Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2. Nr. 23. nus, nach vielen Versuchen gelungen, einen zionistischen Loge-Orden zu schaffen. Der Traum ist zur Wirklichkeit geworden. Vor kurzem konstituierte sich dieser längst ersehnte Orden mit Herrn Dr. David Blaustein an der Spitze. Man setzt berechtigterweise große Hoffnungen auf dieses neugeschaffene zionistische Zentrum, welches verschiedene Klassen der jüdischen Bevölkerung vereinigt und einer weiten Ausdehnung seiner Wirksamkeit entgegensieht. Diesem bedeutenden; Erfolge des Zionismus folgte in diesen Tagen eine zionistische Schöpfung, welche geradezu als ein wundersames Ereignis allgemein empfunden wird. Auf Veranlassung des. Herrn Samuel Strauß, einer der Besten aus der Mischen Aristokratie New Jorks, haben sich die angesehensten jüdischen Millionäre zu einer Diskussion über den Zionismus versammelt. Das Resultat dies« Versammlung der jüdischen Notabel» war die Gründung eines gewffsermaßen aristokratischen Zionistenvereins, der in die zionistische Federation Amerikas (unter der Leitung des Prof. Harry Friedenwald) einzutreten beschloß. Jacob H. Schiff entschuldigte seine Abwesenheit auf der Versammlung durch ein Schrei- ' ben, in welchem er sagt, er sei kein Zionist, wie sehr er auch dem Zionismus sympathisch gegenüberstehe. Wie es verlautet, ist wohl die Aussicht begründet, daß Schiff nunmehr seine Stellung zum Ziomsmus völlig zu dessen Gunsten korrigieren wird. Die Nachricht von diesen „neuen Zionisten" setzte uns alle in Erstaunen. Man wollte daran nicht glauben. Man hatte wohl eine gewisse leise zionistffche Gärung in den hohen Kreisen bemerkt, aber man war nicht darauf gefaßt, daß sie so rasch und plötzlich in ein öffenes zionistisches Geständnis ausbrechen würde. Wir finden unter diesen jüngsten Millionär-Zionisten die prominenten Repräsentanten der deutschen und amcrikanischen Juden. Unter' dem Titel „National Board in aid os Jews" brachte vorgestern die bekannte Tageszeitung „The Globe" einen längeren Bericht ihres Berliner Korrespondenten über eine Unterredung des Herrn Dr. Jacob Klatzkin mit Herrn Dr. .Paul Nathan. Herr Dr. Klatzkin, der hier im Aufträge des Hilfsvereins der deutschen Juden die Emigrationsftage studierte und zu diesem Zwecke mehrere Konferenzen mit den jüdischen Gesellschaften wie auch einzelnen Repräsentanten hatte, hat die Gründung eines „International Jewish Committee" als einer Vereinigung sämtlicher jüdischer Organisationen in allen Weltteilen angeregt und die ersten Schritte in dieser Richtung gemacht. Es gelang ihm, ein Meeting mehrerer „communal workcrs" zu veranstalten, welches das Projekt des Herrn Dr. Klatzkin einstimmig annahm und ein Fünfer-Komitee bestimmte, umpdem repräsentantiven „Komitee .der Sechzig", denk sogen. „American Jewish Committee" einen Plan für die Realisierung dieses Gedankens zu unterbreite«. Es sei bemerkt, daß vor einigen Monaten. Herr Rechtsanwalt Schomer einen ähnlichen Gedanken zur Sprache brachte, nämlich die Gründung eines jüdischen Parlaments. Er hatte aber keinen Anklang gefunden, vielmehr wurde er als Phantast verschrieen. Er nmßte seinen Gedanken aufgeben und schloß sich jetzt dem realistischer gearteten Projekte des Herrn Dr. Klatzkin an, der hier verhältnismäßig gute Erfolge erzielte