Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Nr. 24. tzranMrter JsraelMWe- FamMenUM. Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. Eine Erzählung von I. Herzberg-Dromberg. (Fortsetzung). Die erste Gefchäststour, die sogenannte Wintertour, erfolgte in der Regel nach Süden, während die zweite, sogenannte Sommertonr, nach dem Osten unternommen wurde. Wohlausgerüstet begab sich Herr- Raphael Blüthenstiel auf die Reise. Nur der kleine Handkoffer und der obligate Regenschirm bildeten sein Reisegepäck. Unter dem geschlossenen Rocke trug er eine Geldkatze, die möglichst zu füllen sein Wunsch und sein Streben war. So pilgerte er von Stadt zu Stadt, überall längst erwartet und gern gesehen. Denn man hörte mit Vorliebe seine „philosophischen" Auseinandersetzungen, bei denen er sich in den gewagtesten Spekulationen erging, die zuweilen ein bedenkliches Kopfschütteln bei manchem denkenden Zuhörer hervorriefen. Man nahm auch gern die neuesten Mitteilungen über allerlei Vorkommnisse in den einzelnen Gemeinden entgegen und dies uin so mehr, als man eine jüdische Zeitung, obwohl sie nur wenige Pfennige kostete, nicht zu halten für nötig hielt. Und Herr Blüthenstiel verstand es, seine Hörer zu fesseln. Gar seltsam war aber die Tatsache, daß niemand nach dem Zwecke seines Kommens erst fragte, man setzte ihn eben als vollkommen bekannt vorarcs. Man reichte ihm in diskretester Weise die Gabe dar und war schon besorgt, er könnte beim Empfange eine unzufriedene Miene zeigen. Es galt als Ehrensache, möglichst viel zu geben. Man gab "eben ans Gewohnheit. Man kannte Herrn Blüthenstiel, den „bekoweden Mann", seit frühester Jugendzeit; Vater und Großvater hatten ihn stets gern gehabt und ihn mit größter Rücksicht behandelt, warum sollte man jetzt anders gegen ihn verfahren? Darum hatte cs Herr Raphael Blüthenstiel auch nicht nötig, irgend welche Legitimations- Papiere mit sich zu führen; er war genügend durch seine eigene Persönlichkeit, wie auch durch Tradition und Gewohnheit legitimirt. Und war die „GeschäftStonr" beendet, daun kehrte Herr Raphael mit stolzer Miene heim. Er konnte nnnmehr ohne Sorgen die unmittelbar bevorstehenden Festtage im Kreise der Seinen verbringen. Da lebte er denn auch wie ein gut situierter „Balbos" und ließ es sich'an nichts Mangeln; ja, selbst ein AurachZ durfte nicht an seinem immer wohlbesetztcn Tische fehlen. Die Bewohner Aurichs kannten Wohl seine eigenartigen Erwerbsquellen, doch keiner wagte es, darob irgend ein Work des Tadels zu äußern. Und wenn ein allzu Neugieriger in seiner Vermessenheit sich die Frage erlaubte: „Wovon lebt denn Herr Raphael?" — so antworteten wohl die Ueberklugen: „Von seiner Philosophie!" und die minder Klugen: „Von Renten, doch nicht von seinem Kapital!" Herr Raphael Blütenstiel vermied cs kluger Weise, in seinem Wohnorte selber seinen „Geschäften" nachzugeyen. Hier galt er als vollberechtigter Balbos, und er war auf diese Tatsache nicht wenig stolz. > Die Zeit zwischen den beiden Geschäftstouren ließ Herr Raphael aber keineswegs unbenutzt verstrichen. Er neigte den: Grundsätze zu, daß man alles ausuutzen müsse. Mit tiefem Schmerze mußte er fast auf jeder 'Tour wahrnehmen, daß er so manchen Ort, der eine erkleckliche Einnahme in Aussicht stellte, aus Mangel an Zeit oder Fahrgelegenheit unberührt lassen mußte, und rnit bekümmerten Miene sagte er dann wohl zu sich selber: „Wie werden es die guten Leuten bedauern, daß' ich sie diesmal nicht mit "meinem Besuche beehre! Nun, so werde ich sie auf andere Art erfreuen." — Und welcher Art war die Freude, die Herr Raphael all denen zudachte, die auf das gewiß hohe Glück verzichten mußten, von ihm persönlich begrüßt zu werden? 