Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692582--03984-2698758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 20. Leben entfremdet werden. Dort finden sie gleichaltrige Gefährten, mit denen sie die .herantretenden Fragen durchsprechen, bei denen sie wenn auch nicht immer Belehrung, so doch freundschaftliche Anleitung finden können. Beginnt die regelmäßige Vortragstätigkeit auch erst wieder im Winter, so werden doch auch im Sommer einige Vorträge stattfindeu — der erste voraussichtlich noch vor Schwuaus. (Näheres wird noch bekannt gegeben.) Zu jeder weiteren Auskunft sind der Vorstand und die Redaktion dieser Zeitung bereit. Frankfurt a. M. Verein zur Förderung der Handwerke unter den Israeliten. — Am 7. Mai fand die ordentliche Generalversammlung statt. Herr Stadtrat Emil S t i e b e l, der Vorsitzende, erstattete den Geschäftsbericht, dem wir entnehmen, daß der Verein 1907 83 Lehrlinge (68 Deutsche, 13 Russen und 2 Oesterreicher) unterhielt. Nach dem von Herrn Julius He y m a n n erstatteten Kassenbericht verausgabte der Verein 1383 Jk für Bekleidung, 445 Jk für Kostgeld, 255 Mark für Werkzeug, 160. Mk. für Unterricht, 231 Mk. für Lehrgeld re. Die lt. Statuten ausscheidenden Herren A. Schwabacher, Josef Ettlinger und I u l. H e y - m a n n wurden wiedrrgewählt. Herr I. K. M a r x wurde zum Ehrenmitglied des Vorstandes ernannt. Frankfurt a. M. Israel. Waisenanstalt. Der 34. Jahresbericht, der uns heute vorliegt, ist noch das Werk des inzwischen verewigten Professor (Or. Werner. Auch dieser Jahresbericht legt wie der aller anderen Wohltätigkeitsanstalten Zeugnis davon ab, lvie sehr deren finanziellen Lage sich von Jahr zu Jahr schwieriger gestaltet. Der Rechnungsabschluß der Knabenabteilung schließt mit einem Defizit von Jk 2665 ab, trotzdem das vom Vorjahre hsr resultierende Defizit von Jk 10 750 durch eine besondere Gabe der Baronin W. C. von Rothschild von Jk 12 000 gehoben wurde. Die Ausgaben für den Haushalt betrugen in der Knabenabteilung Jk 23 400, in der Mädchenabteilnng Jk 10 900, die für Bekleidung in der ersteren Abteilung Jk 5300, in letzterer Jk 8200. Stuttgart. Jüdisches Schwesternheim. Die Mitgliederzahl ist, wie aus dem Jahresberichte ersichtlich, wiederum gewachsen; auch die Königin hat einen Jahresbeitrag von 50 Mark bewilligt. Tätig waren fünf Schwestern, die 255 Tag-, 329 Nacht- und 537 Vollpflegen leisteten und noch 2054 Besuche bei 220 Kranken machten, während die Pflegetage sich auf 67 Kranke verteilten. Besuche ivurden gemacht 1072 bei Israeliten und 982 bei Richtisraeliten; 830V2 Pflegetage trafen Juden und 260Va Tage Nichtjuden. Die Schlvestern waren unter der Leitung von insgesamt zwei Aerzten tätig. Von den Pflegetagen fallen 152 auf ivürttembergische Gemeinden außerhalb Stuttgarts, so in Creglingen, Freudental, Hall, Hornegg, Laudenbach, Laupheim, Liebenzell und Hechingen. Aus der Betriebsrechnung ist hervorznhcben: Einnahme: 12,319 Mk., Ansg.: 10,667 Mk, Das Gesamtvermögen betrug am 31. Dezember 1907: 18,759 Mark. 0 Ji'uidclon. 0 Eiire Einsame. Bon S. S i l e n s k i. Dumpfe Schwüle liegt in der Lust. Die Augen zu Boden gesenkt, nicht links nicht rechts blickend, geht eine Frau, Milchkannen in beiden Händen haltend, langsam über die Straße. Hie und da bleibt sie vor einem der Häuser stehen, geht hinein, kommt ivieder heraus, still, geräuschlos, als iväre sie eine Maschine, die ein geschickter Meister zmn Gehen und Stillstehen bringt. Es ist trotz der Morgenfrühe unerträglich heiß. Der erquickende Regen läßt lauge auf sich warte». Die wenigen Menschen, die sich auf der Straße blicken lassen, gehen in leichter soinmerlicher Kleidung ihren Geschäften nach. Die