und weitere Kreffe für die Sache gewonnen zu haben scheint. Gemäß „The Globe" hat Herr Dr. Paul Nathan mit Genugtuung den ihm erstatteten Bericht des Herrn Dr. Klatzkin über die sozialen und kulturellen Fortschritte der aus Osteuropa nach Amerika eingewanderten Juden cntgegcngenommen und begrüßte mitbesonderer Freude die hier ergriffene Initiative für . die Schaffung einer Vereinigung der jüdischen Organisafionen. Er hatte, sagt Herr Dr. Nathan, mehrfach Gelegenheit, auf die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung hinzuweisen. So habe es der Hilfsverein auf der Brüsseler Konferenz angeregt und auch späterhin in dieser Richtung hin gearbeitet. Schon die Tatsache, daß dieser Vorschlag von Zeit zu Zeit zur Sprache kommt, sei ein genügender Beweis für seine praktische Durchführbarkeit. Es ftcue ihn daher, zu hören, daß dieser Einheitsgedanke in Amerika günstig ausgenommen wurde. Die Presse legt viel Wert auf diese Meinung des Herrn Dr. Nathan, der hier sowohl bei den Westals bei den Ostjuden sehr populär ist und allgemein geschätzt wird.*) Herr Dr. Birnbaum aus Wien (Matthias Acher) hat seine - amerikanische Vorlesungstournee beendet. Er. sprach meistens über das jüdische Nationalitätsproblem. Da er nur deutsch spricht, konnten seine höchst lehrreichen Lektionen kein großes Publikum gewinnen. Es ist auch zu bedauern, daß Herr Dr. Birnbaum allzu geringschätzend über die amerikanische Judenheit denkt. Er verkennt, daß Amerika sich andere Kulturwege bahnte, und legt an sie den Maßstab, der europäischen Kultur an. Eine Versammlung des Sabbatvereins hat beschlossen, allen jüdischen Bäckereien, die am Samstag nicht geschlossen sind, Boykott zu erklären. Auch hat sich ein Komitee gebildet, welches an die Juden der Eastside appellieren will, kein Brot zu kaufen, welches nicht mit einem Stempel der besagten Gesellschaft versehen ist. Die von dem „Vereine zur Verbreitung jüdischer Kultur" am 9. d. M. veranstaltete Gedächfinsfeier für Joschuah Steinberg, Jehuda Sie in b erg und I. Bersch ad sky hatte einen unerwarteten Erfolg. Der Andrang der Volksmassen war derart groß, daß der größte, Teil der um Eintritt Bittenden lange Zezti/yor; h«n Türen des Versammlungshauses warten mußte: Das Interesse an jüdischer Literatur ist also auch hier noch nicht erstarrt. Jonas B. L e w i n s o n. *) Vergl. unseren Artikel „Zentralisafion der jüdischen Organisafioncn" in Nr. 18 d. I. Ei« «euer Pogromprozetz. (Brief aus Rußland von unserem Spezialkorrespondenteil.) Das Geschäft der Liquidation der 137 Pogroms von Oktober 1905 schreitet vorwärts. Jede paar Tage findet ein neuer Prozeß über irgend einen Progrom statt, einige eleirde Kerle werden quasi verurteilt, das Gericht, bezw. die lokale Organisation des „Verbandes des russischn Volkes" richtet an die Zaren ein Gnadengesuch, welches seine Wirkung nie verfehlt; die Pogromhelden werden begnadigt und alles bleibt beim alten. Auf diese Weise werden die bluttgen Pogroms vom Jahre 1905, die ihresgleichen kaum in denjenigen vom Jahre 1906 haben, bald ganz von der Tagesordnung des öffentlichen Lebens und den Spalten der Zeitungen verschwinden. Dieser Tage fanden in- T i r a s p o l die Gerichtsverhandlungen über einen der schrecklichsten Oktoberpogrome, dem auf der Bahnstation „R a s d j e l - n a j a" (in der Nähe von Odessa), statt. Das Verhör brachte derartig grauenerregende Orgien Menschlicher Bestialität zum Vorschein, wie sie die schwärzesten Träume eines kranken Gehirns nicht schrecklicher vorspiegehi könnten. Zeugen, die schon von Berusswegen Eiserne Nerven haben müßten: Lokomotivführer) Hechaiüjer,)Bahnwächter^u. dergl. Leute, sprachen mit-Entsetzen und Schauder davon, wie man die Juden mit Klammern und Brecheisen hilunordete; wie man mit eisernen Spaten Schädel zerschmetterte; wie Kinder für ihre Mütter und Väter um Erbarmen flehten und sich als Opfer an deren Stelle anboten. Der Stationschefgehilfe, Herr S ch o ch i n, mußte seine Aussage vor Erschütterung unterbrechen. Er hätte, wie er berilbtete, von seiner Wohnung aus durch's Fenster gesehen, wie man auf dem Geleise einem alten Juden den Garaus machte, wie unter wuchtigen Schlägen eines schweren Hammers' die Schädelknochen nach allen Richtungen sprangen. Der Staatsanwalt richtete an diesen Zeugen die Anfrage, was er angesichts dieser Szene tat. „Ich mußte" — erwiderte dieser — „meiner Frau, die in tiefer Ohnmacht lag, Hilfe leisten. Ich ging nicht hin. . . Ich konnte nicht hin. .. Ich sah, wer mordete und konnte nicht hin". . . . . . „Was geschah weiter?" fragte der Vorsitzende einen der Zeugen, Schlosser von Beruf. „Ich sah nichts mehr, es wurde mir schwindlig. Die Juden liefen mit blutenden Gesichtern über die Station, Rettung suchend, man sperrte ihnen den Meg, von hinten wurden sie eingeholt, man rief: „hau nieder!". . . Es wurde mir übel, ich habe nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen."' Auf die Frage nach der Ursache des Pogroms berichteten die Zeugen, es seien aus Odessa monströse Nachrichten gekommen: die Jilden hätten die Republik proklamiert, Brodsky zum Präsidenten und Chais zum Finanzminister nominiert; die hätten die rote Fahne gehißt, den Umsturz „gemacht" und alle Rechte usurpiert. Freilich haben diese Gerüchte die Masse nicht besonders aufgeregt; ob sie daran nicht geglaubt hätte, oder aus anderen Gründen — sei schwer zu sagen, indes hätten die Leute den Eindruck gewonnen, daß ihnen eine günsttge Gelegenheit geboten sei, ungestraft zu plündern und zu rauben. In der Tat haben auch die Mordgesellen fleißig geraubt. Sie entkleideten die noch warmen Leichen der ermordeten Juden, durchsuchten die Taschen und leerten sie, ja sie nahmen sogar die Gummischuhe ab, die jetzt als „Corpus delicti" figurierten. Man beraubte auch in den Coupes die Passagiere, die man erst später auf dem Perron hinmordete. Ein Zeuge erzählt folgendes: „Die Raübkerle wandten sich an eine Jüdin mit folgenden Worten: „Gib all dein Geld her, Jüdin, sonst werden wir sosort dein Judenmädchen tot-, machen". Die Jüdin gab ihr Geld her. — „Es ist^ wenig. Gib noch!" Die Unglückliche schwört, daß' sie alles Hcrgegeben hat. Ihr kleines Mädchen fleht die Mörder auf den Knien an, von „Mamachen" zu lassen und lieber sie zu töten". „Nun, und wurde sie verschont?" fragt der Vorsitzende. „Nein! ..." Ueber die Entstehung des Pogroms berichtete der älteste Stationsgendarm Tolimanoff, daß schon seit der Bekanntmachung des allerhöchsten Manisestes dank den aus Odessa gekommenen Agitatoren die Ruhe gestört war. „Am unglückseligen 21. -'Ok-' tober, als der Zug