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Neue jüdische Presse · 1908-05-29 · Heft 21 (29.5.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zstttlilislhks frniilirntilatt. KsdaKkistt und Geschäftsstelle: Srsnkfurt 3. in.» vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Telefon 10507. -: 2: : Aeransgsber: KalL GePs. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 1 , - - — Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— - - — 6. Jahrgang. Freitag, den 28. Ijar 5668 (29. Mai 1908). No. 21. jUtomteitmtfe auf das Frankfurter Israel. Familienblatt für den Monat Juni nur 30 Pfennig bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. In der nächsten Nummer beginnt: Die Lebensfähigkeit des Judentums und seiner Formen von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, Berlin. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Hilfsverein der deutschen Juden. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Jüdische Legenden. — Kunstund Lit eratur. — Wo chen-Kalender. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Hilfsverei« der deutschen Juden. (Jahresbericht 1907.) II. ~ Der Hilfsverein ist seit den letzten Jahren gleichsam das soziale Barometer der leidenden Judenheit. Er empfindet jede Aenderung ihrer Lage, jede Störung ihres Daseins. Bricht irgendwo ein Ungewitter über die Juden aus — der Apparat des Hilfsvereins zeigt es sofort an. Und die Welt hatte bereits Gelegenheit, die Zuverlässigkeit dieses Apparates zu würdigen. Besonders erfolgreich hat sich der Hilfsvcrcin in dieser Eigenschaft während der Schreckrnzeiten der Pogrome bewährt. Fleißig stand er auf der Warte und verfolgte behutsam die Schleichwege und Streifzüge des „Schwarzen Hunderts", verfolgte sie oft bis in die intimsten Gänge des Zarenhofcs: fleißig, behutsam, besonnen, aber stets mutig. Gar oft dürfte dieses Jn-Sicht-Halten der Hooliganhäuptlinge eine Vereitelung ihrer Pläne bedeutet haben; manchnial konnte man auch durch die rechtzeitige Entdeckung ihrer drohenden Regungen .der Gefahr die Spitze abbrcchen. Der Hilfsverein verstand es, sowohl in Regierungskreisen als mit den Mächten des Fortschritts geeignete Verbindungen anzuknüpfen und zum Nutzen der bedrohten Judenheit zu handhaben. Damals schon durften wir den eigenartigen Zug des Hilfsvereins im Unterschiede zu seiner Atmosphäre, zu seinem Milieu, bewundern und begrüßen. Während auch der liberalste deutsche Jude eine gewisse Angst vor den Freiheitsbestrebüngen in Rußland und ihren Methoden verspürt, hat sich der Hilfsverein von diesem Einfluß der preußischen Politik, die zu jener Zeit der russischen Reaktion in die Hände spielte, imerschrocken emanzipiert und scheute nicht, mit den ausgesprochen progressiven Elementen in Rußland gemmrsame Sache im Interesse der Juden zu mäKen. ° Er war daher nicht nur die erste Instanz für die aufeinanderfolgenden traurigen Notrufe, sondern auch die erste Instanz der Hilfeleistung. Hilfeleistung! — wie wenige wissen von den stillen Wohltaten des Hilfsvereins, die mehr als Wohltätigkeit waren; von seinen politischen Aktionen, die vielleicht nicht auf feinen Namen gebucht sind. . . . Doch ist der Hilfsverein nicht bei diesen tenrporären, extraordinären Erscheinungen stehen geblieben. Wohl haben sie jahrelang seine jugendfrische Kraft absorbiert und ihm den Zug des Momentanen eingcprägt. Er machte den Eindruck, als hätte er bloß für das Plötzliche einen Sinn, als wäre er nur für den drohenden Augenblick geschaffen. Indessen belehrt uns .seine Entwicklung in den letzten Jahren das ' Gegenteil. Sobald nur die Pogromperiode in ihrer Spannung nachließ, wandte sich der Hilfsverein einer ruhigen, planmäßigen Arbeit zu, einer Arbeit für die Zukunft, lind bereits kann er von vielen Erfolgen auch in dieser Richtung hin erzählen: Er hat mehrere Elementarschulen errichtet, Kindergärten, Handelsschulen und Lehrersenlinare; sie haben schon gute Früchte gezeitigt und befinden sich in einer erfreulichen Entwicklung. Wir finden sie in Rumänien, Bulgarien, in Konstantinopel, Jaffa, Jerusalem, Beyruth, Haifa rc. Dabei hat freilich der Hilfsverein auch in diesem