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Neue jüdische Presse · 1908-06-04 · Heft 22 (4.6.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 22 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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gtxan&fuxlex 3frarlitifriirs fsinilirnlilott. r Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50. sonstige Länder Mk. 2.— MedaKtion und Hxrfchäftsstctkc: 8 SranKkurt 2. M.. I vilbelerstraße 4/6, Ccke Vleichftraße I Tetefon 10 »07. £ H-eraitSgober: Kali; <§>Hs. s° Jusertionspreise: Tie viergefpaltene Pctitzeile.25 Psg. Tie Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebercinkunft. 6. Jahrgang. Donnerstag, den 5. Siwan 5668 {4. Jnni 1908). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Schewuaus. — Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Jüdische Herzen. — Wie ein jüdischer Arrestant das Reichenöerger Gefängnis reformierte. — Wochen- Kalender. — Fa miliennach richten. Schewuaus. Drallsten grünts und blühts. Die Rosen beginnen ihre stolze, keusche Pracht zn entsalten. Der Sonnenschein spinnt goldene Fäden vom Himmel zur Erde herunter. Die Böglcin senden jauchzende Lieder von der Erde zum Himmel empor. Es ist alles Lust, alles Glanz, alles Reinheit, alles gesättigter Friede.' Und auch in uns kehrt Friede ein in Erinnerung an das Wiegenfest unserer Köuigskindschaft, das wir freudvoll und feierlich begehen. Wie ivaren wir vordem, vor Empfang der Thauro, arm und unstet. Wie war unser Sinn dürftig und schwach. Klebte am Boden. Knetete Lehm. Konnte sich nicht hinansschwingen über die leiblichen Bedürfnisse. Konnte nicht Herr lverden seines niedrigen Triebes. „Wer gäbe uns Fleisch zn essen" — sein ganzes Streben. Fleisch, Fleisch, nichts als Fleisch. Widriges, aufgestnchcltes Gelüste. Roh, geivaltsam an sich reißend, was einem an Beute erreichbar. Wild und aufgchetzt. In schlimmerer Knechtschaft als in egyptischer. Ein härteres, drohenderes Zwing-Uri sich selbst bauend als es die egyptischcu Fronvesten ivaren. Und dabei das Herz immer so eng und so dumpf. Sich nur zugetair und zugcwcndct. An der Scholle haftend und mit der gelben, schmutzigen Scholle vcrivachsen. Für Höhenblicke unempfänglich. Ja, Zartes, Feineres, Edleres ausschcidend, ausstoßend. Unfähig, Anderen zu helfen. Mehr noch, unfähig, sich selbst zu helfen. Und dann! Ja, dann! Unter Donner und Blitz, unter Bergeszittern und Völkerbeben eine Neugeburt! Eine Verwandlung und Erhöhung sondergleichen! Niemals dagcwesen und niemals wicderkehrend! Aus Bettlern zu Königskindern gekürt! Der König, der allgctvaltige, unendliche, herrlich erhabene König der Welten und Ewigkeiten uns sichtbar! Sein rollendes, dröhnendes, hämmerndes Wort uns hörbar! Uns — den Staubgcborcnen! Uns — den Fron knechten der Lüste! Welche ungeheueren, neuen, nie geahnten Werte in unserem Dasein! Unsere Leidenschaften, die sich tosend und uferlos ergossen, in Grenzen gezwängt. Nicht völlig ausgetrocknet, nicht gänzlich vernichtet. Wie könnte Der, Der sie in tveisem Wvhlivollcn uns einerschaffen, ihre Vertilgung anstreben, ihre Vertilgung fordern? Nur ihr Lauf eingedämmt, ihre Fluten umrandet. Nur Wälle aufgeivorfen gegen die Fessellosigkeit, gegen die Zügellosigkeit. Ucberall Wälle. Im heimischen Leben. Im sittlichen Leben. Im gesellschaftlichen Leben. Im Eriverbslcben. Und der Blick, oer stumpfe, matte, trüge, gierige Blick damit frei gemacht. Wir selbst aus Sklaven der Erde, aus Sklaven des Irdischen, Allzn-Jrdischen zu Herren der Erde, zu Herren des Irdischen gemacht. Imstande, frei zu betvültigen, Ivas nur irdisch, was nur tierisch, was nicht himmlisch, was nicht gottgemäß ist. Die Scholle, die heiß dampfende und rauchende Scholle, nicht mehr als ihre Untertanen betretend, sondern sie bearbeitend geweihten, heiligen Zwecken. Ruhend von dieser Arbeit, sobald es unser Königsvater gebietet. Und nur ein Ziel kennend, ein großes, alles uuisck Ziel: den Willen unseres Königs zn erfüclcu. Im Bewußtsein, im festen, ernsten, unausrottbaren Bewußtsein, daß Er nur Höchstes, nur Adelndes-, nur Erhabenes wollen kann. Im Beivußtsein, daß Er unser König ist, dessen Gesetzen wir fraglos, Ivillcnlos, schrankenlos hingegeben sein müssen. Und mit