Vorübergehenden kennen alle Lea Braun; doch niemand richtet ein Wort an sie, keiner kümniert sich uni sie. Wer kennt sie nicht die sonderbare Person, die pünktlich zur festgesetzten Stunde, einem gut aufgezogenem Uhrwerke gleich, Sommers- und Winterszeit in einem grauem großen Wolltuche um Kopf und Schultern bei ihren Milchkunden eintrifft, um dann wieder gleich einem düstern Schatten für den ganzen Tag zu verschwinden? Doch auch in das enge Gäßchen, in dem ihr Häuschen, das sie von einem entfernten Großonkel vor Jahren geerbt hatte, steht, dringt heiß und blendend die Sonne. Sie zwingt ihr das grobe, unschöne Tuch ab, und dann hantirt die Frau mit ewiggleichen Bewegungen, mit beinahe versteinerten Gesichtszügen, allein ohne jegliche Mithilfe, ohne, daß sie den ganzen Tag ein menschliches Antlitz vor sich hätte, in ihren Räumen, die ihre ganze Welt ausmachen. Lea ist noch jung, wenn auch weiße Strähne sich in das volle dunkle Haar mischen, ihre Stirn gefurcht ist, ihre Lippen blaß und farblos sind. Kein milder Zug ist in ihrem Gesichte, kalt wie Stahl blicken ihre Augen. Das Lachen ist ihr ebenso.fremd wie das Weinen. Ihr Herz ist tot, und kein Ton kann es erwecken. Frankfurter Israelitisches FamilienblaL. Seite 5. Bor Jahren, es ist noch gar nicht so lange her, da sah es ganz anders in diesem Hause aus. Leas Mutter, eine rüstige, kluge Frau, betrieb einen kleinen Milchhandel, der, die kleine Familie, — es war noch eine um ein Jahr ältere Schwester da — anständig ernährte. Der Vater war gestorben und hatte den beiden Mädchen wohl kein Vermögen, aber einen geachteten Namen hinterlassen. Die ganze jüdische und nichtjüdische Bevölkerung von B. war darin einig, daß es im ganzen Ilmkreise keinen ehrlicheren Handelsmann gegeben habe, als der Vater der Schwestern. So wenig ähnlich wie die beiden jungen Mädchen in ihrem Acußern waren, so unterschieden sie sich ihreni inneren Wesen nach. Rosa, zart gebaut wie eine Shlfhile, mit bla: en Auren und blonl en Haar>n, mit einein schwärmerischen Zug in ihrem liebreizendem Gesichte. Das Traumhafte ihres ganzen Wesens, das einem duftigen Schleier gleich die jugendliche Gestalt umwob, harmonierte gar wunderbar mit ihrer ruhigen, sanften Gemütsart. Unfähig zu jeder heftigen Gemütsaufregnng, glich ihre Seele, die in ihren- Augen sich deutlich wiederspiegelte, einem klaren Wasserspiegel. Lea, die Jüngere, war die Größere. Von hoher Gestalt, üppigen Formen, mit seidenweichen glänzend schwarzen Haaren, wie Diamanten funkelnden dunklen Augen, herrlichen blendenden Zähnen, war sie wunderbar schön. Das Schönste und Beste vereinigte die Natur in diesem ausblühenden, nur zum Genießen geschaffenem Wesen. Doch nicht nur schön war sie, auch gut und aufopfernd für diejenigen, die sie liebte. Wohl konnte sie anffahren, wenn ihr oder den Ihrigen ein Unrecht geschah. Sie konnte nicht verzeihen nie und nimmer, wenn ihr weh getan. „Ich kann nicht", war ihre Aniwort, wenn Mutter und Schwester ihren Zorn beschwichtigen wollten. Auch lachen konnte Lea, es klang wie Silberton, wie der Gesang der Lerche. Eine ganze Welt von Frohsinn, von Glückseligkeit lag in den unschuldigen Heiterkeitsausbrüchen. Und es zwang jeden zum Mitlachen; kein Mensch konnte den: Zauber ihrer lachenden Augen widerstehen. Sie lachte auch damals, als an einem Chalamaued Pesach — es war ein frühlingsnmsponnener in Licht und Grün getauchter Tag — der lange, ein wenig eckige Schwestersohn ihrer Mutter zu ihnen zu Besuch kam. Sie lachte ihm in die Augen, voll und hell klang cs durchs ganze Haus. Und der etwas ungeschickte Freier flüchtete vor ihrem Spott zu Rosa, die seinen inncrn Wert erkannt hatte. Der Bewerber uni Rosas