Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692581--03969-2698734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 schämen, wenn ich das leugnen wollte. Wenn Herr Mugdan sagen könnte,. sein Uebertritt wäre ebenso erfolgt wie bei mir, weil seine Ueberzeugung ihm nicht mehr gestattete, beim Judentum zu bleiben, dann mag er sich mit mir in Parallele stellen." Berlin. Der Gesamtausschuß des Verbandes der Deutschen Juden war am 10. Mai 1908 in Berlin versamnielt. Die Versammlung war von 38 Teilnehmern aus allen Teilen des Reiches besucht. Von den Beschlüssen der umfangreichen Tagesordnung ist hervorzuheben: Durch eine Eingabe an das preußische Kultusministerium soll die Anregung gegeben werden, auch hier, wie in anderen Bundesstaaten leistungsschwachen jüdischen Gemeinden durch Staatsmittel zu helfen. Die Schritte, welche wegen allgemeiner Durchführung des Religionsunterrichts an höheren Lehranstalten zu unternehmen sind, sollen zunächst vom Verbände gemeinsam mit dem Rabbinerverband und dem Gcmeindcbunde vorbereitet werden. Der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Lehrervereine, Rektor Feiner in Hamburg, wird dem Ausschüsse zugewählt. Die Mitteilung, daß die vom Verbände veranlaßte Arbeit des Herrn Dr. Freund über das kn Preußen geltende jüdische Schulrecht im Drucke vollendet ist und in nächster Zeit im Buchhandel erscheint, wurde mit Befriedigung ausgenommen. (b.) Stratzburg. Der Besuch der Kaiserin in der israelitischen Gewerbeschule. — Punkt 10 Uhr hielt das kaiserl. Automobil vor dem Portale der Gewerbeschule. Es sammelte sich sofort eine große Menschenmenge, welche sich der ganzen Länge des imposanten Baues stauete. Unter Hochrufen der Anwesenden enstiegen dem Wagen die Kaiserin und deren Gefolge Kammerherr Kabiuettsrat Dr. von Behr-Pinor, Kammer-Hofstaatsdame Gräfin von Keller, Hofdame Gräfin Rantzau, Polizeipräsident Dall. I. M. war begleitet vom Statthalter Graf v. Wedel und Bürgermeister Dr. Schwanker. Die Herrschaften begaben sich sofort in den Versammlungssaal, welcher zu Ehren des Besuches als Fcstsaal hergerichtct loar. Hier empfingen Verwaltungsrat und Direktor die hohen Gäste. Nach der Begrüßung nahm Ihre Majestät Platz, während der erste Vorsitzende die Begrüßungsansprache hielt, in der er auch einen kurzen Ueberblick über Zweck und Ziel u. die erzielten Erfolge der Schule gab. Nun erfolgte ein Nuiidgang durch alle Säle der Anstalt, Schlafsaal, Toilettesaal, Speisesaal, die alle in ihrer gediegenen Einrichtung die Anerkennung der höhen Gäste erzielten. Beim Betreten des Schulsaals erhoben sich alle Schüler von ihren Sitzen und brachten ein donnerndes Hoch auf Ihre Maj. aus. Es erfolgte nun der Eintritt durch das Konferenzzinimer in die Turnhalle, wo der jüilgste der Zöglinge mit einem kurzen Spruche Ihrer Majestät einen prachtvollen Blumenstrauß überreichte; Herr Oberrabbiner U r y, Mitglied des Verwaltungsrates der Anstalt, hielt nun seinerseits eine Einsprache an I. M., wobei er nochmals für die Ehre des Besuches dankte. Die Kaiserin schied, indem sie ihre vollste' Zufriedenheit und Anerkennung der Verwaltung des Hauses aussprach. Breslau. Repräsentantensitzung der Jüd. Gemeinde. — Die Sitzung am 6. Mai hatte sich hauptsächlich mit der St a t u t en ä n d cru n g zu beschäftigen. Zu diesem Punkt der Tagesordnung lag eine Resolution vor, welche eine Versammlung von Gemeindemitgliedern unter deni Vorsitze Professor Dr. Badt's gefaßt hatte. Die Resolution beantragt, 1. daß der Vorstand von dem