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Neue jüdische Presse · 1908-05-15 · Heft 19 (15.5.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsmlitWs f 4 4 4 4 WWTTW-W-W^WW 'TW 'W ~W WW ~w ■ I '" " » Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Aöonnementspreis pra Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4- .~ ~ ... i' HedaKiioir «nd Hefchaftssterrs: Frankfurt 2. nr.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-r-fo« 10507. -1—a~:- Hsmitsgever: Saks chei^s. r— n Jnsertionspreise: Die Hiergespaltcne Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. — , 6. Jahrgang. Freitag, -en 14. Ijar 5668 (15. Mai 1908). No. 19. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Organisierung der Liberalen. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Wochen-Kalender.— Kun st ».Literatur. Vereins-Kalender. — Familiennachrichten. Die Organisierung -er Liberalen. Eine kritische Betrachtung. Man hat mrf der vorige Woche abgehaltenen liberalen Tagung versucht, das liberale Judentum nur als eine weitherzigere und zeitgemäßere Auffassung des traditionellen Judentums hinzustellen. Denn selbst die Orthodoxesten der Orthodoxen hätten manches abgelegt, woran für alle Zeit sestzuhälten sie früher behauptet hatten, und manches angenommen, wogegen sie sich früher gesträubt haben. Bestehe nicht schon ein gewaltiger Unterschied zwischen der deutschen und der russischen und polnischen Judenheit? Nun — die Behauptung könnte leidlich scheinen, wenn ihre Voraussetzung richtig wäre. Für den orthodoxen Juden unserer Zeit wie für den vor 1000 Jahren, für den gebildeten Anhänger Hirsch'scher Anschauungsweise wie für den unwissendsten Chassid in irgend einem weltvergessenen Dorfe des dunkelsten Rußlands war stets das Thorawort göttlich und daher unveränderlich und verbindlich. Deshalb spiegelt sich die Thora beileibe noch nicht in jedem der ihr Getreuen im gleichen Scheine! Schaut doch nur so die Welt in den Menschen hinein, wie er in sie hinausschaut — und auch die orthodoxen Juden sind verschieden in ihren individuellen Anlagen und Neigungen, und auch in dem Fühlen und Denken des orthodoxen Juden haben sich im Wandel der Zeiten Aenderungen vollzogen. Aber alle Verschiedenheiten sind und alle Veränderungen geschahen und geschehen hier auf der Grundlage und innerhalb des Rahmens des geoffenbarten, unabänderlichen und verpflichtenden Judentums, während die Liberalen a n dem Judentum selber, das für sie nicht geoffenbart und darum den subjektiven Anschauungen nach Zeit und Ort unterworfen ist, Aenderungen vornehmen. Der Unterschied zwischen orthodoxem und liberalem Judentum ist also nicht ein gradueller, sondern ein prinzipieller — und keine Vogel- Strauß-Politik vermag dies zu vertuschen! Nun kommen aber die Liberalen mit der Tatsache, daß sie nicht mehr im orthodoxen Judentum wurzeln, aber die Grundideen des Judentums hoch halten und Juden bleiben wollen. Sehr richtig sagte Herr Rabbiner Dr. Seligmann: „Nicht das Reformjudentum ist schuld an der Zersetzung des Judentums, sondern die Zersetzung des Judentums ist schuld an dem Reformjudentinn." Tatsachen mag man bedauern, man muß jedoch mit ihnen rechnen, wenn man ein Interesse daran hat, auf sie einzuwirken. Und wir gehören zu denen, die der gewaltige Auslösung^ Prozeß der Judenheit bis in die tiefste Seele hinein schmerzt, ein Prozeß, der sich übrigens bereits äußerlich durch eine große und von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl von Taufen und Mischehen — in Deutschland allein in den Jahren 1880—1903 9150 Taufen und 8400 Schließungen von Ehen zwischen Juden und Christen — für jeden Sehenwollenden ernst mahnend knndgibt. Erwägt man, daß die Orthodoxie den Einfluß auf die große Masse der Indifferenten verloren hat, so kann man auch als Orthodoxer den Versuch der Liberalen, sich zn konzentrieren, um es dadurch zu ernröglichen, wieder ein gewisses jüdisches Interesse in die Rechen der Indifferenten zu bringen, nur gutheißen. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Dieser Schritt ist auf der Tagung der Liberalen getan worden. Rabbiner Dr. Vögelst ein sprach von dem Jndifferentismus, der ein gefährlicherer Feind sei als der Antisemitismus, Rabbiner Dr. Seligmann von der sittlichen inneren Not der westeuropäischen Juden, von deren Kraftlosigkeit und Zwecklosigkeit in ihrem Verhältnis zum Judentum. Der zweite Schritt ist aber nicht getan worden, weil der Liberalismus sich bei seinem Mangel an feststehenden jüdischen Grundprinzipien stets fürchtet, systematisch und positiv deutlich zu werden. Nur die Ein-Gottheits-Jdee ist ein von allen anerkanntes Dogma, wobei aber übersehen wird, daß sie erst mit ihren Konsequenzen, wie sie in der Thora niedergelegt sind, jüdisch wird. Eine solche Konsequenz aus dem jüdischen Gottesbegriff ist z. B. die Enthaltung von jeder schaffenden Tätigkeit am Sabbat als Anerkennung, daß Gott bei der Schaffung unserer Welt gleich eine vollkommene, durchaus zweckmäßige Welt schuf, — und wie stehen die Liberalen zu der Sabbatbeobachtung? Bevor daher der Liberalismus nicht selber über das Judentum ins Klare kommt, solange chnr das Judentum kein Körper, sondern ein Schemen ist, kann er aus der Versumpfung nicht heraus. Nur mit der Propagierung eines klaren, abgeschlossenen Gedankengebäudes wird es ihm möglich sein, belebend zu wirken. Dazu tut aber ein zweites not, nämlich, daß das Wahrheit wird, was Rabbiner Dr. Seligmann in seiner Rede ausgesprochen hat, indem er sagte: „Wir wollen keine fremden Religionsforderungen nachäsfen; wir wollen den geschichtlichen Boden nicht verlassen; wir wollen nicht aus Assimilattonsfreude oder aus Emanzipationssucht irgend etwas tun oder lassen oder ändern." Bis jetzt war von einem derarttgen Streben gerade das Gegenteil zu merken; auf die Erhaltung jüdischer Eigenart war man wahrlich nicht bedacht! Sonst wären u. a. Orgel und Konfirmation von unseren Gotteshäusern und das Protzentum von unseren Friedhöfen serngeblieben; sonst hätte man sich ehrlich Mühe gegeben, die Jugend mit dem Hebräischen vertraut zu machen, damit dem Gottesdienst sein jüdischer Charakter gewahrt werde. Doch das Alles wird dem Liberalismus, wenn er auch wirklich ernstlich wollte, noch keinen 'esten Damm gegen die Taufen und Mischehen bauen. Zu sehr hat her Jude sich von den Idealen des Judentums entfremdet, zu innig hat er sich verbunden mtt den Idealen seiner Wirtsvölker! Nur einer Volksbewegung kann die Kraft innewohnen, die Fluten zurück zu dämmen — und als Volksbewegung haben wir nur den Zionismus. Zum dritten Male müssen wir da aus der Rede Rabbiner Dr. Seligmann's zitieren: „Als Schlagwort der Judennot" — so sagte er — „gilt der 'Zionismus, an welchem die jüdische Hoffnung sich emporrankt. In der Tat hatten viele Tausende durch ihn ihr verlorenes Selbstbewußtfein wiedergefunden. Der Zionismus ist zu verstehen als das Suchen der in der Heimat heimatlos gemachten Seele nach einer neuen Heimat. Aber wenn nach Ansicht des Zionismus das Judentum nichts Wetter sein solle, als eine Rassengemeinschast, wenn das ganze Ideal desselben die jüdische Nation an sich ist, mag der einzelne Jude empfinde» und denken, was und loie er will, wenn der ganze Kampf und die ganze Frage um die Judenheit und nicht um das Judentum geht, dann hat es für die Welt keinen Wert, wenn noch so ein Völkchen ein kümmerliches Dasein fristet." Diese Bedenken sind belanglos, denn selbstverständlich wird der Zionismus mit der Judeuhett. auch das Judentum retten, denn ohne Inden — kein Judentum. Aber erst durch den Zionismus wttd die Masse der Indifferenten wieder für die Angelegenheiten des Judentums lebendiges Interesse gewinnen, und deshalb kann der Liberalismus nur durch den Zionismus Bewegungsfreiheit gewinnen für jüdische kulturelle Arbeit. Und wenn dann wieder jüdisches Wissen vorhanden sein wird, dann wird auch die Brücke geschlagen sein, die vom Liberalismus in das Judentum, wie es unsere Weisen verstanden und lehrten, führt. Aus «aller Mell. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 13. Mai. In der heuttgen S tadt verordn et en-B er sammlung verlas der Vorsitzende Dr. Kirchheim eine Mitteilung des Avmenamtes über den Tod von Charles Hallgarten, der dem Amt seit 1886 angehörte. Das Armenamt schildert in dem Schreiben den schweren Verlust, den es durch diesen Todesfall erlitten. Hallgarten war nicht nur ein fleißiger und eifriger Mitarbeiter im Amt, sondern er hat auch auf dem Gebiet privater Armenfürsorge Großarttges geleistet. Dieser Mann wird für das Armenamt unersetzlich sein. Der Vorsitzende fügte bei, daß sich die Stadtverordneten-Bersammlung dieser Trauerkundgebung anschlietze. Das Andenken dieses edlen Mitbürgers, dieses hervorragenden Menschen wird ewig dauernd sein. Die Versammlung erhob sich zu Ehren des Toten von den Sitzen. Berlin. Dem Bericht über die konstituierende Versammlung der „Ber einig»n g für d aslib-erale Judentum in Deutschland" sei heute 176574

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