diesen Gesetzen unserem Dasein Ziel und Richtung gegeben. Nicht mehr wie das Tier im Walde sinnlos herumlausend, nein, wissend aus dem eigenen Munde des Herrn des ganzen Alls, was unsereni Dasein Würde und Bedeutung verleiht. Wissend, daß sein Ursprung göttlich und daß dieses Göttliche in uns rein gehalten, rein gehegt und treu gepflegt iverden muß. Dazu uns die Gesetze gespendet, um diese göttliche Seele in uns rein zu halte» und sie mit Mizivans zu schmücken. Der Perle ihren klaren Glanz zu bewahren und sie iir reicher, goldener Fassung heimzulicfern. Einznfügen in den Thron unseres Königs, des Königs, Dem allein wir uns beugen. Ten allein wir verehren und anbeten. Bon Menschcnfurcht frei und von Gottesfurcht voll. Der Inbegriff und Urquell aller Heiligkeit ist und zu Dem wir uns in Heiligkeit hinläutern sollen. Der unser Ringen und Kämpfen sieht, unter denen tvir zu Ihm hiustrcben, und liebreich noch im tausendsten Geschlecht als reife Frucht aufgehen läßt, was wir von Reinem, Ihm Gemäßem gesät. Draußen hats auch damals am Sinai gegrünt und geblüht. Damals, als Israels Rose ihre stolze, keusche Pracht zu entfalten begann. Damals als vom Himmel mit der Thauro goldene Fäden hinabgespouneu wurdenin Erdendunkel und Erdenniederc. Und als unser Herz jauchzende Anerkennung, jauchzenden Dank hinaufschickte zum Himmelsthroner. Glückseliges, wonniges Schewuausfest! Wiederkehr des Tages, an dem tvir Adelsbricf, Fürsterlwürde, Königsinsignien erhalten haben. An dem wir den Hermelin der Reinheit, das Szepter der Freiheit, die Krone der Thauro erhalten haben. No. 22. Die Lebensfähigkeit des Judentums nnd seiner Formen. Nach einem Vortrag i»r „Zentralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde", am 9. April 1908, gehalten von Rabbiner Dr. L. A- R o s e n t h a l, Berlin. V o r b e m e r k u n g. Der enge Zeitraum, der mir zu meinem Vorträge zu Gebote stand, ließ mich damals nur in weitesten Uurrissen das berühren, was hier, in der von mir ursprünglich beabsichtigten Fassung genauer ausgeführt ist. In innerem Zusammenhang mit dem hier Geäußerten stehen meine Schriften „Zurück zur Bibel!" (Poppclauer, Berlin) und „Joöl-Nahiim-Habakuk" (Trübner, Straßburg). Ich glaube hier in aller Ruhe und frei von jeder Gereiztheit die Grundlagen des Judentums und seine äußere Gestaltung als für das Bestehen Israels unentbehrlich nachgewiesen zn haben. In meinem „Literatnrbtatt" vertrete ich die Sache der Erörterung, und cs ist nur die wissenschaftlich sachliche Erörterung der wichtigen Gegenstände, die ich erstrebe und die ich hier zrr bieten glaube. Wenn ich geirrt habe, so ist mit mir die von mir vertretene Sache nicht gefallen. Vor jedem gründlichen Nachweise, der mir eirtgcgentritt, werde ich mich gern beugen und daraus Gedanken zur Beseitigung des Falschen schöpfen. Und eine gleiche Gesinnung erwarte ich bei jedem Leser zu finden, der hier etwas Begründetes entdeckt. B e r l i n, im April 1908. DerBerfa s s e r- * * * Erst seit kurzem wohne ich in der Reichs- Hauptstadt als Mitglied der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands; wie kann ich da in brennenden Fragen streitiger Richtungen das Wort erheben? Oder ist cs vielleicht besser für mich, daß ich die hiesigen Parteien nicht kenne?Werde ich mir so nicht leichter den ruhigen Blick wahren? Hier ist doch die Sache alles, sind die Personen nichts und d ü r f e n nichts sein; es dreht sich auch gar nicht um Sondervcrhältnisse dieser Gemeinde nnd ihrer Vereine. Wer darum zur offenen Aeußcrnng über die wichtigsten Tinge aufgcfordert wird, darf das Schweigen nicht als des Menschen besseres Teil ansehen. Und hier dreht es sich ja uni die Frage: Darf das Judentum in seiner bisherigen Gestalt, in seiner Glaubens- und Sittenlehre, wie inseinen Formen auf eine Zukunft rechnen oder ist ihm jede Hoffnung abzusprechcn und darf deshalb nur in einer vollkonimenen Umgestaltung das Bestehen der Religion als gesichert betrachtet werden? Ein so ivichtiger Gegenstand kann nur mit Ruhe behandelt werden. Man muß dem Gegner zugeben, daß es ihm um die allgemeine Sache ebenso ernst ist, wie wir wollen, daß er uns darin das gleiche Zugeständnis mache. *

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