Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692582--03983-2698749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4. Nr. 20. eingesandte Wechsel mit einer abschlägigen Antwort znrückjchicken. I. I. Braun. Zeremitsch (Minsker Gouvern.) Großfeuer. Ein großer Brand hat letzten Donnerstag fast das ganze Städtchen in Asche gelegt. Auch der Beshmnidrach mit seinen sämtlichen Seforim ist eine Beute der Flammen geworden. Die Not ist furchtbar. Lodz. UnglaublichI Der Fabriiant David O l s ch e r, ein reicher Mann, Vater von 7 Kindern, wurde vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtct. Der Fall, der Veranlassung zu diesem unglaublichen, himmelschreienden Geschehnis gab, ist folgender: Am 10. Juli 1907 kamen in den Laden von Jakob Wolf Fuchs unbekannte Leute und erschossen ihn nach einigen Worten der Unterhaltung. Die anwesende Frau des Fuchs wurde von den Mordbuben verschont, sie erklärte später der Polizei, die Mörder hätten von ihrem Manne Wechsel mit der gefälschten Unterschrift des Olscher verlangt und nach der Ablehnung ihren Mann erschossen. Olscher wurde daraufhin verhaftet, nach d e n M ö r - dernjcdochnichtgefahndet. Als das Kriegsgericht Olscher zum Tode verurteilt hatte, begab sich eine Deputation von 6 Fabrikanten zum Gencralgouvcrneur, das Urteil ist aber trotzdem vollstreckt worden. . Rumänien. Constanta. Auswanderung. — More judaico. — Im Moldaugcbiet setzt die jüdische Auswanderung sehr stark ein. Es ist das eine Folge des neuen Schankwirtschaftsgesetzes, welches die zahlreichen jüdischen Schankwirte um ihren Broterwerb gebracht hat. Rabbiner Dr. Niemerower in Jassy, der bekaiinte zionistische Führer, ist jüngst von dem Kassationshof zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil er sich weigerte, bei dem entwürdigenden More judaico zu fungieren. Bei der gerichtlichen Eidesleistung eines Juden tritt nämlich folgende Handlung ein. Der Rabbiner beschneidet dem Schwörenden die Nägel, läßt ihn das Totcngewand anziehen, befestigt ein Sargbrett an ihm und gibt ihm eine Thorarolle in die Hand; außerdem werden schwarze Kerzen angezündct. Nunmehr hat der Kultusminister Dr. Niemerower für seine Person von dieser Funktion befreit. H—r. Palästina. Jerusalem. Was Jerusalem not tut Heute noch darüber zu diskutieren, ob Maschinen- Mazzoth den init der Hand zubereiteten Mazzoth vorzuziehen seien, wäre ebenso lächerlich, wie unerhört es wäre, zu behaupten, Maschinen-Mazzoth seien nicht koscher. Die Verwendung der Maschine reicht in das vergangene Jahrhundert weit zurück. Geonim haben ihr das Wort geredet; da sie sich persönlich überzeugt haben, daß die Hand nicht so schnell arbeiten kann, wie die Maschine. Und ans die Schnelligkeit kommt es eben bei der Zubereitung der Mazzoth an. Darum werden auch in den größten und religiösesten Gemeinden Europas die Mazzoth mittelst Maschine zubereitet. Da galt es immer als Richtschnur in solchen 'Fällen: Puk chasi mäi amma debar. „Gehe hin und sieh', wie der allgemeine Brauch ist." In Jerusalem hatte man die Maschine nicht gekannt. Erst in diesem Jahre wurde sie eingeführt, natürlich mit Einwilligung des aschkenasischen Beth- Din. Da kam nun das Unerhörte. Eine Partei wandte sich nämlich an einen überseeischen Raw mit der Frage, ob die Maschine zulässig sei. