Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692580--03953-2698716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 18 Seite 3. Posen. Repräsentantensitzung. — In der Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde bildete den Hauptgegenstand die Anstellung eines Amtsgehilfen für den Gemeiuderabbiner Dr. Feilchenfeld. Von seiten des Vorstandes wird für dieses Amt Rabbiner Samuel Blum, ein Zögling des Berliner Rabbinerseminars, vorgeschlagen, und zwar für die Zeit vom 1. Mai 1908—30. April 1909. Stadtrat Schleyer fragt, warum nicht vorher die Kultuskommission angehört worden sei. Nach längerer Debatte beschließt die Versammlung,'dic Angelegenheit erst der Kultuskommission zu überweisen. Es wird ferner die Anstellung einer Büroassistentin und die Gewährung einer Subvention an die Knaben-Waiscnanstalt beschlossen. Oesterreich - Ungarn. Wien. Der erste österreichische Judentag. — Die Begrüßungsansprache hielt Dr. Alfred Stern, der Präsident der Wiener israel. Kultusgemeinde, das erste Referat Dr. Sonnenschein. Der Referent gab einen geschichtlichen lleberblick über die die Verhältnisse der Judenhcit betreffende Gesetzgebung Oesterreichs und führte dann aus, daß noch immer die Regelung des Religionsunterrichtes, die Heranbildung von Religionslehrcrn, die Entlohnung und Versorgung der Kultusbeamten usw. im Argen liegen und Nach außen eine autoritativ ausgestattetc Repräsentanz für die Sstcrr. Judenhcit von nöten sei. Mit der Bildung des „Allgemeinen Oesterrcichisch-Jsraelitischcu Bundes" wurde der Versuch zu einer solchen Organisation gemacht, der Versuch "konnte aber nicht gelingen, da die Beschlüsse der Organisation keine zwingende Kraft haben. Der vom Referenten ausgearbcitetc Entwurf baut sich auf den Kultusgemeinden auf, die in Verbänden zusaimnengcfaßt sind und in dem obersten Judenrat, der als Beirat des Kultus- und Unterrichtsministeriums fungiert, ihre oberste Behörde haben. Von der Wirksamkeit der Verbände und '"des vbersteu Judcnratcs sind alle Fragen des Ritus ausgeschlossen. — Nach eingehender Schatte wird im Sinne des Rcferenteu beschlossen und ein Komitee, welches einen Gesetzentwurf unter Beachtung der Dr. Sonncnschein'schen Grundsätze zu entwerfen hat, gewählt. Am 2. Verhandluugstage beschäftigte sich die Versammlung zuerst mit dem im Budgetausschuß angenommenen Anirage auf Konstatierung des Zahlenverhältnisses der jüdischen zu den nichtjüdischen Mittelschülern, welcher Antrag den Juden das Rech! der Lerufreiheit nehnien will. Die Versammlung schließt sich der seinerzeitigcn Protestkundgebung der jüdischen Wgeordncten in einer Resolution an. — Sekretär Krauß erstattete sodann den Tätigkeitsbericht. Der „Allg. Oesterr.-Jsrael. Bund" war mit Erfolg gegen die Einführung des Schächtverbotcs tätig, stand den jüdischen Gemeinden in Stiftung-, Schul-, Steuer usw. Angelegenheiten zur Seite und beschäftigte sich mit der Emigrationsfragc und der Schaffung eines jüdischen Archivs. Der Rechenschaftsbericht wird . nach "längerer Debatte einhellig zur Kenntnis genommen. — Es wird beschlossen, die Schaffung eines Reichsvcrbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüd. Kultusangestellter in die Wege zu leiten. — Sodann wurden die Borstandswahlen vorgenommen. In der Nachmittagssitzung fungierte als erster Punkt' „Einheitlicher Lehrplan für den Religionsunterricht" und „Schaffung einer Lehrerbildungsanstalt für Wcstösterreich", ein Punkt, der in die Angelegenheiten des Ritus eingreift und deshalb nicht aus 'die Tagesordnung des Judcutages gehört. Dem Antrag des Landesschulrates Dr. K o h n gemäß wird die Behandlung der Frage hinsichtlich des Sitzes der Lehrerbildungsanstalt und des einheitlichen Lehrplanes vertagt. — Es werden sodann die Anträge des Präsidiums betreffend die Gründung eines „Zcntralarchiv der österr.