Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 22 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 «Sette 10. sondern daß die Neologie sich mit der Orthodoxie als in der großen Einheit des Judentums verbunden betrachten darf. Ich weiß, die Orthodoxie bekämpft diese Anschauung, indem sie behauptet, Orthodoxie und Neologie im Judentum seien schroffer von einander geschieden, als iin Christeirtum Katholozismus und Protestantismus. Diese Anschauung der Orthodoxie bekämpfe ich, nicht aus .„politischen" Gründen, wie mir untergeschoben wird, sondem mit wissenschaftlichen Ausführungen aus Liebe zur Wahrheit. Wäre ich der Ueberzeugung, daß die Kluft zwischen den beiden Richtungen eine so tiefe ist, Ivie die Orthodoxie sie annünmt: ich wüßte nicht, warum ich das Gegmteil meiner Ueberzeugung äußern und vertreten sollte? Man kennt mich in gclvissem Sinne sogar als enkant terrible: wenn ich der Ucberzcugung wäre, daß die Orthodoxie so weit von meinem Standpunkt abweicht, lvic sie cs behauptet, dann hätte ich den Mut, zu erklären: die Orthodoxie ist nicht mehr Judentum! Ich kenne aber die Orthodoxie aus meinem eigenen Leben, ich weiß, daß das Judentum der deutschen Orthodoxie, das Judentum meines Lehrers Hildesheimer, das Judentum eines S. R. Hirsch usw. über jeden Zweifel erhaben ist. Anders steht es mit dem Judentum der Nichtorthodoren: hier muß gezeigt werdm, in welchem Sinne die große Schar der nicht traditionellen Juden doch noch Juden sind. Das ist die Aufgabe meines Buches. (Schluß folgt.) Personalien. Rew-Uork. 43 Jahre alt verschied der Advokat Percival S. Menken, Präsident der Gesell- K jüdischer junger Leute und Vizepräsident der nd-Synagoge. Ans -er Lehrerwett. Budapest. Nach jahrelangen Bemühungen hat sich hier endlich ein orthodoxer Kultusbeamten-Verein gebildet, und zwar unter dem Vorsitze des Herrn Karl Freudiger. Riga lRußtanoj. Der hiesige Kronrabbiner Dr. Michelson ist gestorben. Laudon. Im Atter von 92 Jahren verschied Rabbiner Dr. Albert L o e w y, von 1842—1892 Rabbiner der West-Synagoge u. während vieler Jahre Vizepräsident der Anglo Jewish Association. Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frankfurter Jsr. Familienblattes gingen ein: für „Bezalel" von Herrn und Frau Leopold Merzbacher anläßlich der Geburt ihrer Tochter. ■ 5,— M Für den „Nationalfonds" J.L. . -.60 „ Karl Demuth, Frankfurt a. M., Telegrammablösung zur Hochzeit Pfälzer« Königsberger 1.— „ Anläßlich des Geburtstages ihrer Schwägerin Fanny Ackermann in Odessa anstatt Telegramm von Frau Amalie Wolpe, Bergerstr. 53 — 50 „ Frankfurt a. M. Herr Professor Adolf Weyl veröffentlicht in der jüngsten Nummer einer antizionistischen Zeitschrift eine Antwort aus die Ausführungen des Herrn Dr. med. Emanuel Fink- Hamburg und den redaktionellen „Stürmer-Artikel" in den Nummern vom 15. April und 1. Mai unserer Zeitschrift. Da die sattsam bekannten Angelegenheiten in nicht weniger als 7 Nummern unserer Zeitschrift in offener Diskussion behandelt worden sind und da mmi uns des weiteren nicht zumuten kann, auf Ausführungen in einer gegnerischen Zeitung zu erwidern, so nehmen wir davon Abstand, aus die Ausführungen des Herrn Professor Weyl cinzugehen. Nur eins wollen wir hier erwähnen: Herr Professor Weyl schreibt: „Es ist mir trotz mehrfach seit 14 Tagen wiederholter und bis zum letzten Augenblicke fortgesetzter Verhandlungen nicht gelungen, für