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Neue jüdische Presse · 1908-06-19 · Heft 24 (19.6.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JsraelitWes FamilieMatt. Nr. 24. erweckung um jeden Preis zu dienen — mußte doch einst ein Molisrc gegen solchen Trieb sich erheben und waren doch die Wcrthcrzeit und die romantischen Jahrzehnte davon erfüllt! Da uns aber ein Ausschlicßcn uns unbehaglicher Bestandteile von der Vorlesung nicht möglich ist, so wird eine Verminderung des Stoffes, der den Massen zugänglich wird, verhindert, ihr Auge wird aus alle Seiten des Lebens gelenkt und ihre Denkart von ungesunder Empfindelei ebenso fcrngehaltcn, wie von der nüchternen Lehrhaftigkeit, die immer nach dem fabula docet fragt. Dieser Gefahr nähern sich, wie wir noch sehe» werden, die übernüchtcrnen Neuesten. Nun wollen sic noch die Thoravorlesung entwerten, weil der kaltkluge Menschensinn die lehrhaften Folgerungen aus allem nackt ziehen will, wie ctiva in der Kunst die Gottschedianer taten und was darüber hinausgcht und er nicht versteht, und mag es noch so tief im Volksgefühle begründet sei», das zu entwerten, scheint ihm ein Heldenstück zu sein. Möge nie der Tag kommen, an welchem inan den Inhalt der fünf Bücher Mosis im Gotteshause durch etwas Erbaulicheres ersetzen zu können glauben wird! Und wer mit dem Bestehenden nichts anzufangc» versteht, der »löge de» eigenen Mangel an Schöpferkraft cingcstehen und sich nicht als Lehrer der Menschheit gebärden. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des ovtf). Judentums" wird uns geschrieben: Anläßlich des bevorstehenden hundertsten Geburtstages von Samson Raphael Hirsch s. A. sind der Vereinigung zur Pflege jüdischer Lebcnsanschauung (Nachalath Zwi) i» Frankfurt a. M. von einem Verehrer des großen Meisters 500 Exemplare von Hirsch's „Choreb" zur Verfügung gestellt ioorden. Die genannte Vereinigung hat die zweckmäßige Verteilung der Bücher unserer „Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege" übertragen. Es sollen bei der Verteilung in allererster Linie jüdische Lehrer auf dem Lande und in kleineren Städten berücksichtigt werden, welche beabsichtigen, die Bücher zn Studienzwecken oder bei Lchrvorträgen zu benutzen. Wir bitten demgemäß, diejenigen Interessenten, welche ein Exemplar des Buches zu besitzen und im Sinne des Stifters zu verwenden beabsichtigen, unter genauer Angabe ihrer Adresse sich an das Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen be§! orthodoxen Judentums" Frankfurt a. M., Schützcustr. 14, wenden zu wollen. Frankfurt a. M. Sonntag, den 21. Juni, abends 8V2 Uhr, veranstaltet die bestcmpfohlcne Deutsch-Jüdische Theatergescllschaft im früheren Kaufmännischen Verein (Langestr. 26) eine einmalige Vorstellung. U. a. gelangt die Komödie „Der karger Bankier" von Mogolcsko zur Aufführung. Eintrittskarten sind an der Kaffe zu haben. Berlin. Jüdische Landtagsabgeordnetc. Da der bisherige Landtagsabgcordnete Münsterberg in Danzig nicht wiedergewählt worden ist, werden im Landtage nunmehr definitiv folgende jüdische Abgeordnete sitzen: Aronsvhn, Bankier — Cassel, Rechtsanwalt — Dr. Gerschel, Fabrikdircktor — Rosenow, Fabrikbesitzer — Pcltasohn, Laudgerichtsrat — Waldstein, Rechtsanwalt — Wolfs, Rechtsanwalt — Heimann, Stadtverordneter — Hirsch, Schriftsteller. Kietze«. Die Revision des antisemitischen Landtagsabgcordnetcn Otto Hirsche! gegen das ihn zn 5 Wochen Gefängnis verurteilende