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Neue jüdische Presse · 1908-06-19 · Heft 24 (19.6.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 24 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24. Sette 2. des Schulhaus. Ahr Lichtträger und Baumeister Samson Raphael Hirsch immer voran — rastlos und restlos dem hingegeben. Bald mit anciferndem, zürnendem oder beseligendem Wort, bald mit seiner, herzvollcr, wohlgestalteter Tat, bald mit reicher, tiesgründiger, lebensvoller Schrift. Zu Ansehen, zu Geltung, zu Verehrung bringend in allen Weltteilen nicht nur sein Werk, zu neuem Ansehen, zu neuer Geltung, zu neuer, gereinigter Verehrung in allen Weltteilen bringend auch die Thaurc. Dabei als höchstes Ziel der Thanro erstrebend ihre unmittelbare Einwirkung aufs Leben. Wie ein Prophet warnend vor Selbstüberschätzung, warnend vor Unzucht, warnend vor Kleinmut. Wie eine Mutter bittend um Demut, bittend um Nächstenliebe, bittend um Festhalten am Gesetz. Damr wieder mit der Geiste! des Sarkasnms peitschend die Satten, die Selbstgcnügsämen, die Leichtfertigen. Stets zur Stelle, mit allem vertraut, jedwedem gewachsen, den Schlaf von den Wimpern scheuchend und den Schlummer von den müden Augen. Von den traulichen, leuchtenden, blitzenden Augen. Die sich nicht gcnugtün konnten inr Erforschen alles Wissens. Die sich nicht genugtun konnten im Ergründen der Herzen. Die erhellt und geschärft und geläutert waren von göttlichem Glanz, von göttlichem Licht, bis sie sich nach 8 Jahrzehnten irdischer Gesichte schlossen. Schlossen — satt und doch nicht ganz gesättigt. Weil sie bei allen Fortschritten, bei allem Blühen doch in den Geschlechtern, die sie beobachteten, noch nicht die ganze Durchdringung der Persönlichkeit mit dem Geiste und dem Herzen der Thanro gesehen hatten. Weil sie noch Trübes und Unreines, Schwankes und Unreifes wahrnchmen mußten. Weil sie ach: noch die Bewältigung der sinnlichen Leidenschaft und die eherne, beharrliche Festigkeit auch im kleinsten Gottesgebot nicht wahrnehmen konnten. Denken wir mitlebenden, wir Nachlebenden Geschlechter dieser Augen. Geloben wir uns, den trüben Vorwurf in ihnen zu beseitigen. Geloben wir uns, mit aller Kraft Herr zu werden unserer sinnlichen Neigung und Leidenschaft. Geloben wir uns, in allen Lebens- und Geschickeslagen „b'chol mkaumaus memschaltau", an allen Orten Seiner Herrschaft nicht einen Fußbreit zu weichen vom Wege der Thanro. Geloben wir, die Keuschheit des jüdischen Hauses aufs Strengste zu hüten. Geloben wir uns, mamrhaft und kernhaft fortzuschreitcn in jüdischer Sclbstvervollkommnung. Dünn werden die treuen, lieben, lichten Äugen S a mson Raphael Hirschs von der Höhe in vollem, ganzen Glanze zu uns herabstrahlc». An seinem hundertsten Geburtstage und immerdar. P. Samson Raphael Hirsch. Von Maxime Le Maktre -Bern. Die Zeit und ihre Tendenzen hatten die Ghettomauern baufällig gemacht. In Deutschland lebte Goethe, in Frankreich der Weltgeist zu Pferd, wie .Hegel den großen Napoleon nannte, und in England sang Byron seine „Hebräischen Melodien". Die Völker Europas, von der reichen Bildung des achtzehnten Jahrhunderts durchtränkt und gesättigt, strebten immer neuen Idealen zu, und die besten Geister der Völker des Abendlandes rangen um die Gewinnung neuer ~ Geisteswcrtc. Der Bildung des Geistes folgte eine Bildung der Persönlichkeiten. Das größte Gut der Erdcnkinder ist nur die Persönlichkeit, lehrte der „große Heide". Die klassische Philosophie in Deutschland hatte den Einzelnen in seine Würde eingesetzt, die Romantik das Kollektivum, das Volk. Durch Europas Lande wehte ein nationaler Zug. Der Aufruf „An mein Volk", Kleists „Hermannschlacht" und Pitts „Politik" bezeugen von dieser Tendenz der Zeit. Diese Blitze, die sich am Himmel der europäischen Kulturwelt kreuzten, mußten auch in die