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Neue jüdische Presse · 1908-06-12 · Heft 23 (12.6.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JfraelitrMes Familienblatt. Nr. 23. Referatabende mit anschließendcrDisc u s f i o n veranstaltet. Da diese Abende erfahrungsgemäß vielseitige Anregungen bringen, so stellen sie ein äußerst wichtiges Mittel'zur Weiterentwicklung der Allgemeinbildung, insbesondere der jüngeren Vereinsmitglieder, dar. Wie wir hören, werden über Thematas der verschiedensten Art von Herren referiert. Wie bisher werden auch in diesem Semester an den Mittwoch 'Abenden eine Anzahl Freikarten zum Besuch der Klassikervorstellungen des Schauspiels)auses au die Vcreinsmitglieder verteilt. Heber das Stattfinden der Lehrgänge in Englisch, Französisch u. Stenographie haben wir schon vor einigen Wochen teilweise berichtet. Es sei noch nachgetragen, daß der Anfänger- Kursus für Englisch aus Sonntag Vormittag 9%— 10% und Donnerstag Abend 9%—10% Uhr und der Anfänger-Kursus für Französisch auf Sonntag Vormittag 8%—9% und Montag Abend 9%— 10% Uhr festgesetzt sind. Der Tnrnknrsus ist ans Dienstag Abend 9%—10% Uhr anberaumt und beginnt am 16. Juni. Anmeldungen zu den Kursen werden nur im Büro des Vereins während der Bürostunden Dienstag und Donnerstag Abends von 8—10 Uhr cntgegengenommen. Laut Vereinbarung haben die Mitglieder des „Montefiore" freien Zutritt zu den S ch i u r i m d c s „Talmud-Thora-Verein §". Ferner hat der Verein bei einer hiesigen Main- Badeanstalt eine erhebliche Preis er mäßignng für Bädckarten und Schwimm-Unterricht für seine Mitglieder erwirkt. Näheres darüber ist im Vereinslokal zu erfragen. iin heiligen Lande. Nun ergriff Rabbiner Fischmann abermals das Wort, worauf dann zu einer provisorischen Neuwahl des Vorstandes geschritten ward. Erst gegen Mitternacht ging die Versannnlung auseinander. H. Aus -er Lehrerwett. Kaiserslautern. Die Jahresversammlung der Freien Vereinigung der israclit. Lehrer und Kantoren der Pf alz wurde von Lehrer Waldbott -Speyer geleitet. Lehrer Wetz' l a r - Ludwigshafen erstattete Bericht über die Tag ung des Verbandes der israclit. Lehrcrvereinc im Deutschen Reiche. Dann folgte eine Besprechung über Jugendschriften und Jugendliteratur. Lehrer W a l d - bott-Speyer wurde wieder zum Vorschenden ge wählt. Ort der nächsten Tagung ist Neustadt a. d. Haardt. Lemberg. Die Baron Hirsch-Stiftung für Galizien und Bukowina — Kapital 18% Millionen Kronen — unterrichtete im abgelaufenen Schuljahre in ihren 47 Schulen 7549 Schüler. Es sind an diesen Schulen 153 Lehrpersonen für Volksschulgegenstände und 35 fürs Hebräische angestellt, und zwar in 185 Klassen. Aus den Mitteln der Baron Hirsch-Stiftung wurden an bedürftige Zöglinge 108824 Mittagmahle, 1567 Röcke und Hosen, 2459 Sommeranzüge, 3757 Hemden, 4445 Taschentücher, 1091 neue Stiefel, sowie zahlreiche reparierte Mäntel und Stiefel verabreicht. re Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition gingen für den Nationalfonds ein: Frau. Johanna Bock stiftet auf den Namen ihres Neffen Max Mayer Wertheim, Fulda, einen Oelbauni 6,— JL Fraukfurt a. SB. In der Misrachi-Ortsgruppe sprach vergangenen Mittwoch Herr Dr. Selige r->Jaffa über Jugenderziehung in Palästina. Redner behandelte hauptsächlich das Unterrichtswesen; er suchte den Nachweis zu liefern, daß die Schulen zu wenig auf die Bedürfnisse des Landes Rücksicht nehme» (so werde das türkische, die Amtssprache, in keiner der jüdischen Schulen Palästinas gelehrt). Dem Redner traten