auf der Station ankam, wurde das Gerücht verbreitet, daß die Juden die Russen hinschlachtcn, daß einem bereits der Bauch ausgeschlitzt wurde. Daraufhin begann man, die Juden im Wagen hinzuschlachten. Als ich sah, wer mordete, als ich auf dem Perron die Leichen sah, begriff ich, daß ich da nichts machen konnte. Der gewesene Stationschef von „Rasdjelnaja" Sobolew war als Zeuge vorgeladen worden, konnte aber nicht ermittelt werden, obgleich die Zeugen vor dem Gericht erklärten, am Tage vor Beginn der Gerichtsverhandlungen Sobolew auf der Station Rasdjelnaja auf und ab tzehen gesehen zu haben. Aus den Aussagen sämtlicher Zeugen ging unzweifelhaft hervor, daß dieser Sobolew eine sehr bedenkliche Rolle gespielt hat. Einige bezeugten, daß Sobolew die Exzedenten ermutigte. Der Zeuge I o n k i s sagte aus, daß Sobolew den Mordgesellen zurief: „Brüder, führet eure Arbeit zu Ende"! Es wurde festgestellt, daß der unglückselige Zug auf Unordnung Söbolews 30 Faden (einige 60 Meter) vor der Station halt machte. Ueber „verbrecherische Untätigkeit" des Sobolew sprach 'auch'der Gendarm Ta lim an off. In ber verlesenen Zeugenaussage des inzwischen verstorbenen S. Feodorosf wird über Sobolew erzählt, er sei auf dem Perron gestanden, Ivo die Juden niedergemacht wurden, neben ihm irgend ein Beamter in einer dem Zeugen unbekannten Unisorm. Ein junger Jude, der sich vor seinen Verfolgern flüchtete, lief neben Sobolew vorbei, dieser verstellte ihni schimpfend den'Weg, und der nebenanstehcnde Beamte feuerte auf den Juden dreimal von seinem Revolver ab. Der Revolver versagte aber. Es wird auch die bedenkliche Rolle zweier Schaffner, deren Nomen den Zeugen unbekannt blieben, festgestellü Der Zeuge Barsky hörte, wie die Schaffner den Exzedenten vorschlugeu, den Wagen in Brand zu setzen und ihnen sogar Petroleum anboten. Diese Schaffner waren es auch, die zuerst erklärten, 'e§ liege eine Erlaubnis vor, die Juden zu morden)- sie behaupteten ferner, daß die Juden im Zug die Christen hinschlachteten. Einen verwundeten Juden warfen sie aufs Geleise hinunter, wo dem Unglücklichen der Garaus gemacht wurde. Ueber das Verhalten der nichtjüdischen Passagiere berichtet der Zeuge Schipensohn, daß ein Teil von ihnen für die Juden eintrat, während die anderen die Juden daran hinderten, den unglückseligen Wagen vor den Mördern zu barrikadieren. Der Staatsanwalt stellt an die Zeugen nur wenige Fragen. Er beschränkt sich auf die Fragen nach der Anzahl der Ermordeten und Verwundeten und nach dem Umfang des angerichteten Schadens. Auch die Verteidiger der Angeklagten zeigen keinen besonderen Eifer. Sie brauchen sich auch diesmal nicht zu ereifern, da sie keine Gegenpartei, d. h. keine Vertreter der Zivilkläger vor "sich haben. -Durch 'die bittere Erfahrung gewitzigt, wollen jetzt unsere jü. bischen und die christlichen progressiven Rechtsanwälte unsere Gerichtskomödien nicht mehr mitmachen. Ich will dem Leser nicht zu sehr auf die Nerven wirken und erspare ihm daher die Beschreibung der Verwundeten uyd Verkrüppelten, die als' Zeugen, bezw. als Zivillläger figurierten, ebenso muß ich 'es mir versagen, die grauenerregende Expertise des sachverständigen Arztes wiederzugeben. Der Staatsanwalt hielt 'die Anllage nur gegen sieben der Angeklagten aufrecht, und suchte ihx Ae-