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Neue jüdische Presse · 1908-06-04 · Heft 22 (4.6.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 22 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22. Uv«ckfwckr UEitWcS F«nM«chlM Leite 3, Erdteilen uentcrhaltenen und geförderten 142 Knaben- und Mädchenschulen und Lehrlingsanstalten einschließlich von Ackerbauschulcn 1529 831 Francs ausgegeben, außerdem für die Präparaudenanstalt, die;u dem Lehrerseminar für die Orientschulen gehört, einen Betrag von 103 913 Frs., zum Ankauf und Bau von Schulhäuscrn 59 427 Frs., insgesamt also 1 693171 Francs d. i. 30 380 Francs mehr als im Vorjahr. Diese Ausgaben haben durch die regelmäßigen Einnahmen aus den Zinsen der Stiftungskapitalien und ans den Beiträgen von Mitgliedern und Freunden volle Deckung gefunden. Die Einnahmen bezifferten sich auf 1 654 924 Francs, d. i. 41 135 34 Francs mehr als im Vorfahr. Darüber hinaus hat die Alliance Jsraßlitc Universelle für die durch die Statuten vorgesehene Ünterstützungstätigkcit auch im abgclanfencn Geschäftsjahr ans besonderen Spenden .große Summen ausgegcben, die dem Hilfswerk in den Berfolgungsländern zugute kamen. Die Zahl der Mitglieder der Alliance Jsraölite Universelle beträgt 83000. Die Generalversammlung nahm den Bericht mit Zustimmung und Anerkennung entgegen und wählte die turnusnläßig ausschcidenden Mitglieder durch Acclamation wieder Berlin. Ein vielhundertköpfiges, aus Damen und Herren der besten Gesellschaftskreise sich zusanlineilschciidcs Publikum war dem Rufe des „Vereines zur Erhaltung des ü b e r l i e f e r - t e n I u d e n t n m s" gefolgt, um zu den durch die Gründung der „Liberalen Vereinigung iu Dentschlan d" und deren Programm beranfbeschworcncn brennenden Fragen des jüdischen Lebens Stellung zu nehmen. Das einleitende Referat hielt Herr Rabbiner Dr. O. Lipschütz. Er führte aus, wie die Reform schon in ihrer Maienblüte weder die Stimme des jüdischen Gesetzes noch die des einfachen jiidischen Gefühles beachtet hat. Kein geringerer als der berühmte Komponist Meyerbecr, den doch wohl kein Mensch zu den Fanatikern zählen wird, hat die Orgel für die Synagoge als vollständig ungeeignet verworfen. Die Reform hat sich jedoch dieser von gewiß unverdächtiger Seite ausgehenden Warnung verschlossen, und damit die abschüssige Bahn des Abfalles von jüdischen Heiligtümern betreten, auf der es keinen Halt mehr gibt, der dahinführen mußte, wohin wir jetzt gelangt sind. Während im Jndcntnine von jeher von der Synagoge aus der erweckende und ereifernde Ruf zur Treue und Anhänglichkeit an das Judentum ausging, erscholl von der Resvrmsynagoge der Ruf zum Abfalle hinaus in die Famille. War erst die hebräische Sprache zum Teil aus der Synagoge verdrängt, so war damit gleichzeitig die Hanptquclle verstopft, aus der unseren Vorfahren immer wieder Ströme jüdischen Lebens hcrvorqnollen. Der Jude hatte von nun an keine dringende Veranlassung mehr, die Sprache seiner heiligen Urkunden zu erlernen, und ward damit zugleich der ganzen Gedankenwelt, die in diesen beschlossen ist, entfremdet. Die unausweisliche Folge ist die Vernachlässigung des gesamten jüdischen Pflichtenlebcns. Wenn nun Männer im Angesichte dieser schweren Verheerungen des jüdischen Lebens den Schäden dadurch beizukommeu glauben, daß sic den Abfall gleichsam zum leitenden Prinzipe erheben, so ist dies nur aufs tiefste zu beklagen. Unser Kaiser Pflegt, wenn er den jungen Rekruten den Eid abnimmt, mit besonderem Nachdrucke darauf hinznwciscn, daß wer des Kaisers Rock trägt, der müsse cs mit besonderer Tapferkeit und Pflichttreue zu lohnen verstehen. Unsere Mizwoth bilden gleichsanr