die Herren Professor Dr. Sulzbach und Rabbiner Dr. Jakob Horovitz in bezug auf die Läinmclschule entgegen, die auf die Bedürfnisse des Landes sehr wohl Rücksicht nehme. Die weitere Debatte beschäftigte sich mit dem Jaffaer Hebräischen Gymnasium. Di Versammlung wurde von Herrn Professor Wcyl dem Vorsitzenden des Vereins, geleitet. Jerusalem, 25. Mai. Der Mtsrachi in der heiligen Stabt. — Rabbiner I. L. Fischmann aus Markulest, Mitglied des russischen Mis> rachi«Komitees, weilt seit etwa 14 Tagen im her ligen Lande, uni da, was auch der Hauptzweck seiner Reise war, Propaganda für den Misrachi zu machen. Rabbiner Fischmann, ein ganz bedeutender Talmudgelehrter, Verfasser mehrerer Schriften und Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift in hebräischer Sprache, die sich ha-Jonah betitelt, ist ein vorzüglicher Volksredner. Den jüngstvergangenen Sonnabend sprach er hier vor einer größeren Volks Versammlung, die Ziele des Misrachi auseinander setzend und die Zuhörer zum Beitritte auffordcrnd Die beifällig aufgcnommcnc Rede erreichte ihr Ziel es meldeten viele ihren Beitritt an. Sonntag darauf fand im Waisenhause eine größere Versa:::::: lung statt, der auch Rabbiner Fischmann anwohnte. Nachdem.Dr. G r ü n h ü t die Anwesenden begrüßt dem geehrte» Gaste noch einmal seinen Dank für die gestrige Rede ausgesprochen hatte, erging er sich des Längeren über die Aufgaben des Misrachi Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. Eine Erzählung von I. Herzb erg-Bromberg. I. Wer lvar wohl bekannter lveit und breit als Herr Raphael B l ü t h e n st i e l? Es gab wohl kaum einen Ort in den deutschen Ländern, ob groß oder klein, in dessen Mauern er nicht schon geweilt. Und wie man allüberall ihn kannte, seine Persönlichkeit nach Gebühr schätzte und seine besonderen Eigentümlichkeiten zu würdigen verstand, so war wiederum ihm wohl kaum ein Männlein oder Weiblcin jüdischen Stammes und Glaubens da unbekannt geblieben, wo er sich hatte jemals blicken lassen. Er kannte die Väter und die Mütter, die Söhne und die Töchter, die Großväter und die Großmütter, die Brüder und die Schwestern, die Onkel und die Tanten, die Vettern und die Basen, in auf- und abtcjgender Linie bis in die entferntesten Grade. Er war vertraut mit den verwickcltsten Familienbczich ungen und hatte Kenntnis von den Intimsten Der hältnissen eines jeden Hauses. Er wußte mit größter Sicherheit die Daten all der „Simches"*) anzugcben, die in einem Hause begangen zu lverden pflegten, und wer darüber in: Zweifel gewesen, wann des Vaters Jahrzeitstag oder des Sohnes „Brismilo"- odcr „Barmizwo" - Tag, oder gar der Tochter „Chaßne"-Tag sei — er brauchte sich, nur an Herrn Raphael Blüthcnsticl zu wenden — er konnte sich versichert halten, daß ihm eine zuverlässige Auskunft darüber erteilt werden würde. Blüthenstiels Lebensberuf war einmal derart, daß er von Ort zu Ort pilgern mußte. In ferner eigenartigen ' Berufsarbeit hatte er sich 'mannigfache Kenntnisse und Erfahrungen erworben, die nicht allein ihm selber, sondern auch all denjenigen, mit Ivclchen er in Berührung trat, gar sehr zrr statten kainen. Und diese Berufsarbeit selber war wohl 'die denkbar leichteste, denn sie stellte an seine physischen Kräfte gar geringe Anforderungen. Dagegen war ein gclvisser Aufwand von Intelligenz erforderlich, um Erfolge zu erzielen. Und es bedurfte hierzu nicht einmal eines wirklichen Anlagekapitals, ja, selbst nicht eines Warenlagers, das durch schwankende Konjunkturen oder durch allerlei mit Recht