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Neue jüdische Presse · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Geltet Frankfurter JfraelitWes FümAienblatt. Nr. L8 Staaten zurückstehen muß. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn sämtliche hierzu berufene Faktoren sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Möge diese Angelegenheit einer allseitig befriedigenden Lösung entgegengeführt werden. Temesvar (Ungarn). Dr Moriz Löwy, seit 1879 Lbrrrabbincr der hiesigen jüdischen Gemeinde, verschied plötzlich ttn 59. Lebensjahre. Der Verstorbene war ein Schüler des Berliner Rabbinerscminars. Genf. Der sich bis in die höchsten Kreise der schweizerischen Negierung uneingeschränkter Hochachtung erfreuende Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde und Professor für semitische Sprachsünde an der hiesigen Universität Joseph Werth c i m e r ist gestorben. - Wertheimer wurde 1833 als Sohn des Kantors Jacob Wertheimer in Sulz im Oberelsaß geboren und besuchte das damalige Rabbinerseminar in.Metz. AE Wissenschaftler und im unermüdlichen Dienste tätiger Menschenliebe war er hervorragend. Ldeffa. Die Regierung hat für Odessa die Erlaubnis zu einer Versammlung der Rabbiner Südrußlands erteUt. Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rvtt. (Fortsetzung.) „Ich werde Euch diese Möglichkeit sofort zeigen. Ihr seid ungefähr von gleicher Statur mit meinem Pedro. Der Mann ist mir treu, er ginge für mich in's Feuer, und darum dürfet auch Ihr ihm rückhaltlos vertrauen. Er hat Euch ein Paket iibergcben, dasselbe enthält seinen Sonntagsanzug, der Euch sicherlich passen wird und in der Brusttasche findet Ihr einen auf seinen Namen ausgestellten Paß, in dem er als mein Kammerdiener bezeichnet wird und alle Behörden ersucht werden, ihn ungehindert hin- und Herreisen zu lassen und ihm, wenn nötig, Beistand zu leisten." „Majestät überhäufen mich mit Güte, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich danken kann." „Ihr könnt mir danken, indem Ihr bestens für Eure Sicherheit sorgt, und indem Ihr mir versprecht, auch in der Ferne meiner gedenken zu wollen, daß ich ohne Euch, ohne HE und Stütze nicht zu Grunde gähe; wollt Ihr mir das versprechen?" „Das bespreche ich, Majestät!" erwiderte der Prior, indem er beteuernd die Hand auf die Brust legte, „so lange Gott mir das Leben schenken wird, werde ich der Güte Eurer Majestät gedenken und werde an jedem Tage für Euer Heil beten." „Dagegen verspreche ich Euch, Eurer Lehren stets eingedenk zu sein, stets zu tun, was ich weiß, das Euch wohlgefEen würbe. — Doch ich habe Euch noch einiges zu sagen. Ich glaube von Euch gehört zu haben, daß Ihr retten könnt." „Als Knabe bin ich öfters geritten, auch als Student zuweilen, seit ich Ordenspriester bin jedoch nie mehr." „Das macht nichts, wenn Ihr als Jüngling reiten konntet, so könnt Jhrs als Mann sicherlich. Jetzt ist es gleich zehn Uhr, um zwei Uhr wird Pedro mit einem sichern, sanften Pferd vor der Kloster- Pforte HEen, seid zur Zeit draußen, damit er nicht zu klopfen braucht. — Ihr habt doch sicherlich einige zuverlässige Leute unter den Mönchen?" „Gewiß, ich glaube, ich könnte mich auf alle verlassen, aber der Pförtner und einer der Brüher sind ganz besmrders zuverlässig." „Das dachte ich mir. Also den beiden Zuverlässigsten teilet unumwunden mit, daß Ihr fliehen müßt. Am Morgen sollen sie den Andern sogen, daß Ihr erkrankt seid und befohlen hättet, daß außer dem einen Bruder keiner Euer Zimmer betrete, da Ihr der Ruhe bedürftet. Eure beiden zuverlässizeu Leute müssen Eure angebliche