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Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Dette S. KiMckfuMr AsraEWs KttMüMckt. Nr. 26. Wir konrmen nun zu der praktischen Arbeit des Hilfsvereins im verflossenen Jahre, die unsere Ausführung voll und ganz bestätigt. Darüber nächstes Mal. Brief aus Ungar«. Ei» Kulturbild von kinematographischer Natnrtrcue wurde durch die sensationelle Asfaire des gewesenen Justizpaschas PolonYi aufgerollt, Von seinem politischen Gegner Zoltstn Lcngyl schmutziger Handlungen angcklagt, wußte er sich die in unserem Lande wütende judenfeindlichc - Strömung so zu nützen, daß er, wenn auch mit blauem Auge und zerschundenem Charakter, als glorifizierter Märtyrer seiner christlichsozialen Wcllanschauung den Geschworcnensaal verließ. Die ei »geschüchterten Geschworenen, von denen er die jüdischen als Glieder einer gegen ihn arbeitenden Maffia hinstcltte, haben seinen „christlichen" Änlläger, da dieser alle seine -Behauptungen bewies, von der Verleumdung freigesprochen, wegen Ehrenbeleidigung hingegen zu einer Gefängnis? mrd hohen Geldstrafe verurteilt. Die Drohung dieses ungarischen Kruschcwans mit dem Bakonycr Wald als tiefen Hintergrund, der ein Blutbad ä la Kifchenew in nahe Aussicht stellte, hat selbst im Gerichtssaal nachgczitterl. Unsere Spießbürger wurden politisch und haben sich mit Madame Justitia auf fünfzig Prozent ausgeglichen. Uebertrmnpst wurden sie alle durch den Mosaiker Visontais — ehemals Schmul Wcißtulp — der, um sein Judentum zu maskieren, seinen politischen Polonyismus so weit trieb, den greisen Gerichtspräsidenten ob seiner Unpartellichkeit zu besudeln. Wir tanzen auf einem Vulkan. Es gährt und kocht und brodelt unter unseren Füßen, als ob cs jeden Moment zur schaurigen Eruption führen wollte. Es war eine besondere Fügung Gottes, ' daß wir diesmal von keiner blutigen Ritualmordkatastrophe zu berichten haben. Die Vorzeichen dazu haben nicht gefehlt. Sowohl in Raab als auch in O-Slukan hat der verhetzte Pöbel, bewaffnet mit den gefährlichsten Mordwcrkzcugen, die Wohnungen der dortigen Schaüchtim gestürmt, und die konzentrierte Gendarmerie mit aufgepflanztem Bajonett hätte das Leben des armen Perlmutter in Branö nicht retten können, wenn nicht im kritischsten Augenblick die von den eigenen Eltern erwürgten Leichen des Ehepaares Dobra zum Vorschein gekommen wären. Wie von einem drückenden Alp befreit, atmeten wir auf, als der Pesach vorüber war, ohne daß er unseren ahnenden Befürchtungen in einem „interessanten" Ritualmordprozeß Ausdruck gegeben hat. Ist ja selbst die Erledigung der Asfaire des Hetzapostcls Kalman Szcmcre, des großmäuligen Organisators „der Förderation freier Landwirte", charakteristisch für unsere Zustände. dtur dem Umstande, daß dieser Mann in den Kreis seiner Agitation außer dem Kamps gegen die Judenheit .auch den gegen das Pfaffentum zog, ist es zu danken, daß ihm sein Handwerk auf Ersuchen der antisemitischen Volkspartei gelegt wurde. Die 58 Filialen, Brennpunkte judenfeindlicher Zentralisation, im Komitat Tolna wurden geschlossen. Für den „liberalen" Geist, der in den oberen Schichten der magyarischen Gesellschaft herrscht, ist folgender Fall syinptomatisch. Als die Wcißcnburgcr Judenheit einem ihrer verstorbenen Mitglieder die letzte Ehre erweisen wollte, wurde sie durch das pöbelhafte Benehmen des Führers der dortigen christlichsozialen Partei, Dr. Schl amadinger, aufs tiefste verletzt. Dieser Kulturparasit, in dessen nächster Nachbarschaft die Traurrzeremonie zelebriert werden mußte, machte diese durch das Aufstellen eines Grammophons, . aus dem er die perversesten Kloakenlieder. und Gassenhauer spielen ließ, unmöglich. Der