Urteil des Landgerichtes Gießen wurde vom Reichsgericht verworfen. H. hatte Geld der Landwirtsch. Genossenschaft in Friedberg, deren Direktor er war, für sich verwendet. Karlsruhe. In dem Prospekt der Kurverwaltung von Königs seid im Schwarzwald, einem Höhcnvrt, der 1806 als Kolonie der Evangelischen Brüdergemeinde in Herrnhut gegründet wurde, findet sich folgende Bemerkung: „Der christliche Charakter des Ortes bedingt auch christliche Hausordnung in den meisten Häusern, Hotels und Pensionen, weshalb Israeliten ihn nicht aufsuchen." (b.) Stratzburg. Da der bisherige jüdische Friedh 0 f nahezu angcfüllt ist und die Kaufabschlüsse des Geländes zur Anlegung des neuen Friedhofes perfekt sind, erließ die israelitische Kultusgemeindc eine Bekanntmachung, daß nunmehr zur Anlegung des neuen Friedhofes geschritten wird. sl,.) Posen. Generalversammlung des Verbandes der Synagogen gemein den des Reg.- Bez. Posen. — Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte der Verbandsvorsteher Herr Ignaz Go ld sch mid t die Erschienenen und gedachte des in dem abgelaufenen Berichtsjahre verstorbenen Gemeinde-Sekretärs und Schriftführers des Verbandes, M. Selka. Im Berichte heißt es: Es haben sich dem Verbände 2 Gemeinden (Murr. Goslin und Zcrkow) neu angeschlossen, während der Abgang einer Gemeinde (Kostschiu), lvclchc sich aufgelöst hat, zn verzeichnen ist. Vereinnahmt wurden: Beiträge von Synagogen-Gcmcindcn: 1060 JL, Beiträge von persönlichen Mitgliedern 366 JL außerordentliche Zuwendungen 84 JL, Beihilfe des deutsch-israelitischen Gemeindebundcs zn den Kosten der Bezirksrabbinate 300 JL, Beitrag einer Gemeinde zu den Kosten ihres Anschlusses an ein Bezirksrabbinat 150 JL, Zinsen 18 JL und verausgabt: 2584.88 JL In der Debatte wurde der Wunsch ausgesprochen, für den Fall der Auflösung von Gemeinden die betreffenden Bezirksrabbincr zu veranlassen, Schritte dahin zu tun, daß etwa vorhandene Legate, welche bestimmungsgemäß nicht mehr verwendet werden können, für andere Zwecke umgewandelt und daß wertvolle synagogale Gegenstände, Gemeinde-Akten uslo. entweder der Synagogen Gemeinde Posen oder dem Gemeinde- Archiv der deutschen Inden in Berlin zur Aufbewahrung überwiesen iverden. Zu Mitgliedern des Ausschusses wurden die Herren Ignaz Goldschmidt, S. Silberberg, Israel Friedl ä n d c r - Posen, Rabbiner Dr. L e w i n - Wreschen, Al f r c d M a r k n s - Pinne wieder gewählt. An der Stelle des von Rawitsch nach Breslau verzogene« Justizrat Breslauer ivurde Herr G. Auerbach- Krotoschin neu gewählt. Oesterreich-Ungarn. Prag. Auch ein Kultusfunktionär. Der zweite Kantor des hiesigen Jubibläums-Tcinpcls (Jcrusalcmsgasse), Adolf Brod, hakke eine ihm unbezahlte Gchaltsforderung bei einem hiesigen Synagcaenverein, dessen Vorbeter er früher gewesen, eingeklagt, ein rechtskräftiges Urteil gegen denselben und aus Grund dessen Exekution erwirkt und durchführen lassen Der Pfändung' fielen anheim: die e w i g c L a in p c, die M e n 0 r a h, das P a r 0 ch e s, der Gebcttisch, der Gebetpol st er, vierzehn S 'i 1b 8 n k e , eine Uhr und vier Thorarollen. : 1 Nicht genug daran, Herr Adolf Brod verlangte die sofortige Ueberführung der gepfändeten Gegenstände in die Auktionshällc. was jedoch "unterblieb. Auf Intervention des Vertreters des Bethäusvercines fand nun am 23. Mai eine Tagfahrt statt, bei welcher der hiesige jüdische Advokat Dr. Julius Brändcis im Rainen des Klägers folgende Erklärung