-isracl. Kultusgcmeinden" einstimmig angenommen und noch einige geringfügige Angelegenheiten erledigt. — Mit einem von dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeindc gegebenen Bankett fand die Tagung ihren Abschluß. Budapest. Zeichen der Zeit Oberst Simon Vogel, einer unserer hervorragendsten Offiziere, muß in Pension "gehen, da er vor der Beförderung zum General nicht die Tarife an sich vollziehen lassen will; er ■ wird deshalb mit dein Generalsrang in den Ruhestand versetzt. Die österreichisch-ungarische Armee hat nunmehr drei pensionierte jüdische Generale: Eduard Schweitzer, Ulrich von Trenkheim und Simon Vogel, doch die beiden ersten hatten bereits als aktive Offiziere den Generalsrang erreicht, — dasirals waren die Zeiten noch besser. Budapests In dem Sensationsprozeß Polonyi-Lenghel sagte der Reichstagsabgeordnete Paul Sandor, ein Jude, aus, daß der damalige Justizminister Polonyi ihm habe sagen lassen, er werde, wenn Sandor ihm bis zum nächsten Tage die kompromittierenden Angelegenheiten, welche Halmos gegen ihn im Reichstage Vorbringen werde, nicht Mitteilen werde, im Reichstage eine Rede halten, durch die in Ungarn sich der Judenhaß so stark verbreiten werde, wie er kaum in Rußland'vorhanden sei. Lemberg. Der neue Statthalter von Galizien. — Dr. Michael Bobrhnski, der Franksttrier Jsraelktrsichtzs Familiendlaü. ehemalige Vizepräsident des galizischen Landesschulrates, ist zum Statthalter von Galizien ernannt worden. B. ist einer der reaktionärsten Vertreter der feudalkonservativen Richtung der polnischen Politik. - Die Juden Galiziens kennen ihn aus seiner bisherigen Wirksamkeit als den Mann, der die Klerikalisierung der Schulen gefördert hat und der während der ganzen Dauer seiner Wirksamkeit im Landes- 'chulrat prinzipiell keinen jüdischen Supplenten an einer Mittelschule anstellte. Kascha«. Eine Störung des Gottesdienstes entstand am vorletzten Pesachtag im hiesigen neologen Tempel, und zwar aus einem merkwürdigen Grunde. Als nämlich die Thorarolle wieder in die heilige Lade zurückgestcllt worden war, erhob sich einer der Synagogenbesncher und erklärte entrüstet, es sei ihm — wie das im hiesigen neologen Tempel üblich ist — durch Postkarte mitgeteilt worden, daß er als fünfter zur Thora aufgerusen werde, er sei aber nicht aufgerufen worden. Der gute Mann war izur schtver zu beruhigen, denn es 'wollte ihm garnicht in den Kopf, daß er nun „zwecklos" sein Geschäft verlassen hatte. Rußland. Petersburg. Der Oktrobistensührer Gutschkow äußerte sich einem Journalisten gegenüber wie folgt: Durch Befreiung der Juden von der Wehrpflicht gegen eine Geldzahlung würde, nach P u r i s ch k e w i t s ch s, des Führers der äußersten Rechten, Berechnung der Staat jährlich 80 Millionen Rubel einuehmen, wenn man alle wehrpflichtigen Juden vom 15. bis 50. Jahre mit 10 Rubel jährlich besteuerte. Die Landesverteidigungskommission hat festgcstellt (?), daß die Juden, die »rit dem Militärdienst nicht sympathisieren, im letzten Kriege mit wenigen Ausnahmen für den Kriegsdienst bedeutungslos waren. Während der Revolution spielten die Juden in der Armee die Rolle der Agitationsredner. Gntsckkow stellte dem gleichen Journalisten gegenüber entschieden in Abrede, daß die Oktrobistcn irgend ein Projekt über die Erweiterung der Indenrechte einzubringen gedenken. Die Juden seien gegenwärtig bedeutend weiter von der Gleichberechtigung entfernt, als 1905. Nur einzelne Maßnahmen, die rechtlich