Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 22 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 22. Seite 2. Wir alle wollen, daß das Judentum seine Zwecke erfülle. Wir wollen, daß es den Gottesgedanken weüer trage und daß auch seine sittlichen Folgerungen den Menschen zu eigen werden. Wir wollen, daß Israel dem Geiste seiner Religion gerecht werde und chm vor der Welt und insgeheim' Ehre mache. Wir wollen aus solcher Grundlage, daß Israel bestehe und sich ausbreite, daß es seine Gleichberechtigung mit den anderen erreiche und diese dadurch verdiene, daß es die allgemein-menschlichen Ziele mit allen erreichen und weüerstecken möge. Setzen wir damit zunächst voraus, was das Gemeinsame in Israel ist und darum einen Streit über seine Ziele auszuschließen scheint — aber nur scheint, wie wir nachher sehen werden —, so sind die Ansichten geteilt über die Mittel, durch welche jene Ziele zu erreichen sind; über Mittel, welche in jenen gemeinsamen Zielen nicht mit angegeben sein können und deshalb außerhalb derselben zu suchen sind. Lassen wir da unsere Gegner reden. Sie sehm in dem Gottesgedanken und in dem Pflichteninhalte desselben nichts Feststehendes, sondern ein zu Entwickelndes; und nur insofern es sich der Entwicklung feindlich gegenübcrstellt, sehen sic in den Bestandtellen des Judentums etwas Ueberflüssiges, ja sogar etwas Verderbliches. Während man nun die Gesetze, welche das Verhältnis des Menschen zum Menschen regeln, in dieser Beziehung für wesentlich ansieht, kann man nicht schars genug über das starre Zeremonialgesetz urteilen. Da wird es als ein rückständiger Rest aus grauen Zetten behandelt, der nur aus Mißverständnis bei Beginn des zweüen Staatslebens beibehalten worden und so herübergerettet ist in die Neuzeit. Diese Satzungen belasten nach jener Ansicht jederzeit die Kraft des Juden, so daß er an die Hauptziele seines Glaubens zu denken gar nicht die Gelegenhett hat. Die Hauptsache wttd also verhüllt und erdrückt von äußeren Satzungen, und der Mensch, befriedigt durch dies Gewebe von Aeußerlichkeiten, verwechselt damtt die Hauptpflichten des Glaubens. Um ihn nun glücklich und edler werden zu lassen, muß alles fallen, was im Judentum Aeußerlichkett ist und nicht selbst schon eine Umsetzung der edcln Absicht in die edle Tat bedeutet. Erst dann, wenn alle Reste dieser Art völlig beseittgt sind, kann das Judentum in seiner Herrlichkeit sich entfalten. So hören wir von jener Seite offen aussprechen, was wir stets als Folge der Umstürzen? den Bestrebungen befürchtet haben. Täuschen wir uns nicht: Es handelt sich hier nicht um ein Mehr oder Weniger jener Formen, das schwinden oder erhalten bleiben.soll — die Folgerichtigkeit, auf die man sich jenseits beruft, macht es notwendig, daß selbst der Versöhnungstag, der an sich selbst doch auch nur Form (Fasten und Gebet) ist und leider vielfach mit dem Zwecke des Glaubens verwechselt wird, ebenso schwinde, wie etwa der Jom Kippur Katan. Was noch besteht, wttd nicht etwa aus Rücksicht auf die Denkart Anderer stehen gelassen, — denn eine Rücksicht auf verderbliche Täuschungen wäre zweideutige Schwäche —, sondern well man der Gegenpartei auch eine Macht, die des Gegendrucks, zuttaut! Alle Beseüigungen bestichender Formen sind nur Abschlagszahlungen auf Forderungen an das Zukunstsblld, in welchem diese verhängnisvollen Formen völlig geschwunden sein werden. Sc die Einen. Wer die Andern geben sich doch nicht so schnell verloren; vielmchr betonen sie das Gegentell. Sie denken eben so hoch von den Hauptgedanken des Judentums, sehen diese aber so wenig gehemmt durch die überlieserten Formen, daß sie vielmchr zweifeln, ob sie ohne dieselben erreicht werden können. Diese Formen sind chrwürdig durch ihr graues Mter; sie haben ihren Wert durch diese ihre Dauer bekundet, und wie sie uns bisher durch alle Fährlichkeiten der Geschichte geleitet haben, so werden sic uns in die weitere Zukunft führen. Was unfern Eltern ehrwürdig gewesen, wollen wir nicht als rückständigen Rest brandmarken lassen, zumal wir es in dm Häusern und Tempeln