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Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 20 FvmMrkr FsvaEWes FaMliSnKE. Herr Lehrer E. Gabriel, „ Rechtsanwalt T>r. Max Goldschmidt, „ Rechtsanwalt Dr. S. Guggenheim, „ Bankier Wilhelm M e r z b a ch, Schatzmeister, und „ Fabrikant Ludwig Rothschild. Das 'Fortbildungs-Heim ist seit dem 20. Januar a. c. eröffnet und in Tätigkeit. Es steht also noch im Stadiunl des Anfangs, aber der Anfang ist ein so vielversprechender, daß man sich den schönsten Hoffnungen für die Zukunft hingeben darf. Die Kosten unseres Fortbildungs-Heims betragen dauernd ca. 4600 Mk., und zwar: Lokal Mk. 900 Bedienung „ 600 Reinhaltung „ 300 Heizung und Beleuchtung „ 400 Unterricht „ 1500 Zeitungen „ 400 Bücher „ 300 Diverse „ 200 Summa Mk. 4600 Dazu kommen ca. Alk. 1000 als einmalige Ausgabe für Möbel. Neben der Frau Baronin Ednrund von Rothschild haben für die Weiterführung unseres Fortbildungs-Heims der Israelitische Haudwerkerverein in Frankfurt a. M. und der Hilfsverein der deutschen Juden nankhafte Beiträge gezeichnet. Der Hilfsverein in Frankfurt hat unter Initiative des leider inzwischen Heimgegangenen Hallgarten auch seine Unterstützung in Aussicht gestellt. Bei einer so großen Aufgabe, wo es sich um die moralische und intellektuelle Hebung einer der größten Kolonien unserer osteuropäischen Brüder auf dem Kontinent — nur Paris und Stockholm haben größere — handelt, werden unsere hochherzigen Philanthropen und Wohltätigkcits-Bcreine sicher gerne die Mittel zur Verfügung stellen, welche zur Fortführung dieses segensreichen Institutes erforderlich sind. Aus alrer Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Mischehen. 1908 wurden in Frankfurt 158 rein jüdische und 41 j ü - disch-christliche Ehen geschlossen. Berlin. Der Jahresbericht der Alliance Jsraölite Universelle für 1907. — Unmittelbar nach der französischen ist jetzt die deutsche Ausgabe des Jahresberichts der Alliance Jsraölite Universelle für 1907 erschienen. Der Bericht, ein wohlausgestattetes Bändcheir von 232 Seiten Text, legt Rechenschaft ab von der über drei Erdteile sich erstreckenden Tätigkeit der ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation, er zeigt, daß auch im Jahre 1907 der Wirkungskreis der Alliance neue Erweiterung erfahren hat. Der letzte Abschnitt der deutschen Ausgabe des Jahresberichts handelt von der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft, der besondere Aufgaben hinsichtlich der rumänischen und russischen Glaubensgenossen zugctcilt sind. In stetig wachsendem Maße hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft in Uebereinstimmung mit dem Zeutral-Comitö in Paris namentlich die Fürsorge für die Auswanderer und Rückwanderer russischer und rumänischer Staatszugehörigkeit übernommen und selbstständig organisiert. Zahlreiche Lücken, die in dem Organisationsnetz vorhanden waren, sind ausgefüllt worden. Die Zustimmung, deren sich die Alliance Jsraölite Universelle im Allgemeinen und die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle in Deutschland iiu Besonderen erfreuen, wird bewiesen durch die stetig wachsende Zahl der Mitglieder, die im vergangenen Jahr abermals um Tausende zugenommeu hat. Köln. Verbandsvorturnerkursus der Jüdischen Turn er sch aft..