Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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afrurlitifdirs fiiuilifiitilutt. i — > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— C.- H>edaKkton und H>efchäftsst«rrle: Frankfurt a. ITC., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Telefon 105V7. -Ki= Hsrausgeber: GalZ chei§. r~- - .1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinknnft. _ 6. Jahrgang. Freitag, den 20. Siwan 5668 (19. Juni 1908). No. 24. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Samson Raphael Hirsch. — Samson Raphael Hirsch. — Eine Mahnung. — Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Samson Raphael Hirsch. Zur 100: Wiederkehr seines Geburtstages. Wie sich sein Bild mir darstellt? Das Bild des Großen, Herrlichen, Gewaltigen? Des Starken, Festen, Hochragenden? Unter dessen Füßen wie Gras zusammensanken die Neuerer? Bei dessen Nahen tote Frühlingsblüten emporsproßten die Alten? Der Jubel entfachte in den Herzen der Gedrückten? Der Scham aufwecktc in den Seelen der Stolzen? Der Stolzen, die sich schon frei dünkten von den Ketten der Thauro und in deren Hirnen und an deren Armen um so harter, um so lauter, um so eiserner klirrten die Fesseln der Sinnlichkeit. Jener Sinnlichkeit, die nur gelten lassen will, die nur anerkennt, was ihr leiblich greifbar und wahrnehmbar ist. Die sich ihr Gesetz selbst formt, ihrem eigenen Belieben und Behagen, ihrer eigenen Bekömmlichkeit gemäß formt. Ein Ritter war er, Samson Raphael H i r s ch. Und ein Lichtträger war er und ein Freudcnspendcr. Ein Zerstörer war er uno zugleich ein Ernährer und ein Erbauer. Sein Rittcrschwert war geschmiedet ans uraltem, blinkendem Gold. Geschmiedet ans dem lauteren Gold, geglüht in dem heiligen Feuer des Feuergesctzes, der Thauro. Drum wars so rein, drum wars so mächtig, drum >vars so sieghaft unwiderstehlich. Kleine, befangene Menschlein warens, die sich mit ihren Waffen widersetzen wollten, da sic sich Riesen wähnten. 'Riesen des Geistes, Riesen des Wissens, Riesen der Üniversalbildung. Die herrisch pochten auf die Errungenschaften der Zeit. Die die Zeit glorifizierten und ihre Tafelfrenden cngesellt mitkosten wollten. Enggesellt mit den Beherrschern, nein, Untertanen der Zeit und der Zeitlichkeit. Mit den Verkündern einer fremden, abgesplitterten Religion. Die Mannesnmt zu besitzen glaubten — und doch nur den Mut der Unterwürfigkeit unter das Joch ihrer Wirtsvölkcr besaßen. Die keinem das Recht freier eigener Meinung, keinem das Recht freier Selbstgestaltung seines Lebens nach unvergänglichen, Jahrtausende -urchdauernden Normen, das Recht freier Erkenntnis und Selbstgestaltuiig seines Lebens zugestanden, als — sich. Ihnen trat der Ritter entgegen — diesen Knechten, Rebellen und Fürsten. Den Knechteil . ihres Jchs, den Rebellen gegen die Thauro, den Fürsten im unheilvollen, nnistrickenden Einfluß ans ihre Umwelt. Denn die Welt beugte, sich ihnenjauchzte ihnen zui Es schmeichelte ja ihrer Einbildung, es stimmte ja mit ihren Gelüsten so völlig überein, lvas ihnen da gepredigt wurde. Und man konnte unter Priesterlicher Sanktion so icmft und bequem abschütteln, was einen in der Bclvegungsfrciheit hinderte. Flammender Zorn erfüllte Samson R aphael Hirsch. Pinchaszorn, Moseszorn, Gottcszorn. „Wer für Gott ist und für Sein Gesetz — her zu mir!" Sein Ruf schallte und hallte wie Donnerton. Erst spotteten jene: „Bah, der alte Klang!" Dann horchten sie auf. Der alte Klang, ja. Aber mit neuer Stärke, aber mit vertiefter Innigkeit, aber mit geistreicherer Schärfe. Unruhe und Aufruhr in ihrem Lager. Vielleicht ahnte man schon, was den Ritter spornte und beseelte. Gewiß jedoch erkannte man, daß cs ein mächtiger, ein bedrängender Feind war, vor denr mair aus der Hut seilt mußte. Man griff zu unheiligen Mitteln. Man scheute sich nicht, Habgier, die Ersparung des Steuecgroschens, dem Senat der Freien Reichsstadt Frankfurt a in M a i n als Motiv der Absonderung anzugeben. Dann blähte und sträubte man sich im Bewußtsein seiner modernen Bildung. Der modernen Bildung, die man angeblich allein in Erbpacht geitontmen zu haben glaubte. Von der den Altgläubigen, den Altanhänglichen auch nicht ein Quentchen zu eigen wäre. Der Ritter hielt stand. Ritterlich und aufgerichtet. Er zerriß mit kräftiger Faust, er zerhieb mit männlicher Haird das Lügcngeivebe, daß unser Geldbeutel unser hohes Streben bestimmt und daß unsere Thauro, der Inbegriff alles Denkens, der Inbegriff alles Gemüts, lveltlicher Bildung abhold, Iveltliche Bildring ausscheidend ist! Und er pflanzte die Lichtsäule der wahr und richtig erkannten, der ivahr und richtig beherzigtet! Thauro hoch und lveithin sichtbar auf. Um sich elf Getreue — ganze elf! Und diese elf begannen zu loandeln im Licht dieser Lichtsäule, immer klarer, immer ergriffener, immer durchwärmter. Und Scharen ans Scharen strömten diesen elf zu und brachten ihr Hab und Gut, und brachten ihr Lieben und Leben dieser Lichtsäule dar. Bauten sich, bauten ihr aus der engen Beschränkung eines Betzimniers heraus ein hohes, prangendes Bethaus. Bauten sich, bauten ihr aus dürftigen, kleinen Lernzimmern heraus ein hohes, prangenps®'*- üi-V Samson Raphael Hirsch d-