Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 3, 9tt. 23 Frmckfur^ FsraÄitWcS KmrMeMM. tragen durch die Gerüchte über die Rolle der Juden in den Oktobertagen zu erklären. Gestern, 21. Mai (3. Juni) wurde das Urteil gefällt. Es wurden verurteilt: 2 Angeklagte zu je 4 Jahres. 1 zu 2 Jahren uub 8 Monaten Zwangsarbeit; 2 zu je drei Jahren, drei zu je zwei Jahren, „Arrestantenabteilungen" (eine Art Zuchthausstrafe); 1 zu zwei Jahren, ,1 zu einenl Jahre und 1 zu 6 Monaten Gefängnisstrafe. — Man braucht sich indes über das Geschick der armen Teufel keine Sorgen zu machen: die Begnadigung wird nicht lange auf sich warten lassen. Deshalb darf man sich ja jetzt auch den Luxus leisten, die Pogromhelden zu so verhältnismäßig hohen Strafen zu verurteilen. Odessa, 4. Juni 1908. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Am Sonntag fand im Rufs.-Poln. Bcs-Hainidra sch unter reger Beteiligung ein Sinm auf „Erubin" statt. Diese Nachricht, so erfreulich wie sie an und für sich auch sein mag, wäre, da es G. s. d. hier keine Seltenheit' ist, daß solche Feiern begangen werden, gewiß nicht der besonderen Erwähnung wert, wenn ich damit nicht den Zweck verbinden möchte, ein größeres Publikum auf das hier so segensreich wirkende Bes- Hamidrasch aufmerksam zu machen. In den Räumen desselben (Rechncigrabenstr. 12) finden neben dem täglich dreimal stattfindenden Gottesdienst täglicher Schiurim über Tenach, Mischnajith, Gemoroh und Schulchan-Aruch, unter der vortrefflichen Leitung des als großen Talmudgelehrten bekannten Herrn R u b i n st c i n, statt. Das Besä- Hamidrasch ist von frühester Morgenstunde bisHpät Nachts geöffnet und stets von vielen armen Leuten speziell Lernenden frequentiert und bietet so nicht nun der Thora, sondern auch denen, die sich nnt ihr beschäftigen, eine feste Wohnstätte. Das B.-H. verfügt zwar über eine hübsche jüd. Bibliothek, die aber immerhin noch sehr der Ausdehnung fähig und bedürftig ist; es wäre daher die Zuweisung von Hilfsmitteln — sowohl an Geld wie an Büchern — sehr wünschenswert. — Nicht einem Jeden ist das Glück vergönnt, selbst aus der Quelle der Thora zu schöpfen, jeder aber ist in der Lage — Jsch Kemavnas jodau — mehr oder weniger dazu beizutragen, baß das B.-H. sich immermehr ausdehne und Segen verbreite. Möge dieser Appell offene Ohren und willige Hände finden. Berlin. An der Svitze der soeben erschienenen „Mitteilungen" vom Deutsch-Israelitischen G em eind eb nnd wird in einem Artikel „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder Wilhelm- Auguste-Victoria-Stiftung in Beelitz" über den derzeitigen Stand des vom D. I. G. B. gemeinsam mit der Großloge des Bne Briß-Ordens geplanten Hilfswerks an den geistig zurückgebliebenen jüdischen Minderjährigen berichtet. —' Der Bau in Beelitz schreitet rüstig voran, sodaß die Eröffnung der Anstalt im Oktober erwartet werden kann. Bei der erstmaligen Aufnahme der Zöglinge hat sich'das Komits das '14. Lebensjahr als Grenze gesetzt, um die Schwierigkeiten, mit denen das Anstältspersonal zu kämpfen haben wird, nicht noch zu vergrößern. Der Aufenthalt in der Anstalt selbst kann bis zum 20. Lebensjahre ausgedehnt werden. Von den bisherigen Meldungen sind diejenigen von 17 Knaben und 8 Mädchen hinsichtlich des Alters und der Bildungsfähigkeit der Kinder für geeignet zur Aufnahme erklärt worden. Besonders für Mädchen sind noch eine Anzahl Plätze frei. Der einheitliche Pensionssatz ist auf 600 Mark festgesetzt, doch'wird die finanzielle Läge der Ungehörigen weitgehenp berücksichtigt: einige