Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-06-19 · Heft 24 (19.6.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692586--04040-2698812
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 24 Frankfurter Israelitisches FamilienbKü. Seite 3, Eine Mahnung. Anläßlich des 100. Geburgtages Samson Raphael Hirschs. „Der Untergang des orthodoxen Judentums in der Diaspora ist, vorausgesetzt, daß auch die östlichen, Juden einmal emanzipiert iverden, in keiner Meise aufzuhalten. Der orthodoxe Jude, der für ein kulturell restloses Eintreten in die anderen Völker cintritt und in der völligen politischen Gleichstellung der Juden ein letztes politisches Ideal erblickt, dersägt damit den Ast ab, auf dem er sitzt. Der orthodoxe Jude kann eine Besserung seiner religiösen Lage nur ans nationaler Basis und am ehesten in einem jüdischen Politischen Gemeinwesen erwarten." Ein starkes Wort, bei dem es Halt zu machen gibt, umsomehr Halt zu machen, da ein Rabbiner*) — wenn auch kein orthodoxer — cs gesprochen hat. Ein nicht nationalgesinnter Orthodoxer freilich wird überlegen lächeln, denn für ihn ist die Tatsache, daß der große Samson Raphael Hirsch das orthodoxe Judentum mit den durch das Fallen der Ghettomanern und die Emanzipation gänzlich veränderten Verhältnissen in Einklang gebracht hat, zu dem Dogma geworden, daß er damit für der Zeiten Dauer des orthodoxe» Judcntuuls Bestand sicherstellte, — und dieses Dogma enthebt ihn der Sorge der Selbstprüfnng. Dogmen sind ein gutes Mittel, sich gcdankennnd sorglos seines Daseins zu freuen; sie sollten aber bei »ns Juden, denen ihr Religionsgesetz das zur „Erkenntnis" führende Denken zur Pflicht gemacht hat, nicht zur Herrschaft gelangen. Werfen wir deshalb einen Blick auf unser heutiges orthodoxes Judentum! Als Samson Raphael Hirsch's gewaltige Persönlichkeit auf dem Kampfplatz des jüdischen Lebens erschien, da waren die Juden Westeuropas bereits in jenen großen Anpassungsprozeß an ihre „nichtjüdische" Umgebung eingctretcn, der zur Vernichtung des „jüdischen" Selbst führen muß. Hirsch erkannte die Situation und entwickelte seine Tätigkeit sofort nach zwei Seiten hin; wie einst unter Esra und Neheinia die Wiedererrichtung Jerusalems niit der ausbauendcn Kelle in der einen und dem abwehrcnden Schwerte in der anderen Hand geschah, so auch bei ihm, indem er in Frankfurt aus einein Nichts heraus eine imponierende altjüdischc Gemeinde mit nxodcrner Stukkatur schuf und in Wort und Schrift den An-> stürmcn her Assimilation parierte. Und wenn heute Hunderte gebildeter Männer sich zur Orthodoxie zählen, so verdanken wir cs ihm. S. R. Hirsch hat so gehandelt, ivie er es nach den Erscheinungen und mit den Erfahrungen seiner Zeit mußte. Damals lvurdc „die Wissenschaft des Judentums" gegründet, die das ganze Judentum als' aus den Zeiten entstanden begriff und damit nun alle assimilatorischcir Neuerungen rechtfertigte. Hirsch sah die Entwicklung und Blüte dieser zu einer religiösen Richtung int Judentum gewordene» Bestrebungen, und all' seine Maßnahmen rechneten mit ihnen. Hierdurch wurde er aber an der Beschäftigung mit dem großen Problem der „Lösung der Judenfrage" gehindert, ein Problem, das übrigens damals noch nicht brennend war; pulsierte doch in dem großen jüdischen Zentrum int Osten Europas noch ein von der Assimilation unberührtes altjüdisches Leben! Eines aber hatte S. R. -Hirsch nicht beachtet und konnte cs auch mit Rücksicht auf die sonstigen Pflichten, die die Zeituinstände gebieterisch erheischten, nicht beachten: nämlich, daß die Beschäftigung mit der außerjüdischen Gedankenwelt bei einer solch' zerstreuten Minorität, tote wir Juden sie darstcllen, immer nur Einzelne dem Judentum erhalten kann. Und so sehen wir denn, daß die wenigen im Hirschscheu Geiste gegründeten Religionsgesellschaften *) Rabbiner Dr. Max Joseph-Stolp in seinem soeben