Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 22 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692584--04012-2698781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. verein für die notleidende jüd. Bevölkerung in Galizien zur Förderung des Unterrichts in der Spitzenklöppelei. Prag. Die v. Lamm el'schen Stiftung s- Häuser find in ihre neuen .Gebäulichkeiten in der Weinbcrgcr Kronengasse übcrgesicdelt. Diese zur Unterbringung christlicher und jüdischer alter Leute bestimmten Stiftungshäuscr wurden zu Ehren der Eltern als Simon bczw. Babettc von Lämmelschc Stiftungen vom Sohne Leopold und der Tochter Josesine verehelichten v. Salemsfcld errichtet. Simon Lämmel (gest. 1846 in Wen) betrieb seit dem Jahre 1787 ein Woll- und Bankgeschäft in Prag. Während der Franzoscnkricgc leistete er dem Staat allerhand gute Dienste, namentlich im Jahre 1805 durch den Wiederkanf der von den Franzosen konfiszierten Kanonen und Kriegsmaterials im Werte von drei Millionen für Ihr Millionen Gulden. Er wurde 1812 in den Adelsstand erhoben. Sein Sohn Leopold übernahm das Großhaiiblungs- und Bankhaus in Prag. Er war der erste Direktor der 1825 errichteten Böhmischen Sparkassa. In der denkwürdigen Jnnjwvche des Jahres 1848 übernahm er den Schutz der Kameralkassa (Landcshauptkassa), in der sich über 2H»'Millionen Gulden befanden; er setzte sich beim General Windischgractz für die Einstellung der Feind-' scligkcitcn ein, erwirkte nach dem Frieden von der Regierung ein Moratorium für alle in der kritischen Woche fälligen Wechsel, wodurch die Prager Geschäftswelt vor dem Ruin bewahrt wurde. Er schloß auch für den Staat vorteilhafte Anlehcn ab. Für sein verdienstvolles Wirken wurde ihm der Rittcrstand verliehen. Er war Mitglied des Prager Stadtrats und Landtagsabgcordneter. Er starb im Jahre 1867 und hintcrlicß bloß Töchter. Eine derselben, Elisabeth, heiratete den ersten böhmische» Zuckerfabrikaiilcn Herz. Ihre Tochter vermählte sich (1847) mit dem tschechischen Dichter Karl Drahotin Freiherr» von Villani de Pillonico (1818—1883), der im Rcvvlutionsjahr 1848, nachdem er seine militärische Laufbahn aufgcgebcn, auf tschechischer Leite eine große Rolle spielte. Rußland. Warschau. Sorgen jüdischer Eltern. Wir stehen wieder vor dem Beginn der Aufnahmeprüfungen an den Gymnasien. Da die Zahl der jüdischen Schüler nicht 10«/» des Schülerbestandcs übersteigen darf und sich bei der große» jüdischen Bevölkerung Warschau's eine vielfache größere Zahl jüdischer Schüler meldet, so müssen sich die Augcmeldetcn einer Prüfung unterziehen. Es ist selbstverständlich, daß seitens der Eltern der Schüler alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die heißersehnte Aufnahme des Sohnes hcrbeizuführen. Protektion, Geld oder nicht selten beides zusammen sind hier von entscheidender Wirkung. Die Eltern überbictcn sich gegenseitig, und sehr oft steigt die Bestechungssumme bis auf 1000 Riibcl. Wie demoralisierend derartige Zustände ans die Seelen der Kinder wirken müssen, bedarf keiner Beleuchtung. Wenn die reichen Juden Warschau's im allgemeinen nicht ein zu geringes jüdisches Interesse hätten, dann wäre schon längst ein jüdisches Gymnasium gegründet worden. Frankreich. . Paris. Ein jüdisches Leichenbegängnis am Sabbat. — Hier verstarb am Freitag ein Kind an einer ansteckenden Krankheit und die Behörde ordnete an, daß die Leiche Sonnabend begraben werden müsse. Der Grand