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Neue jüdische Presse · 1908-05-15 · Heft 19 (15.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite H. Frankfurter Israelitisches KamiÜenölatt. Nr. IS. der In half der Referate Rabbiner Dr. Vogelstein- Stettin und Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt hinzugcsilgt. Dr. Vogelstein: Es sei nicht sowohl der Antisemitismus, der unsere Kraft schwächt, als vielmehr der gefährlichere innere Feind, der Jndifferentismus, der mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bekänepft werden muß, wenn wir unser Erbe der Hut unserer Kinder und Kindeskinder anvertraut wissen wollen. Diesen Kampf könne die Orthodoxie mit Ausiicht auf Erfolg nicht führen, da ja gerade der Widerspruch zwischen Lehre und Leben durch die starren Formen hervorgerufen wird. Der Liberalismus allein, der streng scheide zwischen Kern und Schale, der die ewigen Wahrheiten, den ewigen Gehalt und die wechselnden Formen unserer Religion sorgfältig auseinanderhält, der die Pietät gegen,das von der Vergangenheit uns Uebcrliefcrte mit der wohlwollenden Berücksichtigung des von der Gegenwart Geforderten zu vereinbaren sich bemüht, und der vor allem die Entwickelungsfähigkeit des Judentums als obersten Grundsatz verkündet, er könne, wenn er die richtigen Bahnen wandelt, wenn er sich vom umstürzlcrischen Radikalismus und von Inkonsequenz gleich weit entfernt hält, hoffen, von den schon halb und halb zu den Verlorenen Zählenden wenigstens euren Teil zurückzueroberir und dem Wcitcrunlsichgrcifen des Jndifscrentismus Einhalt zu tun. Die Berechtigung des Liberalismus sei durch die Geschichte dargetan. Jederzeit habe man verstanden, einen Ausgleich herbeizuführeu zwischen Religion und Zeitbewußtsein, zwischen dem Glauben und Wissen. Erlaube ja der Talmud, sogar biblische Vorschriften uinzuändern, wenn sic der Wahrheit des inneren Lebens widersprechen, was z. B. von Hillel, Jochanan ben Sakkai, Gamaliel u. a. geschehen sei. Auch die heutigen Orthodoxen hätten manches abgelehnt, woran sie für alle Zeit fcstzuhalten früher behauptet hatten, und Manches angenommen, wogegen sic sich lange Zeit gesträubt haben. Besteht nicht ein gewaltiger Unterschied zwischen den deutschen, den russischen und den polnischen Orthodoxen? Wer die Entwickclungsfähigkeit des Judentums leugue oder für die Gegenwart nicht gelten lassen «volle, der müsse sich zu dem mittelalterlichen Ghetto-Judentum bekennen, oder er begehe forttvährend eine Inkonsequenz und stelle durch sein Verhalten einen Widerspruch mit seiner eigenen Theorie her. Von dem Augenblick an, da die deutschen Juden zu der Beteiligung am öffentlichen Leben und der Kultur der deutschen Nation zugclassen wurden, habe sich auch in ihren religiösen Anschauungen eine Umwandlung vollzogen, die ja naturgemäß auch bei der Einrichtung der religiösen Institutionen berücksichtigt werden mußte. Das hätten die führenden Geister des vorigen Jahrhunderts boll erkannt, und sie seien redlich bestrebt gewesen, der jüdischen Religion zunächst rm Kultus eine moderne Form zu geben. In den Rabbincr-Versanrmlungen sei mit wissenschaftlichem Ernste und unter sorgfältiger Erwägung aller Umstände über die Zulässigkeit und Pas Maß von Reformen beraten und manche dieser Reformen — zum Teil unter heftigen Kämpfen — eingeführt worden. Es stellte sich aber bald heraus, daß die Priester die Schäden am Religionsgcbäude Israels allein nicht heilen können, "baß vielmehr die Beteiligung des sogenannten Laienelementes notwendig war, wenn die religiösen freiheitlichen Bestrebungen von der grauen Theorie in die Praxis hinübergeführt werden sollen. Dieser Mißerfolg in Verbindung mit der der liberalen Entwickelung wenig günstigen Zcitströinung habe dann von einer eifrigen Förderung des liberalen Gedankens