meinen Artikel die Aufnahme in jenem Blatte zu erwirken." Herr Professor Weyl kann nicht beabsichtigt haben, daß das rein wörtlich aufgefaßt werden soll; wir erinnern Herrn Professor Weyl nur an unser Schreiben vom 25. Mai, in dem wir uns in der Hoffnung, „daß dadurch dem Frieden unter den hiesigen Zionisten gedient wird," bereit erklären, von ihm einen Artikel, „der den Standpunkt der Frankfurter JsraelitijMS Familienblatt. Vertreter der schärferen Taktik im Misrachi klarlegt und damit zwischen den Vertretern der schärferen und der gemäßigteren Taktik den Frieden wieder anbahnt, aber aus diesem Rahmen heraus tretend, nichts bringt," anzunehmen, — wir erhielten aber keine Antwort, — und 5m Tage später stand der Artikel in der antizionistischcil ZeitsMist. Frankfurt a. M. Herr Raovmrr vt e i n e s - Lyda ersucht uns um Ausnahme des folgenden Proteges : „Infolge mannigfacher Beschäftigungen habe ich von den empörenden Vorkommnissen in der zionistischen Lrganisativn er,: dieser Tage Keunlnis erlangt. Mlt Entjeyen erfuhr ich, dag der ossizielle „Haolam" den Talmud und alle anderen Heiligtuiner Israels fortgesetzt mit Lästerungen und Befchimpfnngen ilveryaufr und daß das Zcntral-Bnrean in Eorn auch air den Sabbaten geösinet ist. _ Es yändclt sich mir nichts ilin die einzelnen Skribenten; nicht gegen die berr. Schriftsteller als Privatpersonen wende ich 'mich. Mit tyncn haben ivir nichts gemein. Wir hatten auch niemals die Absicht, unsere religiöseil Ucberzeugungen jedem einzeuien Zlouisien auszuorangeu. Huigegcn die o,s:- zielle Parteileitung, gegeil sie erhebe ich schivere Antlage. Diese Parteileitung, die noch auf dem letzten Kongresse durch den Mund des Herrn Pros. Warburg die aufrichtige Zusicherung verkündeil ließ, sic iveroc sich Thora uno Tradition gegenüber eyrerbietig verhalten, — wie tonnte sie sich nun zu einer derartigen Hanolungsweise erdreisten?! Wir hatten Vertrauen zur Parteileitung und glaubten an ihren gnteil Willen/ mindestens das zu halten, ivas sie selbst versprach. Wir nahmen an, sämtliche zionistischen Aemter werde» die Savbatgeseye ebenso wahren, ivie cs die Londoner Bank rat, wovon ich mich während meines Aufeilthalts in London persönlich überzeugen konnte. Wir hofften, die Parteileitung werde sich einer vom Gelbe sämtlicher Zionisten erhaltenen Zeitschrift ausschließlich züm Zwecke der Agitation beoienei: und sie nicht zu Angriffen aus alles, was uns teuer und heilig ist, mißbrauchen. Wir wareit naiv genug, so zu denken. Was müssen wir statt dessen heute wahrnehmen? „Haolam" veröffentlicht Artikel voller Gift und Galle, tritt mit Füßen den 'Talmud, die Seele unserer Ration, richtet grobe Angriffe gegen unsere heiligsten Güter, und das Zentral-Aureau, das oberste Amt der ganzen Partei, wird ain Sabbat geöffnet und man arbeitet darin wie am Werktage! Wollen wir den: allein stillschweigend ohne Erregung zusehen? Nein, durchaus nicht! Alle Zionisten, deren Herzen die Thora nahegeht, mögen sich ungesäumt unseren westeuropäischen Brüdern anschließen und mit ihnen zusammen die Stimme zum energischen und entschiedenen Proteste erheben gegen die Parteileitung und ihr Vorgehen, zum flammenden Protest gegen die Mißachtung unserer Religion, gegen die offizielle und öffentliche Verunglimpfung der Ehre unserer Thora! Es kann fortan kein treuer Jude mit ruhigem Gewissen Zionist sein, solange ihm nicht Garantien