Frankfurter FsraüÄWs FisMeMM. finstersten Judengassen einen Strahl werfen, und die Augen ihrer Insassen blenden. Das Kampfgewühl, das Europa durchbrauste, mußte die Geißeln christlicher Nächstenliebe aufrütteln, — und der Freiheitsdrang, der Europa durchstürmte, riß die nach Licht und Freiheit Lechzenden mit und trieb sic mit elementarer Gewalt in den Strudel der Leidenschaft der Zeit hinein. Auf diesem Krater, der wilde Leidenschaften und dämonische Kräfte spie, hat die jüdische Reform in Deutschland ihre Wiege gesehen. Der Jude hatte sein Entrccbillet in die Kultur erhalten oder cs sich selbst genommen. Als Mensch reif, konnte er sich nicht mehr wie ein Kind behandeln lassen, er konnte cs nicht mehr dulden, daß etwa ein Frankfurter Magistrat bestimmen sollte, ob sein Kind in diese,n oder nächstem Jahre heiraten solle, ob sein Sohn dieses oder jenes Handwerk treiben dürfe. Er wollte frei sein, souverän über ~ sein Ich verfügen. Die - Juden haben inimer das Privilegium für Ausnahmen. Individuelle Freiheit, nationale Freiheit, Selbstbestimmung — alles Pvstulate der Ethik —, und die Ethik hat doch den Menschen und die Menschheit zum Objekt. Allein die Juden erfreuten sich auch beim Ausstellen dieser herrlichen Postulatc des Privilegiums der Ausnahme. Der deutsche Freiheitsstürmcr sagte ihm: „Du bist ein Jude und von der Freiheit dispensiert, der deutsche Wartburgheld hat des Juden in seinem Schwur nicht gedacht — denn der Jude lebt im Reiche der Ausnahmen." So hat der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts den Juden in einen Konflikt gestellt, der sich später zn einer Tragödie verdichtete. Diese Tragödie heißt „Reform". Die jüdische Reformbcstrebung in Deutschland weist zwei Phasen aus. In ihren ersten Anfängen bildet sie das Resultat des Einflusses der deutschen Aufklärung, in ihrem zweiten Stadium, das mit Geiger ansetzt, entwickelt sic sich zu einem Vernichtungskampf gegen die Existenz des jüdischen Volkes. Anfänglich wollte sie nur reformieren, später hat sic gesucht, alles aus dem Judentum hinauszureformicren. In ihrer zweiten Phase galt es, die Frage zu beantworten: Wie ist der Anschluß der Juden an die deutsche Nation zu vollbringen? wie läßt sich aus der Zweiheit „Deutschtum und Judentum" eine Einheit bilden? Tic Frage — so zugespitzt — konnte nur einfach beantwortet werden: das Judentum muß unigeformt werden. Diese Umformung des Judentums kommt einer Erdrosselung der jüdischen Nation gleich. Was kettet alle Juden in der Diaspora aneinander? Die Religion. Dhut, formen wir die Religion so um, daß sie nicht mehr ein Ausdruck der Einheit sein kann, und lvir sind unserem Ziele nahe. In dieser kritischen Zeit ersteht der Judenheit der große Mann, dessen man anläßlich seines hundertjährigen Geburtstages am 20. Juni 1908 in Liebe, Dankbarkeit und Verehrung gedenkt: Samson Raphael Hirsch. Achtundzwanzigjährig schickt er seine „Neunzehn Briefe" in die Welt. Dieses kleine Merkchen, aus den, mau fälschlicherweise heute einen Antiheckelianismus heransklügeln will, bildet ein Kapitel in der Geschichte der jüdischen Geisteskämpfe in Deutschland im neunzehnten Jahrhundert. Hirsch kannte die Fragen seiner Zeit, und in den 19 Briefen . geht er an ihre Beantwortung. Und für die zwei Probleme seiner Zeit, „Staatsbürgerrcchte und religiöse Reform" sucht er da eine Lösung zu sindcn. Als Kind seiner Zeit zog er die Judenheit nur als Religionsgemeinschaft (Brief 16) in den Kreis seiner Erwägungen, negierte demgemäß die Existenz des jüdischen Volkes als nationale und politische Einheit. Aber nicht seine Ansicht von der Natur der jüdischen Einheit, sondern seine religionsphilosophischen Lehren machen ihn zum gefährlichen und erfolgreichen Gegner der Reform. Die Pflicht der Juden, so lehrt er, ist es, sich im Lande einzubürgern und sich in keiner Beziehung