— Die Jüd. Turnerschaft (Verband der jüdischen Turnvereine) veranstaltet Pfingsten in Köln ihren ersten allgeineinen Borturnerkursus. Die Teilnehmeranzahl dürfte voraussichtlich recht beträchtlich sein. Bis jetzt sind Vorturner der verschiedensten Vereine aus Deutschland und Oesterreich angemeldet. Gelegentlich des Kursus findet eine allgemeine Besprechung über theoretische Fragen des Turnens in den jüdischen Turnvereinen statt. ,(b.) Stratzburg.".Verflossene Woche kursierten bei dem hiesigen jüdischen Publikum Theaterz e t t e l f o l g e n d e n Inhalts: Lemberger Jargon- Gesellschaft Fischer Abramowitz. Aufführung des weltberühmten Meisterwerkes „Kol Nidrei", aufgesührt vom ganzen Ensemble. Aüßerdem Solls, Duette. Couplets, gesungen von den Mitgliedern der Gesellschaft. Ferner: Der Teufel im Restaurant, großer Lacherfolg u. s. w. Anfang 8 Uhr. Es wurden dabei Billets in verschiedenen Preislagen verkauft und die Mitteilung gemacht, daß die Gesellschaft in verschiedenen Großstädten mit großem Erfolge ausgetreten sei. Die Vorstellung sollte Samstag Abend im Bereinssaale der Bierbrauerei zur Sonne stattfinden. Ms die Leute, welche Billets genommen hatten, sich dort zur bestimmten Stunde einfanden, standen sie vor geschlossenenTüren. Der Wirt soll erklärt haben, daß er von der betr. Gesellschaft überhaupt nichts weiß. — Die Ko nsi st orial wählen, welche. am 14. Juni stattfinden, loerden voraussichtlich dasselbe Bild bieten, wie die vorhergegangenen Wahlen. Soviel man erfährt, werden wahrscheinlich dieselben Herren aufgestellt werden wie das letzte Mal. Wer zum Präsidenten des Konsistoriuins. an Stelle der verstorbenen Herrn Dr. Levy aufgestellt werden soll, darüber verlautet noch nichts. München. Die Eröffnung des neuen israel. Friedhofes fand gestern nachmittag in feierlicher Weise statt. Llbenburg. lieber Gegenwartsaufgaben der deutschen Juden sprach im vollbesetzten Saale der„Union" Herr Rechtsanwalt Dr. Klee- Berlin, nachdem Herr Landrabbiner Dr. M a n n - hei m c r die Erschienenen im Namen des jüdischen Landesgemcinderatcs begrüßt hatte. Redner verlangte, daß die deutschen Juden keiner Partei angehören, jdie nicht in bezug auf die Juden den absolutesten Standpunkt der Gleichberechtigung vertritt. Ferner müsse mehr wie bisher die Parole ausgegeben werden: Los vom Radikalismus! denn es habe keinen Sinn, daß die Juden mit dem Radikalismus den Zorn der leitenden Kreise auf sich ziehen; besonders da die Juden ja doch nur für Undankbare die Kastanien aus dem Feuer holen, wie erst Rußland in den letzten Jahren bewiesen hat. Zur Durchführung unserer Forderung als Juden brauchen wir Judenstolz, der uns bisher noch fehlt. Redner kommt dann aus die innerjüdischen Aufgaben zu sprechen, er weist auf den Gedanken einer Bereinigung der großen jüd. Organisationen der Welt hin, besprach das Problem der Wandrung der Inden und dann die Notwendigkeit der Bestrebungen der Jto und des Zionismus. Zum Schluß behandelt Redner die religiösen und kulturellen jüdischen Aufgaben; die jüdische Religion sei im eminentesten Sinne modern; der Gedanke der sozialen Hilfe z. B., der durch unsere Zeit geht, finde seine Urkraft und seine Urbegründung im alten jüdischen Schrifttuni. Oesterreich-Ungar«. Wien. Das Testament eines Wohltäters. — Der jüngst verstorbene Großhändler Abraham Elias, der aus ganz kleinen Verhältnissen hervorging, hat in seinem Testament eine große Zahl von Legaten hinterlassen, so unter anderen für die Errichtung einer Stiftung zur Aussteuer für unbemittelte Mädchen, zur Unterstützung von unbemittelten Studenten der drei weltlichen Fakultäten sowie für Spitalfreiplätze, ferner