Rabbin wurde gegen diese Unordnung vorstellig; aber die Behörde ' antwortete, daß in einem Staate, in welchem die Trennung des Staates von der Kirche vollzogen sei, die religiösen Forderungen der einen oder anderen Konfession nicht berücksichtigt werden können und daß in diesem Falle die öffentlichen Sanitätsrücksichten cs nicht gestatten, daß die Bestattung der Leiche bis Sonntag verschoben werde. Türkei. Äonstantinopcl. Die drei Schulen des »Hilfs- Vereins der Deutschen Juden" unternahmen am 26. Mai einen Dampscransslug nach den süßen Gewässern. Zu diesem Ausflug hatte die t ü r k i s ch e Regierung den Schulen einen E x t r a d a in p f e r kostenfrei zur Verfügung gestellt. Rumänien. Bukarest. Die Ausweisung der Juden aus den kleineren Städten und Dörfern hat begonnen und wird mit größter S t r e n g e durchgeführt. Im Jassyer-Waslnieer Distrikt gibt es kleine Städte mit ca. 120—150 jüdische Familien, die einfach hinausgejagt ivurdcn, sodaß sic nicht einmal ihr Hab u » d G u t veräußern konnten. — Durch den Regenmangcl steht eine große wirtschaftliche Krisis bevor. In den Synagogen werden Gebete um Regen verrichtet. — H—r. Amerika. Rew-Aork. Die hiesige Jeschiwah »Reb Jizchok Elchonon" zählt 100 Schüler, tüchtige, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. scharfsinnige Köpfe, die sich ausschließlich mit Thora- Studium befassen. Diese Jeschiwah wird von den russischen Juden erhalten. Sie versorgen die Bachurim mit allem, da sie cinsehen, daß es sich für Rabbinatskandidaten nicht ziemt, schnorren zu gehen und „Schnorrgchcr" nicht geeignet sind, die künftigen Fahnenträger des Jndentnms zu werden. Gar manchen tüchtigen Menschen hat diese Schule der amerikanischen Orthodoxie geliefert. Jetzt wütet ein S t r i k c in dieser Jcschiwa. Die Bachnrim gaben die Losung aus, auch weltliche Bildung sich anzueigncn, die Leitung aber widcrsetzte sich dem. Das Verlangen der Bachnrim fand jedoch Anklang in der jüdischen Bevölkerung, und eck bildete sich ein Komitce angesehener Leute, welches die Reorganisation der Jeschiwah in die Hände nahm. Dies hat die Streikenden befriedigt. Man will diese primitive Lehranstalt in ein jüdisch-theologisches Seminar verwandeln, ivo die Schüler gründliche und umfassende Kenntnisse in Talmud, wie auch in profanen Lehrfächern sich ancigncn können. Jacob H. L ch i f f nimmt nunmehr Interesse an diesem Institut, während er ihm noch unlängst seine Subvention entzog, da die Ausbildung der Schule allzu einseitig und lediglich auf de» Talmud beschränkt war. Als Leiter dieses theologischen Instituts ist Rabbiner E l i j a t K l a tz k i n in Marianopel (Rußland) in Aussicht genommen. Herr Rabbiner Klatzkin ist als cininente talmudische Kapazität und als Mann von umfangreichen wisscnschast.'ichcn Kcmitnrscn bekannt. Man erwartet, daß er den Vorschlag des Komitees akzeptieren wird.' Personalien. Frankfurt a. M. Nechisanwalt Dr Blau, Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, erhielt den Charakter als I n st i z r a t. Berlin. Den Charakter als Justizrat erhielten folgende Rechtsanwälte: Georg Becker, G Uttfeld, Dr. Gabriel, Dr. Alfred G o t t h c l f, Sally Cohn, H v f st a c d t, Hermann Maren sc, Dr. Leopold Bischofswerder-Berlin, Josef I o s c p h s o h n, Rafael Josephs o h n - Potsdam, Dr. Wolfes- Hannover, C o h c n- Düsscldorf und L ö w c n t h a l - Altona. Berlin. Eine Nichte Heinrich Heine's. lieber