so gefürchtete „Ladenhüter" in seinem Ertrage geschädigt werden kann. Bei der Geschäftstätigkeit dieser Art lvar nur ein imaginäres Kapital angelegt und wirksam, es wird eben nur vorausgesetzt. Die Rente dieses Kapitals aber ist durch keinerlei Urkunde verbrieft, kommt in keinem Coupon zum Ausdruck. Sie ist vielmehr sofort beim Erscheinen desjenigen.fällig, der sic in Anspruch nimmt. Die Höhe dieser Rente ist auch nicht behördlich dekretiert oder durch Vertrag vereinbart, sondern ihre Festsetzung ist dem Wohlwollen desjenigen anheimgestellt, bei dem der Rentencinpfängcr seinen Anspruch geltend macht. Ein solcher Rentenempfänger war nun Herr Raphael Blüthcnsticl. Einen Mann von solchem Berufe Pflegt man sonst gewöhnlich einen „S ch n o r - r e r" zu nennen. Wer hätte es aber je gewagt, dem ehrenwerten und achtbaren Herrn Raphael Blüthcnsticl ein solches, in seinen Augen gar zu sehr erniedrigendes Epitheton beizulegen! Dazu war er, wie er selbst versicherte, zu „bekowcd". Dieser Versicherung mußte aber auch ein jeder vollen Glauben schenken, der mit ihm in Berührung, kam, und den, er die hohe Ehre erwies, zu seinem „Rentengläubigern" sich zählen zu dürfen. Herr Blüthcnsticl ging nicht in dem obligaten, eigens für die Berufstätigkeit seines Trägers präparierten sogenannten „Schnorrer, rock" einher. Er besaß auch nicht das sogenannte „Rachmonisgesicht", das dem Rentengläubiger ein ncöglichst hohes Maß von Wohlivollen cinflößen soll. Besonders aber verschmähte er es, seine Leute durch nichtssagende „Moschelcher" an sich zu locken und zu fesseln, um hierdurch einen oder zwei Nickel mehr zu ergattern. Herr Raphael Blüthcnsticl wußte sich eine gewisse Würde zu geben, die nicht nur in seinem ganzen Aeußeren zu Tage trat, sondern sich auch in seiner Redeweise kundgab. Er strebte dahin, der Mitwelt eine andere Auffassung von seinem „menschenfreundlichen" Berufe beizubringen, als wie man eine solche bisher hatte. Er wollte ihn modernisieren, veredeln, und bestimmte Satzungen zur- Geltung bringe::, um so alle anderen Berufsangehörigcn zu einer Zunft zu vereinigen, die, mit gewissen Machtbefugnissen ausgerüstet, unwürdige- Genossen fernzuhalten imstande ist. Um dieses gewiß bedeutungs volle Ziel zu erreichen, mußte R. Blüthensticl in erster Reihe seinen Berufsgcnossen Vorbild und Muster sein, und wer wollte es leugnen, daß er den richtigen Weg einschlug? Seine ganze Erscheinung war die eines behäbigen, selbstzufriedenen „Rentners". Sei» Anzug war immerfort tadellos, ja, elegant und modern, sein dunkelblonder Bart, der seltsameriocise trotz der langen Reihe von Jahren, während welcher er nun schon seinem Berufe lebte, seine Farbe um keinen Ton änderte, war wohlgepflegt. Seine Füße schmückte ein stets blankes, zierliches Sticfelpaar und aus seinen:, von dunklem, vollem Haar umwallten Haupte thronte ein hellglänzender Zylindcrhut. In seiner Rechten trug er jahraus jahrein einen Regenschirm, der mit ihn: verwachsen schien, denn Herr- Raphael Blüthensticl ohne Regenschirm war geradezu undenkbar. So ging er wohl gemessenen Schrittes einher, seine dunklen Augen mit ernsten: Blick um* hcrschweifen lassend. Den Begegnenden bot er mit flüchtigem Lächeln den Gruß. In: übrigen aber n:ied er seichtes, unnützes Geschwätz. Sein Thema war stets „der Ernst des Lebens" und „der Kampf ums Dasein", und der Schlußrefrain all seiner Gespräche war allzeit: „Ja, ja, :na:r hat schwer zu kämpfen". Diese Worte tvaren dann freilich von einem zweifelnden Blicke des Hörers begleitet, der