Inhalte der beabsichtigten Statutenänderung den Gemcindemitgliedern vorher Kenntnis gebe und nicht eher eine Beratung darüber vornehme; > ü den Wahltag für die Repräsentantenwahlen auf Sonntag zu verlegen und die Wahlzeit auf 8 Stunden auszudehnen; 3. das Wahlsystem dahin zu ändern, daß die Proportion« l-oderVerhältniswa hl, welche sich bei den Wahlen zum Kaufmannsgerichte bewährt habe, zum Schutze der Minderheit eingesührt werde; 4. daß die G e m e i n d e a b g a b e n nicht nach einem gleichen Prozentsätze, sondern progressiv, wie bei der Staatseinkommensteuer, erhoben würden. Der Vorstand erklärte die Resolution nur in Punkt 2 für diskussionsfähig; Punkt 1 entspreche nicht dem Gesetze. Punkt 1 wird abgelehnt. Punkt 2 erklärte der Repr.-Vorsteher für eine Verwaltungs- Bestimmung, über welche die Repräsentanten nicht zu beraten hätten. Landgerichtsrat Wollstein gab indes die Erklärung ab, daß, wenn diese Forderung auch nichr an die richtige Adresse gerichtet sei, darüber vielmehr der Regierungs-Präsident zu bestimmen habe, der Vorstand doch einen Versuch bei demselben machen wolle, indes erst vor den Wahlen. Darauf wurde dem Vorstande anheim gegeben, mit einem derartigen Ersuchen an den Wahlkommissar hcranzutreten. Die Beratung der beiden letzten Punkte der Resolution wurde auf Antrag des Repr. Dr. Reich mit der Beratung der Statutenänderung verbunden. .Darauf wird in die Beratung der Statutenänderung eingetreten. Bei § 17 verlangt Repr. Schlesinger, daß jedes Gemeindemitglied gleichzeitig mit dem aktiven das passive Wahlrecht erhalle. Der Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Vorsteher, Landgerichtsrat Wollstein, wendet sich gegen diesen Antrag, da er einen Steuerzahler mit 1050 JL Einkommen „nicht für so selbständig und unabhängig" hält, „um ihm das Schicksal der Gemeinde anzuvertraucn". Der Antrag wird gegen die Stimnien der Herren Prof. Badt, Prof. Cohn, Dr. Heimann, Laudsberg, Schlesinger abgelehnt und die Debatte mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit abgebrochen. Rogasen. Die Stiftung von 30 00 Mk,die der verstorbene Kaufmann Louis Schocken- Görlitz der hiesigen Synagogengemeinde vermachte, hat die behördliche Genehmigung erholtem Dessau. DieBaronin von Cohn-.Oppenheim-Stiftung, deren Ausgaben teils für jüdische teils für interkonfessionelle Zwecke bestimmt sind, verausgabte im vergangenen Jahre 231,288 JL, darunter 14,800 JL für die Förderung der Wissenschaft des Judentums, sowie für Vereine nnd Anstalten, die der Erforschung dieser Wissenschaft, sowie der sozialen und moralischen Hebung des Judentums dienen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Endlich hat Minister v. G e o r g i auf die Interpellation G a b e l ji n 5 Genossen geantwortet. Die Antwort ist charakteristisch für die gegenwärtige staatsbürgerliche Stellung der österr. Juden, denn es ist das erste Mal, daß die Regierung öffentlich ausspricht, daß die Juden Beamten st eilen nur im Verhältnis zu ihrem Prozentsatz ander Bevölkerung beanspruchen können. Der Herr Minister suchte weiter nachzuweisen, daß die Behauptung der Interpellation, bei der Auswahl der mit Stipendien ZN beteilenden Hörer der Medizin für das militärärztliche Offizierskorps walten konfessionelle Rücksichten ob, nicht richtig sei. Dieser Nachweis ist aber mißlungen. Am 2. Juli 1906 hat Reichskriegsminister v. Pitreich erklärt, daß an jüdische Aspiranten bisher 114 Stipendien verliehen worden sind, — und am 5. Mai 1908 erklärt der Landesverteidigungsminister