eine noch lebende Nichte Heinrich Heine's wird der „B. Z." geschrieben: ,,Es lebt hier in Berlin (Wielandstraße) noch eine Schwester der Fürstin, Frau Helene Hirsch. Die Dame ist eine Tochter der Frau Emden aus Hamburg. Im Hanse ihrer Mutter hat sie seinerzeit die Kaiserin Elisabeth empfangen, die der Schwester ihres geliebten Dichters einen Besuch machte. Frau Hirsch hat ihrem großen Onkel, an den in ihrer Wohnung Hunderte von Andenken mahnen, eine lebhafte Erinnerung bewahrt. Die hcrzcrsrencndc Frische des Geistes bei der körperlich sehr rüstigen, hochbetagten Dame gibt auch heute noch Zeugnis von d'ein geistigen Adel, dem sie entstammt." Leipzig. Die öffentliche Handelsl c h r a n st a l t Schreibt in ihrem Jahresbericht über den stellvertretenden Direktor, Prof. Dr. Adler, der nach einer 34')- jährigen Tätigkeit 'aus seinem Amte schied, um sich ganz der Leipziger Hochschule widmen zu können': „Sein ganz hervorragendes Wissen auf den Gebieten der Handelswissenschaft und - der Volkswirtschaftslehre, sein durchdringender scharfer Verstand und sei» pädagogisches'.Geschick, seine außerordentlich große Arbeitskraft und freudige Pflichterfüllung befähigten ihn zu der wichtigen Vertrauensstellung, die er in seiner langen Amtstätigkeit unter mehreren Direktoren eingenommen hat. Er gilt im ganze» deutschen Kaufmännischen Unterrichtswescn als Autorität, und oft wurde sein Rat nach auswärts in Anspruch genommen. Dabei war er immer ein bescheidener, stets dienstbereiter, gefälliger Kollege, dessen Wesen von Ueberhebung ebenso fern war, wie von Kriecherei, denn seine Uebcrzcngung wußte er bei gegensätzlicher Auffassung immer unerschrocken zum Ausdruck zu bringe». 'Auch persönlich 'möchte ich als Direktor und Kollege Professor Dr. Adler hier herzlichsten Dank sagen, er hat mir von Anfang an in dem sch-vierigcn Amte der Leitung unserer großen Ocffentlichcn Handelslehranstalt stets hilfsbereit und uneigennützig zur Seite gestanden. Es ist mir an Professor Dr. .Adler eine belehrende Erfahrung gewesen, wie ein überzeugter Israelit mit einem Christen in vollster Harmonie an der Erziehung der Jugend erfolgreich zusammen wirken kann. Die Schüler hingen immer mit größter Verehrung an Professor Dr. Adler. Das zeigte sich bei seinem Abgänge und besonders auch bei der 75 jährigen Jubelfeier der Anstalt im Januar 1906, >vo viele eheinalige Schüler ihrem früheren Lehrer die herzlichste Anerkennung zollten. Wie sehr seine Vorgesetzte Behörde ihn zu schätzen wußte, ging aus den warm anerkennenden Worten hervor, die der Vorsitzende des Schulvorstandes, Geh. Kommerzienrat Zweiniger, ihm bei seinem Scheiden vor den versammelten Lehrern und Schülern am 27. September widmete, solvic aus dem Abschiedsschreiben des Schulvorstandes." Stuttgart. Zu Vorstehern der jüdischen Gemeinde wurden gewählt: Adolf Wolf und Karl Reif. Nr. 22. Breslau. Stadtverordneter Siegfried Habe ist vom Regierungspräsidenten als unbesoldeter S t a d t r a t bestätigt worden. — Der dieser Tage verstorbene frühere Rittergutsbesitzer und Handelsrichter Dr. P h i l i p P I m m e r - wahr erfreute sich in den weitesten Kreisen der Bürgerschaft der größten Wertschätzung. (L.) Posen. Durch den Tod des Stadtverordneten A u g u st M eher st c i n und des Rentiers I. I e r e m i a s verlor die jüd. Gemeinde zwei angesehene Mitglieder. Rentier Jeremias zeichnete sich durch strenge Religiösität aus. — In