Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 22 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Nr. Z2 tfes JPcaaRfiicter UmMMm FamilimklMs. Inhalt der Beilage: Artikel: Das Wohnhaus in der Mischna. — Strategische Kunstmittel der Neologie. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Sprechsaal. — „Jüdische Jugend." Das Wohnhaus in der Mischna. Soeben ist in dem Verlag von Louis Lamm in Berlin ein Buch erschienen, das in der wissenschaftlichen Welt wohlverdiente Beachtung finden wird. Herr Dr. Arthur Rosenzweig hat niit emsigem Fleiße und großem Scharfsinn aus den vielfach zerstreut in den alten Quellen vorkommenden Notizen ein gut gelungenes Bild von dem alten Wohnhaus der Israeliten rekonstruiert. Alles, was die Mischna, die Tosesta, die halachischcn Midraschim und die in den beiden Talmuden erhaltenen Boraitot, sowie Midrasch Rabba und Pcsikta über das Wohnhaus der Israeliten bemerken, ist in diesein Buche gebührend berücksichtigt worden. Daneben werden auch die Wohnhäuser der Araber, der alten Griechen und Römer zum Vergleich herbeigezogen. Das Baumaterial bestand aus Steinen, Ziegeln imd Holz, als Bindemittel wie zum Verputz wurden Lehni, Kalk und Gips verwendet. „Wer da baut, braucht sechs Dinge: Wasser, Erde, Holz, Stein, Rohr und Eisen." Bei Prachtbauten kam auch Marmor in Verwendung, der wahrscheinlich aus Arabien bezogm würbe. Das Holz zum Bau war das der Sykomore oder das bei weitem geschätztere der Z e d e r. Schnitzarbeiten wurden auch in Eschenholz hergestellt. Bei der Wahl des Bauplatzes wurde mit besonderer Vorsicht verfahren. Die Lage der Häuser war durch die Straßenflucht bestimmt, in der sie errichtet wurden. Es bestand in Jerusalem wie in Rom und Athen ein Verbot, Häuservorsprüngc, wie Balkons oder Erker, über die Front hinauszubauen. Wer solche bauen wollte, mußte die Front seines Hauses zurücklegen. Der Architekt entwarf den Plan zum Ban bis in alle Einzelheiten auf Tafeln und Pergamenten mit Zirkel und Lineal und überwachte die strikte Durchführung des Planes. Das Fundament war von der Beschaffenheit des Baugrundes abhängig. In gebirgiger Gegend machte die Ausführung eines Fundaments keine Schwierigkeiten; der Fels selbst lieferte den Untergrund. In der sandigen Tiefebene jedoch mußte das Gebäude gründlicher basiert werden, da es durch Grundwasser oder durch Regengüsse leicht beschädigt werden konnte. Ein in der Ebene von Saron ohne starke Grundlage nur aus Ziegeln errichtetes Haus galt als stets gefährdet, weswegen auch der Hohepriester am Versöhnungstage für die Bewohner von Saron die besondere Bitte einschaltete, „ihre Häuser mögen nicht ihre Gräber werden". Die M a u*e r n waren entweder ganz aus Stein, besonders in Gebirgsgegenden, oder sie waren aus Luftziegeln gebaut, was zumeist in der. Tiefebene geschah. Im Innern des Hauses waren die Wände zuweilen ans Holz. Die Wände wurden getüncht, auch das Bemalen derselben war üblich. Außerdem werden bemalte Teppiche und Decken erwähnt, mit denen die Wände behängt wurden. Den Abschluß des durch die Wände geschaffenen Raumes bildete das Dach. Dasselbe war in Palästina, wie im ganzen Orient auch heute noch, flach gebaut. Säulen gab es innerhalb und außerhalb des Hauses. Ihre Basis und ihr Kapitäl waren zuweilen mit mannigfacher Ornamentik verziert. Der Fußboden der Wohnung war nicht wie bei uns gedielt, sondern bestand aus einer gestampften und planierten Lehmmasse, auf der man mit Nägeln befestigte Decken ausbreitete. In größeren, luxuriöser ausgestatteten Häusern war der Fußboden, wie solches auch im Tempel der Fall war, mit Steinen ausgelegt. Zum Niederhalten des Staubes