Krankheit möglichst so lange ausdehnen, bis Ihr dieses unglückliche Land im Rücken habt." „Majestät — ich finde nicht Worte —" „Lasset, lasset, es bedarf keiner Worte und cs ist keine Zeit zu Worten — ich darf Euch 'nicht länger aufhalten." Und plötzlich, ehe er's hindern konnte, hatte sie seine beiden Hände ergriffen und sie fest gegen ihre Brust gedrückt und dann drückte sie sie an ihre Lippen, ihre heißen Tränen fielen darauf. Und in dieser letzten Stunde ihres Beisammenseins fand er nicht mehr den Mut, ihr seine Hände zu entziehen, er konnte nur flüsternd stammeln: „Majestät! — ich bitte! — flehe! —" Da gab sie seine Hände frei und sank vor ihm in die Kniee. „Segnet mich, hochwüroiger Vater!" Da legte er segnend beide Hände ans ihr Haupt und sprach flüsternd den Priestersegen: „Es segne Dich der Herr und behüte Dich! Er lasse sein Antlitz Dir leuchten und verleihe Dir Gnade! Er wende sein Angesicht Dir zu und gewähre Dir Frieden!" Wie^rr das Kloster erreichte, das wußte er selbst nicht, dH Pförtner erschrak, als er seiner ansichtig wurde. „Ihr fühlt Euch nicht wohl, hochwürdiger Vater?" Verstört, wie aus schwerem Traum erwachend, blickte der Prior zu ihm hinüber, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. „Ich weiß es selbst nicht — aber es kann sein, daß ich mich nicht wohl fühle — haben sich schon alle zur Ruhe begeben?" „Die Patres und die meisten Brüder pflegen schon der Ruhe, nur noch einige der Brüder scheinen wach zu sein, doch befinden sich schon alle in ihren Zellen." „Gut ist's — gut ist's. Schließe die Pforte und dann komme mit dem Bruder Anselmo zu mir in mein Zimmer." Es währte nicht lange, so befand sich oer Prior mit seinen beiden Getreuesten in eifrigem Gespräch. Er hEe die gewohnte Elastizität bereits wiedergesunden und teilte ihnen eingehend mit, was sie wissen mußten. In der Hauptsache waren ihnen feine Mitteilungen nicht überraschend, denn daß der Verstorbene sein Gönner gewesen und daß der mutmaßlich zukünftige Großinquisitor sein Todfeind war, das war ihnen bekannt, daß er jedoch bereits entschlossen war, sie Knall und Fall zu verlassen, das vermochten sie nicht so rasch zu fassen. Aber die Zeit drängte. Nachdem er ihnen nochmals und abermals eingeschärst hatte, was sie in diesem und in jenem Falle zu tun und zu sagen hatten, schloß er die Truhe auf, entnahm derselben das Paket, das der Kammerdiener der Königin ihm vorhin übergeben hatte und öffnete es. Es enthielt, wie bereits erwähnt, den Sonntagsstaat des iöniglichen Kammerdieners. Neugierig betrachteten die Klosterbrüder die Gewänder. „Wollet mich einige Minuten allein lassen," bat der Prior. Bescheiden zogen sie sich zurück, doch als er sie nach wenigen Minuten wieder hereinrief, glaubten sie ihren Angen nicht trauen zu dürfen, sie hätten den vor ihnen Stehenden nimmer erkannt. Und nochmals und abermals wiederholte er ihnen ihre keineswegs leichte Aufgabe, aber er wußte, er konnte sich auf sie verlassen. Jetzt vernahm man Pferdegetrappel, es war zwei Uhr Nachts. Noch einmal ließ der Prior seinen tränumflorten Blick durch den trauten Raum schweifen, in dem er doch auch viele glückliche Stunden verbracht hatte, denn hier HEe er jedesmal Gott gedankt, v enn es ihm gelungen war, ein Menschenleben zu retten und 297 Menschen hatte er gerettet. Schweigend reichte er den Brüdern die Hand, die ihm viele Jahre hindurch treu und hilfreich zur Seite gestanden, sie wollten ihm die Hand küssen, er aber wehrte es ihnen, indem er sie umarmte und küßte. „Jetzt bin ich nicht mehr Prior, jetzt bin ich Euer Bruder, der sich fteuen