Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Seite 3. Rabbi und klopften an und begehrten Einlaß. Da erklang von innen eine gewaltige Stimme: „Ziehet eure Schuhe aus; denn der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig!" Da fürchtete sich das Volk und entfloh. Nur ein Verwegner blieb in der Nähe und barg sich hinter einem großen Stein. Als aber abends der Rabbi mit seinen Schülern fortgegangen war, um das Nachtgebet zu sprechen; da öffnete der Frevler die Türe des Hauses und rief alles Volk herbei, auf daß es sehe. Und sie sahen die Berge von Demant; die silbernen Flüsse, die buntprangenden Wände und den gewaltigen Himmel mit den Sternen, die funkelten. Und sie sprachen: „Ist das nicht, was wir immer sehen, und ist es nicht zusammengedrängt in einen Raum, winzig klein und unendlich groß. Wunder über Wunder!" Aber mit kühner Hand riß der Eindringling die Purpurdccken herunter und rief höhnisch: „Seht ihr nicht, daß es nichts ist als Tand? Scheint der Himmel nicht nur herein durch ein winziges Loch in -er Decke, nicht größer wie ein Menschcnauge? Und sind die Sterne, die buntflammigen, nicht irre Lichter, die keiner von uns greifen kann? Ein Betrüger ist er, ein Betrüger!" Und die Menge heulte: „Ein Betrüger ist er, ein Betrüger!" Da trat der Rabbi ein. Sein rasches Auge übersah die Verwüstung. Er hob den Finger und das Loch in der Decke, durch das sein Auge oft geschaut, schloß sich; er winkte, und die purpurnen Decken, die schimmernden Sterne wurden schwarz und farblos. Dann sprach er niit grollender Stimme: „Blind seit ihr, und blind sollt ihr bleiben. Die Schätze, die ich für Euch angesammelt, die ich Euch geben wollte, wenn cs Zeit, ihr habt sie verloren. Wehe über euch! Wehe." Und er griff die Hände seiner Schüler und entwich mit ihnen — und niemand wußte wohin. Legenden. Es war da ein frommes Ehepaar, bas fürchtete den Herrn und lebte nach seinen Geboten, und der Herr hatte sie gesegnet und ihnen einen Sohn bcschecrt — der aber war stumm. Da beschlossen sie, zu einem wundertätigen Rabbi zu Pilgern; auf daß er Gott für den Stummen bitte. Als sie nun dahin kamen, und der Rabbi den blühenden Jüngling sah, sprach er: „Im Buche des Schicksals^ habe ich gelesen: Drei Worte darf euer Sohn sprechen, trifft er die rechten, .so ist ihm die Sprache auf ewig verliehen." Und der Vater betete zu Gott, daß er seinen Sohn segne mit Verstand und Einsicht; aber die Mutter küßte ihr Kind und sprach: „Gesegnet sei dein Herz, daß es die rechten Worte finde." So gingen sie; doch der Sohn blieb bei dem Rabbi. Schwere Arbeit mußte er verrichten, Holz hacken und den Boden umbauen; in seiner freien Zeit aber unterwies ihn der Meister und lehrte ihn aus dem Buch der Bücher. Und der Jüngling sah auf den Meister und lernte. Da begab" es sich, daß der Rabbi mit seinen Schülern schritt durch das Tor der Stadt, und cs begegnete ihnen ein reicher Mann und sprach also: „Säge mir Herr, wie fange ich es an, daß ich sorglos schlafe. Schätze habe ich mehr als meine Brüder; aber immer fürchte ich, daß Diebe koinmen und mich berauben und mir nehmen meine Kraft und meine Macht. Und es schmeckt mir keine Speise, ob ich gleich die köstlichste vor mir habe." Da wies der Rabbi ans einen Arbeitsmann, der am Wege lag und schlief. Von seiner Stirne trosf der Schweiß, neben 'ihm stand ein Wasserkrug und lag ein Stück Brot, davon er sich gesättigt. Und der Stumme öffnete die Lippen und - sprach die Worte des weisen Königs: „Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süß; er habe wenig oder viel gegessen; aber die Fülle des Reichen läßt ihn nicht schlafen". Und abermals ging der Rabbi mit seinen Schülern aus; da begegneten ihnen Diener. Die trugen eine Sänfte, darinnen saß eine Frau schön wie Lilith. Durch ihr rahenschwarzes Haar schlangen sich Perlen; süße Düfte entströmten ihren Gewändern. Und sie sah um sich stolzen Blickes, ob 'keine ihr gleiche und sie übertreffe an Schönheit. „Ist sie nicht herrlich wie die Sonne, strahlt ihr Auge nicht wie die Sterne am nächtlichen Himmel? Glücklich der, dem sie zum Weibe bestimmt!". So sprachen die Schüler