die ökonomische Lage der Juden bessern, seien zu erwarten. — Der skandalöse Antrag auf Ausschließung der Juden vom Militärdienst und Auferlegung einer besonderen Steuer für diese Befreiung, der von den berüchtigten Antisemiten P u r i s ch k e w i t s ch und Krapeusky unterschrieben ist, wird Freitag in der Duma verhandelt -werden. R o d i t - s ch e w wird im Namen der Opposition dagegen sprechen. Petersburg. Nicht» Be üätigung jüd. Rechtsanwälte. — Nach den Berichten der „Kur. Warsz." hat der Justizminister die Bestätigung von vier jüdischen Rechtsanwälten, welche von dem Warschauer Schwurgericht vorgeschlagcn wurden, verweigert. Die Zeitung bemerkt hierzu, daß seit dem Jahre 1904, wo nach einem 15-jährigen Intervall Juden wieder zu Rechtsanwälten gewählt wurden, cs bis jetzt keinen Fall gab, daß ein Minister die Bestätigung von solchen jüdischen Kandidaten zurückgewiesen hat, die von dem Warschauer Schwurgerichte in Vorschlag gebracht wurden. „Rufs. Korresp." Wilna. Unler Boi sitz des bedeutenden bcbräischen Schriftstellers Dr. "I. L. Kantor hat -sich hier eine Gesellschaft für jüdische Wissenschaft und'Kunst gebildet. Palästina. Jerusalem, 24 Avril. Feuer. Auf bis jetzt noch unerklärliche Weise brach gestern in einem Cafe nächst denk Jaffator Feuer aus, das schnell um sich griff und mehrere Häuser einäscherte. Ein Eisenladen, der bedeutendste in der heiligen Stadt, ist total vernichtet. Dessen Schäden allein wird auf "Mark 100 000 geschätzt. Das türkische Post- und Telegraphcuamt samt dem Tabakvorrat ist gänzlich niedergebrannt. Schaden erlitten noch mehrere Geschäftsläden und auch die sog. griechische Apotheke. Die jüdischen Läden blieben unversehrt. 'Seit Menschendenken hat kein ähnlicher Brand in der heiligen Stadt gewütet. Vielleicht wird dieses "Unglück den Anstoß geben, auch hier eine Feuerwache zu bilden. Denn bestände zur Zeit ein solche, sie hätte, wie spärlich auch ünser Wasservorrat ist, dennoch dem entfesselten Elemente Halt geboten. Außerhalb der Stadt tragen die meisten Häuser europäische Dächer. Das sollte doch die sorglosen Bewohner zur Vorsicht mahnen. — H. Personalien. Frankfurt a. M. Jubiläum Herr Bernhard Niederhofheim vollzieht Freitag, den 8. Mai, zum 1000. Male den heiligen Akt der Brismiloh. Frankfurt a. M. Dem Architekten Dr. vhil. Jul. Hülsen, Privatdozenten an der "technischen Hochschule zu Darmstadt, wurde vom preußischen Landwirtschastsminister die Abhaltung von Vorlesungen über Gartenarchitektur und allgemeine Stil- und Ornamentlehre an der kgl. Lehranstalt für Wein-, Obstu. Gartenbau zu Geisenheim a. Rh. übertragen. Frankfurt a. 4M. Die At trjuco« oet Deutichen Konferenz-Gemeinschaft der A l l i a n c e I s r a ö l i t e Universelle, Sitz Berlin, haben an Stelle des Heimgegangene» Charles L. Hallgarten cinstiinmig Herrn Philipp Schiff in Frankfurt a. M. zum st e l l v e r t r e t e n d e n Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft g e w ä h l t. Berlin. Das Eheuaar Josef Friedtänder und Betty geb. Pollak feierte seine Goldne Hochzeit. — Nach kurzem Leiden starb im 42. Lebensjahre der Musikschriststeller Dr. Georg M ü n z e r. Seiner Feder" entstammen u. a. eine Marschuer- Biographie und die wertvolle Untersuchung „Wagners Ring der Nibelungen". Auch ein Roman „Wunibalt Teinert" ist erschienen und ein zweiter Roman „Der Märchenkantor" im Druck. — Professor Dr. Schlesinger, Vorsteher der Abteilung für Maschineningcuieurwescn an der Technischen Hochschule, hat den Kronprinzen in das Fach der Werkzeugmaschinen und den Fabrikbctrieb e i n g e f ü h r t. Stratzvurg i. Elf. Sanitälsrat Dr. Golds ch m i d t wurde wegen