geboten werden, daß sich derartige widerwärtige Er-r eignisse nicht wiederholen würden. . Aber nicht nur sie. Auch die nationalen Zionisten, die wirklich. Nationalen) werden einer Parteileitung, die sich über die Grundlagen unseres Glaubensgesetzcs, über ihre eigenen Zusicherungen und über die Pflichten, die sie öffentlich von der Kongreßtribüne herab übernonrnren hat, schnöde hinwcgsetzt, Mißtrauen bekunden. Denn, 'wenn die Parteileitung in dieser Beziehung ihr Wort brechen könnte, wer bürgt dafür, daß dies in vielen anderen Dingen nicht ebenso der Fäll sein wird?! Darum schließe ich mich voll und ganz meinen westeuropäischen Brüdern an und stimme ihrem Proteste zu. Gleich ihnen verwahre auch ich mich auss entschiedenste gegen das Vorgehen der Parteileitung. Gleich ihnen fordere ich von der Parteileitung Garantien, die die Möglichkeit einer Wiederholung solcher Vorgänge ausschließen. Solange diesen unseren billigen Forderungen nicht entsprochen wird, sind wir nicht imstande, zur Parteileitung Vertrauen zu fassen und mit ihr Hand, in Hand 51: gehen. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Zionisten an allen Orten, die.gesetzestreuen wie die aufrichtig nationalen, die Parteileitung zur Rechenschaft ziehen werden,, um sie zu veranlassen, sich — das Borgefallene öffentlich bedauernd — in Zukunft zu fügen." Zu diesen: Protest haben wir folgendes zu bemerken: In Sachen der Sabbatentweihung waren tvir die ersten, die Protest erhoben, und zwar in schärfster Meise. Nachdem jedoch Herr Präsident Wölffsohn in unserer Zeituilg eine Erklärung abgegeben hatte, die dafür bürgt, daß die Bureaus nunmehr Samstags strengstens geschlossen sind, war für uns die Angelegenheit erledigt, und wir glaubten, annehmen zu dürfen, daß' dmnit für jeden treuen organisierten Zionisten die Sache gleichfallls ihre Erledigung fand. Bezüglich des,,Haolam" jedoch sahen wir keinen Anlaß zu einem Proteste, denn der Standpunkt der Redaktion dieser Zeitschrift, sämtlichen Richtungen innerhalb der zion. Bewegung freien Spielraum zu. gewähren, ist jedenfalls ein diskutabler, obgleich, wie wir seiner Zeit akrsgeführt haben, es trotz der technischen Schwierigkeiten angebrachter sein würde, Artikel, die das religiöse Gebiet berühren, privaten Organen zu überlassen. Selbstverständlich ist die Forderung, daß die Redaktion des „Haolam", wenn m Artikeln ihrer Zeitschrift das religiöse Gebiet berührt wird, verletzende Stellen ausmerzt. Soweit unser Standpunkt! Nun noch einige Worte, die Ivir unserm Gerechtigkeitsgefühle schuldig sind! Die Behauptung ' des Herrn Rabbiner Reines und einiger anderen Herren, daß der „Haolam" „fortgesetzt — also systematisch — die jüdische Religion mit Lästerungen überhäuft", ist unzutreffend. Wie aus dem Proteste des Herrn Rabbiner Reines hervorgeht, hat er selber den „Haolam" nicht gelesen ^„erfuhr ich"); sein Protest dürfte vielmehr auf Veranlassung jener Leute erlassen worden sein, die ein Interesse daran haben, die Angelegenheit der sabbatentlveihung und des „Haolam" öffentlich zu Tode zu peitschen, damit der Zionismus diskreditiert werde. Berlin. Der Bericht der Nationalfond- Verwaltung für Deutschland für die Zeit vom 1. Juli 1906 bis 30. Juni 1908 verzeichnet 55 000 M Einnah m e n, darunter: Goldenes Buch 12 500 Jk Oelbaumspende 20100 „ Selbstbestcuerung 2 800 „ Nativnalsondsmarken 1500 „ Bezüglich der Oelb aumpflanzungen