Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jfraelite Universelle. — Die Alliance Jsraelite Universelle hat für die Feuer-- beschädigten in K u t a i s eine 'Unterstützung von 1000 Franken bewllljgt und dem Israelitischen Asyl für arme und obdachlose Rinder der Stadt -Odessa eine Zuwendung von 5000 Fr. gemacht. — Nach zuvertässigen Nachrichten aus Run»änien fährt die dortige Regierung fort, die Juden besonders in der Moldau zu bedrängen. Infolge der systematischen auf den Ruin der jüdischen Bevölkerung gerichteten Weisungen des Ministers Bratianu werden zahlreiche jüdische Familien aus dem Distritt Jassy vc rtrieben. In Bivolari erhielten .fast alle Juden, die keine Immobilien besitzen, Ausweisungsdettetc und befinden sich in verzweifelter Lage. Einflußreicher Intervention ist cs vorläufig gelungen, kurzen Aufschub zu Gunsten der Ausgewiesenen zu erlangen. Wenn aber nicht bald von autorttativer Seite nachdrücklichste Vorstellungen an maßgebender Stelle erfolgen, sind unzählige Fanrilien in ihren Existenzbedingungen bedroht. München. Die Vereinbarungen zwischen den Kullusgemeinden und den gesetzcstreuen Vereinigungen in München und Nürnberg haben die Bestätigung der Regierung und damit Gesetzeskraft erhallen. Die Verfügung der Regierung, die übrigens mit dem Zusatz „bis auf weiteres" zu erkennen gibt, daß die Regierung eine Revision der gesetzlichen Verhältnisse der Israel. Kultusgemeinde beabsichtigt, lautet: „Durch die von der Verwaltung der israelitischen Kullusgemeinde München im Einverständnisse mit dein Rabbinatc getroffene Vereinbarung mit dem „Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft (Ohel Jakob)" E. V. in München vom 15. Januar 1308 soll eine Einigung bezüglich der hauptsächlichsten, aus religiösem Gebiete bestehenden Disserenzpunktc zwischen den Anhängern der neologcn und orthodoxen Richtung innerhalb der Kultusgemellrde München herbeigeführt werden. In der Voraussetzung, daß hierdurch für längere Zell der Friede in der Kultusgemeinde hergestellt wird, wird gegen die Regelung der einschlägigen Verhältnisse jm Sinne des bczeichneten Uebereinkommens vom Standpunkte der obersten Staatsaufsicht bis auf weiteres keine Erinnerung erhoben. Hiervon sind Verwaltung und Rabbinat der israelitischen Kullusgemcinde sowie der Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft sogleich zu verständigen." Greifswald. Liberaler Antisemitismus. In einer liberalen Wählcrversammlung, die vor einigen Tagen "hier stattfand, erzählte der Herr Geheime Justizrat Dr. Buddee, der als liberaler Kandidat zu den Landtagswahlcn für Greifswald-Grimmen aufgestellt ist, ein sehr interessantes Vorkommnis, das verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Herr Justizrat Dr. Buddee wollte der Versammlung erklären, wieso Gothein seinerzeit zu deni - Mandat für Greifswald-Grimmen gekommen sei; er sagte wörtlich folgendes: „Damals (1901) wurden uns vom Wahlverein der Liberalen in Berlin zwei Herren vorgcschlagen. Goldschmid und' Gothein. Ich hatte kaum die Namen gehört, da sagte ich sofort: Na, da nehmen wir natürlich Gothein, den Goldschmidt ....!" und es folgte die übliche Begründung, daß man einen Mann, der Goldschmidt heiße, doch unmöglich wählen könnte, schon mit Rücksicht auf die Angriffe der Antisemiten usw. Oesterreich-Ungarn. Wien. Auf Einladung des Rektors der Universität erschien letzten Donnerstag der