den Rock des Königs aller Könige, mit dem wir ausgezeichnet sind. Das muß uns umsomehr zur Standhaftigkeit allen Versuchungen gegenüber anhaltcn. In der hierauf sich entspinnenden Debatte war es zunächst die Frage des Religionsunterrichtes, die die Aufmerksamkeit der Versammlung auf sich lenkte. So wurde der gewiß im jüdischen Schulde t r i e b ganz merkwürdige Umstand zur Sprache gebracht, daß in der Religio nsschnle sür den Bezirk Moabit die Kinder das n c n e T e st a m ent für den Unterricht sich besorgen müssen. Mau machte zwar auf der einen Seite dafür als Entschnldignngsgrnnd geltend, es handle sich darum, den Kindern eine Anleitung zur Polemik zu geben. Herr Jsmar Hamburger wieder meinte, es ginge dem Leiter der Rcligionsschntc darum, die Kinder mit dem Lehrstoffe auszurüsten, welchen eine große Anzahl Berliner jüdischer Kinder dadurch in sich aufnehmcn, daß sie in den ersten Schuljahren den christlichen Religionsunterricht besuchen. Die Versammlung jedoch war überwiegend der Ucbcrzengung, daß solche Dinge, unter tvelchem Titel immer, im jüdischen Religionsunterrichte nichts zu suchen haben. Als nun gar die von dem Leiter dieser Religionsschule in Wort und Schrift vertretenen destruktiven Anschauungen zur Sprache gebracht toerdcn, zu welchem Gegenstände auch die Herren Rothenberg und Löwent h a l das Wort ergriffen, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die am 27. Mai 1908 in Neumann's Festsälen .tagende.öffentliche Versammlung protestiert dagegen,- daß Herr Dr. Kellermann, welcher in Wort und Schrift Tendenzen vertritt, welche darauf hinauslaufen, den Offenbarungsglauben zu untergraben, alle auf demselben basierten Gebote mid Pflichten aus dem Judentum anszumerzen, innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde mit dem Amte eines Leiters einer Religionsschule betraut und hierdurch in die Lage versetzt wird, durch Verbreitung dieser Tendenzen auf die herangewachsene Jugend auf unheilvolle Weise einzuwirkcn. Die Versammlung ersucht diesen Protest dem Vorstande und den Herren Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde zu unterbreiten und die Herren zu bitten, Herrn Dr. Kellerinann den Religionsunterricht zu entziehen." In .Bezug auf das von der „Liberalen Bereinigung in Deutschland" veröfffentlichte Programm meinte Herr Dr. Rosenthal, daß hierdurch die Dinge in, vornhinein in eine schiefe Beleuchtung gerückt wurden. Ein derartiges Programm setze eine Situation voraus, wie wir sie etwa vor hundert Jahren in Deutschland hatten, wo in den Gemeinden und Häusern noch jüdisches Leben in voller Strömung vorhanden war. Damals konnte ein Programm des Radikalismus wenigstens auf einen Boden der Zerstörung rechnen, heutigen Tages hat doch die Reform ihr Zerstörungswerk bereits vollbracht. Herr Dr. med. Z i m m ermann .führte aus: Die Versammlung möge nicht den Schwerpunkt ihrer Leistungen in der Abfassung von Resolutionen suchen. Ihm komme es vor allem auf praktische Maßnahmen an, um die Lehre des Judentums in die weitesten Kreise zu tragen. Denn die Jugend sowohl, als auch die Intelligenz gehe uns unrettbar verloren. Während doch gerade das Judentum, richtig aufgefaßt, keine Wissenschaft der Welt zu scheuen habe. Selbst die Kant - Laplac'sche Theorie, die doch soviel Unheil in den Köpfen angerichtet hat, kann heute wissenschaftlich als überwunden gelten, während die Wahrheit des Judentums in ewiger Jugend und Schöne prange. Die Anregungen des Herrn Dr. Zimmermann fielen auf einen empfänglichen Boden. Der Vorstand wird einen Konsumverein auf streng religionsgesetzlicher Basis errichten, der sich zur Aufgabe macht, für alle Bedürfnisse des