seiner Verdienste um die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, des Ackerbaues und der Künste im Unterelsaß" durch den Präsidenten und den vollständig erschienenen Vorstand auf außerordentliche Weise geehrt, indem ihm sein bronzenes, fast naturgroßcs Reliefbild überreicht wurde. Goldschmidt war eiger der ersten, der den übertriebenen Alkoholgenuß bekämpfte, er hat in Straßburg die Schwemmkanalisation angeregt und 1899 anläßlich des 100jährigen Stiftungsfestes der ihn fetzt ehrenden Gesellschaft deren Geschichte geschrieben. Seit 1895 war er, so oft cs die Statuten gestatteten, Präsident - der Gesellschaft, welches- Amt er erst kürzlich wegen hohen Alters niederlegte. Nürnberg. Hermann Lickten st ein, Ritter des Eisernen Kreuzes, ist verschiede n. Wien. Gemeinderat Baurar Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, der Vizepräsident der isr. Kultusgemcinde, erhielt das Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens, Hofrat Professor Dr. K. S. G r ü n - Hut das Kommandeurkrcuz des Leopold-Ordens. Wien. Abraham M. Elias, Sem >chef des 'Bankhauses Gebrüder A. H. Elias und Zensor der Qcsterr.-Ungar. Bank, Besitzer des türkischen Mcdjidie-Ordens, ist gestorben. Paris. Der Agyrwtoge Proi. Joseph Halevwurde zum korrespondierenden Mitgliedc der Akademie der Wissenschaften in Petersburg ernannt. — Henri Hirschmann wurde zuni Ritter der Ehrenlegion ernannt. Petersburg, 2 Mai. Vorgestern verseht d im 46. Lebensjahre der Philanthrop und Herausgeber des bekannten Kadetten-Organs „Retsch" Ingenieur I. "B a k, eines der angesehensten und besten Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde. Bak "besuchte die Realschule in Dwinsk und die Eisenbahn-Jngenieur-Schule in Petersburg. Als Erbauer einer Anzahl Eisenbahnlinien wurde er Millionär, bewahrte aber auch als solcher seinen guten und edlen Charakter und sein einfaches Wesen. Im Zentralkomitee der „Jca", im Vorstand der jüd. Gemeinde und in der Kommission der Talmud-Thora zeichnete er sich durch sein ernstes Arbeiten, sowie durch schnelles Erfassen und energisches Durchführen einer jeden Sache auf. Von jeher war er ein echter Demokrat, wurde aber in die öffentliche Politik erst in den letzten Jahren hincingerissen. Aus der Lehrerweit. Nürnberg. Am 3 Mai c. trat eine Kemmtzsion, bestehend aus 3 Delegierten der Freien Bayer. Rabbiner-Konferenz'(den HH. Dr. Cohn- Burgpreppach, Dr. Stein- Schweinflirt, Dr. Wern er-München) und 3 "Vorstandsmitgliedern des Israel. Lehrcrvereins für Bayern (den Herren G o l d st c i n - Heidingsfeld, Mandelbäum-Würzburg, Dingfelder -München) zusammen, um über die Mittel zu beraten, wie der immer größer werdenden Notlage des isr. Religionslehrerstandes auf dem Lande abgeholfen werden könne. Man war einhellig der Ansicht, daß der gegenwärtige Zustand unhaltbar sei und daß endlich etwas zu dessen Besserung geschehen müsse. Zn diesem Zwecke hat Dingfelder -München "auf Grund statistischen Materials eine Denkschrift über die jfrael. Kultusgemeinden und ihre Schulvcrhültnisse ansgearbeitet; die Ausführungen fanden die volle Zustimmung sämtlicher Kommissionsmitglieder. Die Denkschrift soll nun mit entsprechenden Anträgen dem „Landesvereiu" in Vorlage gebracht werden. Es besteht "begründete Hoffnung, daß dieser Verein seine bisherige segensreiche Wirksamkeit für Schule und Gemeinde auch nach der Richtung hin erweitern werde, die Verhältnisse des isr. Religionslehrerstandes so zu gestalten, wie sie der Bedeutung und Würde des Standes entsprechen, damit Bayern in dieser Beziehung nicht hinter den andern deutschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.