die Anwendung derselben in Bezug ans' den Sprecher denn doch nicht so ohne iveitercs als berechtigt gelten lassen mochte. Herr Raphael Blüthensticl war eben „Philosoph", wie er gerne selbst behauptete, und er hatte eine besondere Art, seine Lebensweisheit zun: Vortrage zu bringen und zu begründen. Hierbei darf keineswegs unerwähnt bleiben, daß Herr Raphael Blüthensticl weder lesen, noch schreiben konnte und nur imstande war, seine Gedanken notdürftig mittelst jüdisch-deutscher Lettern niederzuschreiben. Für Herrn Blüthensticl hatte das Jahr zwei Hauptgeschäftszeiten, die er nicht, wie es sonst üblich ist, mit „Saison" bezeichnete. Er nannte sie vielinehr: „S'man". In dieser Beziehung wich er aus bisher unaufgeklärten Gründen von seiner Gepflogenheit ab, sich selbst im Ausdrucke einer Vornehmheit zrl befleißigen, und alles abzuschiitteln, was'- ihm noch den Anschein eines gewöhnlichen Schnorrers hätte geben können. Das Städtchen, welches das hohe Glück hatte, den allseitig bekannten Philosophen Raphael Blüthensticl als Bürger zu besitzen, heißt Aurich. Dieses Städtchen bildete den Ausgangspunkt seiner jedesmaligen Tätigkeit. Da Aurich hoch oben im Nordwesten Deutschlands belegen ist, so hatte Herr Blüthensticl bein: Entwerfen seines Arbeitsplanes nicht nötig, sein Augenmerk nach Zöllen vier Him:nelsgegenden zu lenken. Er brauchte nur nach zwei Hauptrichtungen sein Reiseziel zu stecken: nach 'Osten und nach ' Süden. Diese Tatsache bot ihm beim Entwürfe seines Arbeitsplanes wesentliche Vorteile. Für ihn hatte das Jahr zweimal S'man, der einen Zeitraun: von drei Monaten umfaßte. Diesen Zeitraum wußte er so geschickt einzuteilen, daß mindestens die großen und mmleren Orte berührt werden konnten, die in dem fest begrenzten Arbeitsgebiete lagen, während die kleineren und kleinsten dazwischen liegenden Orte ::ebenbei berührt Ivurden, jedoch nur in dem Maße, als ihm die zugemcsscne Zeit dies gestattete. So Tarn es denn, daß er diese Orte manchmal nur alle drei oder gar vier Jahre mit seinem Besuche erfreute. Die großen und mittleren Städte konnten alljährlich auf sein Erscheinen rechnen, und zwar so sicher, daß man schon seit langem sich daran gewöhnt hatte, in Ermangelung eines Kalenders gewisse Ereignisse nach seinem Kommen zu berechnen. Die erste „S'man" begann alljährlich' am 1." Teives und endete an: 1. Nissan, war das Jahr ein Schaltjahr, so nah::: sie erst an: 1. Schwat' ihren Anfang und endete bann auch am 1. Nissan. Die zweite „S':nan" begann an: 15. Siwan und ::ahn: am 15. Ellul ihr Ende. Diese Zeiteinteilung stand schon seit Anbeginn der Tätigkeit Blüthenstiels fest. In einem großen Buche standen alle zu berücksichtigenden Städte und Städtchen mit den verschiedensten Rubriken verzeichnet. Dieses Buch war Blüthenstiels Geschäfts-Hauptbuch. Hier stand das Debet und das Kredit eines jeden Rentengläubigers genau verzeichnet. Hier Ivaren ausführliche Vermerke über Namen, Familienverhältuisse, Fälligkeitstermine und Hohe der zu beziehenden Rente eingetragen. _(Fortsetzung folgt.) ' _ Kaiser Friedrich Quelle — Offenbach a. M. - ■ — Stegen Sticht nnd Rheumatismus bewährt. *) Familienfreudenfeste. Bad Harzbnrg TC PensionParkhaus 53 Salons n. FamiUen-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser L Ranges unter Rabbinats-Aufsicbt an schönst. Waldlage. Geöff.l.Mai-l.Okt. Prosp.gratis- Max Hecht Wohack Inhaber: Jlf. \V"StllSLTl. Perlen, Juwelen, Colttwaren. Auf Wunsch Auswahlsendungen. :

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