Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsrartKfHtrLer Isrielitischks familirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fm ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKttoil und Geschäftsstelle: Srankfurt u. II?., vilbelerstraße 4/6, Lcke Bleichstraße Ter-fo« 10 »07. Herausgeber: Kalg Ge^s. 1- . , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. __ _J 6. Jahrgang. Freitag, den 13. Siwan 5668 (12 Juni 1968). Ro. 23. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Brief aus New-Iork. — Ein neuer Pogromprozeß. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionist. Bewegung. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. Nach einem Vortrag im „Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde", am 9. April 1908, gehalten von Rabbiner Dr. L. A. N 0 s e n t h a l, Berlin. (Fortsetzung). Und um solcher gesuchten Voraussetzungen willen sollen uns Männer tute Hesekiel minderwertig erscheinen? Der Mann, der ivie nur Einer entschieden auf das Allgcmeinmenschliche als auf eine Forderung hingewiesen, der davon den Fall Jerusalems abhängig gemacht hat, er soll uns deshalb weniger wert sein, als die Vorexilischen, weil er auch die streitigen Satzungen als Vorbedingungen der Zukunft angesehen hat? Weil er als Prophet dasselbe hoch bewertete, was in unseren Augen als nächtig und ehrwürdig dastcht? Was soll uns denn dazu veranlassen, ihn und uns in ihm so gering zu schätzen? Weil die .neueste Bibclwissenschaft in ihm nur einen Propheten zweiten Grades sehen will, deshalb beten wir die Redensarten von der Priestcrrcligion nach, die der Prophetenrcligion gefolgt wäre? Haben wir denn die Voraussetzungen vergessen, unter deren Einfluß die angeblich voraussetzungslose Bibelwissenschaft vorgeht? Ihr ist das Judentunr nur eine minderwertige Vorstufe des Christentums, nach dessen Eintritt in die Geschichte Israel verschwinden darf. Hesekiel und seine Nachfolger haben das Judentum in Babel am Leben erhalten, bedurften dazu, wie bereitwillig zugegeben wird, dieser Tempelsormen, und betrachteten sie als wichtige Forderungen. Dadurch haben sic uns einen ewigen Bestand gesichert. „Die vorexilischen Propheten haben nur Gott und die allgemein-menschlichen Forderungen im Auge gehabt, nicht etwa das Bestehen irgend eines Volkes, sei es auch Israel; ja, sie haben an die Ewigkeit Gottes und dieser Folgerungen viel, an Israels Ewigkeit durchaus nicht gedacht. Von ihnen stammen darum ernste Mahnungen und Drohungen an Israel, aber kein Wort der Verheißung sei je aus ihrem Munde gekommen, keine Aussicht auf ferneres Bestehen hätten sie Israel gemacht. Nur unter der Voraussetzung, daß Israel ewig bestehen sollte, hätten diese Formen Hesekiels einen Sinn. Wenn aber, wie bei der Entstehung des Christentums, eine vollkommenere Gestaltung der Gottesforderungen in's Leben treten sollte, so wäre die prophetische Wirksamkeit auf Zersetzung und Vernichtung Israels ausgegangcn und damit zufrieden gewesen." Mit anderen Worten: Wem, wie 'Ainos, Hosea, Micha, Jesaia und Jeremia das Belchen Israels nur unter Bedingungen wichtig erscheint, der wird, wie sie, alle Sonderformen des Judentums verachten und für verderblich ansehen; wein aber das Bestehen des Judentums an sich am Herzen liegt, der >vird mit Hesekiel und seinen Nachfolgern alle Formen und Forderungen des Judentunis benutzen und Hochhalten. Jener mag angeblich noch so sehr die Sache Gottes und des Allgemein-Menschlichen vertreten — die Geschäfte des Judentums führt er nicht. Nun ist die 'Sache an sich aber ganz anders: Tatsächlich wäre ein Prophet, dem am Bestehen seines Volkes und Landes nichts gelegen wäre, der, unter welchen Bedingungen auch immer, den Untergang desselben anders, als unter den größten Schmerzen, sich denken könnte, ein Unding, ein Gespenst, eine Schöpfung gottesgelahrter Stubengrübelei, die mit der Geschichte uiid mit ihren Tatsachen nichts zu tun haben würde.