Ausschuß der jüdisch-nationalen Studentenschaft in der Rektoratskanzlei. Der Rektor hielt an die Studenten eine Ansprache, in welcher er sagte: , : ' „Ich danke Ihnen für Ihre durchaus korrekte, freiheitlicher Studenten würdige Haltung in diesen bewegten Zellen an unserer Alma mater. Ich drücke - Ihnen mein vollstes Vertrauen aus und hoffe, daß die jüdisch-nüttonale Studentenschaft auch in Hinkunst diese würdige Haltung bewahren werde." Wie«. Aus einem Artikel „Unjüdisches am jüdischen Friedhöfe" in der „Jüd. Ztg." sei hier folgendes wiedergegebcn: „Wenn man durch diese Allee geht, welche im Volksmunde die „Ahnenreihe der adeligen Meschumcds" heißt, und sieht, daß die wenigsten Grüfte und Grabsteine hebräische Inschriften tragen, manche aber nach jüdischer Anschauung unzulässige Ausschmückungen od. Aufzeichnungen — so liest man z. B. am Grabstein eines reichen Ordensbesitzers, daß er Besitzer des Christus-Ordens ist — so findet man vielleicht die Aillwort für die Frage, die ein Delegierter des Bundestages an den Präsidenten der Kultusgemeinde stellte, warum im Vorjahre in Wien 651 Austritte aus dem Judentum sich ereigneten. Ausgetreten aus dem Judentum sind sämtlich oder zum Teile die Nachkommen der hier Beerdigten: M. Pollak, R. v. Borkenau, Dr. L. Ritter v. Epstein, M. Freiherr v. Königswarter, S- Freiherr v. Winterstein, Jos. Ritter v. Wertheimer, N. Ritter v. Kallier, Karl Weiß, Ritter v. Weißcnthal, G. Ritter von Leon, Josef Ritter von Pfeiffer, W. Ritter v. Guttmann, G. Ritter von Mauthner, R. Wiener von Welten, L. Ritter v. Stern, Jg. Eisler Edler v. Terramarc usw. usw. Durch Konnivenz i. c. Laxheit in den religiösen- Borschriftcn hat man die Nachkommen der „Neichen" nicht dem Judentum erhalten, die Nachkommen der armen aber anhänglichen Juden hat man dadurch verletzt. Die Synagoge, der Friedhof und die Gcineiudestnbe müssen wieder jüdisch werden." Rußland. Petersburg. Auf die Nachricht hin. daß in allen kaukasischen Bädern alle ankoinmendcn Juden sofort unbarmherzig ausgewiesen werden, wandte sich der Dnma-Abgcordncte Friedman n an den Kricgsminister, dem Kaukasien untersteht. Es ist daraufhin den kaukasischen Behörden nunmehr gestattet worden, in Anapa und in den Miucralbädcrn des Tcrer Rayons während der Saison 1908 kranken Juden den Aufenthalt für eine Zeitdauer von höchstens 2 Monaten zu gewähren. Elschischok (Wilnaer Gouv.). Großseuer Eine Fcuersbrunst äscherte 60 Häuser ein; mehr wie 100 jüdische Familien sind um ihr Hab und Gut gekommen. Kiew. Die Juden in Südwest-Rußland. Die Auswanderung aus dem südwestlichen Rayon Rußlands ist in fortwährender Zunahme begriffen. Dies ist am klarsten aus dem ungewöhnlichen Rückgang der jüdischen Bevölkerungszahl zu ersehen. Ans Grund der Matrikclbücher beträgt der Bevölkerungszuwachs z. B. in U in a n für das Jahr 1903 941, 1904 878, 1905 735, 1906 725 Seelen; in R o w n o 1903 699, 1904 660, 1905 588, 1906 586 Seelen. Achnlich verhält es sich in den anderen Provinze» Südwest-Rußlands. Rach den Feststellungen des Statistischen Komitees für Wolhynien ist vom Jahre 1903 bis 1906 die Ziffer der jüdischen Bevölkerung nicht nur relativ, sondern auch absolut beträchtlich zurückgcgangen. Diese anormale Erscheinung datiert seit dem Jahre 1903, während bis dahin sich die Vermehrung auch, der jüdischen Bevölkerung in normaler Weise entwickelt hat. Das Jahr 1906 w e i st für S tt d w