Samtcr feierte das Markus Motte k' sche Ehepaar seine goldene Hochzeit. — In Iarotschin verschied im 68. Lebensjahre der Stadtverordnete E n g l ä lüd e r. — Ans Anlaß seiner Ilebersiedlung »ach Posen bedachte der Kausman» Karl K a tz e n e l l c n b o g e n die K r o t o s ch i n c r jüdische Gemeinde und mehrere Krotoschiner Vereine mit Spenden. Stratzburg. Dem Schüler Leo Strauß, derber Kaiserin bei ihrem Besuche in der isracl. Gewerbeschule ein Bukett überreichte, ist im Allerhöchsten Auftrag durch den Polizeipräsidenten eine goldene Kravattennadel überreicht worden. Budapest. Dr. Franz Witt mann, Professor am Technikum, wurde zum Mitgliede der B n d a p c st e r Akademie der Wissenschaften und Dr. I.' G o l d z i e h c r znm Mitgliede der Amsterdamer Akademie der Wissenschaften gewählt. Paris. Jules Cahen, Haas-Kahn, Eduard' L e v y, Joseph M a i c r, O s k a r Mayer, Jules Isidor N e t t c r , Rabbiner S a m n e l K o r b (Nantes) und M a x L a n g (Ronen) wurden zu ofsicicrs d' Academie ernannt. 0 leuillefon. 0 (Nachdruck verboten.) Jüdische Herzen. Skizze von B. Leiser. Es war noch ziemlich früh am Morgen, als ein dunkelhaariges, blasses Mädchen mit schleppenden, müden Schritten durch eine der stillen Straßen der Neustadt ging. Wer sic sah, mußte unwillkürlich Mitleid 'empfinden. Sie machte den Eindruck, als ob sie sich sehr elend'fühle und sich nur mit Gewalt aufrecht erhalte. Ihre Kleider befanden sich in einem Zustande, der äußerste Dürftigkeit, ja Armut verriet. Auf den ersten Blick bemerkte man, daß sie ein Glied jenes Stainines >var, den man seit Jahrhunderten unbarmherzig durch die Länder hetzt, ruhelos, ohne eine wirkliche Heimat. An diesem armen, verlassenen Geschöpfe, das ans seinem fernen Gcbnrtslandc hcrgcrcist war, um den Druck los zu werden, in die Freiheit zu kommen, gab sich der ganze Jammer ihres Volkes kund. In den Augen war er zu lesen, in diesen tiefen seelenvollen Sternen, da saß er fest, und er sprach ohne Zungen beredt, ganze Bände. In ihrem Geburtslande — dort hatte das Leben für sic ein Martyrium bedeutet, — ob es hier besser sein würde? Hier wie dort war sie ohne Eltern, ohne Freunde. Empsehlungen, die ihr besonders nützlich sein konnten, besaß sie nicht. Sic war eine Waise, die daheim wenige Beziehungen hatte. Ihre verstorbene Mutter hatte ihr noch in ihrer schweren Krankheit immer wieder ans Herz gelegt, nicht in diesem/ ungastlichen Lande zu bleiben. Ein knappes Reisegeld lag lange bereit für sie. Aber sie hatten sich in ihrer Einfalt das Durchkommen im fremden Lände doch wohl zu leicht vorgestcllt. — Schließlich mußte sie doch den Weg antreten, von dem ein gewisses Schamgefühl sie bis jetzt zurückgehalten hatte. Sie scheute sich, in ihrer abgerissenen Kleidung zu dem Rabbiner der Stadt zu gehen, an den man sie verwiesen hatte. — Diesen einen Versuch wollte sie noch wagen, wenn sie diese Stelle nicht erhielt, dann mochte cs sein! . . Nr. 10 . . . Richtig, da ist es! Hier sollte eine jüdische Herrschaft wohnen, die ein Mädchen sucht. Nun steht sie an das Gitter des Vorgartens gelehnt, mit sehnsüchtigen Augen das Haus musternd. Wenn man sic hier annahin, wenn man ihr nicht mit Mißtrauen begegnete, Zeugnisse verlangte! Ein feines Haus, eine helle freundliche Straße. Blanke Spiegelscheiben glitzen in der Morgensonne, schöne Spitzengardinen dahinter und blühende Blumen in Töpfen stehen auf dem Fensterbrett.