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Neue jüdische Presse · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sfrnrlitifriira fnmiliriiblatl (!— -» . Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— - ... - i AedaKtton und Hefchäfksstelre: Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Bleichstraße Telefon 10507. —•>-%=<'— ^ranSgsber: Kalil chei§. ■ m Jnsertionspreise: Die viergefpaltene Petitzeile. Die Reklamezeile. 25 Pfg. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. — _— 6. Jahrgang. Freitag, de« 21. Ijar 5668 (22. Mai 1908). Ro. 20. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Hilfsverein der deutschen Juden. — Brief aus Ungam. — Fortbildungs-Heim für die russischen Juden in Offenbach a. M. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Eine Einsame. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Hilfsverein der deutschen Juden. (Jahresbericht 190 7.) I. Schon sein Name klingt bescheiden. Als wäre es bloß ein Verein; und bloß von lokaler Bedeutung. Vielleicht war cs so bei seiner Gründung gedacht. Umsomehr ist seine rasche Entwicklung bewundernswert. Der Verein ist zu einer mächtigen Organisation emporgewachsen, chre Tätigkeit umfaßt die ganze jüdische Welt. Als der Hilfsverein entstehen sollte, da munkelte man in verschiedenen Kreisen, er sei bloß als eine Konkurrenz der Alliance zu begreifen. Stellt die Alliance das jüdische Geld in den Dienst der Orientalpolitik Frankreichs, so glauben die deutschen Juden auch ihren Patriotismus gemäß dieser Methode bekunden zu sollen, indem deutsche Kultur in die Länder der „unkultivierten" Juden importiert werde. Besonders war diese Verstimmung in den Reihen der osteuropäischen Juden stark. Die osteuropäischen Juden haben das Vertrauen zu ihren westeuropäischen Brüdern vcrlorem Daran haben die zwei großen Institutionen unseres großen Philanthropen Schuld. Sie tragen den Bedürfnissen und Wünschen des Volkes keine Rechnung, sie befragen es nicht, sie respektieren nicht seinen Willen; geben ihm Schulen, die seinen Geist bedrücken; zwingen es, seine Sprache gegen eine fremde einzutauschen. Sie bevormunden das Volk und bedenken nicht, daß es schon majorenn ist. Was Wunder, wenn nun das Volk jeder Neubildung einer jüdischen Körperschaft in Westeuropa, welche ihr Objekt in Osteuropa hat, mit Mißtrauen begegnet. Dieses Schicksal mußte anfangs auch der Hilfsverein teilen. Aber _ schon in den' ersten Jahren seines Bestehens hat er die besagten Bedenken völlig zerstreut. In jeder seiner Aktionen legitimierte er seine reine Absicht, für das Volk und mit dem Volke zu arbeiten. So hat er das Vertrauen des Volkes, welches durch die Schuld jener bureaukratischen Institutionen der westeuropäischen Judenheit für lange Zeit entzogen wurde, wiedergewonnen. Neben der zionistischen Organisation ist die des Hilfsvereins von echt volkstümlichem Geist durchdrungen, das will sagen: sie untersucht und prüft die Bedürfnisse des Volkes, respektiert den Geist und Willen des Volkes. In dieser Richtung hat sich die Tätigkeit des Hilfsvereins seit einigen Jahren bewegt. Diese segensreiche Tendenz wurde nunmehr durch die Palästinareise des Herrn Dr. Nathan vertieft und bekräftigt. Wir finden in diesem Jahresberichte das Kredo des opferwilligen Begründers und unerniüdlichen Leiters des Hilfsveccins, Herrn Dr. i) a u l Nathan, welches in folgender Ausührung niedcrgelegt ist: „Der Hilfsverein organisiert seine Bi-dungsanstalten nach den B e d ü r f n i s s e n u n d W ü n- ' chcn der Bevölkerung, für die siegeschaffen werden. Die unerschütterliche Grundage für das Leben der Juden in Palästina wie im gesamten Orient ist aber die Treue zur Tradition, das Festhalten am Glauben der Väter, den sie auf Kind und Kindeskinder vererben wollen. Die Schule, die der Jugend nicht Geist von diesen: Geist bringt, faßt nicht Wurzel im Orient. Und dieser Geist hat sich in neuester Zeit in der hebräischen Sprache ein Ausdrilcksmittel geschaffen, das erstaunlich schnell sich im Leben eingebürgert hat. Hebräisch ist in Palä- 'tina eine lebendige Sprache geworden, die ihre Kraft als solche aus zwei 'tarken Quellen zieht: dem praktischen Bedürfnisse nach einem Verständigungsmittel zwischen den vielsprachigen jüdischen Gemeinden