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Neue jüdische Presse · 1908-06-04 · Heft 22 (4.6.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 22 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22. Seite 5. Arankfurtec IsraelitisHrS FamikkerMat». Traiitropfe» fmifoln an de» Gräsern zu ihren Füßen wie blitzende Steine, Hunderte, tausende. Wie Angst huscht es über das magere, blasse Gesicht. Müde gleitet der Bi in van dem schönen Hanse ab und prüft scheu das eigene schäbige, verblichene Kleid, die dünnen Schuhe, deren einer seitwärts eine geplatzte Naht hat. Es fröstelt sie, obgleich die Tonne hell scheint, ein-, halb erstickter Seufzer lonnnt über ihre'Lippe». Nichts regt sich vor dein Hanse, nur ganz in der Ferne hört man einen Wagen rollen. . . Es ist noch zu früh, sie weis; cs, — zu früh. Ganz zeitig Ivvllte sie da sein, damit sie die erste ist, keine ihr zuborkomnit. Immer noch regt sich nichts vor dem Hause. . . Die Sonne scheint hell ans knospende Strnncher, dem frischen Grün rötlich goldne Lichter aussetzcnd. Da — trapp — trapp! kommt ein Bäckerjnnge um die Straszeuecke in weißer Mütze und blendendweißer Schürze. Mißtrauisch blickt der halbwüchsige Junge sie an und beschreibt einen großen Bogen nm sie herum. Im schlanke»! Trabe koinmt jetzt ein Wagen die stille Straße hernntergcrasselt, ein junges Pferdchen! davor und aus dem Bock ein dralles, frisches Mädchen. Lange Reihen von blitzen den Kannen erglänzen in der Tonne. „Hü, — hü", hört sic jetzt dicht neben sich. Das saubere Milchmädchen springt ab. Die Kanne in der Hand, wirft frei Linen neugierigen Blick ans das blasse, stille Mädchen, das, krampshast sich an das Gitter des Borgartens klainmernd, dastcht. Nun, was ist das? Sie schwankt, ist sie krank, ist es eine Betrunkene? Die Kanne klirrt und klappert in der nnrnhigen Hand. „Fräulein, he Fräulein, so hören Sie doch! Da drin wohnen von „Eure Leut," gehn Sie doch da hinein. Was iS Ihnen denn?" 'Roch eine Sekunde Ivartet sie, dann ist sie im Hanse verschivunden. Es sängt nun an, lebendig zu werden, auch hier. Lenke kommen ans den Häusern, von den Nebenstraßen her über den großen, freien Platz drüben und cileit ihrer Beschäftigung zu. Ein paar Läden, die einzigen in der stillen Privatstraße rollen ans. Langsam richtet jetzt die Einsame am Gitter sich ans. Wenn nur die schreckliche Schwäche nicht wäre! Ganz schtvarz wird cs ihr vor den Angen, das HanS, der Garten, die Bäume und Sträncher, alles beginnt zu tanzen, auf und ab, — ans und ab. — Als sie dns Gitter losläßt, taumelt auch sie hin und her. Sie fühlt, daß hier ihr Bleibens nicht länger ist, daß sie handeln muß. . . Mit schwankenden Schritten, sich dicht am Gitter vorbeidrückend, geht sie dem Hanse zu. Ihre Füße zittern, das Herz klopft heftig, ein unbeschreibliches Angstgesühl schnürt ihr die Kehle ein. Endlich ist sie drinnen. In einer neuen Anwandlung von Schwache lehnt sie am Türpfosten. . . Da — da — sie blickt auswärts, die Hand führt nach dein Herzen, in srendiaeni Schrecke» hebt sie die Rechte und berührt liebkosend die kleine Glashülje, die ihr rntgegenlenchiet: er ist eine Mesusa. Wie wird ihr nun? Ganz leicht und froh, ein eigenes, warmes Gefühl strömtsüß durch ihre verzagten, müden