Zöglinge finden kostenfreie Aufnahme. Für die bisher zugelassenen Zöglinge ergibt sich ein Durchschnittssah von 280 M. ober eine Gesamtsumme der Pslegegelber von ca. 7000 Mark. Ferner stehen dem Verein Jahresbeiträge von Gemeinden, Logen, Vereinen und Privatpersonen im Gesamtbeträge von ca. 6000 M. zur Verfügung, fodaß bei einem Voranschläge von ca. 20 000 Mark pro Jahr noch feste'Eiunahmen von 7000 Mark fehlen, zu deren Deckng im eisten Jahre die Ueberschussel aus größeren einmaligen Beiträgen zur Verfügung stehen. Dringend erwünscht ist, daß dem Verein, dessen offizielle Konstituierung auf den 28. Juni ds. Js. festgesetzt ist, noch zahlreiche neue Mitglieder gewonnen werden. Ein Artikel „Volkssch'ulgesetz, Ueberleitungs - Kommission, Gemeinde- Unter st ü h u n g s - Kommission" gibt Aufschluß über die durch. bas neue Preußische Völksschul-Unterhaltungsgesetz geschaffene Lage der jüdischen Volks- und Religionsschulen. Ferner wird über die Schritte berichtet, die die Gemeinde-Unterflützunas-Kommission zur Beschaffung des' dem vreußisch'en Kultusministerium zu unterbreitenden Materials über die materielle Läge der jüdischen Schulen gemacht hat. zu dem Zweck, der Stäatsregierung eine Uebersicht über den vorhandenen Notstand. dem durch 'dcn sogenannten Resölution'sfonbs von 40 000 Mark gesteuert werden! soll, zu beschaffen. Der Aufsatz über die Vergebung von Synagoge »Plätzen behandelt auf Grundlage einer Enquäte diese nicht bloß in finanziell-praktischer Beziehung interessierende Frage. . Den „Kleinen Mitteilungen und Personalien" entnehmen wir die Angabe, daß alle freiwilligen Verbände von Synagogengemeinden im Ausschüsse des D. I. G. B. vertreten sind, ferner, daß die „Redaktionskonlmission" in nächster Zeit das Ergebnis der zweiten Lesung des „Organisations - g e s e tz e s" der jüdischen Gemeinden Preußens publizieren zu können hofft. Berlin. Das Resultat der Landtagswahlen dürfte sein, daß statt der diesjährigen 7 nunmehr '11 Juden in das Abgeordnetenhaus einziehcn, und zwar die bisherigen 7 Schweiger in allen die Juden betreffenden Angelegenheiten: Cassel, R o s e n o w, A r o n s o h n, P e l t a s o h u, Wolfs, G e r s ch e l und M ü n st c r b e r g, sowie als neu hinzutretend: Lippmann - Stettin, Waldstein - Altona, Hirsch u. Heimann (letztere beide Sozialdcnwkraten) - Berlin. Die beiden Antisemiten Werner und Lattmann sind nicht wiedergewählt worden, sodaß der offizielle Antisemitismus in dem neuen Landtag nicht vertreten ist. Berlin. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüd. Gemeinde (Vorsitzender: Justizrat Plonsker) hat an die.Repräsentanten der jüd. Gemeinde eine Petition gerichtet, in der er um Einsetzung zweier von einander unabhängiger Kultuskommissionen, einer für den Gottesdienst nach altem Ritus und einer für den gesamten übrigen Gottesdienst, ersucht. Breslau. Der Südvark wird demnächst ein Bronzebildwerk erhalten, das als Denkmal für den am 25. Juni 1898 verstorbenen berühinten Botaniker Geh. Regierungsrat Professor Ferdinand Cohn, Ehrenbürgers der Stadt Breslau, errichtet werden soll. Gelnhausen. Bravour eines jüdischen Mädchen s. — Der kleine Junge des Wegewärters Müller fiel an der vorderen Burgbrücke in die angeschwollene und an dieser Stelle reißende Kinzig und wäre unrettbar verloren gewesen, wenn ihm nicht die zehnjährige Tochter Sophie des. Handessmannes Markus Hecht unverzüglich nachgesprüngen wäre, die ihn packte und aus Ufer brachte./ Oesterreich-Ungar«. Wien. Oeffentliche Judentaufen in einer Schule. — Das Taufen jüdischer