Stadthauptmann, den der Zufall dort vorüberführte, verweigerte — ganz wie in Moskowiticn — seine Intervention mit der einfachen Ausrede, daß er jetzt nicht im Amte sei. Zuletzt sei noch erinnert, daß wir in kürzester Zeit unsere Residenzstadt durch ein :nonnmentales Monstrum verunzieren werden, das im Zeichen der Rasscnrcinhcit entstanden ist. Ich denke an das 700000 Kronen-Kossuthdenkmal. Dieses wurde, trotzdem die große Majorität der Jury mit einstimmiger - Befürwortung >cr hinzugezogencn drei hervorragenden ausländischen Künstlerhcrocn auf das Projekt des jüdischen Bildhauers Ronai stimmte, einen: antisemitischen Dilettanten übertragen. So hatte es Kosnth, der Sohn, befohlen. Zion i. Fortbildungs-Heim für die russischen Juden in Offenbach a. M Von Dr. I. Goldschmidt-Osfenbach a. M- Die russischen Pogrome und die preußische Ausweisungs-Politik Haber: der Nachbarstadt Frankfurt a. Ms., Offenbach a. M., eine ganz cxceptionelle Stellrmg in der Geschichte der jüdischen Emigration zugewiescn. In Offeichach a. M., wo die Deutschen der Israelitischen Gemeinde 1000 bis 1200 Seele,: zählen, haben sich seit einer Reihe von Jahren ca. 1500—2000 russische und galizische Inden niedergelassen. Bei weitem der größte Teil der aus stiußland Flüchtigen rrnd aus Preußcr: und den anderen deutschen Staaten Ausgewiesenen sucht Zuflucht in Ofsenbach a. M. Die hochherzige hessische Regierur:g verschließt dem herimrirrendcn Pilger nicht die Grenzen ihres Landes, auch dann nicht, wenn dieser ein russischer Jude ist. Sie steht ganz auf der Höhe rer Humanität. Was aber Offenbach vor den anderen hessis ch e n Städten eine besondere Anziehungskraft verleiht, das ist die Nähe Frankfurts. Nur die Fabrik-Arbeiter, etwa 600, suchen Offenbach um seiner selbst willen auf. Die andern bevorzugen Offenbach nur als Nachbarstadt Frankfurts. Viele haben in Frankfurt gewohnt und sind dort ausgewiesen worden, die andern würden in Frankfurt wohnen, wenn sie nicht wüßten, daß sie dort ausgewiesen werden. — Aus Frankfurt werden aber nur die armen, unterstützungsbedürftigen Leute ausgcwiesen, auch wenn sie sonst sich nichts zu schulden kommen lassen. Die israelitische Gemeinde in Offenbach ist dadurch vor Aufgaben gestellt, die an Schwierigkeit wohl einzig dastehcn. Mai: bedenke nur, daß die ausländischen 150«,'o der einheimischen Mitglieder ausmachen. — Aus eigener Kraft würde Offenbach gar nicht imstande sein, die dadurch entstehenden Aufgaben und Ausgaben auf feine Schultern zu nehmen. Das wird in Frankfurt, sowohl von den Privaten, wie auch von den Vereinen, bis zur äußersten Tragweite anerkannt. Die Koloirie der russisch-galizischen Juden in Offenbach wird von den Frankfurter Wohltätigkeits-Faktoren als eine größtenteils Frankfurter Angelegenheit betrachtet und behandelt. — Einer der energischsten Vertreter dieser Anschauung war der edle Hallgarten, dessen Heimgang auch für diese humanitäre Aufgabe eine kaum auszusüllcnde Lücke bedeutet. Neben der ökonomischen Not, welche bei diesen Opferir der traurigen politischen und sozialen Verhältnisse ihres Vaterlandes naturgemäß vorhanden ist, herrscht bei derrsclben, teils als Begleiterscheinung, teils als Ursache oder als Folge der ökonomischen Lage, eine kaum bcschreiblich traurige geistige Not, ein Tiefstand des intellektuellen und moralischen Niveaus. — Die wenigsten können deutsch schreiben, lesen und rechnen; noch weniger beherrschen sie das Russische, denn ihre Muttersprache ist der Jargon. Viele können selbst die jüdisch-deutsche Kurrentschrift nicht, sodaß ihnen jedes Mittel schriftlichen Verkehrs fehlt. Von den anderen Bildungs-Elementen der deutschen Volksschule: Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Physik