Glieder. Heimatlnft. — Heimatdnft — wie daheim bei der Mutter fühlt sie sich, in MnttcrS Schoß geborgen. . . Neuer Mut schivellt ihre Brust. Da ist der elektrische Knopf — ein Druck nur. Sv, eS ist geschehen! Die Tür wird ein ivenig geöffnet. Eine freundliche Matrone steht vor ihr, Züge, die das Leid gezeichnet, tiefe, kluge, tvarme Augen. Es ist etwas dämmerig im Hansgang. Rechts und links blickt die alte Dainc, dann geivahrt sie das Mädchen, das beinahe taumelnd vor Schwäche, dastcht. Ein prüfender Blick mißt die Drnnßenstehende vom Kopf bis zn den Füßen, das fadenscheinige Kleid, die zerrissenen Schuhe. . . Die Züge lassen sich im Halbdunkel kaum unterscheiden. . . Die Hand der Matrone führt in die Tasche. „Almosen", denkt die draußen und tvird brennend rot vor Scham. Nein, nein, nur das nicht, noch nicht! Abwehrend hebt sie die Hand. Sie fühlt, es wird ihr wieder schwach, sie taumelt. . . „Ich kvmnic — wegen — der Stelle. . . Sie tun eine Mizwoh", murmelt sie. Ein leises Staunen ans dem Gesicht ihr gegenüber. Noch ein Blick über die Wankende. Ein tiefgründiger, der die Seele erforschen will in die Augen. Dann tvird "die Tür ganz geöffnet. „Bitte, kommen Sic' doch herein!" . . Eine. Helle, freundliche Stube. Grüne Plüschsessel, ein Sofa, ein großer, runder Tisch, darunter ein bunter Teppich. Alles licht, warm, freundlich, Stube und Menschen. Dem armen Mädchen erscheint das alles als höchste Eleganz und Wohlhabenheit, die tvarme, Helte Stube ein Paradies. Sie wagt es kaum, einzntreteu. „Bitte!" . . Sie wankt herein. 'Neben einem grünen Plüschsessel steht sie, den sie sehnsüchtig betrachtet. 'Ach, wenn sie sich setzen dürfte! Die Matrone sieht das Mädchen an, forschend, freundlich, merkt 'ans die unsichere Haltung. Sic tvird doch nicht? Tie denkt an Trunkenheit, — aber nur einen 'Augenblick. Kummer und Leid schlagen oft die Brücke zn solchen! Tun, sie kennt derartige Fälle. 'Alles verstehen, heißt auch alles verzeihen. . . Aber dieses Gesicht . . tiein. Und sie ist eine Jüdin, eine Glanbcnsgenossin, das gibt es nicht, das hat sie noch nicht erlebt! Mit einem Male kommt ihr ein Gedanke. Heiliger Gott! das ist eine 'Arme, eine Hungernde, lind da fliegt es wie göttliches Erbarmen über das gute Gesicht, die runzeligen Züge sind nun schön, hiuuulisch rein und schön. . . Daß sie daran nicht gleich gedacht hat, baß es so etivas gibt, so etwas Schreckliches. . . Sie wird ganz aufgeregt. „Komme» Sie rasch mit in die Küche! Bitte!" Eilfertig läuft sie voraus. „Baker, Bäterchen!" ruft sie noch im Laufen. In der tvarinen, schmucken Küche, schiebt sie dem Mädchen einen Strohsessel hin. „Trinken Sie eine Tasse Kaffee? Es ist ganz frischer da!" Der Duft von warmem Kaffee zieht vom Herde herüber. „'Ach, Gott, >vic gut Sie sind", sagt das Mädchen. Eine schlvache Röte, die Röte der Freude, zieht über ihr Gesicht. Die alte Frau stellt eine Tasse dampfenden Kaffee vor sie hin, Gebäck und Brot. „So essen Sie doch!" Das Mädchen sipt da, ohne sich zn rühren. Ein wohliges Gefühl hält sie zunächst von jeder äußeren Betätigung zurück. Tie fühlt sich ivie geborgen. Sic ist bei Juden, Slaunuesgeuvsscu, die werde» sie nicht verlassen! Das fühlt sie . .'doch zuerst. . . lind mit schwacher Slimine erzählt sie ihre Geschichte. . . Dann . . lange, schwarze Spinnen kriechen vor ihren Angen, nun ivirds ganz dunkel. . . „Hier, nun trinken Sie aber!" Sie fühlte sich gehalten, spürt etwas Warmes im Munde und trinkt gierig ivie eine Berfchmachtende. Ach, ivie gut das tut! 