zu Protokoll geben ließ, die festgenagelt zn werden terdient und beredter denn alle Eloge für die Korruption gewisser Kreise im Judentum, welche selbst bas Heiligste nach der Theorie des „les affaires sont les affaires" behandeln, spricht: „Der israelitische Gottesdienst best c h f n ur aus G cb ete n. Es sind garkeinc Gerätschaften z n d c m s e l b e n n 0 t w e n d i g. Sämtliche gepfändeten Sachen bienen nur zur A n s s ch m ü ck u n g oder zur Beau cm lichter t. Das Bor lesen ans der Thora gehört n i ch t zum G 0 t t c s d i c n sst" Nach" dieser famosen Erklärung des Vertreters eines kullnslosen Kuktnsbeamten beantragte die beklagte Partei die Einholung eines Gutachtens des hiesigen Oberrabbinatcs über die Pfändbarkeit der angeführten Gegenstände, welches selbstredend bahinaino, daß Dcvotionalia als geweihte Insignien von jeder Pfändung ausgeschlossen bleiben müssen. „Selbstwehr" Prag. Jubiläums st iftung. Anläßlich des 60. Regiernngssubilnums unseres Kaisers überwies der kaiserl. Rat Moritz Hahn der jüdischen Gemeinde 42000 Ktonen, »ut mit diesem Betrag das Hans Nr. 120 in Berbenc, das 22 Wohnungen zu je 1 Zimmer und Küche enthält, anzukanfen. Die Wohnungen dieser „Moritz und Ernestine Hahn- Stiftung" sollen an würdige Arme vergeben werden. Wadowice, 13. Juni. Die Entführung eines Ind en m äb ch ens in ein Kl0 ster bildete den Gegenstand . einer mehrtägigen Schwurgcrichtsverhandlung, die gestern mit dem Freispruch der angeklagten Nonnen usw.' endete. Das Gericht glaubte den Angeklagten, daß sie nicht wußten, daß das Mädchen noch keine 14 Jahre alt war. Der Fall ist folgender: Der mit seiner Familie nach Amerika ausgclvandcrtc Schankwirt Goldfinger hatte seine jüngste Tochter Balbine wegen eines schweren Augenleidens bei ihrer Tante zurückgelasscn. Die Tante brachte das Mädchen in das Krankenhaus, und als sie nach einiger Zeit ihre Nichte besuchen wollte, war dieselbe nicht mehr da. Die polizeilichen Recherchen ergaben, daß das Mädchen im Krankcnhausc getauft und dann in ein Kloster entführt worden war, — doch bis heute ist esden Behörden nicht gelungen, ihren Aufenthalt z n erfahren. Rußland. Radomisel. BlickineinerussischeKleinst a d t. Wenn inan zur Sommerzeit in Radomisel anlangt, hat man ein schönes Bild vor Augen. Die ganze.Stadt liegt in einem Garten, und ein dichter Wald umringt malerisch die Stadt. Der wasserreiche Fluß „Teterow" schlängelt sich durch die üppigen Wiesen mit frischem, saftigen Grün, und große Herden von Schafen und Rindern grasen auf der Weide. — Ein Gefühl von Ruhe und Behagen überkommt den Wanderer, der die Stadt betritt. Eine chöne russische Kirche schmückt einen großen freien Platz; die Straßen sind breit und gradlinig, wie nach der Schnur; auf der Hauptstraße stehen die palastähnlichcn Häuser der reichen Familie „Hornstein"; die weiß oder gelb getünchten Hästscr sind wn reichen Obstgärten umgeben, alle durch ein hübsches Gitter von einander abgczännt. Und die Bewohner, ein gesunder und kräftiger Menschenschlag, dem man nicht die Sorgen des Tages ansieht. — Welch ein Kontrast bietet sich aber, sobald man das Judenviertcl betritt. Schmale, enge Gäßchen, Haus steht an Haus, fast all mit spärlichem Stroh gedeckt, die Wäiide aus einfachem Lehm, die Fenster schmal und klein und inanche zerbrochene Scheibe mit Papier überklebt — wahre Stätte» der Armut; kein Baum, kein Grün! Die Bewohner, altmodisch und dürftig gekleidet, die Gürtel