bei M. Poppclaucr-Berlin erschienenen Buche „Das Judentum am Scheidewege. Ein Wort zur Schicksalsfrage an die Starken und Edlen des Mischen Volkes". die Trüinnier Hunderter altjüdischer Dorf- und Kleinstadtgemeinden Deutschlands darstellen und sich aus sich heraus durchaus nicht so entwickeln, ivie man cs bei einer normalen Entwicklung voraussetzcn müßte. Der größte Teil der Jugend dieser Religionsgesellschaften fällt trotz ihrer Erziehung in Schulen, die Thorawissen' und allgemeines Wissen zu vereinen suchcir, der uns nmflntenden nichtjüdischen Kultur mindestens in ihrer T e n k w c i s e zum Opfer, wodurch die Religionsgesellschaften Wohl äußerlich ein erhaltendes Ferment bilden, aber der Kraft der Entwicklung ans innen heraus entbehren. Man hat seit einigen Jahren begonnen, all' die in Stadt und Land zerstreuten Reste der Orthodoxie zu sammeln und hofst, durch eine Konzentration der Kräfte der Schwierigkeiten, unter denen die gesetzestrcue Judcnheit leidet, eher Herr zu werden. Es ist nicht ersichtlich, welche wesentlichen Besserungen auf diesem Wege, der übrigens das Schicksal der infolge äußerer Umstände der Sabbatbeobachtung entfremdeten Majorität außer acht läßt, erzielt iverden sollen; bleibt doch die geistige Assimilation — der Krebsschaden, der auch au dem Mark der orthodoxen Judcnheit frißt — bestehen! Nach alle dem sind die Zukunftsaussichten der Orthodoxie keine erfreulichen, und zwar aus denselben Gründen, ivie bei der Gesamtjudcuhcit; auch die Orthodoxie kann sich, wenn sie den bisherigen Weg weiter versagt, schiverlich erhalten. 1800 Jahre erhielt sich die Judcnheit, weil sie sich ihre Eigenart als Volk und damit ein ihr, eigentümliches Denken wahrte und weil die Sehnsucht nach einem Wiedererstehen im Lande der Väter ihr lebendig im Herzen blieb. Seitdem aber das jüdische Volksbewußtscin, das erhaltende Gefäß für jüdisches Denken, geschwunden und das jüdische Volk zu einer Glaubensgemeinschaft geioorden ist, — seitdem wächst der Verfall lawinenartig, und alle Gegenbemühungen vermögen ihn nicht aufzuhalten. So sind denn die Worte Rabbiner Dr. Joseph's: „Der orthodoxe Jude kann eine Besserung seiner religiösen Lage nur aus nationaler Basis und am ehesten in einem jüdischen, politischen Gemeinwesen ertvartcn", eine Mahnung an jeden ehrlichen orthodoxcir Juden, dem die Zukunft des Judentums nicht gleichgültig ist, zum ernsten Nachdenken. /s Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. Nach einem Vortrag im „Zentralverein für die Interesse» der jüdischen Gemeinde", am 0. April 1908, gehalten von Rabbiner Dr. L. A. R o s e n t h a l, Berlin. lForlsetzung). Es kann nicht unsere Sache sein, die scharfen Umrisse, die Klarheit und Allseitigkeit der Thora den Propheten gegenüber als das Minderwertige anzuschen. Als sich einst der Kampf um die mündliche oder schriftliche Lehre drehte, da sahen die Wahrer beider Lehren, die Vertreter ihrer Einheit ein, daß, wer die mündliche Lehre leugnet, mit denselben Gründen die schriftliche, die Offenbarung an sich, entwerten und gegenstandslos machen kann. Dazu ist es denn auch gekommen. 'Aus gleichen Gründen, die einst den 'Ansturm gegen das t a l m n d i s ch c Judentum ermöglichten, tritt nran heutzutage hüben und drüben dem „starren Formcnzwang" entgegen, der sich im dritten Buch Mosis geltend macht, im Lcviticus und den ihnr verwandten Thoraabschnittcn, im bösen Priestcrgcsetze, das seit Wellhauscn als Schöpfung der hesckiclischen Schule gilt.