usw. ist natürlich keine Rede. Der ganze Inhalt ihrer geistigen Tätigkeit ind die halbverstandenen Brocken der sozialistichcn' Theorien. Zu dieser traurigen Blldungs-Lagc gesellt sich ein jammervoller gesellschaftlich-moralischer Not- 'tand. Schlechte, enge Wohnungen; im Winter mangelhafte Heizung und Beleuchtung usw. beeinträchtigen das Familienleben. Die deutsche Gcellschaft ist ihnen fast ganz verschlossen; das Miteid ist die größte Schranke des gesellchaftlichen Verkehrs. Auf sich selbst bcchränkt, verfallen sie ins Kleinliche. Es fehlt ne Erfüllung des Geistes mit einem edlern Inhalt. Die einzelstehcnden Jünglinge und Mädchen ind für die freie Zeit auf Wirtschaften angcwieser:, wo oft der Alkohol- und der Spiel-Teufel lauern. Durch den Mangel an Gelegenheit zur Fortbildung scheint dieser traurige Zustand in Permanenz erklärt zu sein. So haben wir hier ir: Offenbach einen Kreis von Glaubensgenossen, ir/»n:al o groß als die Stamm-Gemeinde, der aus eigener Kraft kaum daran denken kann, sich aus der nroralischen und intellektuellen Tieflage zu erheben. Aus dem Gefühle dieses Jammers heraus habe ich es unteriwmmcn, durch ein „Fortbild u:: g s - H e i m" den Weg zum Bessern zu bahnen. Das Fortbildungs-Heim besteht aus zwei Tellen: 1. Urrterrichts-Anstalt, 2. Lese-Halle. Die U n t e r r i ch t s - A n st a l t soll den Mangel der Volksschulbildung ersetzen. Es wird vor allen:' »D eutsch,LesenundSchreib e n und Rechne:: unterrichtet. Der Unterricht wird von zwei deutschen, seminaristisch geprüften Lehrern erteilt. — Das Nächste, was sich anreihen soll, ist technisches Zeichnen, für welches es mir gelungen ist, einen Lehrer der Gewerbe-Schule, Herrn Ingenieur G. Gabriel, zu gewinnen. Nach einigen Fortschritten in diesen Fächern soll Geographie, Naturgeschichte und Weltgeschichte ausgenommen werden. Mit dem Unterricht geht die Lese- Halle Hand in 'Hand. In freundlichen, einfache», aber behaglichen Räumen ist hier für die freien Abendstunden ein angenehmer Aufenthalt, sowie unterhaltende und belehrende Lektüre geboten. Es liegen deutsche, russische, polnische, größtenteils aber jüdisch-deutsche politische, belletristische und wissenschaftliche Blätter auf. Das sogen. Jüdisch-Deutsch hat eine große, allseitige Literatur, die vollständig auf der Höhe der Zeit steht. Wenn die Leute erst gut deutsch lesen können, werden natürlich die deutschen Blätter überwicgen. Der Unterricht wird bereits seit 2 Monaten an 40—50 Schüler :m Alter von 15 bis 30 Jahren erteilt. Die Lese-Halle wird allabendlich von 7—10, am Sabbat außerdem von 11—1 und von 3—5, von 60—80 Personen besucht. ■ Was am meisten in Erstaunen setzt, und im Gegensatz zu allen landläufigen Anschauungen über die russischen Juden steht, ist die absolute Ruhe und Ordnung, die geradezu weihevolle Stille und Würde, die im Lese-Saal herrscht, auch bei Anwesenheit von 40—50 Lesern. Ich selbst, ja die Russen selber, sind davon überrascht. Jeder deutsche Besucher wurde von Rührung ergriffen bei dem Anblicke des Ernstes, mit dem hier arbeitsmüde Menschen sich geistiger Beschäftigung hingeben. In ökonomischer Hinsicht ist unser Fortbildungs-Heim eine Schöpfung der Frau Baronin Edmund von Rothschild in Paris. Djese hochherzige Frau hat mit klarem Geiste die Größe der hier gegebenen Kultur-Aufgabe sofort erfaßt und durch die Frau E. Rosenheim in Frankfurt a. M. mir bereitwilligst die Mittel zur versuchsweisen Etablierung zur Verfügung gestellt. In der Verwaltung des Fortbildungs- Heims steht mir eine Kommission von 5 Mitgliedern, darunter 3 Mitglieder des Gemeinde- Vorstandes, zur Seite, dem. Alphabet nach :

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