1 Er sandte ihnen durch 'die Post zierliche Briefe, die er zu diesem Zwecke eigens hatte drucken lassen. In diesen Briefen entbot er seinen lieben Freunden Grüße un'd Wünsche für die kommenden Festtage und mit dem Bedauern, daß er den lieben Freunden diesmal fern bleiben muß, und dem festen Versprechen, nächstes Jahr ganz gewiß 'zu erscheinen, empfahl er sich als wohlgeneigter Raphael Blütenstiel. Und sonderbar! Die zierlichen Briesleiu hatten in der Regel denselben Erfolg, als wäre er persönlich erschienen. Ja, mancher verdoppelte den Betrag, den er „dem lieben Freunde" sonst persönlich zu überreichen pflegte, und sandte die Gabe entweder durch Postanweisung, oder in Briefmarken unter Beifügung „bester Grüße" ein. Somit bot dem Herrn Raphael Blüthenstiel die von ihm in so außerordentlich geschickter Weise organisirte Tätigkeit reichlichen Ertrag, und er war zu keiner Zeit dazu genötigt worden, an die Ergreifung einer anderen Berufstätigkeit zu denken, wie . x) armer Aast. dies bei denjenigen seiner Genossen, die „das 'Geschäft" nicht verstehen, gar oft vorkommt. 2. Herr Raphael Blüthenstiel wäre in größter Verlegenheit gewesen, hätte er für sich und die meinen durch irgend eine andere Berufstätigkeit den Lcbensbedarf beschaffen sollen. Er hatte sich von je her in keinem Berufe versucht, hatte 'weder Händel, noch Handwerk erlernt. Er war als der Sohn eines Schnorrers geboren und aufgezogen worden. Sein Vater war ihm ein gewiegter und kundiger Lehrmeister gewesen. Er hätte aber auch all die Leiden und Mißhclligkeiten eines „gewöhnlichen" -Schnorrers aus eigener, langjähriger Anschauung und Erfahrung zur Genüge kennen gelernt. Daher hatte er schon frühzeitig den Gedanken mit sich herumgetragen, hier zu reformiren. Er hätte viel darüber nachgedacht, was zu ändern sei und welche Gepflogenheiten nach und Nach zur Geltung zu bringen seien, um einerseits „die Würde des Standes seiner idealen Beoentnng geinäß" zu haben, andrerseits die materielle» Erfolge zu vergrößern. Auch der Schnorrcrstand sei unter Umständen und in mancherlei Beziehungen eine nnentbehrlichc Macht, erklärte damals 'der junge, tatkräftige und strebsame Raphael seinem Baker, und die Gemeinde Israels könne seiner nicht entbehren, wenn sie eine Anzahl heiliger Pflichten, die Bibel und Talmud vorschreiben, erfüllen tvill. ' „Sind wir cs nicht", so hatte er voll Stolz und Selbstbcwnßtseiu ausgerufen, „die die Schrift sogar Gott gleichstellt", indem sie mahnt: „Wer den Armen (also nns-"schenkt, leiht Gott!" „Durch uns wird Gott geheiligt" und „wer unser nicht achtet, begeht Götzendienst, ja, Mord!" Wer unserem'Stande aber wohlwollend gegenübersteht, wird geschätzt von Gott, als „bringe er Opfer auf seinem Mtare dar, ja, als übe er alle religiösen Pflichten". „Das Heiligtum mit dem Mare ist zerstört. Wir aber sind es, durch welche ein zweites Heiligtum errichtet wird!" Diese mit höher Begeisterung gesprochenen Worte verfehlten bei dem Väter Raphaels ganz ihre Wirkung. Wenn er auch die Richtigkeit und Bedeutsamkeit jener Worte anerkennen mußte, so wollte er von einer eigentlichen Berufsreform keineswegs etwas wissen, und Raphael fand bei seinen Bestrebungen in ihnr durchaus keinen Gesinnungsgenossen. „Ein Schnorrer muß 'ein Schnorrer bleiben, Ivie cs unsere Väter auch gehalten haben, und