würde, wenn Ihr ihm folgen würdet. Ihr findet mich in der Hauptstadt der Niederlande." Er hatte jedem bei diesen Worten einige Goldstücke in die Hand gedrückt, hoffend, ihnen dadurch die Flucht vielleicht zu erleichtern. — Dann begaben sich alle drei lautlosen Schrittes hinaus zur Klvsterpforte. Noch einmal drückte der Scheidende den Brüdern die Hand. „Nochmals banke ich Euch für alles Und aus Wiedersehen!" Dann wandte er sich zu dem Kammerdiener, der neben dem Reitpferd seiner harrte. „Auch Euch sage ich meinen Dank und bitte Euch, Ihrer Majestät den Ausdruck meines tiefempfundenen Dankes übermitteln zu wollen." Der Kammerdiener verneigte sich. „Ich werde es nicht vergessen, doch ich habe Euch hier von Ihrer Majestät noch einiges zu übergeben." Er legte ihm bei diesen Worten einen langen Reitermautel um die Schultern und überreichte ihm einen 'Brief und ein kleines versiegeltes Päckchen „Die Nacht ist kühl, hochwürdiger Herr, Ihre Majestät läßt Euch bitten Eurer Gesundheit zu schonen, den Brief möchtet Ihr erst nach Sonnenaufgang lesen und das Päckchen wohl verwahren." „Nochmals bitte ich Euch, Ihrer Majestät meinen wärmsten Dank aussprechen zu wollen." Damit schwang er sich in den Sattel, winkte den Zurückbleibenden grüßend zn und sprengte davon in die Nacht hinaus. Staunend blickte ihm der Kammerdiener noch. „Herrgott, wie der hochwürdige Herr zu Pferde sitzt, das muß ich Ihrer Majestät berichten, dem sieht es keiner an, daß er je den Priesterrock getragen hat." Doch dem Flüchtling war keineswegs so wohl zu Mute, wie die Zurückbleibenden wähnten. Er befand sich ja am Wendepunkt seines Lebens, das trotz allem bisher ein segensreiches gewesen war, und wie es nun weiter gehen würde? — Dunkel lag die Zukunft vor ihm. — Ob er die Niederlande erreichen, ob 'er feine Geschwister finden würde? — Doch als er ihrer gedachte, da pochte ihm das Herz nicht mehr bang und zagend, da pochte es laut in freudiger Hoffnung. Und — Herrgott im Himmel! daß ihm das jetzt erst einfiel! — jetzt ging er doch dem Lande entgegen, wohin er sich so oft, so heiß gesehnt, wo er nicht mehr lügen und heucheln mußte, wo er die Religion, in der er geboren, der er trotz unfreiwilliger Taufe und Kloster treu geblieben war, frei und offen bekennen durste. Inzwischen war die Sonne aufgegangen und überflutete mit goldigem Glanze alles ringsum. Bor ihm lag ein Dorf, dort wollte er eine Stunde lang rasten, vor der Dorffchenke hielt er an, sprang vom Pferde und ließ demselben Futter geben und sich selbst ein Glas Milch und Brot. Und während er sich im Schein der.Morgensonne labte, zog er das Schreiben der Königin aus seiner Tasche, entfaltete es und las: „Hochwürdiger Vater! Ihr seid nun fort auf nimmer Wiederkehr! — ich selbst habe Euch fort getrieben — und bin nun allein — ganz allein mit meiner Sehnsucht nach Euch, mit meinem grenzenlosem Schmerze.. — Doch nein, davon wollte ich doch nicht reden, denn ich weiß, das hört Ihr nicht gern. — Drum von anderem. — Daß ich Eurer nie vergessen werde, daß die Lehren, die Ihr in mein Herz gepflanzt, nie aus demselben weichen werden, das ist wohl selbstverständlich. Dennoch wäre es mir in meinem Schmerze eine Art von Trost, wenn Ihr Eure Lehren von Zeit zu Zeit festigen würdet, indem Ihr mir von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen von Euch zukommen lassen würdet. Selbstverständlich verlange ich nicht, daß Ihr an mich schreibt, Gott bewahre! — Nehmt ein weißes Blatt Papier, faltet es zusammen in Briefform, schließt es mit einem Siegeldruck und schreibt die Adresse meines Pedro darauf