bemerkt der Bericht: Die Baumschule in Lydda bei Ramleh, die vor kurzem mit gutem Erfolge angelegt wurde, ist für mehrere zehntausend Bäume berechnet, von denen bereits 15 000 angepflanzt sind. Das für den Hcrzlwald demnächst zu erwerbende Terrain Hulda, das auf dem Wege von Jaffa nach Jerusalem liegt, genügt für die Pflanzung von 20000 Bäumen. Von bei: S a nt melb ü chscn des Nationalfonds, die kostenlos und portofrei abgegeben werden pnd einen schönen Zimmerschmuck darstellen, sind jetzt ungefähr 3000 in Deutschland untergebracht worden. Der Bericht der Nationalfondsverwaltung schließt mit folgenden Worten: „Wenn wir auch im große» und ganzen mit den: vorliegenden Resultate zufrieden sind, verhehlen wir uns doch keineswegs, daß die Vermehrung des Nationalfonds in zu langsamem Tempo erfolgt. Wir müssen daher daraus bedacht sein, 'immer neue Kreise von Juden für den Nationalfond zu interessieren und auch neue Quellen für denselben zu erschließen. Ein jeder agitiere in seinem Kreise und lasse es sich nicht verdrießen, immer und immer wieder auf die eminente Bedeutung des Nationalfonds für das jüdische Volk hinzuweisen. Wenn ein jeglicher auch in dieser Beziehung seine Pflicht tut, hoffen wir im nächsten Jahre mit noch bessern: Resultate anfwartei: zu können, so daß wir das große Ziel, das wir uns gesteckt haben, auch in absehbarer Zeit erreichen; der große Moinent finde auch in finanzieller Beziehung kein kleines Geschlecht!" Berlin. Aus dem Bericht des Zentralbur e a n s d e r Zion. Vereinigung für Deutschland, der den: Delegiertentag in.Breslau vorgelegt werden wird, können wir bereits folgendes nntteilen: Die Beschlüsse des 10. Delegiertentages in Hannover an: 4. und 5. Juni 1906 hatten die Spannung zwischen den deutschen Zionisten überbrückt. Das Ergebnis der -Tagung war ein schnelles Anwachsen der agitatorischen Tätigkeit, sowie eine Stärkung des inneren Lebens vieler Ortsgruppen. Die prinzipielle Diskussion über die Tätigkeit der zionistischen Partei in Palästina wurde durchs das Votum des VHIi Kongresses (Haag, August 1907) erledigt, und die Gruppen konnten sich mit aller Energie der Propaganda widmen. Von der Propagandatätigkeit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland geben die Auslageziffern der von ihr heransgegebenen Broschüren nsw. eine Vorstellung: es erschienen in den letzten zwei Jahren „Die Jüdische Volksbewegung", von Dr. Alfred Nossig verfaßt, in über 80 000 Exemplaren, vier Agitationsnummern der Jüdischen Rundschau in je 20 000 Exemplaren, eine von D. Trietsch-Jafsa verfaßte Broschüre „Wirtschaftliche Tätigkeit in Palästina" in 10 000 Exemplaren und eine von Dr. Alfred Nossig geschriebene Broschüre „Die jüdische Realpolitik" in 5000 Exemplaren. Außerdem wurde soeben das „Zionistische ABC-Büch" fertig gestellt, ein Handbuch von 300 Seiten über alle, das niodernc Judentum betreffenden Themata, zu den: sich vierzig Mitarbeiter vereinigt haben. Weiter wurden nach Neuaufnahmen 150 Lichtbilder n:it palästinischen Sujets neu angeschafft, sodaß die Zähl der'Palästina- Lichtbilder, die den Ortsgruppen zur Verfügung gestellt werden können, nunmehr über 300 beträgt. Ferner wurden die in: ..Jüdischen Verlag" und im Verlag „Jüdische Rundschau" erschienenen Broschüren in vielen Tausenden Exemplaren verbreitet. Das Zentralbüreau korrespondiert mit Vertrauensmännern in 170 Orten Deutschlands, und