abgeschreckt, und ein bedauerlicher Niedergang des Liberalismus sei wie auf politischem, so auch auf religiösem Gebiete die Signatur der kommenden Zeit gewesen. Dazu kam, daß wir uns gegen die Angriffe des Antisemitismus zu wehren hatten, daß unsere staatsbürgerlichen Rechte bedroht waren, sodaß vor allem Einigkeit nach außen uns not tat. Freilich habe die Orthodoxie auch in diesen schweren Zeiten ihre Souderbestrebungen eifrig verfolgt, zrun Teil, wie bei dem preußischen Schul-IInterhaltungsgesetz, zum Schaden 'der Gesamtheit^ sie habe es kräftig verstanden, ihre Position zu befestigen, ihre Reihen zu schließen, sich zu einer großen Vereinigung zusammcnzutun und trotz ihrer Minderzahl Ton und Richtung anzugeben. Es seien allerdings nur Pyrrhussiege gewesen, die sie davongctragcn. Denn auch in ihrem eigenen Lager habe die Gleichgültigkeit, ja der förmliche Abfall große Verheerungen angerichtet, und es fasse sich statistisch beweisen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil von Abtrünnigen aus orthodoxen Familien hcrvorgcgangen ist. Den Liberalen liegt die Pflicht ob, dafür zu sorgen, daß der Versumpfung des religiösen Lebens vorgebeugt wird. Denn die Zukunft des Liberalismus, darüber kann sich niemand täuschen, der klar in die Verhältnisse blickt, ist die Zukunft des Judentums. Es geht ja wieder ein religiöser Zug durch die Welt Die Herrschaft des'krassen Materialismus ist, wenn auch nicht im Schwinden, so doch in der Abnahme begriffen. In allen Konfessionen dringt mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß die Religion ein unentbehrlicher Faktor, eine geistige Macht ist, die ihr Anrecht an den Menschen geltend macht. Treten wir unter schonender Berücksichtigung des geschichtlich gewordenen der vielfach verbrefteten irrigen Ansicht entgegen, als ob das Wesen des Judentums ausschließlich in -seinen Zeremonien, in den abgestorbenen Formen bestehe, als ob' gar Frömmigkeit und religiöser Fortschritt Gegensätze seien. Trösten wir uns auch nicht mit dem öfters geäußerten Gedanken, daß dasjenige, was sich überlebt hat, von selbst ohne unser Hinzutun ausgeschieden wird. Die eniinentc Gefahr ist vorhanden, daß auch viel Gutes, viel Lebenskräftiges mit dem Untergang geweiht ist. Den Besitzstand der Konservativen wollen wtr unangetastet lassen; liberal und intolerant reimt sich nichr zusammen. Aber wir verlangen auch von uns das Recht, unserer religiösen Ueberzeugung kräftigen Ausdruck zu verleihen. Dem religiösen Liberalisinus muß in der deutschen Judenheit die Stellung erobert werden, die ihm nach der Zahl seiner Anhäirgcr und seiner geistigen Bedeutung zukommt. Wir verlangen nicht in allen religiösen Fragen Uebereinstimmung; nur über die Grundprinzipien inuß eine .Einigung erzielt werden, sie müssen in einem Programm festgelegt und zu klaren:, präzisen Ausdruck gebracht werden. D r. Seliginann: Die westeuropäische Judcnheit leidet an ihrem Judentum. Von außen Haß und Verachtung, von innen Kraftlosigkeit und Zwecklosigkeit. In jedem Jahre seit den letzten Dezennien haben in den deutschen Städten 400—500 den Glauben ihrer Väter verlassen; und ihre unmündigen Kinder führen sie in Scharen dem neuen Moloch zu, dem Götzen der Karriere und des charakterlosen Strebertums. Groß und herzzerreißend ist die Not unserer osteuropäischen Glaubensgenossen, aber nicht minder groß und nicht minder tief wird 'die sittliche innere Not der Juden in Deutschland, in ganz Westeuropa empfunden. Als Schlagwort der Judennot gilt der Zionismus, an welchem die jüdische Hoffnung sich emporranlt. In der Tat haben viele Tausende durch ihn ihr verlorenes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Der Zionismus ist zu verstehen als das Suchen der in der Heimat heimatlos gemachten Seelen nach einer neuen Heimat. Aber wenn nach Ansicht