Schülerinnen ist in Galizien keine Seltenheit: ein Fall, der soeben aus Sokal gemeldet wird, übersteigt aber alle Grenzen. - . In der dortigen Mädchenschule wurde vorige Woche an einer jüdischen Schülerin die Taufe vollzogen. Der Akt wurde mit großer Feierlichkeit im Klassenzimmer in Gegenwart der ganzen Klasse vorgenommen, — und nach Schluß der Zermonien wendete sich die Schulleiterin an die jüd. Schülerinnen. mit folgenden Worten: „Seht ihr, was ein treues, folgsames Kind tut? Auch aus euch könnten brave Christen werden; wenn ihr nur vernünftig sein und Verstand haben wolltet, so könntet ihr dasselbe auch leicht ausführen." Wie«. Dem allaemeinen tzocbsLulst r e i k hat sich selbstverständlich auch die jüd isch - nationale Studentenschaft angeschlossen. Hofrat v. Ebner, der Rektor der hiesigen Universität, verhandelte auch mit den Vertretern der jüdischnationalen Studentenschaft; er erklärte bei dieser Gelegenheit sein Einverständnis, mit' dem 'neugegründeten jüdisch nationalen Hochschulausschuß in Verbindung zu treten. ■ In Prag empfing der Rektor der Universität in Sachen des Hochschulstreiks gleichfalls eine Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft. Der Rektor hob in der Besprechung hervor, daß von seiten des Rektors und des akademischen Senates niemals Zurücksetzungen-., der jüdischnationalen und ihrer Forderungen beabsichtigt wären; '.sm Gegenteil habe der Rektor einer Deputation der Lese- und Redehalle deutscher Studenten, welche bei ihm mit der Bitte vorsprach, daß er sich bei den deutsch-völkischen Studenten für die Schaffung eines allgemeinen Hochschulausschusses einsetze, erklärt, er werde nur unter der Bedingung für diese Idee eintreten, wenn auch Vertreter der jüdischnationalen zugezogen würden. Budapest. Der „liberale" Magistrat der H'auptstadtUngarns. — Die Israelit. Kültusgemeinde richtete an die Stadt das Ersuchen, vor dem neuen Tempel an der 'Arenastraße ein geräuschloses Pflaster legen zu lassen. Das städtische Jngenieuramt beantragte, das Gesuch abzulehnen, „da der jüdische Gottesdienst — wie allgemein bekannt — so lärmend sei, daß ihm der. von der Straße eindringende Lärm nicht schade", — und der Magistrat erkannte diesem Anträge gemäß. Karlsbad. Es dürste für manchen jüdischen Kurgast von Interesse sein, die Namen derjenigen hiesigen Aerzte zu erfahren, welche die Last des Judentums von sich abgeschüttelt haben, um sich'der herrschenden Religion anzuschließen. Die Namen dieser Edlen sind: Adolf Charmatz, Edgar Ganz, Emil Goldscheider, Adolf Grünberger, Hugo Guth, Stefan Kelen, Rudolf Kolisch, A Komaromy, Arnold Lorand, Arthur Pick und Gustav Töpfer. Prag. In die geradezu erschreckenden Zustände, die in den mährisch-böhmischen jüd. Gemeinden herrschen, gewährt der Brief eines Ländrabbiners in der „Jüd. Volksstimme Einblick. „Von hundert Kultusvorstehern" — heißt es in diesem Briefe — setzen sich 95 Prozent über die wichtigsten Religionsgesetze mutwillig hinweg; 95 Prozent essen öffentlich „trefe", entweihen öffentlich den Sabbat, halten und heiligen keine Feiertage, die jüdischen nämlich, und tuen alles, was verboten ist. Ich kenne Vorsteher, deren sämtliche Kinder getauft sind, Vorsteher, die ihre Kinder in den Bund Abrahanis nicht ausnehmen lassen, und solche, die niit einer brennenden Zigarre am heiligsten Tage des Jahres, am Versöhnungstage, durch die Judengasse gehen, um den Juden einen Possen zu spielen." Dann heißt es weiter: „lind solche Elemente, die am Peßach keine Mazzos, dafür aber an Weihnachten einen Christbaum