v. Georgi, daß bisher 108 Stipendien verliehen wurden. Was beweist dies? Es beweist nicht nur, daß in den letzten zwei Jahren kein einziges Militärstipend i u m an einen jüdischen Aspiranten verliehen wurde, sondern, daß nach Llhlauf von zwei weiteren Jahren die Gesamtzahl aller an Juden verliehenen Stipendien eine niedrigere ist, als zwei Jahre zuvor, — gerade kein Beweis für die Zuverlässigkeit der Zahlen! Wien. Wir berichteten vor einigen Wochen von einem Bilde, auf deni sich getaufte undungetaufte Größen der österreichischen E i s e n i n d u st r i e in geschmackvoller Weise mit einem Ferkel und einem Schofar als Emblemen verewigt haben und das nun auf der Ausstellung der Sezession das unliebsamste Aufsehen erregte. In dem ilrHeberrechtsprozeß, den die Herren, uni die Ausstellung des Bildes zu inhibieren, angängig machen mußten, hat nunmehr das Zivil- Laudesgericht die Sezession und den Maler Hohenbcrger dazu verurteilt, das Urheberrecht der Kläger an diesem Bilde anzuerkennen und insbesondere die Schaustellung des Bildes zu unterlassen. Budapest. Stiftung. Börscnrat Berthold Herzmann hat der Jüd. Gemeinde 100,000 Kronen als Stistungsbetrag für jüd. Wohltätigkeitsanstalten gespendet. Budapest. 1906 zählte Budapest unter 791000 Einwohnern 186,000 Juden. Czernowitz. Die Anschaffung einer Stadtfahne führte in der letzten Sitzung des Gcmcinderats zu einer interessanten Debatte. Gemeinderat Kaindl beantragte die Anbringung des Wählspruches „Mit vereinter Kraft" auf diese Fahne, doch konnte sich die Versammlung über die Sprache des Wählspruches nicht einigen. Der Bürgermeister Baron Fürth löste weise die schwierige Situation, indem er anregte, den Wählspruch auf die Fahne in lateinischer und auf die Schleifen in ruthcnischer, polnischer, rumänischer nnd hebräischer Sprache anzubringen, womit die Versammlung einverstanden war. Rußland. Petersburg. Der BildhauerBernstamm erhielt vom Kaiser eine Bestellung auf eine Statue, „Peter der Große, Ertrinkende rettend" darstellend. Petersburg. Der Antrag, die Juden gegen eine besondere Steuer von dem Militärdienst auszuschließen, ist selbstverständlich von der Mehrheit der Reichsduma zurückg.ewiesen worden. Roditschew wies in seinen Ausführungen gegen den Antrag u. a. nach, daß die angeblich hohe Ziffer jüdischer Deserteure nur dadurch zustande kommt, daß in den Aushebungsregistern verstorbeneund als Kinder ausgewanderte Juden ruhig weitergkführt und .dann zur Aushebung beordert werden; es werde sogar von irgendwie auffindbaren Angehörigen dieser „Deserteure" die Strafe von 300 Rubel eingezogen. Charkow. Der Generalgouverneur hat eine Bekanntniachung erlassen, die den Juden das Wohnen in Sommerwohnungen verbietet. Seite 3 Frankreich. Paris. Bon der Felaschas-Exvcdition der Alliance Jsraelite Universelle. — Der Minister des Auswärtigen, Herr Pichon, hat der Alliance verschiedene Depeschen mitgeteilt, die er über die Expedition von dem Vertreter Frankreichs in Addis- Abcba, Herrn Brice, erhalten hat. Folgendes ist der Bericht, den Herr Brice über den der Mission vom Negus bereiteten Empfang dem Ministerium ercrstattet hat: ' „Addis-Meba. den 10. März 1908. Ich habe die Ehre, zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen, daß auf mein Gesuch Seine Majestät Menelik am 6. ds. Monats die Herren Nahum und Ebcrlin empfangen hat. Nach der Verlesung und Ueberreichung der Adresse der Alliance Jsraelite Universelle hat Herr Nahum sehr geschickt den Zweck der philologischen und ethnographischen