Hand erhielt diese zugcsagt trotz der Einwürfe Leas, die für ihre Schwester einen ganz andern Mann erträumt hatte. Sie liebte die Schwester mit einer Art von Schwärmerei, mit der ganzen Kraft ihres feurigen Wesens. Das Gegensätzliche in ihren Naturen ließ sie in Rosa etwas Höheres erblicken. Sie konnte cs nicht begreifen, daß dieser Mensch, der so weit von ihrem Ideale entfernt war, einst das Recht besitzen solle, ihre schöne Schwester als seine Gattin heimzuführen. An Rosas Hochzeitstage war ihr Lachen verstnnunt. Es waren die ersten heißen, schmerzlichen Tränen ihres Lebens, die sie ani Halse der Schwester weinte. Und als die jungen Gatten ihrem neuen Bestiininungsörte zufuhren, ergriff Lea ein solches Trennungsweh, daß die Mutter mit Bangen ihr heißblütiges Kind in die Arme schloß. Das Milchgeschäft ging gut. Die Mutter konnte cs trotz der zahlreichen Kunden selbst besorgen. Sie hatte Lea auf ihren Gängen nur ein einzigesmal mitgenommen, inehr wollte sie es nicht tun. „Paßt nicht für so viel Jugend und Schönheit," hatte ihr eine freundliche Frau gesagt, „daß sie bä mit ihnen berumlanfen soll, die schweren Krüge tragend; nehmen sie andere Hilfe, wenn sie solche benötigen". Rosas Briefe kamen auch pünktlich. Sie schrieb sie so, daß sic immer an Schabbos anlangten. Wußte sie doch, daß die vielbeschäftigte Mutter sich damals am meisten Zeit zum Lesen nehmen konnte. Sie schrieb alles genau und ausführlich. Mutter und Schwester kannten ganz gut. ohne daß sie noch dort gewesen wären, den geringfügigsten Gegenstand in ihrer kleinen, netten Häuslichkeit. Sie ivären nicht reich — so schrieb' sie, — aber ihr Mann sei brav und fleißig und sie liebe und achte ibn. Ihre Wohnung sei unweit von der Schule und da habe ihr ihr „guter Jakob" einen Gittersitz gemietet, damit sie ungehindert Jonkev und Schabbos bas Gotteshaus aufsuchen könne. Alle ihre Briefe atmeten Zufriedenheit und ruhige Freuden. Und die Mutter lobte Gott, „der die Waisen beschützt." und Lea spöttelte nicht mehr und ließ wieder ihr fröhliches Lachen erschallen. Ein Jahr ober zwei ging dies so fort. Dann kamen die Briefe weniger pünktlich. Hie und da schlich sich auch eine leise Klage ein über schlechten Geschäftsgang, teuere Lebensmittel. Auch 'fühle sie manchesmal ein Stechen in der Brust. Wahrscheinlich die Folge davon, baß sic so hoch wohnen. Doch in der Stadt geht dies nicht anders. Andere wohnen weniger gut als sie. Dafür habe sie auch eine Aussicht von den Fenstörn, im Sommer freundlicher als im Winter. Allerdings ist es nur ein Friedhof, ein christlicher, aber die Bäume dort sind auch griin, und das tut ihren Angen so wohl. Einmal fragte Rose, ob sich denn für Lea noch immer kein Bewerber eingestellt habe. Ein Mädchen, das die neunzehn Jahre — wenn auch nur mit einem Tag — überschritten hat, darf doch ans Heiraten denken. Es ist doch so etwas Beruhigendes, so ein Sicherheitsgefühl beschleicht sie jedesmal, wenn sie an ihren Mann denkt. Er ist so gut. Erst neulich brachte er ihr einen berühmten Arzt ins Haus, der ihm ein Stück Geld gekostet hat. Er ist so besorgt unr sie, lebt nur für sie. Macht so viel Aufhebens von einem bissel Husten. Im Frühjahr kommt sie nach Hause, und dann bekommt sie wieder ihr gutes Aussehen zurück. — Und Lea liest diese Briese tränenlosen Auges, denn sie darf doch der Mutter nicht ihr heißbekümmertes Herz zeigen, imd lachen kann sie nicht mehr.-:- Es vergehen wieder einige Monate. Die Mutter hatte sich während dieser Zeit einmal zu einer Reise in die entfernte Stadt entschlossen. Sie fand Rose blaß und schmal, und die Sorge, daß ihr Kind in der heißen Stadtluft dahinsiecht, verläßt fte nicht mehr. Nun soll Lea hinfahren und sie nach Hause bringen; unter ihrer Pflege muß sie gesunden. Von bangen Ahnungen beschlichen, tritt Lea die Reise an. Sie hatte so fürchterliche Träume.