größere Legate für eine Gebets- und Armenstiftung für die türkischisraelitische Gemeinde in Wien, für verschiedene Wohltätigkeitsinstitnte, wie für die Freiwillige Rettungsgcsc'llschaft, das Leopoldstädter Kindcrspital, das Blindeninstitnt, das israelitische Spital, das Spital der Barmherzigen Brüder, den Asylvcrein für Obdachlose, die israelitischen Gemeinden in Wien, Bukarest, Badeil bei Wien und Nizza. Im ganzen betragen, wie verlautet, die testierten Stiftungen 600 000 Kr. Wien. Das israel. Bersorgungshaus ist um ein Seitengebäude vermehrt worden. Der Anbau wurde erinöglicht durch die 600,000 Kronen- Spcnde einer Dame. Preßburg. Ein hiesiger kaufmännischer Verein hat an den Handelsminister eine Eingabe gerichtet, in der er um Eins ü h r u n g der v o l l - ständigen Sonntagsruhe ersucht. Czernowltz. Die Kaiser-Jubiläumsstiftung der Czernowitzer isr. Kultusgemeinde. — Ain 9. Mai, — es ist dies für die Entwicklung des Judentums in Czernowitz ein historisch bedeutsamer Tag — versammelte sich der Kultusrat zum erstenmal in den Räumen seines neuen eigenen Hauses, des jüdischen Nationalhauses. Und der erste Beschluß, der in diesem bedeutsamen Momente gefaßt wurde, war ein eminent patriotischer Akt, im Sinne und Geiste unseres gütigen Monarchen, dem die Juden hingebungsvolle Treue halten. Der Vorsitzende Dr. Strauch er gab in warmen Worten seiner Befriedigung und Genugtuung darüber Ausdruck, daß die Juden es so weit gebracht, ein eigenes Heim zu besitzen und knüpfte daran beit innigen Wunsch, daß auch der Geist der brüderlichen Eintracht und des Friedens miteinziehen möge, daß alles Trennende beiseite gelassen und das Einigende fortwirke, inr.Interesse des Judentums. Er könne wohl der ersten Sitzung keine schönere Weihe geben, als indem er beantrage: Ans Anlaß des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers 1. ein Kaiser-Jubiläums- Alterversorgungsheim für arme, alte, erwerbsunfähige jüdische Greise und Greisinnen zu errichten. ' 2. sechs Kaiser-Jubiläumsstiftplä tz e im Waisenhäuse auf Kosten der Kultusgemeinde zil stiften. 3. Die israelitische Kultusgemeinde Czernowitz tritt den zu errichtenden Jubiläums-Blinden- und Taubstummen-Jnstitute in Czernowitz als Gründerin mit einem einmalige» Betrage von 500 Kr. bei. Unter lebhaftem Zustimmungskundgel en wurden diese Anträge einmütig zum Beschlüsse erhoben. * Rußland. Petersburg. Die Volksschulbildung der Juden in Rußland. — Eine Charakteristik der Volksschulbildung der Juden in Rußland gab der jüdische Mgeordnete Friedeinann in der Duma. Friedemann ist Vertreter eines Gouvernements des jüdischen Msiedelnngsrahons, wo eS weder Semstwoinstitutionen noch Gouvernementskomitees für die Volksschulbildung giebt und dieselbe ganz in das Ressort des Ministeriums der Volksaufklärung und seiner Organe fällt. Die lokalen Selbstverwaltungen.haben keine Stimme in Sachen der Volksaufklärung. Die Behörden allein haben darüber zu verfügen, wann Schulen und welche Art von Schulen zu eröffnen sind. Jegliche Privatinitiative bei der Eröffnung von neuen Schulen wird aus das schärfste verfolgt. Es wird »sofort Untersuchung über die politische Zuverlässigkeit derjenigen Personen eingeleitet, welche um die Erlaubnis der Eröffnung neuer Schulen nachsuchen. Dadurch gibt es im Westgebiete, wo die Bevölkerung .verhältnismäßig auf viel höherer Kulturstufe als im übrigen Rußland steht, nur eine verschwindende Zahl von Schulen. Den größten Teil der Bevölkerung des