aus ihrem Leibe, die Hände im Gürtel steckend, das Käppchen hinter der Samtinntze, so wandeln sie wie Geister in den Straßen mib suchen ihr karges Brot durch Arbeit zu erringe». Die benachbarte Stadt Kiew, wo Verdienst zur Genüge vorhanden ist, ist für sie heiliger Boden, de» sie nicht betreten dürfen, andere Großstädte liege» fcru, und die höheren Berufe sind ihnen unzugänglich. So leben unsere unglücklichen Brüder, den schlimmsten Dascinsbcdingungeir ansgesctzt, die auch die Stärksten hätte» mürbe machen können. Was sie trotz alledem erhält und gegen alle Vernichtungs« schlüge schützt, ist die angeerbte Religiosität und das Vertrauen zum Rabbi, eine Kraft, die nie versiegt. Wie eine Flamme, die unter der Asche glüht, so lebt in ihnen daS Vertrauen znm Rabbi. Ich kenne hier blutarme Leute, die kein Hemd auf dein Leibe haben und Brot mit Zwiebeln esse», trotzdenr aber ihre notwendigsten Sachen verpfänden, um jetzt zur Hochzeit des Bojaner Rabbis nach Bojany zn reisen. Religion und Vertrauen auf Gott sind bei diesen Leuten, die, um die Feiertage nach Vorschrift zu begehen, sogar ihre Betten versetzen, die Mittel, durch das Leben durchzukoiiimcn. — I. I. Brau n. Rumänien. Bukarest. Im Distrikt Jassy-Vasluc wurden die jüdischen Gntspächter gezwungen, ihre Güter zn verlassen, da den Juden das Wohnen auf dem Lande verboten sei. — Die Zeitung „Ncamul Romaucsc" gibt ein Verzeichnis sämtlicher jüdischer Schankwirte in Jassh und warnt, bei diesen, deren Getränke Gift enthielten, zn trinken. — Die „Bnei Brith - Logen" beivilligten 2000 Fr. für die Herausgabe eines von Herrn M. Braunstein verfaßten hebräischen Lehrbuches nach der „Jwris b'Jwris -- Methode. H—r. Amerika. New-Bork. Nach der neuesten Statistik beträgt die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten 1 800000 Seelen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein zur Speisung durchreisender Israeliten am Sabbat und Feiertagen veröffentlicht seinen Rechenschaftsbericht über die Zeit vom 1. Januar 1005 bis 31. Dezbr. 1007. In diesen drei Jahren vereinnahmte der Verein 0415 JL, 8726 JL und 8010 Mark und verausgabte 7371 JL, 7725 JL und 7571 JL Der Vorstand des Vereins besteht aus folgenden Herren: H. Birnbaum, Jacob Ettlinger, Meier Selig Goldschmidt, Gerson Jgcrsheimer und Meier Nußbaum. Frankfurt a. M. Montefiore-Bercin Die Reihe der diesjährigen Disknssionsabcnde erösfnete am 10. Juni Herr Dr. Gustav Löffler niit einem Referat, betitelt: „Jüdische Jugendverein e". Her.r Dr. Löffler ließ Revue passieren, was das Streben und die Ziele eines jüdischen Jugendvercins sein sollen und müssen. Von den vielen behandelten Punkten seien nur die Hervorragendsten genannt: Reinheit, Zusammengehörigkeitsgefühl und Einigkeit. Das ganze aber gipfelte in den großen Gesichtspunkten: Erziehung zu gute» Juden, Stärkung des Judentums und Heranbildung jedes Einzelnen zu solchen Menschen, die uns überall Ehre machen. Der Referent, welcher als eifriger Förderer dieser idealen Bestrebungen bekannt ist, hat mit seinen begeisterten und Begeisterung weckenden Ausführungen starken Eindruck gemacht, was besonders aus der sich anschließenden lebhaften und langdanerndcn Diskussion hcrvorging. An derselben beteikigtcn sich u. A. die Herren: Dr. Heinemann, Dr. Hülsen, Felix Meyer, Perlmutter, Han a n e r. Der Besuch war trotz ‘ des schönen Sommerabends ein äußerst zahlreicher.

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