- Und sie kommt, die Kranke wartet mit Ungeduld, sie hat ja so wenig Zeit, sie will die Schwester noch einmal sehen, will ihr sagen, daß sie stark sein soll, und dann schließt sie die schönen Augen für immer. Lea ist stark, so lvie sie es versprochen hat. Sie gibt sich keiner wilden Verzweiflung hin, sie weint nicht einmal. Sie kann nicht. Etwas ist in ihr geborsten, entzwei gerissen, ihr besseres, edleres Selbst ist verloren gegangen. Sie wußte es ja, daß es so kommen wird. Schon damals, als sie so viel gelacht hatte; sie woflte nur ihre ahnende Furcht zum Schweigen bringen, durch ihr Lachen ersticken. 'Aber ein unverständiger, böser Trotz ist in ihr Herz gezogen, hat ganz von ihr Besitz genommen. Ihr Groll wendet sich gegen den Mann, daß er nicht imstande war, Rosa glücklich zu machen. Sie mißt ihm die Schuld ihres frühen Todes bei. Warum hat er die zarte Blume in den Sandboden gebracht, wo sie verdorren mußte.- iSie Mutter ist alt, und der Schlag, der sie getroffen, macht sie noch älter. Lea weist alle Bewerber um ihre Hgnd zurück. „Ich will nicht", ist ihre kurze Antwort. Und eines Tages wird die Mutter krank, sie kann nicht mehr die Milchkannen aufnehmen, die stunden nicht mehr bedienen. Da nimmt Lea das grobe, graue Wolltuch der Mutter, hüllt Kopf und Schultern ein, nimmt in beide Hände die Kannen und geht genau so langsamen Ganges, als wäre es die alte Frau, in die Häuser der Kunden, die sie mit Milch zu versorgen hatte. Die alte Frau ist hinübergegangen zum ewigen Schlaf. Nun ist es ganz ruhig geworden um Lea. Die leisen Klagetöne der Mutter stören sie nicht mehr in ihren düsteren Betrachtungen. Die Gesellschaft der Freundinnen und Bekannten wird ihr lästig, sie meidet sie so lange, bis sie selber gemieden wird. Ihr stiller Schmerz wird nicht verstanden, sie wird zmn Rätsel. Und Somnrcrs- und Winterszeit geht sie, eine Einsame, ihre freudlosen Wege. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrter Herr Redakteur! Ersuche Sie hierdurch höfl. um freundliche Ausnahme folgender Zeilen in ihrem gesch. Blatte. , Als ehemalige Schülerin der „Höheren Töchterschule der israel. Religionsgescllschaft" ist es mir schon früher ausgefallen, daß man uns Mädchen trotz der vielen hebr. Stunden so wenig über die Kaschruth- Fragcn belehrt. Es gibt viele Dinge, die obgleich' sehr wichtig für die streng rituelle Führung einer jüd. Küche, doch mancher hiesigen Dame vollkommen unbekannt sind, und die sehr gut in den Rahmen einer jüd. Unterrichtsstunde passen. Es ist mir durch Zufall bekannt, daß str. orthodoxe Jüdinnen, die die hiesige Töchterschule besucht, keine Ahnung davon haben, daß man Fische von Fleisch fast ebenso streng fernhalten muß, als sei es Milch. Auch fand es kürzlich eine hiesige Dame ganz selbstverständlich, das Fleisch, das gerade nicht in das Sakzkörbchen ging, im Eimer liegen zu lassen, das gesalzene Fleisch darauf zu steilen, sodaß das durch das Salz ausgezogene Blut auf das iin Eimer befindliche Fleisch tropfen konnte. Man muß nicht gerade eine Kochstunde einrichten, um solche Fragen, deren es eine ganze Menge gibt, zu erörtern; sie sind jedoch zu wichtig, um sie ganz außer Acht zu lassen. Hochachtungsvoll eine ehem. Schülerin der höheren Töchterschule der israelitischen Religionsgesellschaft. Distr. Auskünfte! über Vermögens-, Familiencl Qeschäftsverhältnisse, Beobachtungen, Ermittelungen an allen Platzen der Welt. Grosse Detectiv-Zentr&le!!! Telephon 4358. W Salzhaus 6, I,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.