rituellen Haushaltes zu den üblichen Marktpreisen zu sorgen. -Herr Rabbiner Dr. Fink führte aus: Die Probleme, welche unsere gegenwärtige Situation aufgeworfen hat, sind von so ausgreifend theoretischer Bedeutung und schwerwiegend praktische» Folgen, daß sie in einem einzigen Abende niemals zur Bewältigung gebracht werden können. Wir können trotzdem mit den heutigen Erfolgen zufrieden sein. Denn zwei Tatsachen sind für alle Teilnehmer als gesichert zu betrachten. Es wird ein jeder das Bewußtsein nach Hause nehmen, daß .er sich nicht so ohne weiteres auf ein Programm festlegen lassen wird, möge es von noch so vielen klangvollen Namen und noch so zahlreichen Männern, die sich Rabbiner nennen, gutgeheißen werden. Er wird zuvor darüber genau mit sich zu Rate gehen, ob ein solches Programm wirklich unter der Flagge des Jndentuins zu segeln berechtigt sei. Sodann werden wir wieder nrit einer gewissen Eifersucht über unfern Besitz an heiligen Gütern;u wachen wissen, um uns dieselben nicht durch irgend eine von der Tagesströmung eingegebene Laune rauben zu lassen. Nachdem der Vorsitzende, Herr Wedell, mit eindringlichen Worten die Resolution empfohlen, Herr Schriftsteller und Arzt Dr. Arthur Kahn die Anwesenden zur eifrigen Mitarbeit an den Bestrebungen des Vereins, besonders die Heranwachsende Jugend für die Ideale des Judentums wieder zu gewinnen, anfgefordert hatte, gelangte folgende Resolution zu einer an Einstimmigkeit grenzenden Annahme: „Die liberale jüdische Vereinigung in Deutschland hat in dem zum Zwecke ihrer Konstituierung zur Versendung gebrachten Ausrufe u. a. den Grundsatz verkündet: „Das liberale Judentum beruht auf der Anerkennung der fortschreitenden Entwickelung des Judentums, die es befähigt, bei Bewahrung seines wesentlichen und dauernden Gehaltes überlebte zeitliche Erscheinungsformen zu verändern oder, wenn sie unhaltbar geworden, abzustreifen;" und hat in der am 3. 5. 08 in Berlin abgehaltenen konstituierenden Versammlung ein Programin zur Annahme gebracht, in welchem u. a. als Grundsatz verkündet wird: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich sür die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Aus- . drucke zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentume fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht;" ferner „Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung -an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden;" ferner „Der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnisse» der Zeit auszugestalten-," ferner: „Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt." Abgesehen davon, daß in den verkündeten Grundsätzen jeder Hinweis auf die Autorität unserer im Wege der Schrift und Ueberlieferung uns iinvertrauten göttlichen Offenbarungsquellen vermißt wird, deren Inhalt und Zusammenhang vielmehr zu der Annahme drängt, daß das Judentum seine Vollendung nicht in diesen Quellen, sondern» wenn überhaupt, in einer undefinierbaren Zukunst erst zu suchen habe; abgesehen davon, daß diese Grundsätze von einer dem Judentume durchaus fremden Scheidung zwischen Form und Inhalt ausgehen; abgesehen davon, daß in denselben keinerlei Kriterien aufgestellt erscheinen, welche sür hiese Scheidung als maßgebend zu erachten wären, noch jene Gedankenoperationen genannt werden, welche deren sichere Durchführung gewährleisten: erscheint hierein dem Judentume durchaus fremdes, einem gewissen Erklärungsversuche des Naturgeschehens entlehntes „Prinzip der Entwickelung" als für das Judentum einzig maßgebend und grundlegend hingestellt. Lassen schon die in der Versammlung ohne Widerspruch hingenommenen Aeußerungen der maßgebenden