weder politisch noch national von der einheimischen Bevölkeruirg abzusondern. Damit glailbte Hirsch, das letzte Wort über die innere Judenfrage seiner Zeit gesprochen zu haben. Wenn die Inden keine nationale Gemeinschaft bilde», so steht ihrem Anschluß an die deutsche Nation nichts im Wege. Damit hatte er vor den Reformern einen beträchtlichen Vorsprung. Äie ethischen und politischen Aufgaben des Tages 'brauchen in die jüdische religiöse Einheit nicht einzugrcifen. Mit der Lösung dieser Frage ist ihm auch die Resorinfragc beantwortet. Was den Inden nottut, ist nicht religiöse Reformen im negativen Äcigcrschcn Sinne, sondern umgekehrt: unser Bestreben muß cs sein, die jüdischen Religionsgebote zn erfüllen. Der Glaube allein genügt noch nicht, das Judentum, resp. die jüdische Rcligionsvorschrist fordert Handlung. Judentum kann nicht so etwas sein, was wir selbst wählen. Es ist des Juden Pflicht, der Thora in ihrer ganzen Reinheit rmd Lauterkeit zu leben. Hirsch war nichts weniger als ein Feind wissenschaftlicher Forschung, indes wollte er von einem philosophischen, ausgeklügelten Judentum nichts wissen. Aus seiner scharfen Scheidung zwischen Religion und Wissenschaft ist seine Stellung zu Maimonides zu erklären. Nichts ist nach Hirsch falscher als eine ausgeklügelte Aussöhnung zwischen Religion und Wissenschaft, beziehungsweise Philosophie. Zu dieser Anschauung mag ihn der Ausgang der Mcndelssohnschen Aera bestimmt haben. In feinem „Jerusalem" hat sich Mendelssohn bemüht, nachzuweisen, daß man gesetzestreuer Jude sein kann und dabei doch philosophieren könne, ohne daß die Philosophie der Religion Abbruch tun wird. Allein Mendelssohns Schüler sind nicht mehr in den Fußtapfen ihres Meisters gewandelt. Sind so die „Neunzehn Briefe" eine Kritik jenes Zeitalters und die erste Grundlegung zu einer positiven Lehre, so bildet der „Choreb" den Canon des positiven traditionellen Judentums. Der „Choreb" ist verschiedenartig beurteilt worden, denn er bildet kein einheitliches Werk. Ich muß cs niir jetzt versagen, auf eine nähere Besprechung dieses grundlegenden Werkes einzugehen. Im Kapitel III meiner jüdischen Probleme, das die jüdische Tradition und ihre Philosophie behandelt, und das in Bälde erscheinen wird, habe ich die jüdische Weltanschauung des Meisters ausführlich entwickelt und sic einer eingehenden Kritik unterworfen. Es liegt überhaupt nicht in meinen Intentionen, anläßlich des hundertjährigen Geburtstages von S. R. Hirsch eine rcligionsphilosophische Studie über den Begründer der jüdischen Orthodoxie in Deutschland zu schreiben. Ich wollte. vielmehr die Tendenzen der Zeit, aus welchen Hirsch hervorgegangen ist, kennzeichnen. ' Die Leistungen von Hirsch sind zum Gute der elementaren Geschichte des Judentums geworden. Was die Stürme der Zeit umznstoßen und zu entwurzeln gesucht haben, hat Hirsch kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit selbst wiederhergestellt und — sofern sich etwas wieder gut machen läßt — auch gut gemacht. Freilich hat Hirsch in manchem geirrt, aber heute ist nicht die Zeit dazu und nicht der geeignete Moment, die Jrrtümer und ihre Folgen nachzuweiscn. Unter all den Gestalten und Kämpfern pro und contra, welchen wir in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begegnen, ragt der Begründer der jüdischen Orthodoxie auf rein konfessioneller Grundlage am schärfsten hervor. Denn Hirsch war nicht nur ein führender Geist, sondern ein gestählter Charakter rmd gewaltige Persönlichkeit, die ganzen Generationen ihr Siegel aufgedrückt hat. Er wußte, was er wollte, er glaubte an seine gute Sache, er besaß die Kraft, seine Weltanschauung mit Nachdruck zu vertreten, und in seinem Verhältnis zu einem Geiger und Jost hat ihm die Geschichte tausendmal recht gegeben.

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