des Zionismus das Judentum nichts weiter sein solle, als eine Rassengemeinschaft, wenn das ganze Ideal desselben die jüdische Nation an sich ist, mag der einzelne Jude empfinden und denken was und wie er will, wenn der ganze Kampf und die ganze Frage um die Judenhcit und nicht um das Judentum geht, dann habe es für die Welt keinen Wert, wenn noch so ein Völkchen ein kipnmerliches Dasein fristet. Dabei bleibt jedoch auch unser inniges Verhältnis zum deutschen Vatcrlande außer Betracht. Als ferneres Mlheilmittel wird das orthodoxe Judentum angeboten. Man macht den Liberalen zum Vorwurf, daß sie die Altäre des alten Gottes um gestoßen haben, und sagt, daß durch das Wiederausbauen der Altäre die Judennot ein. Ende haben wird. Hier liegt eine Verwechslung zwischen Ursache und Wirkung vor. Nicht das Reformjudentuni ist schuld an der Zersetzung des Judentums, sondern die Zersetzung des Judentums ist schuld an dem Reformjudentum. Wir sind alle unter dem Einfluß der modernen Zeit andere Menschen geworden. Noch niemals seit seinem Bestände hat sich das Judentum in einer solchen Lage befunden, wie heute; noch niemals stand es so mitten eingefügt in den Organismus des Volkslebens. Die beherrschende Macht des Familiencinflusses muß gleichsam eine eiserne Kammer um uns schmieden, die keiner sprengen kann; ein neues soziales Milieu innerhalb unserer Gesellschaft muß gcschassen werden! Wenn die Abkehr von dem orthodoxen Judentum zugleich die Abkehr vom Judentum wäre, niüßte da Glicht die Stunde kommen, wo das Judentum wie eine verlassene Mutter dasteht, von der sich alle ihre Kinder entfernt haben? Das Judentum inuß sich deshalb den veränderten Zeitvcrhältnissc» anpassen. Doch wir wollen nicht auflösen, sondern erhalten. Wir wollen keine fremden Jicligionsforderungcn nachäffen; wir wollen den geschichtlichen Boden nicht verlassen, wir wollen nicht aus Assimilationsfrcude oder aus Emanzipationssucht irgend etwas tun oder lassen oder ändern. Der wahre Liberalismus ist es, den wir in die Massen hineintragen wollen, der geboren ist aus der gewaltigen, unbezwinglichen Sehnsucht des Herzens nach persönlicher "Religion, nach einer Religion, wie sie einst in den Herzen derer lebte, die unsere Psalmen gesungen haben, derer, die lvir als unsere Propheten, als die gewaltigen Genien und Schöpfer der . ewigen Menschheits-Religion verehren. Die alten Formen sprechen zum Teil nicht mehr zu unserer Seele, ske regen nicht mehr die schlummernden Gefühle unserer Seele an. Das alte hebräische Gebet' ist sür diejenigen, die es nicht verstehen, trotz aller Mystik und Romantik, die wir hineinlegen können, Lippenwerk und nicht Herzenssache. Wir können es nicht durchsetzen, daß unsere Jugend so viel Hebräisch lernt, daß sie auf die Dauer einem fast rein hebräischen Gottesdienst folgen kann. Aus unserm liberalen Prinzip heraus können wir nicht zugeben, daß das Hauptgewicht des Judentums auf veraltete Vorschriften und Gebräuche, auf abgestorbene Sitten gelegt wird. Wir verlangen, daß der Gottesdienst so gestaltet werde, daß wir imstande sind, die Jugend auf die Dauer für den Gottesdienst zu fesseln, damit unsere Jugend und unser Alter Erhebung und Erbauung, Befriedigung ihrer persönlichen religiösen Bedürfnisse dort finden. Auch unsere Häuslichen religiösen Familienfeiern müssen 'eine Umgestaltung im modernen Geiste erfahren, wenn sie die alte Wirkung wikdcrgcwinnen sollen. Der Religionsunterricht in der Schule, unser Streben nach Verinnerlichung und Vertiefung des Judentums durch intensive Pflege der jüdischen Wissenschaft, unser Streben, die jüdische Frau und das jüdische Mädchen dem religiösen Leben wiederzngewinnen. Aus unserer Sehnsucht nach mehr Religion nehmen wir die Berechtigung, zu reformieren Wer das Leben will, darf sich nicht vom Toten beherrschen