untereinander.. ' fl~ i 1,11 n TI ii Mg-- -CftjMÄSflxkJlfJB Fttmisürter ijuntutftwuux. Aber der Stumme wies auf eine Frau, die um die Ecke herbog. Barfüßig schritt sie bloßen Hauptes daher; zur Rechten und zur Linken hing an ihrem Gewände ein Kind; den Säugling hielt sie an der Brust, auf dem Rücken trug sie ein schweres Bündel 'Reisig, ihre Lippe sang, ihre klugen leuchteten. Und der Stumme brach aus in die Worte des königlichen Sängers: „Kraft und Schöne ist ihr Gewand, und sie lacht des kommenden Tages". Und es schwanden die Monde, da schritt der Rabbi mit seinen Schülern über die Felder; über schmale, steinige Wege, daß sie sich freuten der Fülle der Frucht, die dem Boden entsprossen. Siehe, da klang es ans der breiten Landstraße von Lärmen und Jauchzen, und daher kam ein Mann, behängt mit Stoffen wie Purpur, und er schlug Schellen, daß sic klirrten und sang dazu: „Ich bin gleich dem König auf seinem Throne, bunt ist inein Gewand. Hei, wie ich leuchte in eignem Licht; nicht brauch ich die Sonne, nicht brauch ich den Mond, und keinen Herrn kenne ich und kein Gesetz, und selbst bin ich Herr und Gesetz." Und er inachte vielen Lärm und sang thörichte Worte, und die Menge folgte ihm staunend. Da sprachen die Schüler: „Laßt uns tuen wie jener; niühelos geht er dahin, und die Menge folgt ihm; auf lasset uns singen wie er — daß wir hören das Loblied des Volkes!" Und sie eilten, auf die Straße zu kommen. Der Stumme aber wich zur Seite; so eilig, daß er nicht sah zwei Hunde, die neben ihm spielten. Und die Tiere fielen, ihn an und zerrissen ihm das Gewand, daß er dastand in seiner Blöße. Da schalten die andern Schüler und sprachen: „Was giebst du nicht Acht auf deinen Weg und sichest, was dir nützet, auf daß du nicht zu Schaden kommst?" Und der Jüngling erwiderte ruhig den Scheltenden mit den Worten . Salomos: „Es ist besser, zu begegnen einen: Bären, dem man die Jungen geraubt, denn einem Narren in seiner Narrheit". Da hob der Rabbi die Hände empor und sprach segnend: „Ein Wort geredet zu seiner Zeit, ist wie goldene Aepfel in silbemen Schälen. Ziehe hin mein Sohn. Du regest deine Lippen zum Guten, und der Herr spricht ans dir!" Zu den Schülern aber sprach er zürnend: „Da ihr folgt der Menge und den Schelten des Narren, so soll euer Mund verschlossen sein von dem Herrn." Und es geschah also. — F. Kunst und Literatur. M e y e r s G r o ß e s Ko n v e r s a t i o n s l e x i k o n. 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen. 20 Bände in Halb-, leder gebunden zu je 10 Mark oder in Prachtband zu je 12 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Die 6. Auflage des „Großen Meyer" nähert sich ihrem Ende: Soeben ist der vorletzte (19.) Band erschienen, der mit seinen 1024 Seiten besonders stattlich ausgefallen und mit 25 zum Teil farbigen Tafeln, 21 Karten und 31 meist illustrierten Textbeilagcn ausgcstattet ist. Was er an besonders umfassenden, Staatenartikeln bringt, beschränkt sich auf „Südamerika", „Türkisches Reich" und „Ungarn". Um so größeraber ist die Zahl der kürzer gehaltenen geographischen Beiträge, denen vielfach recht anschauliche und in großem Matzstab entworfene Textkärtchen beigegeben sind. Hier vertoeisen wir auf unfern Kolonialbesitz „Togo", „Usagara", „Usambära", oder auf „Tirol" (mit einer Karte), „Transvaal", „Tripolis", „Tunis" und auf die neustes statistisches Material beibringenden Städteartikel wie Stettin, Stockholm, Straßburg i. E., Stuttgart, Tokio, Triest, Turin, die sämtlich mit einem übersichtlichen Stadtplan ausgerüstet sind. Von allgemeinen, das tägliche Leben berührenden wirtschaftlichen und rechtskundlichen Fragen handeln die Artikel „Steuern", „Steuerpolitik", „Strafreform", „Tabak", „Tarifverträge", „Tee", „Testament", Tuberkulose", „Unfallversicherung", „Urheberrecht". Den Literatur- und Kunstfreund werden die übersichtlichen Zusammenfassungen über „Syrische Sprache und Literatur", „Türkische Sprache und Literatur", „Ungarische Literatur" oder „Theater" und „Vasen" nicht weniger erfreuen, als die bei aller Kürze gründlichen Biographien von Männern wie Storm, Stuck, Tegner, Tizian, Tolstoj, Uhland. Eine große Rolle spielen in dem vorliegenden Bande wiederum die Beiträge aus Technik und Naturwissenschaft. Es ließe sich noch vieles anführen, um die Beschlagenheit des „Großen Meyer" auf jedem Wissensgebiet zu illustrieren; aber das erübrigt sich, denn es gibt eben nichts, was diesem Nachschlagewerk fremd wäre. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. — Gegen Gicht, und Rheumatismus bewährt. Bad Harzlbnrg TO Pension Parkhans 53 Salons u. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I Ranges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. Waldlase. Geöff.l.AIai-l.Okt. Prosp.gratis. Max Hecht Wohack btHK. "ÄSE«. Inhaber: AT. WaJJaU. Perlen, Juwelen, Goldwaren. - Auf Wunsch Auswahlsendungen. ■—= Wocheu-Kaiesöer. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 30. Mai (= 29. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr SO Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 20 Min., in Berlin 9 Uhr 12 Min. Wochenabschnitt: Bamidbar. Musterung der Kinder Israel. Die Stammessürsten leisteten Hilfe bei dem Zühlgeschäft. Jeder Stamm wurde besonders gezählt, d. h. die männlichen Personen vom 20. Lebensjahre an. Der Levitenstamm wurde eigens gemustert, da ihm die Pflicht des „Tragens und Bedienens" der Stiftshütte oblag. Es sind im Wochenabschnitt die drei Gruppen ausgezählt, in welche sich der Stamm Levi gliederte. Jeder Gruppe wurden genau die zu tragenden Teile der Stiftshütte benannt und zugcwiesen. Die Leviten lagerten rings um die Gotteswohnung. Sie waren die Wächter, Pförtner und Träger. Die andern Stämme lagerten entfernt von der Stiftshütte, nach deren 4 Seiten geordnet, eine Fahne bei jeder Himmelsrichtung, je drei Stämme bei einer Fahne. Fahnenführende Stämme waren: Juda, Rüben, Efraim, Dan. Nach der Lagerordnung richtete sich beim Aufbruch des Lagers auch die Zugsordnung. Da der Stamm Levi sich nicht durch die Sünde des goldnen Kalbes verunreinigt hatte, wurde er — anstatt der Erstgebornen — mit der Würde des Heiligtumsdienstes betraut. Man schaltet die „Ahawo": „Aus-cho kol hajaum kiwinu" und das Sülas: „Elaukim beosnenu" ein. Beide hübsche Piecen behandeln Israels Martyrium für das Thoragesetz. Beide Stücke deshalb auch am Sabbat vor dem 9. Aw. — Bor dem Einheben das Märtyrergevct „Aw-Horachamim." In manchen Gemeinden Auszählung einzelner Städte, wo Märtyrer starben. („Mcmorbücher", von memoria-Gedächtnis). — Einsegnung des Neumondes Siwan, der auf Sonntag (31. Mai) fällt. (Bon da an bis nach Jsru-Chag von Schowuaus kein Tachannn.) Nachmittags kein Zidkoscho-Zedek. 6. Perek. „Schowuaus-W o ch e n f e st, wegen der vorangegangenen Zählung von sieben Wochen. Auch Chak-Hakozir od. Erntefest, weil die Ernte in vollem Schwünge war. Wegen der von neuem-Weizenmehl bereiteten zwei Brote, die man als Speiseopfer darbrachte auch „Jaum-Habikkurim" genannt, d. h. Tag der Erstlingssrüchte. Im Gebete „Seman-mattan- Tauroseinu" genannt, Zeit unserer Gesetzgebung. Am Freitag und Schabbos (5. u. 6. Juni) ist Schowuaus. Deshalb am Donnerstag „Eruwe- T a f s ch i l i n" zu machen, d. h. man stellt schon Eref-janm-tanw ein Gericht zurück für Sabbat; das Kochen am Freitag ist nur „Ergänzung",- kein „Neukochen", durch welches der Festtag sich werktägig ausnehmen könnte. Das Machsor behandelt die zehn Gebote, überhaupt die Gesetzgebung ausführlich, schildert die Thora als Israels herrliches, ewiges Gut. Dem Vorlesen vom ersten Tage geht die in chaldäischer Sprache abgefaßte bekannte Introduktion „Mdomus-Milin" voran. — Donnerstag Nacht findet das sogenannte „Lernen" statt. Ein Kompendium aus Thora, Newiim, Kesuwim, sowie aus 'Teilen 'der 6 Bände der Mischna. 13 Kadeschim. — Am 2. Tag des Wochenfestes wird das Buch Ruth gelesen, da die Begebenheit um die Zeit des Schowuausfestes spielt. — Beim Lichtanzünden und Kiddusch (abends) beider Tage ist „Schehechijonu" zu sprechen. Sonntag (7. Juni) Jsru-Chag, d. h. die Nachfeier. Kein Tachanun. Offetibaebtr Druckluft* Anlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tapplchrainlgung. Briefkasten. B. Die Gemahlin des neuen Oberbürgermeisters von Mannheim, Martin, ist Jüdin.