haben, sitzen und beraten über das Wohl und Wehe der Gemeinde!" Ferner schreibt der Landrabbiner: „Ich kenne ferner Vorsteher, deren größtes Schimpfwort „Jude" ist und die von Juden so geringschätzend und wegwerfend sprechen, wie Hans Arnold Schwer oder Ernst Schneider (die berüchtigten Antisemiten). Ich kenne Vorsteher, die sich ihres Judentums' schämen und deren Kinder „prinzipiell" mit keinem Juden verkehren. Ich kenne persönlich Vorstandsmitglieder, die mir ausdrücklich erklärten, sie hätten nichts dagegen, wenn ihre Kinder „später" zum Christentum übergingen, weil sie dann ein besseres Fortkommen finden. Ich kenne einen Vorsteher, der nichts hält und" an nichts glaubt, dessen Tochter getauft und an einen Christen verheiratet ist, der den Rabbiner mit Vorwürfen überhäufte, weil die Schuljugend an den hohen Feiertagen im Tempel sich nicht ruhig verhielt. Dieser famose Kultusvorsteher, der nicht einmal am Bersöhnuugstage fastet, gab dann dem Rabbiner den Befehl/ seinen Sitz zu verlassen und während des Gottesdienstes bei der Schuljugend zu bleiben, um sie zu überwachen." lieber die materielle Lage der Rabbiner heißt es in dem Briefe: „Ich staune nur, daß die antisemitische Presse dieser geradezu erschreckenden Fälle von der Not und dem Elend der jüdischen Seelsorger sich noch nicht bemächtigt hat. Daß diese Fälle noch nicht der Gegenstand eines Angriffes in der gegnerischen Presse wurde, beweist, wie hoch "Und edel die Rabbiuer von ihrem Berufe denken. ... Es giebt Rabbiner, die — Klavierunterricht, manche Gesangsunterricht geben, wieder andere, die Deutsch oder Czcchisch unterrichten müssen, um nur leben zu können." Amerika. Rew-Nork. Der Milliardär William A st o r hat für 3 Millionen Dollars einen eleganten Häuserblock errichten lassen und Befehl gegeben, daß die Wohnungen nicht an Juden vermiet e t werden dürfen. Personalien. München. Unteroffizier Abrah am Gutmann erhielt in Anerkennung seiner hervorragenden Tapferkeit im Feldzuge gegen die Hereros das bayer. Militärverdienstkrenz 2. Klasse mit Schwertern. CLI Posen. Unter überaus großer Beteiligung fand die Beerdigung des plötzlich am Herzschlage verschiedenen Landgerichtsrats LouisWolffsohn statt. Der Verstorbene, der ein Alter von 62 Jahren erreichte, genoß die aufrichtige Hochachtung aller derer, die mit ihm in Berührung kamen. Paris. Oberst Heumann. Profeyor an dem angesehensten französischen Militärinstitut, dem Ecole Polytechniqne, verschied im 65. Lebensjahre. — Schiffslcutnant Maurice Max wurde zum Fregattenkapitän befördert. — Buchhändler Lion Bismuth in Tunis erhielt für die Errettung von fünf Personen bei einem Brande die Rettungsmedaille. New-Aark. Dr. Felix Adler. Prozessor für politische und soziale Ethik an der Kolumbia-Universität, der im nächsten Wintersemester als dritter amerikanischer Austauschprofessor an der Berliner Universität lesen wird, wird sich bereits in Kürze nach Europa begeben. Dr. Adler wurde 1851 in Alzey (Rheinhessen) als Sohn des damaligen Rabbiners Dr. Samuel Adler geboren und besuchte 1870—72 die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. — In Philadelphia verschied — 75 Jahre alt — Frau Berta Wolffsohn-Jastrow, Witwe des Rabbiner Dr. Marcus M. Jastrow und Mutter der Universitätsprofessoren Morris Jastrow und Joseph Jastrow. A«S den Vereine«. Frankfurt a. M. Der .Montefiore-Berein" veröffentlich sein Sommerprogramm, welches auszugsweise hier wiedergegeben werben soll. Wie in den letzten Jahren werden auch in diesem Sommer die sich stets reger Beteiligung erfreuenden