dich hört, niemand, der Dich tröstet! Du treibst damit Aberglauben ' und Götzendienst! So ist Dir gransanr die Lcbensstütze geraubt, ohne daß Dir ein Ersatz geboten worden ist. Du hast im Gedanken, daß Gott Dich sieht, von einer schlimmen Tat Dich zurückhalten „lassen. Hier ruft man Dir entgegen: Dich sieht niemand! Du hast als Sünder Dich mit Gott zu versöhnen gesucht — hier ruft man Dir entgegen: Es ist in jenen Höhen niemand, der Dir etwas verdenken und von Dir etwas fordern kann! Den Folgen irgend welcher Tat kannst Du trotz aller Bußübnngen nicht entgehen! Und wenn diese Auslassungen nun Ivirklich die großen Massen beeinflußt hätten, so daß jeder Einzelne tief im Innersten empfände, was er mit den Worten ausspricht: Es ist kein Gott! Es weiß niemand genau und sicher, was diese Worte besagen sollen, und im tiefsten Innern seiner Seele bleibt ihm unbewußt die Sicherheit, welche der Glaube an den Weltlauf ihm einflößt. Die Stetigkeit, welche in einem geschäftlichen Betriebe oder im Staatsleben die Ruhe und Sicherheit aller darin sich Bewegenden bedingt, bringt auch nicht imnier die Anerkennung von Seiten aller Untertanen hervor, und trotzdem ist die Regierung des Landes oder die Leitung des betreffenden Betriebes da und ist gerade dem Tieferdenkenden an dem Zusammenstimmen der einzelnen Bestandteile des Gesamtplanes erkennbar. Und so wird bei Betrachtungen des Weltganzen es deni harmlosen Menschen, der ans eigene Forschungen sich nicht stützen kann, weit leichter sein, eine Gottheit ebenso anzuerkennen, wie zu leugnen, da ihm der Zusammenhang des Weltganze» verschlossen ist. Weit schwerer wird das dem Tieferdenkenden sein, der bei weiteren Forschungen staunend immer mehr das Jneinandcrgreisen und die Zweckmäßigkeit aller Einzelheiten im Weltganzen erkennt. Er wird sich nur fragen: Ist dieser 'Zusammenhang Ergebnis einer Absicht oder ist er etwas Gewordenes? Sind diese Einzelheiten zu deni Zwecke hervorgebracht worden, um zur Bildung eines solchen Ganzen geeignet zu sein, oder ist durch ihr Aneinandcrgeraten von selbst dieser nieisterliche Plan entstanden? Ist nur in der M c n s ch e n s e e l e der Begriff des Planes vorhanden und wird er von uns in das Weltall hineingelegt? Woher stammt er denn aber, wenn nicht das Ganze, diese Welt, der Ivir angehören, diesen Zug des Znjammcnschließens aller Dinge aus irgend einer Quelle besäße? Denn was ist menschliches Bewußtsein anders, als ein Zusammenhang von Einzelwahrnehmungcn in uns? Und muß das, lvas wir tabula rasa in uns nennen, nichtschon die Eigenschaft enthalten, in diesem Zusammenhang die Dinge aufzunehmen? Und sollte diese Eigenschaft in unserer Seele, wie man uns entgegenhalten könnte, erst ererbt sein — ist dieser Vorgang an sich nicht ein so wunderbarer und unerklärlicher, daß gerade er uns am meisten die einfachen und so wunderbaren Vorkehrimgen bewundern läßt, durch die eine solche Entwicklung — diesen Begriff vorausgesetzt — vor sich geht? Und könnten wir diesen Vorgang, was undenkbar ist, auch beobachten, so lvürde mit der Entwicklung sich doch immer der Stofs dieser Entwicklung mit denken lassen; wie winzig und gering die Urkraft denn auch sein mag — fortgedacht kann sic nie werden, und die höchsten später sich entwickelnden Gebilde müssen in ihr vorgebaut sein. Wir werden also um so weniger jene Urfragen nach dem Wesen des wunderbaren Weltplanes entbehren können, je mehr die Zahl der sich entwickelnden Zwischenglieder und damit gerade das Wunderbare wächst, je bedeutender das Endziel ist, das vor uns steht, und je winziger die Ausgangspunkte der Bewegung uns erscheinen müssen. Es wird dem Menschen mit diesem seinem Beivußtsein nie gelingen, die gestaltende Kraft mit der gestalteten Masse eins zu setzen. Die Denker sprechen es ja seit der Urzeit aus: Dem Acenschen erscheinen, der Eigenart seines Wesens gemäß, durchaus zwei Dinge notwendig: Ein Bewcgendes und ein Bewegtes — da haben wir's! Wir können nicht anders und werden nie anders denken, und wer hat den Beweis sicher geführt, daß wir falsch denken? Nun komnit der Machtspruch, der Nachsatz des Denkers: Aber an sich selbst sind die Tinge, welche uns getrennt erscheinen, also Zlusdehnung und Denken, Welt nnd Wille, Zeit und Raum, Belvegung und Empfindung, Kraft und Stoff nur eins. Nur eins! Und doch erscheinen sie bei denselben Denkern und Forschern als zwei Seiten desselben. Allerdings, dessen unbedingte Einheit verkündet wird. Und weshalb? Weil der wissenschaftliche Forscher nicht imstande ist, mehr als eine Kraft zu entdecken. Ja, aber ist sie nicht das rätselhafte Ding an sich? Einst, in der Büchner'schen Blütezeit, ist das Ding an sich wirklich geleugnet worden, ja, das Rätsel des eignen menschlichen Lebens nnd Wollens wurde als den Sinnen unerkennbar, nicht anerkannt. Heute ist man gegen damals viel Weitet gekommen, man legt die geheiinnisvolle Kraft in die Dinge hinein, denn leugnen kann man sie nicht; aber das Ding an sich hat doch wieder Raum gefunden. Einige Schritte weiter — wer kann sagen, ob ein neuer Anaxagoras nicht den Geist als Urkraft entdeckt und ob der Weg nicht dem einen Gotte zustrebt? So unmöglich, wie der Büchner'schen Zeit der heutige Zustand erschien, so unmöglich erscheint den Heutigen die von uns soeben angedeutete Bewegung, und trotzdem gibt es nichts Neues unter der Sonne imd nichts Unmögliches in der Wissenschaft. Die Religion, zumal die jüdische, hat diese Wege zu meiden. Mit ihrer Gotteseinheit steht sie aus dem Punkte, von dem abzugehen auf einer Sefte uns der Schwärmerei in die Arme Ivirft, während auf der anderen Seite die Verflüchtigung und Weltentgöttlichung unser Los ist. Eine Einheit betont heute die Wissenschaft, und eine Gotteseinheit betont das Judentum. Eine Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft ist nur bei Betonung der Gotteseinheit in strengstem Sinne möglich, während alle anderen Religionsanschauungen in klaffendem, er-

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