vieler un¬ . FümkfuMe FsraSMWK NmAMbüt. serer Glaubensgenossen herrschen sehen. Und >venn selbst manche Gleichgültigeren in das Gotteshaus getrieben werden, so wollen sie vielfach von den Eindrücken ihrer Kindheit umgeben fein — der äußere Prunk, der sie anzichen und ihnen das Ganze verständlich machen soll, stößt sie ab und wttd von ihnen als etwas Fremdes empfunden. Ueberzeugt von der tiefen Wirkungsfähigkett dieser Gebräuche auf unser Fühlen, Denken und Tun, wollen wir, daß die Hand nach diesen Formen nicht ausgestreckt werde, damit sie gerade in unserer dahinhastenden Zeit eine Burg seien für die Wahrheiten des Glaubens und den Bestand der Genieinschaft. So stehen hier zwei schroffe Gegensätze ohne Vermittlung einander gegenüber. Der Kampf ist uralt. So sprachen zu Antiochus Zeit auf e i n e r Seite die Griechenfteunde, und für das Alte litten, starben und kämpften die Frommen der Makkabäerzeit, die heute von allen Richtungen des Judentums gefeiert werden. So sprachen auf einer Seite die Stürmer des Urchristentums, und so auf der anderen Seite die Wahrer des Gesetzes. So sprach man in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts, und trotzdem die Erfahrungen gerade der letzten Jahrzehnte uns mehr und mehr hätten zur Erkenntnis unseres Selbst und unserer 'Eigenart bringen müssen, so spricht man heute wieder, als wäre es eine neue Offenbarung. * Und die Gegner des Alten scheinen gute Eideshelfer zu haben — sie halten uns das prophetisch eJudentum entgegen! Die Propheten Israels, das Größte, was Israel für sich und die Welt hervorgcbracht hat, auch sie standen auf dem Standpunfte der Neueren. Auch sie haben gottesdienstliche Fragen ausgeschaltet, alles Äei.',criiche gering geschätzt und nur auf den zugleich göttlichen und menschlichen Kern hingewiesen. Darin sehen die Neuesten eine ebenso starke Gemeinschaft zwischen sich und den alten Propheten, wie etwa Kalthoff sich selbst den Stimmungen des Urchristentums näher fühlt, als allem zeitlich Dazwischenliegenden. Wenn dem so wäre, wenn ein Gegensatz dieser Art zwischen Thora und Propheten klaffen würde, so wäre dem Judentum der Weg vorgezeichnet! Es müßte für die Thora und gegen die Propheten.entscheiden. Aber sehen wir doch einmal zu! Amos will, daß Israel nicht die Götzenstätten in Bethel und Dan, sondern Gott aufsuche — wahrscheinlich in Jerusalem! Denn von Zion dröhnt die Äottcsstimmc her! Joel verkündet das Heil unter der Voraussetzung der Buße und ruft einen Fasttag aus, dessen Einzelheiten ganz nach der M i s ch n a aussehen. Haggai, Sacharja und Maleachi müssen ihre prophetische Wirksamkeit auf den neuen Tempel und seine Errichtung wenden und damit auch auf Einzelheiten, wie die Zehnten und Tempelgaben, wie die rechten Opfer, ja, die 'Reinheitsgesetze selbst eingehen. Sagt man nun, daß dies nicht die Hauptvertreter des Prophetentums sind, so brauchen wir das ohne Beweis nicht zuzugeben. Soll etwa bas für uns wichtige Zeitalter, in dem sie gelebt haben, soll die weniger dichterische Sprache ihnen das Wesen der Prophetie nehmen? Das würde einem Haggai gegenüber eine merkwürdige Ueberschätzung der Form kennzeichnen. Und nun gar Hesekiel! Er, der Mann der Sondergesetze, der auf dieselben Ton und Nachdruck legt und die Zukunft des Judentums auf Einrichttmgen gründet, welche vom Tempel und dem thoramäßig gestalteten Gottesdienste nicht zu kennen sind! Und wir hören so einfach prophettsches Judentum und Gleichgültigkeit, ja, Feindselig keit gegen die Sondersatzungen der Thora als Wechselbegriffe behandeln. Zeigt sich doch hier das Gegenteil, wie ein Jeremia sich über das Lastenttagen am Sabbat ereifert und ein Jesaia am Schluffe nicht nur über den mit Menschenblut, sondern auch mit Schweinegennß verbundenen Opfereifer entrüstet ist, außerdem öfter den Sabbat empfiehlt. Auch die Prophetenstellen, welche Opfer und äußere Formen (dazu gehört Anfang Jesaia auch das Gebet) minder zu .schätzen scheinen, haben wahrscheinlich nur den Fall im Auge, wo sich ein Gegensatz zwischen Form und 'Gesinnung heransstellt. Aber die christliche