und übergebt es der Post. Mein treuer Pedro wird es mir übergeben und ich werde daraus ersehen, daß Ihr lebt, daß Ihr meiner gedenkt und für mich betet. — Das wäre ein großer Trost für mich. Wollet Ihr das tun? — Wohin Ihr Euch wenden werdet, das wisset Ihr vermutlich selbst noch nicht, die Sache ist zu plötzlich über Euch gekommen. Wenn ich Euch raten dürste, würde ich Euch empfehlen. Euch an meinen in Paris lebenden Vetter, den Herzog von Broglie zu wenden, wenn Ihr dort seid, zeigt Euch jedes Kind sein Palais. Ich sprach den Herzog im vorigen Jahre und erzählte ihm von Euch, er sprach den Wunsch aus, einen Mann wie Ihr uls Seelsorger für seine Kinder zn engagieren. Doch wo findet man einen Mann gleich Euch? — Wenn Ihr Euch aber dazu entschließen könntet. — Er wäre glücklich und Ihr wäret geborgen. Das heißt, vor materieller Not und Sorgen seid Ihr ohne dies geborgen, denn das versiegelte Päckchen, das Pedro Euch übergeben haben wird, enthält überaus wertvolle Steine, sie sind ein Vermächtnis einer jüngst 'verstorbenen kinderlosen Tante, die mir dieselben kurz vor ihrem Tode zur freien Verfügung übergeben hat, kein Mensch ahnt, daß sie in meinem Besitz sind, Ihr lönnt sie daher ohne jedes Bedenken als Euer Eigentum betrachten. — Und nun lebt wohl, hochwürdiger Vater! — Ach, ich möchte Euch noch so vieles sagen, aber ich weiß nicht, ob es Euch angenehm wäre. — Von dem Pferd, bitte, trennet Euch nicht, es war mein Lieblingspferd und es wird mir ein angenehmerr Gedanke sein, daß Ihr es fortan benützen werdet. Unter dem Sattel werdet Ihr noch einiges finden, was Euch aus der weiten Reise angenehm sein dürfte. — Und nun nochmals, lebet wohl! — Meine Wünsche und meine Gebete begleiten Euch auf allen Euren Wegen. Betet auch Ihr für mich und lasset auf das erbetene Lebenszeichen nicht lange warten. Eure Euch dankbar ergebene Schülerin Anna." (Schluß folgt.) Josua Steinberg. Wiederum hat die hebräische Literatur einen Verlust zu beklagen: Noch waren die Trauerwochen Jehuda Steinberg-Berksch adskis nicht vorüber, da hieß es schon wieder: Josua Steinberg ist gestorben! Am 22. Adar II. verschied er nach langem Leiden im 83. Lebensjahre in Wilna, wo er nahezu 50 Jahre unermüdlich und segensreich tätig war. Gerade in dem Zustande, in welchem sich unsere Literatur gegenwärtig befindet, wirkt die Trauerkunde vom Mleben Josua Steinbergs schmerzersüllend und bedrückend. Josua'Steinberg war ein Heros aus'der vielgerühmten, historisch gewordenen Haskalah-Zeit. Unter den Namen Rabbi Jizchak-Ber Lewinsohn, Mordechai Aron Günzburg, Odoin ha' 'Kauhen Lebensohn, Kalman Schulman, Mraham Mappu, Perez Smolensky, Jehuda Löb Go'rdon u. a. m. wird auch der eben Verstorbene als wichtiger Faktor in dieser Bewegung, als Vorkämpfer der Aufklärung der rnssischen Judenheit und als großer Förderer der hebräischen Literatur in der Geschichte seiner Epoche genannt werden müssen. Josua Steinberg war für Viele ein Symbol der Haskalah; sein Name klang den Jüngern der Aufklärungsschule als der eines Weisen im litauischen jüdischen Athen, in Wilna. Es war aber nicht jene wohlfeile, oberflächliche Haskalah, die leichtsinnig gegen afles Alte mit Pfeil und Bogen loszieht, sondern das ehrliche Bestreben, Licht und Wissen in die dunklen Winkel des verrammelten Ghetto hineinzubringen und eine richttge Synthese zwischen Juden- und Menschentum zu finden. Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts beendigte Steinberg das Rabbinerseminar zu Wilna. Nachdem er einige Zett als Lehrer hgnn als

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