wurden die Zimmer mit Wasser besprengt. Die Türöffnung, die den Zugang zum Hause gewährte, brachte man, um den Einblick Fremder in das Haus unmöglich zu machen, meistens an der Seitenfront des Hauses an. An die Stelle der Türen, welche die einzelnen Teile des Hauses verbanden, traten zuweilen linnene Vorhänge, die man beim Eintritt zurückzog. Bei Nacht wurde die Haustüre stets verschlossen. Der Anstand erforderte es, daß man vor dem Eintreten an klopfte, um die Einwohner nicht zu überraschen. Bei manchen Häusern waren auch Glocken an der Türe befestigt, durch die der Fremde seinen Eintritt ankündigte. In den Häusern der Vorne h m c n waren Türhüter angestellt. Auch hielt nmn zur Bewachung des Hauses Hunde, die entweder frei umherliefen oder an der Kette lagen imd durch ihr Gebellt das Nahen eines Fremden meldeten. Die Notwendigkeit besonderer Oeffnungen als Fenster, durch die das Innere des Hauses erhellt werden soll, ist im Orient in weit geringerem Maße vorhanden als bei uns. Der Orientale benutzt das Haus nur zum Aufenthalte bei Nacht und zum Schutz gegen die Unbilden der Witterung; seine Arbeit über verrichtet er zum größten Teil auf der Straße. Bei seinen häuslichen Verrichtungen begnügt er sich mit dem Sonnenstrahl, der durch die geöffnete Haustüre ins Innere dringt. Die Fenster gingen entweder auf die Straße oder den Hof hinaus. Manche Zinimcr erhielten ihr Licht durch eine Oeffnung in der Decke. Beim Eintritt in das Hans trat man durch die Türe direkt in die Wohnräume, hinter denen der Hof lag; in ruhigen, Straßen hatten die Häuser noch einen Vorhof, der an der Straße lag, und zu dem man durch das Tor gelangte. Vom Vorhof aus trat man durch die Haustürc in den Flur, der zil den Wohnräumen und dem Hofe führte, oder es befand sich vor dem Hause eine Vorhalle, die als Vorraum für den dahinter liegenden Saal diente. Der inn e r e Hof nahm eine ähnliche Stelle ein, wie das Atrium bei den Röniern. Er diente zum Bereiten der Speise, zum Einnehmen der Mahlzeit, wie auch zum Unterricht der Kinder. Um den Hof .zog sich eine an das Haus angebaute Säulenhalle, die zuweilen mit Ruhebänken versehen war. Die um den Hof liegenden Zimmer wurden meistens zu Schlafzimmern verwendet. Stockwerke gab es zuweilen eines, zwei oder drei. Fast jedes Haus hatte einen Oberstock, Söller genannt, der mit dem unteren Wohnraum in Verbindung stand. Der Söller lvird oft als Studierzimmer, als Versammlungsort der Gelehrten erwähnt. Das Dach diente vielfach zum Aufenthalt am Tage. Man nahm dort seine Mahlzeit ein, ging spazieren und verrichtete sein Gebet. Auch wurden dort Flachs und Früchte znm Trocknen ausgebreitet. Man sieht, wie große Sorgfalt unsere Vorfahren auf die Gestaltung ihres Hauses verwendeten. Strategische Kunstmittel der Neologie.*) Von Dr. I. Goldschmidt-Offenbach a. M. Unter der obigen Ueberschrift wird im Leitartikel Nr. 22 des „Israelit" mein Buch „Das Wesen des Judentums" bekämpft. *) Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt hat uns gebeten, seine Erwiderung zum Abdruck zu bringen, da das Blatt, in das sie gehört, die Aufnahme verweigert. Wir kommen hiermit dem Ersuchen nach, denn wir sind der Meinung, daß es im Interesse der Orthodoxie liegt, die Ansichten der Liberalen kennen zu lemen. Uebrigens widerspricht es dem jüd. Gesetze, die die jüdischen Gebote nicht beachtenden Brüder zu ignorieren, und die Orthodoxie kann nur gewinnen, wenn sie auch im Kampfe gegen die Liberalen gerecht ist. D. Redakt. Daß das Blatt meinen Standpunkt bekämpft, ist sein gutes Recht. Es ist ja das bei unserer prinzipiellen Verschiedenheit gar nicht anders zn erwarten. Ein ernstes