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Neue jüdische Presse · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18, Seite 5. Kronsrabbiner in Bjalistok tätig gewesen war, wurde er zum Kronsrabbiner in Wilna gewählt, und im Jahre 1866 übcrnahin er die Stelle seines Schwiegervaters Odom ha' Käuhen Lebensohn als hebräischer Lehrer am Wilnaer Rabbinerseminar, wo er bis zur Schließung dieser Schule 1873 verblieb. Ms an Stelle des Rabbinerseminars das Lehrerinstitut gegründet wurde, erhielt er den Posten eines Inspektors desselben, den er erst vor drei Jahren verließ. Außerdem fungierte Tr bis zu seinem Tode als von der Regierung eingesetzter Zensor für hebräische Bücher, wobei er die gute Gelegenheit hatte, seine große Liebe zum hebräischen Schrifttum zu zeigen, indem er in der Beurteilung ber zu zensierenden Bücher sehr milde war und den Autoren keine Schwierigkeiten machte: besonders waren die Verfasser rabbinischer Schriften mit ihm sehr zufrieden. Jehuda Steknberg hat für die philologisch-wissenschaftliche Entwicklung der hebräischen Sprache ungemein viel geleistet. Auf diesem Gebiete war er fast der einzige, er war eigentlich der Begründer des exakt-wissenschaftlichen Studiums der hebräischen Sprachforschung. Mit scharfem philologischen Sinn und gründlichem, reichem Sprachwissen ausgerüstet, trat er an die Forschung der hebräischen Sprache, ihrer Grammatik und philologischen Entwicklung heran und legte das fruchtreiche Ergebnis seiner vieljährigen Arbeit'in mehreren'gut burchgearbeiteten Werken nieder. Er widmete sich voll und ganz dieser Disziplin und verwendete dafür seinen ganzen Eifer und seine Liebe; es war seine Lebensaufgabe. Das beste und zugleich originellste Produkt Steinbergs ist sei „Maarche Lschaun Ewer", in dem er die Grammatik der hebräischen Sprache auf ihren natürlichen Ursprung verfolgt und dementsprechend ihr eine neue Gestaltung gibt. Von originellen Gedanken ist auch die Abhandlung. „Die Geschichte der Sprache und die Lehre Darwins" (Haschiloah Bd. II.) erfüllt. Er schrieb auch eine Grammatik der aramäischen Sprache, verfaßte ein ausführliches philologisches Lexikon für die Bibel (Misch'pat ho' Urim) und ein großes russisch-dcutsch-hebräisches Wörterbuch. Auf Einladung der Herausgeber des Gesenius'schcn Bibellexikons beteiligte er sich an demselben mit einer Reihe von Anmerkungen und Ergänzungen. Aber nicht nur als trockener Philologe und Grammatiker betätigte sich Steinberg in der hebräischen Literatur, sondern auch als Schriftsteller, wobei er sich als feiner Stilist hervortat. Sein „Mischle Jehoschua" ist eine Sammlung sehr schöner Denksprüche und Sentenzen, die in einer knappen, rein biblischen Sprache abgefaßt sind; ebenso ein zweites Werk „Aur la'Jschorim". Besonders musterhaft bezüglich der Sprache und Ausdrucksgewandtheit-Hst die Uebersetzung der „sibyllinischen Gedichte" aus der jüdisch-hellenischen Literatur der alexandrinischen Epoche. Er übertrug auch die Gedich'te-Sammluug „Kinnor Baß Zion" seines genialen, leider so jung verstorbenen Schwagers Micha-Joseph Lebens o h n in ein schönes Deutsch. Steinberg ging aber in seinem Purismus und der Bibelnachahmung zu weit und konnte sich von dieser Einseitigkeit nicht frei machen, sein Stil hat daher in sich etwas Steifes und Gekünsteltes; er blieb mit seinem biblischen Purismus hinter der in den letzten zwei Jahrzehnten reich entwickelten hebräischen Stilistik, gegen die er vergebens anzukämpfen versuchte, weit zurück. Ebenso wie in Sprache und Stil, blieb Josua Steinberg auch in seinem Jdeengange hinter der neuen Lebensströmung im Judentum zurück. Er steckte noch ganz in der Haskalah. Von den alten, eingewurzelten Auskläruugsidealen erfüllt, hatte er keinen Sjnn für die frische nationale Bewegung und 'alle ihre Begleiterscheinungen. Das war vielleicht die wichtigste Ursache, weshalb Josua Steinberg auf' seine Schüler nicht in der richtigen Weise einwirken und sie gegen den verderblichen Einfluß der fremden Umgebung und des freinden Lebens gehörig wappnen konnte; es fehlte eben die Begeisterung für das spezifisch-jüdische Ideal, für die nationale Zukunft des jüdischen Volkes. Nichtsdestoweniger war Josua Steinberg im Grunde seines Herzens ein warmfühlcnder Jude, ein unbewußte rNationaljude, obwohl er nicht auf streng religiösem Boden stand, 'Deine passive Sympathie für den Zionismus Frankfurter JsraelitiWes Familienblaü. üchte er dadurch zu beweisen, daß er als Zensor alle zion. Agitationsliteratur ohne Hindernis zu Drucke bringen ließ. Der innere Zusammenhang mit unserer nationalen Sprache, für die er lebte und in der er schon anfangs der 60er Jahre als Wilnaer Kronsrabbiner Predigten zn halten pflegte, machte ihn zu einem nationalfühlenden Juden. Sein fünfzigjähriges Schaffen hat ihm einen Ehrenplatz in der hebräischen Literatur gesichert. - L. S—o. Halber Friedrich Quells) - Offenbach a. M. — Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Bad Harz bürg Pension Parkhaus 53 Salons n. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I Ranges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. Waldlage. Geöff.I.Mai-l.Okt. Prosp.eratis Max Hecht Neubauten Umbauten Iueendeko n. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 9. Mai (= 8. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 25 Min Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 50 Min. in Berlin 8 Uhr 33 Min. Wochenabschnitt: Ein aur. Wir hören zunächst von Priestergesctzen. Der gewöhnliche Priester darf sich "an sieben der nächsten Verwandten „verunreinigen", d. h. sie als Leichen berühren. Der hohe Priester darf dies selbst an den nahen Verwandten nicht. Nur ein jungfräuliches Mädchen darf letzterer ehelichen, nicht eine Witwe. Keinerlei Körperverletzung wegen eines Toten machen. Lehre daraus: Israels Priester stehen nicht unter dem Bann eines „Totenknltus", sie gehören voll und ganz dem Leben an! — Leibesfehler (am Auge, Fuß, an der Hand usw.) werden aufgezählt, welche den Priester zum Dienste untauglich machen. Auch Tumoh oder „Unreinheit" schließt vync Genuß heiliger Opfergaben aus. Kein Nicht - Priester genieße heilige Heben und Gaben, ausgenommen des Priesters Frau, Kinder und Knechte; jedoch auch diese nicht immer. — Es werden diverse Leibesfehler an Tieren genannt, die diese von der Verwendung als Opfer ausschließen. Neugeborenes darf erst nach achttägigem Alter geopfert werden. — Es folgen Abhandlungen über sämtliche Hauptfeste: Namen, Bedeutung, Datum des Festes, Festopfer. (Kap. 23.) Dieser Abschnitt ist Vorlesungskompendium an verschiedenen Feiertagen. Schließlich hören wir vom goldnen Leuchter, der mit reinem Olivenöl täglich gespeist werden sollte, ein Symbol des rein strahlenden Thorageistes in Israel; vom goldenen Tisch mit den 12 Schaubroden in zwei Schichten ä 6 geordnet, allsabbatlich erneuert, die Weihe auch des irdischen Genusses darstellend. Endlich wird uns die Geschichte eines Gotteslästerers mitgeteilt, der zur Strafe für sein Vergehen gesteinigt wurde, nachdem Moses hierüber Gott besonders befragt hatte. Das Sulas dieses Sabbats ist „Eskoscho daudi". — Man liest den 3. Perek. Zugleich ist heute Verkündigung der .Halbfasttage „Schein! - Chamischi - wescheini", d. h. es wird am folgenden 2. Wochentag,'am 5. Wochentag und am wiederfolgeuden 2. Wochentag gefastet, also Montag, 11. Mai, Donnerstag, 14. Mai, Montag, 18. Mai d. I. — Doppelter Grund: Erstens wegen der in den Uebergangsjahreszeiten (Herbst, Frühling) häufiger auftretenden Krankheiten, besonders Kinderkrankheiten; zweitens wegen der etwaigen Entweihung des länger dauernden Pesachscstes, besonders der Halbfeiertage. (Ans beiden Gründen solche Fasttage auch nach Snkkaus, nicht aber nach Schowuaus). Bunte Chronik. Graf Tolstoi und Bert hold Auerbach. Bis zur Stunde verehrt Tolstoi tu dem Schöpfer der deutschen-Dorfgeschichte einen bedeutenden Künstler und „Apostel der Menschlichkeit." Die von allen Auerbachschen Werken am wenigsten gekannte Erzählung „Neues Leben" machte auf den jungen Grasen Leo Tolstoi einen öerartig gewaltigen Eindruck, daß er daran ging, den dem Buche zu Grunde liegenden Gedanken in die Tat umzusetzen. Tolstoi machte den ernsten Versuch, de» Lieblingsgedanken des Auerbachschen Helden im praktischen Leben zn realisieren. In Auerbachs Erzählung steigt Graf Eugen Falkenberg — dies der Name des Romanhelden — freiwillig mit Gefahr seines Lebens in die Beschränkung der Bauernwelt nieder. Nach einer abenteuerlich verlebten Kindheit besucht Graf Falkenberg die Jesuitenschule und lernt später das Leben der der vornehmen Welt als Offizier kennen. Im Jahre 1848 wird er in Schleswig-Hollstein irre an der monarchischen Ordnung und schlägt'sich zu den badischen Freischaren. Kriegsgefangen, entspringt er aus' dem Kerker, und mit Geld und falschen Pässen ausgerüstet will er nach