e st - R u ßland keine grösrere'Ziffer ans als das Jahr 1897! Bulgarien. Philippopel. Der Friede in der Gemeinde w i e d e r h e r g e st e l l t. — Auf Anordnung des Ministers fanden vorigen Sonntag mit den allgemeinen Wahle» auch die fürs israel Schulkomitee statt. Die Woche vorher wurden mehrere Sitzungen von den verschiedenen Parteien abgehalten. Besonders die Zionisten entfalteten eine große Agitation, und sie hätten auch bestimmt auf der ganzen Linie gesiegt, da nur bulgarische Untertanen wahlberechtigt sind, während die der Gegenpartei meist unter türkischem oder österr. Schutze stehen; allein die sogen. Antizionisten sahen das frühzeitig ein, und, schlugen, uni nicht .alles zu verlieren, einen Kompromiß vor. Da die Zionisten nur das System der „Alliance Jsraelite" anfcchtcn, indem sie mit Recht nicht zugeben wollen, daß die Alliance, um die eigentlich der langwierige Kainpf geführt wurde, von Paris aus der ^Schule den Lehrplan diktiere, ohne auf ihre besonderen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, so fiel cs nicht schwer, sich zu einigen. Die von den Antizionisten ausgestellten' Kandidaten verpflichteten sich schriftlich den Zionisten, daß sie die Alliance nur unter folgenden Bedingungen Iviederbringen werden. 1. Daß die Schule ihren autonomen Charakter als Geincindeschule bewahre. 2. Daß der Lehrplan von dem Lehrerkollegium ausgcarbeitet und 'vom Schulkomitce bestätigt wird. 3. Das; das Hebräische in demselben Maße bei Knaben und Mädchen gelehrt werden wird. Dafür nahmen die Zionisten keinen offiziellen Anteil an den Wahlen, welche, von einem unbedeutenden Zwischenfall abgesehen, glücklich abgelaufen sind. Sobald nun auch die Bestätigung des Ministers eintrifft, wird man mit der „Alliance israelitc" in Verhandlung treten. Auch der ,,Hilfsverein der deutschen Juden", von dein zwei deutsche Lehrer an der hiesigen Schule bereits tätig sind, wird um größere Subventionen gebeten werden. Wie sich Herr Dr. Nathan geäußert hatte, ist der Hilfsverein gerne bereit, der Philippopeler Gemeinde in größerem Maße Hilfe zu gewähren, sobald nur die Einigkeit in der Gemeinde herrschen wird, was nun jetzt der Fall ist. Mit Hilfe dieser beiden Institutionen wird die hiesige jüd. Gemeinde zweifelsohne sich schnell emporschwingcn und wieder die erste Stelle unter den jüd. Gemcindeil Bulgariens cinnehmen. Ben-Haamitti. Amerika. New-Nork. Amerikanische Wohltätigkeits-Gesellschaften. — Wohl nirgends sind die Mischen Wohltätigkeits-Organisationen so zahlreich und so entwickelt wie in den Vereinigten Staaten; freilich sind sie auch, fast in keinem Lande so notwendig. Demi so großarttg auch die Leistungen Sk. 21. dieser Institutionen sind, — bas Elend, das sie mildern sollen, ist noch immer größer. In Newyork allein existieren 75 große Wohltätigkeitsgesellschaften. Die größte und bekannteste von ihnen, die „United Hebrew Charitics", besitzt ein Hans im Werte von 250 000 Dollars. Das allgeineine Einkommen dieser Gesellschaft beträgt jährlich 320000 Dollars. Der Ban des Krankenhauses „Mount - Sinai Hospital" hat drei Millionen Dollars gekostet, und die jährlichen Einkünfte dieses Krankenhauses belaufen sich auf 350 000 Dollars. Die Zahl der Leute, die sich an den Spenden für diese Wohltätigkeitsgcsellschaften beteiligen, ist natürlich eine sehr große, denn die reichen Juden allein könnten die Ricsensuinmen nicht ausbringen, die