wir dürfen cholilo wechaß"), nichts daran ändern. „Dallns Waanijüs"^ muß man schon von weiten: uns ansehcu können; um so eher wird das „Nochmonus"Z gctveckt." Diese Worte pflegte der Väter ihm zu erwidern, und der Sohn hörte sie stets "mit einem überlegenen Lächeln an. Dagegen hatte der junge Raphael Blüthenstiel in Reb Hirschel einen warmen Anhänger, der scheinbar voll schwärmerischer Verwunderung auf den „Chochom^j blickte, als welchen er Raphael zu bezeichnen pflegte. Ich sage scheinbar, denn diese Verwunderung war keineswegs der Ausfluß eines besonder» Interesses für die Sache an sich, dazu hing auch Reb Hirschel allzu sehr an den alten, überkomnienen Schnorrcrgrundsätzen, an denen auch 'er voll heiliger Pietät festhiclt und au welchen zu rütteln er innerlich 'für vermessen hielt. Wer er hütete sich ivohl. dieses öffentlich auszusprechen, tun den jungen Raphael sich geneigt zu erhalten. Ja, er stimmte ihm lebhaft zu Und pries sein Organisationstalent. Dieses geschah nebenher aber auch aus purer Oppositionslust seinen Konkurrenten gegenüber, mit welchen er sich gar zu gern in Widerspruch setzte. In letzter Reihe war es aber noch ein stiller Wunsch, den er hegte, und der ihn veranlaßte, Raphaels Partei zu ergreifen. Er hatte die besondere Befähigung des jungen Mannes erkannt, und er prophezeite ihm eine große Zukunft. Darum erkannte er es als 'ein hohes Glück, ihn: dereinst seine Tochter Ziercl zur Frau geben zu können. Raphael Blüthenstiel war aber auch schon seit langem auf die seltenen Reize der schwarzäugigen Ziercl aufmerksam geworden, und sie hatten ihren Eindruck auf ihn "durchaus nicht verfehlt. Reb Hirscbels stiller Wunsch "fand denn auch seine Verwirklichung, seine Ziercl wurde Frau Blüthenstiel, eine Tatsache, die ihm als das höchste Erstrebenswerte galt. Seit langem schon hatte er sich auf diesen für ihn bedeutungsvollen Moment vorbereitet, und die Hauptsache, die Nedan^), 'lag bereit. Es waren dies dreißig blanke, blitzende Goldstücke. An dieser Summe, die ihm als ein bedeutendes Kapital erschien, hätte er schön seit vielen Jahren gesammelt. Wo 'et nur „arbeitete", hätte er das' Wohlwollen seiner „Kundschaft" dadurch zu -erhöhen getrachtet, daß er in glückseliger Stiinmung besonders betorrte, seine Tochter, seine Zierel, sei '„nun bald auch so weit", er komme nur noch „for seine Tochter". Und der Erfolg war nicht ausgcbliebcn, loenn es 'auch ziemlich lange gedauert hatte. In einem alten, weißen Strumpfe lagen die blitzenden Goldsüchslein. 2t Gott verhüte! 5,i Armut und Dürftigkeit. *) Mitleid. 5j Klugen. Mitgift. Manches Jahr war seit jenem Abend vergangen, als er in: Stande gewesen war, von den erworbenen Pfennigen und Silbergroschen die erste "Mark zurücklegen zit können. Und als zu dieser eineu Markt noch neue andere sich hinzugesellt hatten, da hatte er sie gegen ein Goldstück eingewechselt, bis er zu dem einen Goldstücke noch neun und zwanzig hatte hinzufügen können. An jedem Mend, bevor er sein Nachtlager anfsuchtc, weidete er sich an dem Anblick der glänzenden Goldmünzen, er zählte sie tind ließ sie liebkosend durch seine dicken Finger gleiten, indem er wiederholt murmelte: „Alles for mei Tochter! Alles for mei Zicrelche!" Dann legte er die Münzen in de» Strumpf und verbarg den kostbaren Schatz an einem geheimen Ort. Und als jener Tag genaht war, an welchem seine Ziercl Frau Blüthenstiel werden sollte, da hatte er seinen Schwiegersohn zu sich veschirdcn und leuchtenden Auges die dreißig Zehnmarkstücke vor