Wcstgebietes bilden bekanntlich die Juden. Gerade sie stoßen auf unüberwindliche Hindernisse beim Unterricht ihrer Kinder. Obgleich die russische Gesetzgebung bei der Ausnahme in Elementarschulen keine 'Ausnahme kennt, werden jüdische Kinder nur in Ansnahmefällen zugelassen. An vielen Orten werden sie überhaupt nicht ausgenommen, an anderen nur für besonders hohes Schulgeld. In Kiew existiert ein Zirkular, nach welchem bei der Ausnahme;öon jüdischen Kindern au die Eltern die Forderung gestellt werden soll, daß ihre Kinder am .Sonnabend schriftliche Arbeiten verrichten. Zieht inan alle diese Umstände in Betracht, so läßt sich die .Behauptung aufstellen, daß es faktisch keine Volksschulen für Juden giebt. Allerdings existieren jüdische Religionsschulen, sog. Ehedcr, deren Zahl sich auf 25 000 -beläuft. Mer auch in diesen Schulen wird nach dem Gesetz vom 1. März 1893 der Unterricht der russischen Sprache untersagt. Es ist charakteristisch, daß im Königreich Polen eine ganz entgegengesetzte Verordnung existiert. Dort wird die Erlaubnis zur Eröffnung von jüdischen Religionsschulen nur unter der Bedingung obligatorischen russischen Unterrichts erteilt. Außer diesen Reliisi.onsschulen existieren noch andere Typen von Elementarschulen, welche hauptsächlich durch jüdische Mittel unterhalten werden, deren Zahl aber nur gering ist. Zu denselben gehören Staats-, Gemeinde- und Privatschuten. Sie kosten der jüdischen Bevölkerung mehr als eine Million Rubel. Im Ganzen sind ihrer nur 800, die 6000 jüdische Kinder beherbergen, welche den zehnten Teil aller jüdischen Kinder in schulpflichtigem Alter aus- »cacheii. Jüdische Lehrer dieser Schulen erfreuen sich keiner Rechte. Bon ihrem Gehalt >vird jährlich 20o/o für das sog. jüdische Pensionskapital abgezogen. Merkwürdig ist, daß, trotzdem diese Abzüge schon seit dem Jahre 1873 gemacht werden, jüdische Lehrer bis jetzt keine Pension genießen. Dagegen erhalten Lehrer russischen Glaubens, welche an diesen Schulen Unterricht erteilen, aus diesem angehäufteu jüdischen Kapital volle Pension. Petersburg. General Neidhardt. Ehrenbürger von Odessa! Der durch die Veranstaltung der großen Judenhetze von Odessa bekannte ehemalige Odessaer Stadthauptmaun General Neidhardt wurde von der Odessaer Stadtvertretung zum Ehrenbürger gewählt. Raüomisel. Mißernte in Aussicht.— Geldkrisis. Das Brot steigt täglich, und man glaubt, daß in Bälde das Pud Roggenmehl Rubel 3 kosten wird. Weizenmehl kostet schön jetzt das Pud Rbl. 3. Die Ursache des steten Steigens ist, wie die Landleccte versichern, daß nichts von der Wintersaat aus der Erde kommt. Man erwartet im Kiewer Gouvernement und im benachbarten Wolyner Gouvernement — letzteres Gouvernement ist bekanntlich der sogenannte „Getreideschatz" — eine große Mißernte. — Alle Mühlen mahlen nicht, denn sie .haben nichts zum Mahlen. Auch die Radomisler Dampfmühle fastet, und Herr Auerbach hier sah sich genötigt, 15 jüdische Arbeiter zu entlassen, die leider jetzt am Hungertnche nagen. Selbst die bekannte Brodzkische Mühle in Kiew steht still, und zahlreiche Arbeiter sind da brotlos geworden. Die Geldkrisis herrscht überall, denn die Banken beleihen jetzt nicht mehr aus Unterpsandgeben der Immobilien, deshalb ist das Tagewort: Bankrott und wieder Bankrott. — Viele Zuckerfabriken stellten die Arbeit ein, weil ihre Inhaber nicht das zum Betrieb nötige Geld haben und die Banken zum Diskontieren

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