Buch von einigem Umfange bietet auch naturgemäß Angriffspunkte genug. Man kann sich in der Darstellung der Tatsachen vergreifen. Für seine Behauptungen kann man nicht immer direkte Beweise bringen. Jndizien-Bcweise, durch Analogie der Tatsachen, können angezweifelt werden. Mathematische Wahrheit gibt es in der G e s ch i ch t e überhaupt nicht. Wer ein geschichtliches Thema bearbeitet, muß das Wesen der Geschichte als Wissenschaft wenigstens so weit kennen, um sich nicht für unfehlbar zu halten. Für meine besten Freunde wird also mein Buch noch eine Anzahl angreifbarer Punkte haben, um wie viel mehr für Fremde oder gar Gegner. Der Korrespondent des Blattes könnte mich also in vielen Punkten bekämpfen, bei denen ich ihm zugcben würde, daß er von einem gewissen Gesichtspunkte aus im Rechte sei. Mer merkwürdig: er bekämpft mich gerade in einem Punkte und von einem Gesichtspunkte ans, wobei er ganz gewiß unrecht hat. Entweder tut er mir Unrecht, oder er befindet sich in einem Irrtum. Er stellt es so dar, als ob ich die Orthodoxie bekämpfte, und nennt meine Methode ein „strategisches Kunstmittel". Ich kann ihm mit aller Bestimmtheit erklären, daß das nicht der Fall ist: ich führe keinen Kampf gegen die O rthodoxie, sondern gegen den Jndifferentismus. Ich will nicht die Orthodoxen in ihrem Glauben schwankend machen und zu einer historischen Auffassung der Offenbarung überreden, sondern den Ungläubigen, den neologen Juden zeigen, in welchem Sinne sie das Bewußtsein festhalten können, daß sie noch Juden sind, daß die Thora göttlich ist, daß Israel mit Gott oder Gott mit Israel einen Bund geschlossen hat, in welchem Sinne auch das „Zerenwnial-Gesetz" seine göttliche Verbindlichkeit hat, die Schöpfungsgeschichte, die Wunder usw. göttliche Wahrheit sind usw. usw. Bei den Orthodoxen ist das Bewußtsein, Jude zn sein, ganz natürlich; ihm ist die Thora göttlich im buchstäblichen Sinne des Wortes; ihm hat Gott mit Israel in ganz einfachem Sinne einen ewigen Bund geschlossen; für den Orthodoxen hat das Zeremonial-Gesetz selbstverständlich göttliche Verbindlichkeit und für ihn ist die Schöpfungsgeschichte, sowie die Wunder, einfache geschichtliche Wahrheit. Dem Ungläubigen, dem Neologen, muß erst ein neuer Weg gezeigt werden, wie er diese alten Lehren des Judentums trotz seiner evolutionistischen Weltanschauung in einem etwas modifizierten Sinne beibchalten kann. Jeder vorurteilslose Leser wird mir zngeben, daß das keine Bekämpfung der Orthodoxie, sondern eine Bekämpfung des Unglaubens ist. Nun weise ich nach, daß diese Anschauung, die wir die „geschichtlich-evolutionistische" nennen wollen, einen langen weiten Weg den Anschauungen entspricht, wie sie im talmudischen Schrifttum über die Entstehung der Thora in Israel vorgetragen oder vorausgesetzt werden, und also auch wohl von der Orthodoxie anerkannt werden müssen. An dieser Stelle könnte der orthodoxe Kritiker mich angreifen. Er müßte Nachweisen, daß ich die talmudischen Stellen mißverstanden, gefälscht oder tedenziös falsch gedeutet habe. Das wäre sein gutes Recht, und wenn er diesen Nachweis irgendwie begründet, wäre ich — deß darf er sicher sein — wahrheitsliebend genug, die relative oder absolute Berechtigung seiner abweichenden Meinung anzuerkennen. So lange das aber nicht geschieht, wird jeder die von mir gezogene Schlußfolgerung wohl für berechtigt erklären müssen, daß von diesem Gesichtspunkte aus, wenn die Neologie also in dem von mir nachgewiesenen Sinne die Thora für göttlich hält, das Bündnis zwischen Gott und Israel anerkennt usw., daß dann zwischen Orthodoxie und Neologie keine so prinzipielle Kluft besteht, 4785