ihm aufgezählt. Dann hatte er mit einer stolzen Geste auf das Geld gedeutet, als habe er eben ein Kapital von nichrcren Tausenden übergeben und, Raphael Blüthcnstiels Rechte erfassend, folgende Worte gesprochen: „Hier, lieber Schwiegersohn, geb ich der die Neda», ich hob es mer sehr sauer werden lassen darum. Glaub mer, mei Tochter hätt' mit 'diesem schönen Geld a anderen Schidduch mache» kennen, sie hätte a Handwerker, oder a Kaufinann gor kriegen kennen. Aber ich hob Dich vorgezogen. Ich hob mer gesagt: Wenn mei Zicrelche, hob ich kner gesagt,' a Handwerker, oder gor a Kaäfmann kriegt, werd se mitarkeiten müssen. Mei Zierelche aber soll arbeiten? Cholilo wechaß! Doderzn is des gute Kind zu gutderzogeu. Bei Dir braucht sie nit zu arbeiten. Du Werst >e leben losscu wie a SrorcteH. Darum Raphaelleben, hob ich sie Dir gegeben, und ich weiß, daß ich mer nit gewischt sehn werd. Sou, mach denu mei Kind glücklich, itcntnt das Geld und geih bescholanm!"— (Fortsetzung folgt). Kaiser Friedrich Quelle — - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Bad Btarzburg TO PensionParkhans 53 Salons n. Famüien-Dependanca Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I Ranges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. Waldlage. Geöffil.Mai-l.Okt. Prosp.aratis. Max Hecht Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Luaeh.) SamStag, den 20. Juni (= 21. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Mn., in Berlin 9 Uhr 40 Min. Wochenabschuitt: B c h a a l a n s ' ch o. Die Weihe der Leviten, die, nachdem diese ihr Haar geschoren und ein Opfer dargebracht hatten, durch Ahron selbst geschah. Die Borbereitungszcit für den Dienst lvährte fünf Jahre, von: 25. bis zum 30. — Der goldne Leuchter soll sieben Lichter tragen, täglich gespeist von reiiistenr Olivenöl, ein Bild deS reinen Gottesgcistes nild Thoralichts, das stets in Israels Mitte strahle. — Wer durch einen Unfall verhindert gewesen, am 14. Risan das Pesachopfer zu bringen, der darf zum Ersatz ein solches am 14. Jjar bringen. Auch dieses sogen. Pesach-Scheini muß mit ungesäuerten Broten und bitteren Kräutern genossen werden. — Die Zugsordnung beim Aufbruch des Lagers. Erhob sich die Wolkensäule, so brach man die Stiftshütte ab. Wo sie sich mcderließ, stellte man das Stiftszelt wieder auf. Trompctensignalc zeigten an, ob sich die ganze Gemeinde oder nur die Fürsten versammeln sollten, oder ob die Stiftshütte aufbrcchen soll. Je nachdem stieß inan in eine oder zwei Trompeten mit geradem oder schmetterndem Ton. — Das Volk ist »rißmutig. Gott bestraft es mit Feuertod. Das Volk murrt, verachtet in seiner Undankbarkeit selbst das köstliche Manna und lobt die egyptischen Zeiten. Moses ist bis zur Verzweiflttng empört, verwünscht sich das Leben. Gott gibt ihm 70 Männer zur Mitregierung, darunter Eldad und Mcdad. Diese, durch besonderen prophctischerk Geist ausgezeichnet, konnten selbst inmitten des Lagers weissagen. Das erregt die Eifersucht Josuas, Moses treuen Dieners. Moses beruhigt ihn mit den schönen Worten: „O, wäre doch das ganze Volk prophetisch usw." — Das lüsterne Volk stirbt »ach deni Genuß von Wachteln. Der Ort ihres Begräbnisses führt dauernd den Name» „Äivrans Hataawoh", Gräber der Lüsternheit. — Moses Demut zeigt sich wiederum, als Ahron und Mirjam seine Prophetie geringschätzig beurteilten. Moses, der „bescheidener war, als alle Menschen auf der ganzen Erde", beachtet die Herabsetzung nicht; Gott aber tritt für ihn ein und erklärt 7) vornehme Frau. v«