lassen. Das ist der Gedanke des religiösen Liberalismus, das ist, seine Berechtigung. Berlin. Die vom Rechisänwalt Dr. B lau- Frankfurt a. Ai. begründete Resolution, ivelche die konstituierende Versammlung der „Vereinigung sür das lib er-ale Judentum in Deutschland" annahm, lautet: „Der religiöse Liberalismus im Judentum ent- ' nimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwickelung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben ber deutschen Juden dar. Wie der religiöse Liberalismus das Sclbstbestimmungsrccht der Orthodoxie in ihren religiösen Angelegenheiten anerkennt und geben Gewissenszwang verwirft, so verlangt er das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich. Die Anerkennung dieser Grundsätze bildet die unverrückbare Grundlage eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens innerhalb der Gemeinde. Unser Programm enthält die Forderungen, die der jüdische Liberalismus für sich aufstellt und im Gemeindeleben betätigen will; deni liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechend, wird bei seiner Durchführung den lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen sein. Unter Berücksichtigung dieser Erklärung empfiehlt sich die unveränderte Annahme des Programms." Der Wortlaut des gleichfalls angenommenen Programms ist: „Die jüdische Religion vermag sich der Zcitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewige» Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungssorinen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Die deutschen Juden niüssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmnng bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden. Der Gottesdienst ist geniäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten, und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde. Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwickelungsfähigkeit des Judentums anerkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Elternhause bringt. Es muß der Wissenschaft des Judentums der ihr gebührende Platz und Einfluß eingeräumt' werden, - damit durch Wort und Schrift die jüdische Religion in ihrer modernen Gestaltung würdig vertreten und versochten wird. Auf die stärkere Beteiligung der Frau im religiösen und Gemeindeleben ist besonderer Wert zu legen. Zur Vertretung der Interessen des liberalen Judentums und zur Stärkung des liberalen Gedankens ist eine ganz Deutschland umfassende Vereinigung gegründet. Dieser Vereinigung können Einzelpersonen — Männer uyd Frauen — und Vereine heitreten; die bestehenden oder neu zu begründenden liberalen Vereine sollen sich der allgemeinen Vereinigung als Ortsgruppen anschließen." Berlin. Statistik. — 1905 brachten die Juden Berlins 30°/o des Staatseinkommensteuersolls der mit einem Steuersätze von 21 JL und darüber Veranlagten auf, und zwar 9Vs Millionen; Mark gegen 22 Millionen Mark der übrigen Bevölkerung. Berlin. Wer im Glashaus sitzt... Bei der Beratung über die Gültigkeit der Wahl des Abg. Eickhoff kanr es im Reichstag zwischen dem Abg. Win gdan und dem Abg. Fischer zu einen: heftigen Zusammenstoß. Mugdan erinnerte Fischer an seine katholische „Abstammung", worauf Fischer erwiderte: „Man muß schon auf der geistigen Höhe des Dr. Mugdan stehen, um an meine Eigenschaft als früherer Zentruinsmann zu erinnern. Wenn ich das Alter gehabt hätte, das Herr Mugdan hatte, als er den Glauben seiner Väter verließ, dann könnte Herr Mugdan niich vielleicht in Parallele mit sich stellen. Wenn er aber weiß, daß ich seit meinem 19. Lebensjahre in der Sozialdemokratie tätig bin, wird er wohl kaum von einer alten Zentrumsliebe bei mir reden können. Zentrumsmann war ich als junger Kerl, weil ich diese Aufffassung aus meinem Elternhause mitbekommen habe. Ich würde mW

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