'Aber plötzlich kommt sie ganz zn sich, besinnt sich. Wozu ist sie denn eigentlich hier? Sie schiebt die Tasse zurück. Flehend sind ihre Augen ans die Matrone gerichtet: „Und die Stelle, ivie ist's damit? Werd' ich der Frau recht sein? Ich kann arbeiten, glauben Sie es nur! Ich null arbeiten!" . .; „Die Stelle, die bekommen Sie!" sagt die Matrone einfach. „'Nun aber Ruhe, nun essen Sie auch!" Man hört rin erleichterndes, tiefes Anfalnien, iv-ie vom Grunde des Herzens heraus. Dann leises Beten. Wie Sonnenschein huschte es dann über das blasse Gesicht. Hier ivar sie nicht fremd, hier war sie ja bei Glanbensbrüdern. . . Und plötzlich zog sic die alle cnnzelige Hand zn sich herüber und küßte sie inbrünstig. Wie ei« jüdischer Arrestant das Reicheuberger Gefängnis reformierte. Ende November kam nach Reichenberg der polnische Jude E. H., nm dort 'Arbeit zn suchen. Da seine Mittel erschöpft waren und er nicht gleich eine Arbeitsgelegenheit fand, wendete er sich an den Kansmann Lazansk», der die jüdische UnterstützungSkasse verwaltet. Ta kam er denn auch ivirklich vor die rechte Tür: Herr Lazanskh verhalf ihm zu einer Versorgung. Er ließ den lästigen „Schnorrer" wegen Bettelns arretieren, und so war dieser zunächst einige Tage aller Nahrungssorgen überhoben. Am 3. Dezember hatte er sich vor dem Bezirksgericht wegen Bettelns zu verantworten, wurde aber freigesprochen, da er gar nicht gebettelt hatte. H. glaubte nun in seiner Naivität, er könne jetzt gehen, wohin er wölke. Aber er hatte die Rechnung ohne die Ncichenberger Polizei gemacht. Diese hatte nämlich entdeckt (denn ab und zu entdeckt auch die Reichenberger Polizei etwas), daß er nicht nur — was ihr schon an sich verdächtig sein mußte — ein polnischer Jude ist, sondern daß er auch noch ein anderes Verbrechen begangen hat: er hat keine Doknmente. Denn in Reichenberg dürfen nur die Museumsdiebe und die Kirchenränbcr frei herumlausen. Mit der Ausweislosigkeit des H. hat es nun folgende Bewandtnis: Er hat als Kind, vor etwa zwanzig Jahren, seine Hcimatsgemeinde in Galizien verlassen und seither in England gelebt. Dort fragte natürlich kein Mensch nach seinen Dokumenten. Vor einigen Monaten kehrte er nach Oesterreich zurück, und nun ging die Doknmentenjagd an. In Prag wurde H. in einem Geschäftshanse als Diener ausgenommen. Da er keine Dokumente vorlegen konnte, wendete er sich an die Polizei, und diese folgte ihm eine Dienstkarte ans, die einen Monat giltig Ivar und falls mittlerweile die Papiere nicht eingetroffen fein sollten, noch einen weiteren Monat giltig sein sollte. Da aber die Dokumente ausblieben (die HcimatSgcmciiide des H. weigert sich nämlich, ihn als zuständig anzuerkennen), wurde er entlassen. Er ging nach Teplitz und von dort nach Reichenberg, — und dort sitzt c r u u u mehrere Monate einzig und allein aus dem Grunde auf Nummer Sicher, weil er ein bestiinnites Stück Papier nicht hat. H. ist ein ziemlich energischer Mann, und so hat er seinen Aufenthalt