und dem religiösen und nationalen Idealismus. Das Problem, die neu entstandene Sprache auch zu einem literarisch und wissenschaftlich verwendbaren Instrument zu niachcn, lösen mit der Zeit dieselben Kräfte, die zur Neubelebung der Sprache geführt haben. Arabisch müssen in Palästina alsdann alle Kinder als Landessprache kennen, wie Türkisch im türkisch sprechenden Orient. Für die Erlernung einer Kultursprache — dies haben die Erfahrungen an Ort und Stelle Herrn Dr. Nathan bewiesen — ist nicht ein abstraktes Bildungsmittel zugrunde zu legen, sondern die lokale Bedürfnis frage. .... Die junge Generation sol^ heimisch werden in ihrem Geburtslande; sie sollanderseits auchbefähigt sein, bei der Erschließung Asiens, die als eines der großen volkswirtschaftlichen Entwicklungsmomente der Zukunft sich bereits vorbereitet, zu ihrem Teil mitzumachen. .... In den Kindergärten wird ausschließlich hebräisch gesprochen und es werden in ihnen auch die allerersten Anfangsgründe der Realien gelehrt werden. Indem die junge Generation mit dem Hebräischen als. lebender Sprache vertraut gemacht wird, wird die Grundlage für die religiöse Erziehung der Kinder und für eine die vielsprachigen Juden des Orients verbindende Einheitssprache geschaffen, und die Kindergärten und alsdann die Schulen sind wiederum die lebendige Quelle der Verbreitung der Sprache im Elternhanse. Welche unersetzliche und durchaus notwendige Dienste die Kindergärten inbezug auf die Vorerziehung der Kinder für die Schule durch die Beibringung einer Sprache, der hebräischen, leisten, kann man ermessen, wenn man die diesen: Berichte eingefügte Liste über die Vielsprachigkeit der Zöglinge in unseren Kindergärten zu Jerusalem zu Rate zieht. .Würde man auch auf dem Lande eine europäische Sprache, etwa das Deutsche, zum Nnterrichtsgegenstand machen, so würde, vorausgesetzt, daß die Schüler im Orte bleiben, ihnen dieser Lehrgegenstand keine erheblichen unmittelbaren praktischen Vorteile bringe; in den entlegenen Ortschaften gibt es keinen Handelsverkehr mit Deutschland oder Europa, und daher läßt die Kenntnis der deutschen oder einer europäischen Sprache sich nicht für das Leben verwerten. Ohne die Möglichkeit der Hebung u:ü> ohne jede Anregung zum Sprechen oder Lesen verfallen die Kenntnisse auf diesem Gebiet alsdann in kürzester Zeit. Dieser Unterricht bildet aber, wie die praktischen Erfahrungen mit dem Französischen lehren, zugleich einen Anreiz, die Heimat zu verlassen, und sowerdenjene gewaltigen Massen von Auswanderern vermehrt, die aus dem Osten gen Westen fluten, und für die eine Heimstätte zu finden von Jahr zu Jahr schwerer wird. In größeren Städten muß der Unterricht eine Erweiterung durch Einführung einer europäischen Sprache erfahren. Es wird dabei zweckmäßig sein, jene Orte, die wirtschaftlich vor allem nach Deutschland gravitieren, mit Schulen auszugestalten, in denen das Deutsche gründlich gelehrt wird. Es gibt andere Städte, bei denen Englisch, Italienisch oder Französisch in Frage kommen können." An diesem Programm können wir deutlich die Distanz zwischen der Methode der Alliance und der des Hilssvereins ermessen. Die Alliance kümmert sich blutwenig um die Wünsche und die Psyche der jüdischen Bevölkerung im Orient; die ihr innewohnende Furcht vor allem Jüdischen macht sie blind und ungerecht auch dem praktischen Wert gegenüber, den eine jüdische Erziehung der Juden in ihrer Sprache hat; sie, die Mliance, will ihnen partout die ftanzöfische Sprache aufdrängen und treibt somit auf Kosten nicht nur der ideellen, sondern auch der praktischen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung im Orient — franselnde Politik. Der Hilfsverein hingegen hat Sinn und Verständnis für das Gegebene, für die praktische Bedeutung der psychischen Faktoren und „organisiert seine Bildnngsanstalten nach den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung, fiir die sie geschaffen werden". Für den Unterricht in der deutschen Sprache ist ihm nur das praktische Bedürfnis maßgebend; wo sie nicht nötig ist, hat sie kein Vorrecht. Mit derselben Objektivität verhält er sich zum Französischen, Englischen usw. Der Hilfsverein kennt nur das Interesse an der.Sache.

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