Jahre seine „Gegenwartsarbeit" nicht vernachlässigt. Er baute feine Emigrationsinstitute weiter aus, verbesserte und verfeinerte ihre Funktionsfähigkeit; lieferte einen großen Beitrag zur Regelung der jüdischen Emigration, besonders durch Förderung des Galvestonprojekts der I. T. O., an welchem er moralisch wie finanziell in hochherziger Weise sich beteiligte. Es ist sein altbewährtes Verdienst, die jüdische Emigration in Deutschland reguliert zu haben; er hat die seinerzeit in aller Eile an der Grenze aufgepflanzten „Komitees" als Institutionen reformiert und durch eine Zentralleitung, an deren Spitze Herr Dr. Bernhard Kahn, Generalsekretär des Hilfsvereins, steht, zwecks einer gemeinsamen und geordneten Arbeit verbunden. Seitdem hat der Hilfsverein große Fortschritte auf diesem Terrain seiner Tätigkeit aufzuweisen. Dank der finanziellen Beteiligung der Alliance und I. C. A. gelang es der umsichttgen und geschickten Leitung des „Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten", die jüdische Passage in einem hohen Grade zu bewältigen. Dieses Zentralbureau im Hilfsverein unterstützt finanziell und moralisch jüdische Emigrationsinstitute auch außerhalb Deutschlands; befindet sich in bestem Kontakt mit den jüdischen Institutionen und Korporationen der Jmmigraüonsländer und ist so im Laufe der verhältnismäßig kurzen Zeit zu einer Zentralregulative für die unterstützte Gesamt-Emigration der Juden emporgewachsen. * Wenn man den Jahresbericht des Hilfsvereins liest, hat man das Empfnüren, als sei es ein Bericht eines jüdischen Wohlfahrts-Ministeriums, in welchen! alle Fäden des jüdischen Wirtschaftslebens zusammenlaufen. Welch eine Fülle von ungenannten Ressorts, eine Mannigfaltigkeit der Betätigung, ein Reich der Arbeit: Organisatton von Schulen — Errichtung von Kindergärten — Bau eines Technikums — politische Aktionen — Hilfeleistung an Pogrvmopfer — Regulierung der Emigration — Subvention von Gelehrten — Stipendien an Studenten — Kreditgenossenschaft — Preßdienst — Förderung von Turnvereinen — Unterstützung für eine historisch-wissenschaftliche Forschungsreise und — Unterstützungen für Brände in Nowo-Dwor, Nowo- Grodno, Slobodka usw. Eine reichhaltige Dokumentensammlung aus dem jüdischen Leben in einem Jichre! Das Geheimnis der raschen Machtentfaltung des Hilfsvereins ist wohl in der gesunden Basis seiner Organisatton zu suchen. Sie ist nicht — im Gegensätze zur I. C. A. und besonders Alliance — auf Personen zugestutzt. Er richtet seinen Blick lediglich auf die Sache. Er geht — um seinen eigenen AusdülL zu gebrauchen — auch mit dem Teufel zusammen, wenn nur damit dem Interesse der Juden gedient wird. Daher ist er zu einem Zentralpunkt der jüdischen Wohlfahrt geworden, zu einer sozial-philanthropischen Zentrale der europäischen Judenheit. Der Hilfsverein hat mit Recht den Ruf einer neutralen Organisatton, die mit den größten jüdischen Körperschaften aller Schattterungen Hand nr Hand geht. So mit der I. C. A., I. T. O. gmd den „Zione-Zion" reinsten Wassers. . . . Neutral im Sinne unbeirrter Unparteilichkeit, wie auch im Sinne allgemeiner Beliebtheit. Seine Persönlichkeit, seine persönliche Note ist dadurch nicht minder stark. Dafür bürgt schon der Name seines Leiters, unseres großen Sozialpolitikers — Dr. Nathan. Und er hat noch einen Vorzug: er ist jung, jckgendlich frisch, empfindlich und fiei von Schrullen einer bureaukratischen Tradition. Er ist rasch an Ort und Stelle, wo es gilt, Hilfe zu leisten. Er gibt meistens die erste Hilfe. Er steht mitten im jüdischen Leben, lauscht auf seine Nöten und fühlt den Puls der Zeit. Vielleicht werden sich seine älterenKollegeN— dieJ. C. A. und dieAlliance — an ihm orient ieren, wie weit sie hinter den Bed ürfnisfen der Zeit zurückgeblieb en sind; wie weit ihrZeit- und Standpunkt überschritten ist. Dann werden sie auch begreifen, warum sie keinen Dank und keine Anerkennung im Volke finden — trotz ihrer großen Ausgaben. Das Volk verlangt Rechenschaft, das Volk fordert Respekt vor seinem Willen. Mögen sie es vom Hilfsverein der deutschen Juden lernen.

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