Forschung auseinandergesetzt, die er in diesem Lande anstellen will. Indem er Aethiopien mit einer lange Zeit der Sonne beraubten Blume verglich, die zum Aufblühen nur einen Lichtstrahl erwartete — hat er Menelik zu diesem Lichtstrahl gemacht, dank dein die Blume sich geöffnet und das bis zu seiner Thronbesteigung in Finsternis getauchte Land aus der Isolierung hervorgetreten ist, um mit der übrigen Welt in Beziehungen zu sein. Sehr eingenommen durch diese blumenreiche Sprache, hat der Kaiser Herrn Nahum zugesagt, daß er ihm alle erforderlichen Ermächtigungen geben werde, in seinem Reich sich zu bewegen und in aller Freiheit seinen Studien nachzugehen. Er bezeichnete ihm selbst gewisse Inschriften in der Umgegend von Addis - Llbeba, Heren Sinn er gern kennen lernen möchte. Anderen Tags ließ Kaiserin Taitn Herrn Nahum sagen, daß sie feinen Arbeiten mit Aufmerksamkeit folgen werde und daß sie ihn wie seine Gefährten im Thronsaal zum Frühstück einlade. Gestern haben diese Herren hier im Namen der Alliance Jsraelite Universelle für den freundlichen Empfang gedankt, den ihnen auf Empfehlung der Gesandtschaft der Republik Seine Majestät Menelik bereitet hat." Rumänien. Bukarest. Die Ausweisung der Juden aus den Dörfern hat mit dem Frühling wieder begonnen. Während der vorjährigen Austreibungen wurden die Juden, die während der Bauernunruhen als Reservisten unter Waffen gestanden hatten und zum Teil sogar dekoriert worden waren, verschont; jetzt werden nun dieselben Reservisten ohne großen Prozeß mit einer Frist von drei Tagen aus den Dörfern gewiesen. Amerika. New-Aork. Der «Kaufmann von Venedig" aus dem U n t e r r i ch t s p l a n a n s g e s ch l o f - s e n. — In den öffentlichen Schulen des Staates Texas wurde Shakespeares „Kaufinauu von Venedig" von der Liste der Schulbücher gestrichen. Diese Maßregel wurde auf Veranlassung des Rabbiners A. P. Drucker in Austin (Texas) beschlossen. Rabbi Drucker unterbreitete der Schulbehörde einen schriftlichen Protest gegen die Benützung dieses Dramas in den Schulen, in welcher er ansführte, daß die Auslegung desselben durch manche Lehrer geeignet sei, unter den Schülern den Haß gegen das Judentum zu erwecken und großzuziehen. — CarusoundseinjüdischerProtegö. — Der weltberühmte Sänger Caruso hat einen jungen Geigenkünstler entdeckt, dem er seine ganze einflußreiche Protektion zuteil werden läßt. SMnnel Kotlawsky ist erst ein Junge von 12 Jahren, aber Caruso hält ihn für ein Genie und prognostiziert ihm die Weltmeisterschaft als Violinspieler. Daß Caruso es mit diesem Urteile ernst meint, bewies er damit, daß er vor kurzem gemeinsam mit dem Wunder-Knaben Samuel Kotlawskh in einem Wohltätigkeitskonzcrte in der Waldorf-Astoria-Halle mitwirkte. Das Spiel Kotlawskys wurde mit großem Beifall ausgenommen. Seine Jntoniernng wie die Technik des Spieles erregten allgemeine Bewunderung, und das ganze Programm verriet das Verständnis eines ausgcreiften Musikers. 0 leuiffefon. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Schluß). In dem Benediktinerkloster herrschte begreifliche Bestürzung, als bekannt wurde, daß der von alten hochverehrter Prior erkrankt . sei. Man zweifelte nicht, daß das plötzliche Ableben seines Gönners, der ihn so hoch geschätzt und bei jeder Gelegenheit bevorzugt hatte, den warmfühlenden Mann mächtig erschüttert hatte und die Veranlassung seiner Erkrankung wäre. Daß er außer dem Bruder Anselm keinen um sich haben wollte, war nicht auffallend, denn Anselm war iin Kloster bekannt als bester