*) Aber sinden wir einen Propheten, der cs versäumt hätte, seinen Zukunftshoffnungcn 'Ausdruck zu verleihen? Nicht nur Hesekiel und seine Genossen, sondern auch die vorexilischen Propheten! Und Hosea, der zweite nach Amos, sollte ja geradezu in der Entwicklungsrcihe der Pro pheten und ihrer Anschauungen, im Gegensatz zu dem strengen Amos, die Liebe Gottes vertreten! Er ist der Prediger der Hoffnung und Buße, die jene Richtung in. Amos nicht finden wollte! Am Anfang findet sich ein eheliches Gleichnis oder Erlebnis, das uns den hoffenden Propheten schon zeigt. Und Hosea ist doch ein Vorexilischer! Aber jene neueste Bibelwissenschaft weiß sich zu helfen: Sie erklärt jene Kapitel, die von Hoffnung und Buße sprechen, als Zusätze der Nachexilischen; der Schöpfer jener Hoffnungen und Formen ist ihnen der böse Hesekiel. Dieser hat allerdings den „zweiten Jesaia", diesen großen Künder allgemein-menschlicher und zugleich israelitischer Hoffnungen hcrvorgebracht, was, wenn man den Baum an seinen Früchten erkennen soll, doch die fruchtbringende Kraft der hesekielischen Schule ertveisen müßte, also der religiösen Formen und der israelitischen Zukunstsbilder. Der. zweite Jesaia (der auch schon innerlich brüchig geworden ist) in Ehren — Hesekiel ist und bleibt ein Formenschwärmer, demnach ein starrer Eiferer, dessen Schule das dritte Buch Mosis mit den ihm verwandten Abschnitten der Thoea, diese Grundlage des Zeremonialgesetzes, hervorgebracht haben soll. So sagt jene Wissenschaft. Das Alles ist nicht voraussetzungslose Forschung, wird aber von uns entweder gar nicht beachtet oder ohne Prüfung angenommen. Die Untersuchung dieser bibelwissenschaftlichen Ergebnisse bringt jedoch, wie unsere Versuche gezeigt haben, ganz Anderes zutage. Und wäre es nicht w, hätten jene Bibelforscher Recht; die Hoffnungen . auf Israels Zukunft würden wirklich zuerst von Hesekiel verkündet worden sein — wer könnte sagen, daß Amos und Hosea sie nicht geteilt Hütten? Zu ihren Zeiten bestand ja der Staat; sie sahen die Greuel und empfanden nicht, wie dem Verbannten nach dem Verluste seines Vaterlandes zu Mute sei, wie es aussehe, wenn die Vernichtung des ganzen Volkes wirklich bevorstünde; sie konnten auf die Mittel nicht sinnen, welche dem Hesekiel notwendig erschienen wären: Drum wären also Hesekiel und seine Nachfolger die notwendige Ergänzung jener .einseitig den Gotteszorn kündenden Vorexilischen; sie wären uns fast wichtiger als jene, da sie doch besonders stark das Allgemein-Menschliche betont haben. Von jenen Alten würde zur Betätigung ein winziger Rest ungestrichen bleiben, und sie hätten niemals fruchtbar wirken können. Was ist das Ergebnis dieser unserer Prüfung der prophetischen Religion? Gerade sie lehrt uns die Notwendigkeit des ganzen Judentums, oder, im Sinne der christlichen Bibelwissenschast genommen, sic bleibt unfruchtbar für unsere Lebensführung und. für unser Bestehen und bedarf der Ergänzung ihrer Schulregeln durch die Maßregeln und Lehren jener angeblichen späteren Ergänzer. Damit dürfte die Redensart vom prophetischen Judentum ini Gegensatz zur Thora aus dem Munde derer verschwinden, denen die Beseitigung des Judentums keine Freude bereiten kann. (Fortsetzung folgt). ' *) S. unser „Zurück zur Bibel" (Poppelauer und „Joel-Nahuni-Habakuk" (Trübner). Brief aus Rew-Zork. New York, 23. Mai 1908. Trotz der hier noch stark anhaltenden wirtschaftlichen Krisis ist das Interesse an jüdischen Fragen nicht erlahmt. Im Gegenteil, man kann in dieser Hinsicht ein Wachsen und innere Stärkung konstatieren. Wohl hatte die größte hiesige Wohltätigkeitsinstitution, die „United Hebrew Charities", ihre Tätigkeit aus Mangel an Mitteln cinstellen müssen, aber nicht für lange Zeit. Ihr Appell au die Bevölkerung hatte Erfolg, und sie übt wiederum ihre Funktionen wie zuvor aus. Besonders hat hier die z i 0 n i st i s ch e B ewegung in der letzten Zeit ansehnliche Fortschritte gemacht. Dank der eifrigen Bemühungen ihrer hiesigen Führer, der Herren Dr. I. L. Magnus, Lewin- Epstein, Lubarsky, Joseph u. A. ist sie zu einem .mächtigen Faktor im Leben der Juden sowohl der Nnterwie der Oberstadt geworden. Direkt oder indirekt stehen viele jüdische Organisationen unter dem Einfluß des Zionismus, der neulich feine Machtsphäre durch ein neues Institut erweiterte. Es ist dem opferwilligen und tapferen Reverend des Tempel Emanuel, Dr. I. L. Mag-