in der Reichenberger Büttefci dazu benützt, die dort herrschenden Zustände zn reformieren. Notwendig war das schon lange und es gehörte eine eiserne Faust zn' dem Werke, aber H. hatte diese eiserne Faust. Da er zu wenig zu essen bekam (die Häftlinge bekommen morgens und abends nur je fünf Heller Brot und mittags Suppe und Erdäpfel oder Knödel), verlangte er größere Portionen. Natürlich umsonst. Darauf erklärte er, er wolle Arbeit haben und für deren Erlös eine ausgiebigere Kost. Auch das nützte nichts. Mer H. ließ nicht locker. Er verlangte, Herrn Dr. Ringlhaan vorgeführt zu werden, um sich bei ihm beschweren zu können. Am 29. Dezember sagte ihm der Wachtmeister, der Herr Rat wolle ihn nicht sehen. H. ließ sich nicht abschrecken und wollte nun seine Forderung dem inspizierenden Polizcibeamten mitteilcn. Es kam aber keine Inspektion, und als H. am 12. Januar nach der Ursache fragte, erfuhr er, daß das ganze Polizcipcrsonak auf der Suche nach den Kirchenränbern sei. Also weil sich die Kirchenräuber nicht erwischen lassen, müssen wenigstens die anständigen Leute im Loche bleiben. Eine prächtige Logik. Als H. am 21. Januar seine Beschwerde wiederholte, verlor der Wachtmeister die Geduld und rief ans: „Niederträchtiger, elender jüdischer Lump! Wcnn's Ihnen hier nicht Paßt, gcb' ich Ihnen einen Strick, damit Sie sich anfhängcn können." Kurz, H. mußte einschen, daß alle gütlichen Vorstellungen umsonst waren. Darauf schlug er am 23. Januar eine Fensterscheibe ein, um seine Vorführung zn erzwingen. 'Aber auch jetzt konnte H. die so sehr ersehnte Bekanntschaft des Herrn Dr. Ringlhaan nicht machen. Ain 29. Januar hatte H. endlich ein bißchen Abwechslung; er hatte sich vor dem Bezirksgericht wegen der Zertrümmerung der Fensterscheibe zu verantworte» und 'wurde zu vier u n d z w a n z i g Stunden A r r e st verurteilt. Dabei sagte ihm der Richter: „Wenigstens werden wie morgen etwas Warmes zu essen bekommen." ,H. saß die Strafe sofort ab und übersicdclte dann wieder in die Hirtengasse. Und nun wurde auf einmal altes ganz anders. Zunächst bekam H. von diesem Tage an doppelte Brotrationen. Dann wurde ihm (was früher verweigert worden war) ein zn seiner Unterstützung cingelaufcner Betrag ausgefvlgt. Und am Montag — Wunder über Wunder! — entschloß sich Herr Dr. Ringlhaan, H. vorführen zu lassen, ohne daß dieser cs verlangt hatte. Er sagte ihm: „Sie haben mich zn sehen gewünscht!" H. erkvidertc, das sei früher gewesen; jetzt habe er keinen derartigen Wunsch geäußert. Das war unliebcnswürdig, aber desto liebenswürdiger war nun Herr Dr. Ringlhaan, und das Ergebnis der Entrevne zwischen den beidcir Herren war, daß H. in der Bcschäftigungsanstalt für Arbeitslose jetzt arbeiten kann, so lange er will und wann er will »nd daß er ilach Belieben ausgehen und „»ach Hause" kommen kann. „Freigeist." Obsthdlg. Basselbacii, Gr. Eschenheimerstr.4. Telephon 10595. Pani & co„ e.11. bl „fnuenlob“ Telephon 1866. Hardenbergstrasse 9. Cafd Constables. ““KSKSKSffiS Inskfinfle! über Vermögens-, Familien« a. Qeschaftsverhältnisse, Be« obachtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Wel i Grosse Detectiv-Zentraleü! Telephon 4359. Salzltaus 6, I>

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