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, worauf sich dann die Herren Fragesteller beeilten, mittelst Plakate belang zu geben, daß Maschinen-Mazzoth chomcz seienl?!) Also ganz Chuz l'orez genieße chomez am Pessach! Und das wagt ein Raw zu behaupten? Wie kommt überhaupt ein auswärtiger Raw dazu, Entscheidungen zu treffen über rituelle Fragen, die in einer Gemeine Vorkommen, wo cs ein Beth-Din gibt? Auf die Verwirrung, welche dadurch in der Gemeinde entstanden ist, will ich nicht näher eingehen. Ist ja die Sache vorüber. Wie kann aber ähnlichen Fällen vorgebeugt werden? Ich kann es bei dieser Gelegenheit nicht verheimlichen, daß es bei uns mit der Beobachtung unsres jüdischen Gesetzes nicht so bestellt ist, wie es sein sollte. Hier ein Beispiel. Ein junger Mann schrieb neulich einen ganz passablen hebräischen Aufsatz über das Thema, welche Aussprache des Hebräischen die richtige sei. Meine Neugierde, wer der Schreiber sei, ward bald befriedigt. Es ist der Sohn eines sephärdischen Chachams, bei dessen Vorstellung ich die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: „Die Hände sind Jakob's Hände, aber das Gesicht, es ist Esau's Gesicht." Die Antwort war: „Mle jungen Leute rasieren sich." So sehr ist hier die Beobachtung des jüdischen Gesetzes gesunken. Woher kommt das? Daher, daß wir keinen Manhig haben. An Rabbincn und Chachamim fehlt cs G. s. D. nicht. Wohl aber gebricht es uns an einer anerkannten ehrsurchtgcbietenden Autorität, die eine Gemeinde zu leiten versteht. Vieles wäre anders, wenn wir nicht „wie Schafe ohne Hirten" wären. Viele, ja, unsägliche Wohltaten erweist Europa der heiligen Stadt. Manche Not hat man ihr sogar „aufgedrungen" wie einige behaupten. Die größte Frankfurier JsraelitWes FÄnilienblatt. aber wäre die, einen geeigneten Manhig ausfindig zu machen. Das tut Jeruscholajim not. H. Jerusalem, im Mai. Durch den plötzlichen Heimgang des Herrn Charles L. Hallgarteu- Frankfurt a. M., eines der edelsten und seltesten Menschenfreunde, hat aberinals das Waisenhaus einen schweren, kaum zu ersetzenden Verlust erlitten. Herr Hallgarten war langjähriger Stellvertreter des Vorsitzenden im Verwaltungsrate des Frankfurter Vereins zur Erziehung jüd. Waisen in P a l ä st i n a. Daß sein Wohltätigkeitssinn auch hier gleichen Schritt hielt mit seiner kostbaren Zeit, ist nur natürlich. Länge Spalten füllten die Betrachtungen, welche Tages- und Wochenblätter dem entschlafenen Menschenfreunde, seiner reichlichen Tätigkeit widmeten, die er aus dem Gebiete der Humanität entfaltete; erschöpfend haben sie sie trotzdem nicht geschildert. Kann denn auch ein solch reichliches Leben im Rahmen eines Nekrologs' genügend gewürdigt werden? Nach Ausgang des Monats Nissan fand in der Synagoge des Waisenhauses ein Trauergottesdicnst statt. Unter Tränen hielt der Direktor dem Heimgegangenen einen Nachruf. „Wie einst die Scsiraustagc", sprach er unter anderem, „verhängnisvolle Tage einer Schule waren; ebensolche Unglückstagc sind sie uns geworden. Wie dort die besten Kräfte nach einander hinweggerafft wurden, ebenso hat uns der Himmel in kurzer Folge drei der bewährtesten Männer und Fürsorger genommen: zunächst Konsul Bär-Goldschmidt, dann Professor Werner und neuerdings wieder Charles L. H a l l g a r t e n, den Vater der Armen und Bedrückten im Allgemeinen". — Der Wohltätigkeit, die der in Frankfurt a. M. domizilierende Verein „L e m a a n Z i o n" seit Jahrzehnten in der hl. Stadt entfaltet, setzt der Schritt die Krone auf, zu dem der wackere Verein sich letzthin entschlossen hat. Die Eütsendung eines Augenarztes in der Person des Herrn Dr. Erlanger aus Luzern, die wir L. Z. verdanken, ist die größte Wohltat, die man Jerusalem erweisen konnte. Noch hat die leidige Saison der Augcnkrankheiten nicht begonnen, und schon zählt die Sprechstunde nach Hunderten von Patienten. Herr Dr. Erlanger, ein gediegener Augcnspezialist, hat sich bereits in den wenigen Wochen seiner Wirksamkeit einen Namen gemacht. H. Jaffa. Ueber dem wirtschaftlich enAufschwung Palästinas bdlehkt ein