von den verschiedenen Gesellschaften alljährlich eingenommen unb ausgegeben werden. Man berechnet, daß die Summe der hier jährlich für wohltätige Zwecke ausgegebenen Gelder in die Zehnmillioncn hineingeht. Personalien. Berlin. Musikdirektor Sally Philipp, Mitbegründer des Vereins Berliner Musiker, Ser» ch i ed im 84. Lebensjahre.;— Rechtsanwalt -und Notar Plonsker erhielt den Titel Justiz rat. — Geh. Sanitätsrat G u st a v Simon zu Schöneberg wurde der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife verliehen. Stratzburg i. Elf. Bibliothekar Dr. E. Marckw a l d, Sekretär des Hohkönigsburgvereins, erhielt den Krone norden 4. Klasse. Köln. Frau Clärchen Salm gev. Marx feierte in geistiger und körperlicher Frische ihren 90. Geburtstag. , Posen. Justizrat Adolf Salomon erhielt den Charakter eines G c h e i m e n I u st i z r a t e s. Wien. Im 81. Lebensjahre verschied Herr E m a n u e l B a u m garten, früheres Mitglied des Vorstandes der israel. Kultusgemeinde. Der Verstorbene hat sich durch eine Reihe literarischer Arbeiten, deren bedeutendste die Uebersetzung des Werkes „Herzenspflichten" des Religionsphilosophen Bachja ibn Pakuda ist, ein dauerndes Andenken gesichert. Paris. Die Geographische Gesellschaft hat dem Oberstleutnant Vernarb, einen Bruder des seligen Vernarb Lazare, den D u c r o s - A u b e r t - P r e i s (goldene' Medaille und 1400 Francs) verliehen. New - Nork. Der Handelsminister Oskar Straus erhielt vom Präsidenten Roosevelt die Mitteilung, daß er wiederum auf 6 Jahre zum Vertreter der Vereinigten Staaten ain Haager Internationalen Schiedsgerichte ernannt wurde. — Isidor Sobel wurde zum Präsidenten des Postmeistcrverbandes des Staates Pennsylvanien gewählt. 0 lenifefon. 0 Jüdische Legende«. Legende I. Fernab voll den Häusern der Gasse stand bas kleine Haus des Rabbi Rabaur; darin wohnte er allein mit zwei Schülern. Niemand durste seine Schwelle überschreiten; was er trieb, was er tat, erfuhr keiner. Aber leise murinelte man, daß der Rabbi geheime Wunder tue; daß er seltene Schätze in seinem Hause angehäuft, künstliche Goldgefäßc angesammelt habe. Nur seine zwei vertrauten Schüler gingen ein und aus; aber sie sprachen nichts von den Wundern, die sie sahen. Dafür zeigte ihnen auch der Meister seine Werke. Die Wände seines Gemachs waren geschmückt mit purpurnen Decken; die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen, sammelte er in einen künstlich geschliffenen Krystall und ließ sie wie silberne Ströme hinabfließen über grüne Wiesen, die er hervorzauberte; Feuer stieg aus dein Boden, auf dem sein Stuhl stand; aber es versengte ihn nicht; sondern wärmte und leuchtete; in den züngelnden Flammeit tanzten blinkende Goldkugeln; wurden schillernde Smaragden, bläuliche Amethyste hochgcschlcudert, daß sie sich türmten zu großen Bergen. Hob der Weise die Hand; weitete sich die Decke hoch wie das 'Gewölbe des Himmels, und Sterne flogen hinunter; er aber griff sie, sandte sie hinaus in die Lande, leuchtend umkreisten sie die Erde und kehrten zurück und sanken nieder in sein Haar, daß es flammte wie eine Sonne. So gingen Jahre hin, köstliche Jahre, und die Schüler des Rabbi lernten von ihm Weisheit und Wunder. Da erklang es erst leise, dann immer lauter im Volke: „Wunder soll er verrichten und zeigt es uns nicht, kommt hin, daß wir fordern Anteil an seinen Schätzen." Und sie zogen vor das Haus des