Führer, wie: „Gesetz und Lehre sind veränderlich und der Zeit unterworfen;: ferner: „Das liberale Judentum kennt nur ein Dogma, das ist die Einzigkeit Gottes", — ein Zugeständnis, das allerdings nur einer Inkonsequenz in der Anwendung der eigenen Grundsätze zu danken ist. — Alles andere sind von der Zeit sür die Zeit gegebene Gesetze; ferner „die Liberalen glauben nicht 'an die unabänderliche Berpflichtungskraft der sogenannten Gesetze," — die verhängnisvolle Tragweite dieser Grundsätze ohne weiteres erkennen, so kann es nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß mittels derselben bei folgerichtiger Anwendung jedes Gesetz, jedes Gebot» jede Pflicht aus dem Judentume ausgemerzt, jede seiner geheiligten Institutionen unterminiert werden kann. Es fiele damit gleichzeitig die grundlegende Tatsache von der Erwählung Israels. Denn zur Bildung einer Religion nach dem Geschmacke der Zeit ist jedes andere Volk ebenso berufen und befähigt, als dieses. Die Verkündigung solcher Grundsätze müßte in den Köpfen, namentlich der Heranwachsenden Generaiion eine unheilvolle Verwirrung herbeiführen, ihre Umetzung in die Tat Kampfe von unabsehbarer Tragweite heraufbeschwören, selbst das heilige Band ehelicher Gemeinschaft und der Familienzugehörigkeit in beit Kreis der Objekte erbitterten Streites hineinziehen. In Anbetracht dessen erhebt die in Neumann's Festsälen am 27. 5. 08. zu Berlin tragende von dem „Vereine zur Erhaltung des überlieferten Judentums" einberufene öffentliche Versammlung ihre warnende Stimme gegen die Propagierung dieser verderblichen Grundsätze, erklärt, daß dieselben sowohl mit 'dem Lehrinhalte des Judentums im Widerspruche als auch in dessen Geschichte ohne Analogen dastehen, daher im Rahmen des Judentums keinen Platz haben und somit nicht berechtigt sind, sich als jüdisch auszugeben. Die Berufung auf den auch von uns anerkannten Grundsatz der Gewissensfreiheit ist für ein solches Unterfangen belanglos. Für uns ist die Gewissensfreiheit nur in stetem Zusammenhänge mit derem unerläßlichen Korrelate der Gewissenhaftigkeit denkbar. Unter allen Umständen muß aber die Gewissensfreiheit ihren Befugnissen da eine Schranke setzen, wo die Rechte anderer in Frage kommen. Unser höchstes ideales Gut, das Judentum, das in der von uns vertretenen Verfassung den Rang eines bedeutenden weltgeschichtlichen Faktors sich Lrkämpst hat, sehen wir aber auf's bedenklichste gefährdet, wenn sein Name, sein geschichtliches und moralisches Gewicht für Tendenzen in Anspruch genommen wird, die den Seinigen schnurstracks zuwider laufen." Oesterreich-Ungar«. Wien. Die Israel. Kultusgemeinde vereinnahmte 1907 2 645000 Kronen und verausgabte 2578000 Kronen. Wien. Israelit. Allianz. Der soeben erschienene Bericht dieser Organisation zeigt, daß die österreichische Judenheit bei den großen Hilfswcrken nicht nur nicht zurücksteht, sondern manchmal auch den ersten Platz einnimmt. So bei der internationalen Aktion zu Gunsten der Opfer der Judenexzesse in Rumänien, wo die Israelit. Allianz mit 176 500 Kronen den größten von einer europäischen Organisation für diesen Hilfszweck aufgebrachten Betrag zu verzeichnen hat. In Rumänien hat die Allianz das gesamte Hilfswerk geleitet. Das Wiener Emigrantenbureau der Allianz beiördcrte 2596 russische und rumänische Auswanderer; bei welchen Zahlen die Unterstützungen an durchreisende Auswanderer und die Tätigkeit der Komitees in Czernowitz, Brody und Krakau nicht berücksichtigt sind. Aus dem Berichte sind ferner hervorznheben die Schulaktion der Allianz in Galizien und die Kooptation der Allianz mit dem Hilss-

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