Vergleich der Ein- und Ausfuhrziffern Jaffas der Jahre 1903 und 1907. Die Einfuhr betrug 9 Millionen Mark im Jahre 1903 und 16 Millionen Mark im Jahre 1907, die Ausfuhr &fs Millionen Mark 1903 und 10 Millionen Mark 1907. Personalien. Frankfurt a. M. Vergangenen Sabbat fkierte Herr Hermann D o r f z a u n sein 25 jähriges A m t s j u b i l ä u m als Schochet der hiesigen Jsraclitkfchen Gemeinde. - Den:' Jubilar wurden allseits viel Ehren zuteil; so von Seiten der Ritualkommission, in deren Namen Sr. Ehrwnrben Herr Rabbiner Dr. Horowitz Herrn Dorfzaun für seine überaus eifrige Tätigkeit ivährend dieser Zeit seinen wärmsten Dank aussprach. — Dem Rechtsanwalt Max Meyer wurde der Titel I u st i z r a t und dem Bankier Robert Flersheim der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen. Berlin. Der Privatdozent Dr. Max Lewand o w s k y und der Arzt Dr. A. C s e m p i n erhielten den Titel Professor. Rentner Gebert (Wilhelmstr. la.J und Frau feierten die g o l d n e Hochzeit. Frau Henriette Italiener (Augsbnrgerstraße 36) beging ihren 90. Geburtstag. Kommerzienrat Arthur Koppel, Generaldirektor der gleichnamigen Feld- und Kleinbahnenfabrik, verschied im 57. Lebensjahre. Berlin. Sanitätsrat Dr. Belgard ethiclt den Roten A d l e r o r d e n 4. Klasse. Hamburg. Im 92. Lebensjahre verschied Herr Henry Joshua, ivährend 52 Jahren tätiges Mitglied der Chewra-Kadischa und mehrere Jahrzehnte Mitglied der Verwaltung der Israelitischen Töchterschule. Königsberg. Bankdirektor Georg Marx erhielt den Titel Kommerzienrat. Niederfforstadt bei Friedberg. Das Ehepaar Emanuel Blumenthal und Sofie geb. Sondheimer feierten die goldene Hochzeit. Basel. Rechtsanwalt Dr. Werner Bloch wurde zum Notar ernaunt, Nathan Hochstetter-Levy in den großen Rat gewählt. Wien. Kammervirtuos Alfred Grünfeld erhielt den preußischen K r o n e n o r d e n 3. K l as s c. Kaiser!. Rat Adolf Lichtblau, Herausgeber des Braucrfachblattes Gambrinus, verschied im Alter von 64 Jahren. Philadelphia. David Sulzverger, einer der angesehensten jüdischen Persönlichkeiten unserer Stadt, feierte seinen 70. Geburtstag. Sulzberger war mehr wie 32 Jahre Ehrensekretär des jüdischen Schulvereins, er war Schatzmeister des Grätz-Kollegiums und des jüd.-theolog. Seminars von Amerika und ist noch jetzt Sekretär des Dropsic-Kollegiums. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Montefiore-Berein. Die Fortbildungskurse in Französisch und Englisch werden auch während des Sommers weitergeführt und ebenso der schon bestehende Stenographiekurs. Letzterer findet wie bisher, Sonntag Vormittag von IO1/* bis 11V4 Uhr statt. Französisch Montag Abend von 8—9 Uhr — beginnend 25. Mai — und Englisch Donnerstag Abend, gleichfalls von 8—9 Uhr — beginnend 28. Mai —. Der Unterricht wird im Vereinslokal Seilerstraße 22, erteilt. An den vorgenannten Kursen können sich auch Herren beteiligen, welche denselben bisher nicht angchörtcn und die über entsprechende Vorkenntnisse verfügen. Weiter kann heute schon mitgeteilt werden, daß direkt nach dem Schewuaus-Fest auch Lehrgänge in der französischen und englischen Sprache für' Anfänger, beginnen werden. Das Turnen Ivird vom gleichen Zeitpunkt an ebenfalls wieder ausgenommen. Genaueres darüber, sowie über das ganze Sommerprogramnl ivird deinnächst veröffentlicht. Frankfurt a. M. Der sommerlichen Stille, die stets mit Pesach ins Vereinsleben einzieht, hat auch der VereinznrPflegejüdischen Wissens „T i f e r e t h B a ch u r i nt" seinen Tribut gezollt und mit diesem Termin seine regelmäßige Vortragstätigkeit eingestellt. Während jedoch in früheren Jahren schon ziemlich frühzeitig der Besuch der Äereinsabende nachzulassen