Amerika fliehen. Auf Schleichwegen znm nächsten Hasen trifft er im Walde einen in ein weldfremdes Dorf versetzten Schulmeister, Eugen Baumann, dem er die Mittel gibt auszuwandern, indessen der Graf als Banmanns „Tauschmann" in Europa bleibt. Er nennt sich nunmehr Eugen Baumann und ' steckt sich das hohe Ziel, ein Lehrer des Volkes zu werden und ein neues Geschlecht zn erziehen. Diesem Eugen Baumann wollte Tolstoi nacheisern. Eine interessante Episode von einem Besuch Tolstois bei Auerbach erzählt Anton Bettelheim in seiner Auerbach-Biographie: Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Neues Leben" trat eines Tages ein Fremdling in Auerbachs Zimmer mit den Worten: Ich bin Eugen Baumann. Der. Gast sprach mit solchem Ungestüm und sah so wild ans, daß Anerbach ein wenig erschrak in der Besorgnis, ein Mann, der im wirklichen Leben Engen Baumann hieß, wolle ihn wegen Namensmißbrauches vor Gericht laden. Der seltsame Gast war indessen Graf Tolstoi. MS Doppelgänger Eugen Baumanns sah sich Leo Tolstoi deshalb an, weil er von Auerbachs Lehrgcschichte im Innersten gepackt, ans seinem Gute eine freie Volksschule gegründet und selbst, wie Eugen Baumann, als Lehrer die Bauernkinder von Jaßnaja- Poljana so lange unterrichtet hatte, bis ihm, die russische Polizei das gewaltsam verwehrte. Ans der Geschäftswelt. Herr D. Bloch, der in Stuttgart längere Jahre eine israel. Pension führte und während 15 Jahren am König!. Hofe in Stuttgart bei Hosbüllen und sonstigen Festlichkeiten servierte, hat in Konstanz (Ecke Scheffel- und Krenzlingerstraße) ein Hotel eröffnet (siehe Inserat). Kunst «ud Literatur. Semper der Jüngling. Ein Bildungsroman von Otto Ernst. 456 Seiten. (.16. 4, gcb. J6. 5.) Leipzig, L. Staackmann Verlag. Auch in diesem Roman zeigt sich Otto Ernst als ber geborene Pädagoge, vor dessen feinen Ohren und scharfen Augen sich die ihm anvcrtrauten Menschenseclen enthüllen. A» das jüdische Bott! Die traurige Kunde von dem großen Verlust, den unsere Literatur erlitten hat durch den -toö eines ihrer besten Pfleger, des überaus talentvollen Schriftstellers Jehuda Steinberg, ist bereits an alle hebräischen Leser, wo sie nur sind, herangekommen und erweckte den bittersten Schmerz über das verlorene Talent, das in unserer Literatur verewigt blieb. Aber alle diejenigen, die entweder selbst oder deren Kinder von der Geistesfrucht' genossen, die der unermüdliche Schriftsteller mit den letzten geistigen und physischen Kräften geschaffen hatte, mögen nicht vergessen, daß Steinberg, der die hebräische Literatur bereichert, eine Witwe mit drei Kindern in völliger Armut und ohne jegliche Lebensexistenz hinterlassen hat. Die hebräischen Leser, sie und ihre Kinder, denen Steinberg mit Leib und Seele in Armut und Not gedient hat, mögen es sich zu Herzen nehmen und wenigstens ihre Schuldigkeit den Hinterlassenen des Verstorbenen gegenüber erfüllen, damit die Frau und die Kinder des großen Schriftstellers nicht von seinem Volke ganz verlassen werden. Die Freunde des Verstorbenen, die die schreckliche Lage der Verwaisten genau kennen» wollen eine beträchtliche Summe sammeln und sie als Fonds zur Erhaltung und richtigen Erziehung der Kinder niederlegen, — soll das wenigstens der einzige Lohn sein dem Schriftsteller, der soviel Perlen besonders der erziehlichen Literatur geschenkt hat, sei» spezielles Gebiet, wo er Großes leistete. Das jüdische Volk kennt nicht die Rot seiner Schriftsteller, es weiß nicht, wie sie leben und wie sie sich erhalten, während sie für ihr Volk arbeiten — ihr einziger Trost und einzige - Freude im Leben. Durch ihren Tod erfährt man erst, wie groß ihre Lebensnot war. Auch Jehuda Steinberg ist beim Leben seinen Brüdern zur Last gefallen. Während er bereits den Keim des Todes in sich trug, fast bis zu den letzten Augenblicken seines qualvollen Lebens, setzte er fort zu arbeiten und unsere Literatur zu bereichern. Wird nun das jüdische Volk auch jetzt seine Pflicht seinem Schriftsteller gegenüber vergessen? Wird sich noch jemand unter uns finden, dessen Herz ihn von selbst dazu treiben wird, zur Hilfe der unglücklichen Familie des aufgeopferten Schriftstellers, der in Not gelebt, in Not gearbeitet und in Not gestorben ist? Die Vormünder der Waisen: A. L. Levinsky, Eh. R. Bjalik. Eh. Rawnitzky. Adresse für Geldzusendungen .: Gesellschaft „Carmel" für Steinberg, Odessas. -

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