Bibelwissenschaft erklärt solche Stellen entweder ini Sinne der Formengegnerschaft oder streicht sie als unmöglich fort, als wäre es bei einem echten Propheten Israels undenkbar, daß er diese Satzungen für gottgeboten hielte. Da muß allerdings das schärfste Urteil über die Propheten gefällt werden, welche ersichtlich auf bem Boden dieser Formen stehen — sie sind gar keine echten Propheten! Treten sie, wenn diese Stellen ihnen nicht als unecht gestrichen werden könne», doch erst in Babel, tvic Hesekiel, oder zur Zeit des ztvciten Tempels, wie die Nachfolger des Hesekiel, auf, nicht während des ersten Staatslebcns in Israel oder Inda. Die vorexilischen Propheten stehen, wo man ihre Worte als echt anzucrkcnnen gczlvungen ist, auf dem so rmenf ein blich e» Standpunkt, und sie kennen' dieselben nicht als Bestandteile der Thora. (Fortsetzung folgt.) Aus aSCex Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der hiesige israel. Hilfsverein erhielt aus dem Nachlasse der jüngst verstorbenen Philanthropen Charles H a l l g a r t e n 10 000 Mark. Frankfurt a. M. Am 10. Mai dieses Jahres wurde in Frankfurt a. M. ini Hause Neue Krämc 27 ein Heim für israelitische weibliche An - gestellte eröffnet. Dasselbe, ein lang geplantes Werk der Frankfurt-Loge, ist einstweilen durch die Frauen Vereinigung der Frankfnrt- L o g e ins Leben gerufen und in gemieteten Räumen eingerichtet worden. In dem Heim finden junge Mädchen, welche zu ihrer Ausbildung oder um sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben von auswärts nach Frankfurt kommen, eine Stätre, welche ihnen Wohnung und rituelle Verpflegung, Heimatsgefühl und Geselligkeit, moralischen Schutz und Beistand gewähren soll. Die einfach aber behaglich eingerichteten Räume können 25 bis 30 jungen Mädchen eine Unterkunft bieten; der Pensionspreis beträgt je nach Lage der Zimmer 45—55 Jk pro Monat. Anfragen sind zu richten an Frau M a r t a Schlesinger, Arndtstraße 49. Berlin. Jüdische Landtagskandidaten. Es sind folgende Juden als Landtagskandidaten aufgestellt worden: Dr. Gerschel, Geh. Justizrat Cassel, L. Rosenolv, Stadtrat' Dr. M. Weigert, sänitlich in Berlin, Direktor Dr. Soberilheim in Spandau-Osthavelland, Amtsgerichtsrat a. D. Liepmann in Teltow, Stabtrat Münsterberg in Danzig, Geh. Kommerzienrat Aronsohn in Bromberg, Landgerichtsrat Peltasohn in Mogilno, Justizrat Wolfs in Lissa- Fraustadt, Fabrikbesitzer Josef Schweig in Rothenburg-Hoyerswerda und Amtsgerichtsrat Herz in Harburg. Mit Ausnahme, des nationalliberalen Liepmann sind die genannten Kandidaten von den freisinnigen Parteien aufgestellt worden. Die Sozialdemokraten haben in Berlin u. a. aufgestellt: Paul Singer und Rentier Hugo Heimann. - Berlin. Aus dem Nachlasse des verewigten Charles L. Hallgarten -Frankfurt a. M. sind dem „Hilfsverein der Deutschen Jude n", dessen Zentralkomitee der Verewigte angehört hat,.5000 Mark überwiesen worden. Berlin. Der hochinteressante, 208 Seiten umfassende Geschäftsbericht des Hilfsvereius derDeutscheu Juden enthält den Vertrag, der zwischen dem Hilfsverein und dem NorddeutschenLloyd abgeschlossen worden ist. Aus diesem Vertrag sei hier ein Passus 'wiedergegeben, der für den Ernst, mit dem der Hilfsverein seine jüdischen Pflichten auffaßt,- bezeichnend ist. Der Passus lautet: „Bei der Art der Verpflegung ist auf die rituellen Gebräuche und das religiöse Empfinden der jüdischen Emigranten namentlich 'an Sabbaten und jüdischen Festtagen gemäß den Wünschen des Komitees besondere Rücksicht zu nehmen, wie überhaupt dafür Sorge getragen werden muß, daß eine Atmosphäre geschaffen wird, die den humanitären und jüdischen Ansprüchen voll gerecht wird." Berlin. Sonntag fand unter dem Vorsitz des Herrn Geheimrat ^Goldberger die Generalversammlung der Berliner Mitglieder der Alliance Jsraöli.te Universelle statt. Der Geschäftsführer Herr M. A. Klausner erstattete an Hand des in Druck ausgegebenen Jahrbuchs 1907 der Alliance den Jahresbericht und legte die besondere Tätigkeit des, Lokal-Comitös Berlin dar. Die Alliance hat 1907 Mr Die von ihr^in drei