pflegte, kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß dank dem Eifer und Interesse der Mitglieder in dieser Saison auch der letzte Vereinsabend dem Eröffnungsabeiid nicht tiachstand. Eine Freude war es zu sehen, welche Regsatnkeit tmd Begeisterung der nieist jugendliche Kreis der Vereinsbesuchcr sowohl in Vorträgen wie in Debatten entfaltete, mit welcher Hingebung die in angestrengter geschäftlicher Tätigkeit stehenden jungen Leute sich der Ausarbeitung von Vorträgen unterzogen und wie es dem Vereine hierdurch möglich war, die Ziele, die er verfolgt, in schönster Weise zu verwirklichen. Auch des Interesses weiterer Kreise durste sich der Verein erfreuen und ebenso wie in früheren Jahren, wurden einige schwierigere Themata bereitwilligst von wissenschaftlich gebildcteit Gönnern des Vereins behandelt. Folgende Vorträge fandeir in diesem Wintersemester statt: „Welchen Wert hat für uns die Beschäftigung mit der jüd. Geschichte?"; „Koheleth"; „Raschi's Leben und Wirken" (2 Vorträge); „Ein Tag im Tempel"; „Die Inden in China"; „Lehrgedanken aus den Psalmen"; „Frauenrecht im altjüdischen Staat"; „Geschichte der Judetl zu Frankfurt im Mittelalter"; „Die neuesten Ausgrabungen im Orient"; „Die mündliche Lehre und ihre Codifizierung"; „Der Uebertritt des adiabenischcn Königshauses zum Judentum"; „Kinderspiele im babylonischen Talmud"; „Lüzatto's Mesillath Jcschorim". Ein Zyklus von 4 Vorträgen; „Moses Mendelssohn"; „Die Emanzipation der Juden"; „Die Anfänge der Reformbewegung in Deutschland"; „Das Wiederhervortreten des gesetzestrenen Judentnms"; „Die Geschichte der Frankfurter Judengasse"; „Uriel Acosta"; „Rabbi Jcchcskel Landait"; „Esra und Neheniia"; „Ein Crew Pesach im Tempel". Den Vorträgen schlosseit sich meistens Diskussionen an. Der unter Leitung des Herrn Frankenthal stehende C h a j c O d o in S ch i u r des Vereins erfreute sich ebenfalls eines guteit Besuches. Im Sommer findet derselbe allsabbatlich 3—4 Uhr nachmittags in der Suppcnanstalt Theobaldstraße statt, und sind auch Nichtmitgliedcr stets willkommen. Einer besoirberen Beliebtheit erfreut sich dieser Schinr, weil mit dem Lernen ein tieferes Eindringen in die Bedeutung des jüd. Pflichtenlebens an Hand Hirsch's Chorcw, einzelner Artikel d. ges. Schriften nsw. verbunden wird. Es kann die Teilnahme an dem Schiur jedem jungen Manne, der bestrebt ist, sein jüdisches Wissen zu mehren, nicht warm genug empfohlen werden. Ein segensreiches Wirken ist es, daß der Verein „Tifcres Bächurim" entfaltet, ein Arbeiten der Jugend für die Jugend, um in ihr das Interesse für die Lehre, für ein Leben in echt jüd. Geiste wachzuhalten resp. zu wecken. Nur durch eifriges Lernen und Forschen in den jüdischeit Geistesschätzcn ist cs dem jungen Manne heute möglich, sich eine gefestete Lebensanschauuiig zu bilden und auf die Fragen der Zeit Rede tind Antwort zu stehen. Leider begnügt man sich aber meist mit den wenigen Kenntnissen, die man sich in der Schulzeit int Religionsunterricht angeeignet hat und verkennt, daß sie nicht ausrcichen, wen» die Frageit des Lebens herantreten, ja matt benutzt häufig das Uttverstaudene, um gegen das Heiligste Sturm zu laufen. Hier helfend, für jüdische Dinge begeisternd cinzugreifen, ist die Aufgabe, die sich der Verein „Tiferes Bachurim" gestellt hat, und auf ihn inöchtcu wir daher ganz besonders auch das Augemnerk des weiten Kreises von jungen und jüngsten Leute leuken, die jedes Jahr von kleinen Plätzen und vom Lande nach unserer Stadt strömen, um hier ihre Existenz zu finden oder ihre kaufmännische Ausbildung ztt genießen und die meisten ohite Anlehnung und Festigung dem jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.