*) Wo äußere Satzungen vorherrschen, da müssen Gemüt rmd reines Menschentum unbedingt verkümmern, ivie die Vcr- *) S. Hoffmann: „Das Buch Lcviticus" (2 Bände, Poppelauer). Derselbe: „Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhausen'sche Hypothese". innerlicher annehmen. Schlimm genug, daß sich mitten unter den Opfersatzungcn die Bestimmungen über Sünd- und Schuldopfer befinden. Da müßte die Kluft zwischen Göttlichem und Menschlichem am weitesten klaffen, da müßte cs ganz äußerlich heißen: „Bringet das Sündopfer dar, und ihr seid mit Gott versöhnt!" Aber cs heißt nicht so. Gerade dort werden „Achtlosigkeit gegen Gott" und Vergewaltigung, Beleidigung und Schädigung der Mitmenschen unvermittelt neben einander gestellt. Der Darbringung des Schuldopfers hat das Bekenntnis der Sünde voranszngehen, man muß mit allen Opfern das Verfehlte wieder gut machen, sonst ist (gerade nach talniudischen Grundsätzen) das Opfer ungültig. Eine solche Satzung wirst all' die schönen Voraussetzungen über den bösen Priesterkodex über den Haufen. Und ist es nicht böse, daß gerade im Lcviticus ein neunzehnter Abschnitt sich finden muß, in welchem das Rein-Menschliche in einer Fülle eindringlicher Sittenlchren und Mahnungen so kräftig hervortritt, wie nur irgendwo in der Thora oder in den Propheten'? Und müssen wiederuni gerade in diesen Priestersatznngcn die weitgehendsten Bestiinnmngen über die befreienden Wirkungen des Erlaß- und des Jubeljahres stehen'? Da ist die Bibelwissenschast in Verlegenheit! Oder vielmehr sie ist nicht in Verlegenheit: sie kann gar nicht in Verlegenheit kommen. Diese Stellen, folgert sie, kann man den verknöcherten Priestern nicht zutranen; sie sind älter als das Priestcrgesctz. Sie bilden nicht PC, Teile des Priesterkodex, sondern PL, sie sind das in P ausgenommen,: Heiligkeitsgesctz! Etwas kühn — aber wir wollen es einen Augenblick zugebcn. Dann haben die Priester, die doch das Gesetz in der Hand hatten und denen nlan alle möglichen Fälschungen zutraut, diese Gesetzessammlung bereitwillig ausgenommen, haben ihre Opfer- und Reinheitsgesetze dadurch zu vergeistigen und zu verinnerlichen sich bemüht, was doch den ihnen zugeschriebencn Zielen ganz zuwidcrlaufen mußte. Und was die als äußerlich geltenden Formen anbelangt, so haben wir vorher ihren Wert für den Bestand des Judentums angedcntct und werden nachher noch auf ihre sittigende Wirkung kommen. Da sollen wir, das „Volk der Schrift", dieselbe Schrift, weil sie uns erhält, herabmindern in ihrem Werte'? Was die Richtungen im Judentunc auch getrennt haben mag — in Bezug auf die Thora gab es nur eine Gesinnung: Das Buch der Thora, die Rolle, ist äußerlich der Mittelpunkt des Gotteshauses; die heilige Lade wird mit ihrcin Vorhang geschätzt, ivie nur einst im Tempel und in der Stiftshütte. Feierlich, herrscherhaft tritt die Thora aus der Lade hervor, sie scheint mit Moses vor den: Lager Israels einherzuziehen, man steigt zu ihr unter Scgcnssprüchen empor, Ivie ctiva die Stämme Israels sich zum Stiftszelte gedrängt haben mögen; man hebt sie bannerartig vor der ehrfurchtsvoll hinschaueiidcn Gemeinde in die Höhe und herrscherartig tritt sic lviedcr, ivie einst nach dem Zuge Israels die Wolke sich senkte, ins Hciligtuni zurück. Und wer (wenn die Mißbräuche der nicht Teilnehmenden beseitigt werden, die sich übrigens auch bei Predigt und Chorgesang einstellen) die Gemeinde bei dieser Vorlesung beobachtet, der wird einfache Leute aus dem Volke sich in die dem Hebräischen beigesellte Uebersetzung versenken sehen und die Innigkeit bewundern, mit welcher sie nicht nur die Erzählungen und M a h n u n g c n des Fünfbuches verfolgen, sondern sich ebenso bereitwillig mit den schwierigsten Gegenständen des Opferrmd Reinhcitsgesetzcs befassen. Welche geistigen Wirkungen von da ausgehcn, läßt sich kaum ermessen. Und das Alles, seitdenr die Vorlesung des ganzen Gesetzbuches in Israel zum Mittelpunkte des Gottesdienstes gemacht wurde. Ohne diesen belebenden Hauptbestandteil, ohne die Forderung der Vorlesung des ganzen Buches würde der Gottesdienst in Gefahr geraten, einseitig, der Stimmung und darunr gar leicht auch der Empfindsamkeit, der schwächlichen Tränen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.