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Neue jüdische Presse · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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s [:• £ k k' f i; ^^yr V.-, Seite 2. frankfurter FsrMWWs Familienblait. Nr. 18. Der erste österreichische Judentag. Trotz des bedeutend stärkeren Antisemitismus als in Deutschland hat es bei der österreichischen Judenheit längerer Zeit gebraucht, uni sie zum Zusammenschluß zu veranlassen: ein Beweis, daß der Entjudungsprozeß in Oesterreich bereits bedeutend weiter fortgeschritten war, wie bei uns in Deutschland. Doch nun ist der erste Schritt nach vorwärts geschehen! Am 27. und 28. April waren im Amtsgebäude des Wiener Kultusvorstandcs 130 Delegierte von 90 Gemeinden — darunter die 4 zionistischen und 3 der nichtzionistischen Reichsratsabgeordneten — versammelt, um die Organisation der österreichischen Judenheit zu verwirklichen. „Wir wissen" — schreibt die „Oesterr. Wochenschrift", das Organ der Wiener israelitischen Kultusgeineinde — „daß wir von diesem Staate nichts mehr zu erwarten haben, als Lichtenstein zum Ministerpräsidenten. So vereinigt denn die stkot der Zeiten die widerstrebendsten Hände, die wir schon zur Zeit der Wahlen vergebens zusammenzubringen suchten, und die Teilnehmer am Gemcindetage waren nicht nur als Vertreter unseres großen geistigen und wirtschaftlichen Besitzes eine imposante Repräsentanz nach außen, sondern auch als Vertreter der verschiedensten Parteien eine wertvolle Bürgschaft der Eintracht nach innen. .Als Anhängsel verdrießlich fteisinnigcr Parteien können die Juden immer nur eine Dienerrolle im Staatsleben spielen, aber mit Benützung ihrer mlllionenstarken Anzahl, ihrer Konzentration in einzelnen Gebieten können sic der Regierung imponieren und vor dieser ebenso große Herren spielen wie verschiedene südliche Natiönchen, deren Angelegenheiten oft die ganze Staatsinaschinerie ins Stocken bringen." Der erste österreichische Judentag hat gehalten, was er versprochen hat, mrd wenn nicht alle Zeichen trügen, wird von ihm eine wirkliche Zusammenfassung der österreichischen Judenheit ausgehen, denn die politische und soziale Situation der österreichischen Juden ist zu sehr gefährdet. Ucber die Resultate dieses ersten Judentagcs möge hier angeführt sein, was die „Jüd. Zeitg." schreibt: „Einhellig wurde der Beschluß gefaßt, cs sei von der Regierung eine autoritative Gesamtorganisation der Judenfchaft Oesterreichs zu fordern, und so gut wie einhellig mit Bedachtnahmc auf alle Provinzen Oesterreichs, aus die Groß- und Kleingemeinden, sowie auf die religiösen und politischen Parteien innerhalb der Judcnschast wurde ein 26köpfiger Ausschuß zur Redigierung jenes Gesetzentwurfes gewählt. Es war wie ein, wenn auch schmerzhaftes Heilen einer Wunde, der Wunde böser Zwietracht an unserem Völkskörpcr. Schon am ersten Tage war es klar geworden, daß die neue Organisation als eine vorwiegend politische gedacht ist, denn laut des Referates sollten von chren Agenden alle religiösen Fragen ausgenommen bleiben, und bei der Wahl des Redaktionskoniitees konnte die Ausnahme auch nur eines einzigen Rabbiners erst nach heftiger Gegenwehr fast aller Delegierten durchgesetzt werden. Am zweiten Tage vollends glaubte man ein llcines jüdisches Parlament vor sich zu haben. Die Versammlung nahm recht energisch zur Resolution Schmid*) Stellung, indem sie sich dem Proteste der jüdischen Abgeordneten anschloß und sic aufforderte, in ihrer einmütigen Abwehr auszuharren. Damit war der Hauptgrundsatz unserer jüdischnationalen Politik anerkannt, daß jüdische In teressen nur durch Juden ehrlich und wirksam vertreten werden können." *) Es ist das die von der Budgetkommission angenommene Resolution, daß die Regierung darüber Erhebungen pflegen möge, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen Mittelschüler zu den christlichen in Einllang zu bringen sei. Ein Frauenbund für Palästina Seitdem das Interesse für Palästina wieder mehr im Vordergrund steht, ist von den verschiedensten Vereinen und Anstalten viel zur Hebung der dortigen jüdischen Bevölkerung getan worden. Nicht mehr sind die Juden nur in wenigen „heiligen" Städten zusammengedrängt und lassen sich von dem, was ihnen die besser gestelllen Brüder aus dem Westen schicken, ernähren. Nein, ein neues, vielseitiges Leben ist aufgeblüht! Wir treffen die Juden als Bauern, als Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibende. Ein ganzes Netz von Schulen ist erstanden, und die Jugend hat Gelegenheit, im Lande sich für das Land auszubilden in Seminaren, in Handwerker- und Knnstgewerbeschulen, in Ackerbau- und Handelsschulen. Doch mit diesem äußeren Aufschwung hält der innere noch nicht ganz Schritt. Den tausend Anforderungen, die durch den allgemeinen Fortschritt an den Einzelhaushalt und an den Gesamthaushalt der jungen Gesellschaft gestellt werden, konnte man noch lange nicht nach allen Seiten hin gerecht werden. Da ist es denn mit Freuden zu begrüßen, daß sich ein neuer, ganz eigenartiger Verband gegründet hat, der hier eingreifen will. Die Frauen sind cs, die auffordern zum Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina, llud als Frauen suchen sie sich die Gebiete auf, die ihnen am nächsten liegen: Haushalt und Krankenpflege. Wer in Palästina war und mit offenen Augen Land und Leute gesehen hat, dem muß es aufgefallcn sein, wie so oft die Arbeit des Mannes und .sein Mühen nicht den rechten Erfolg hat, weil neben ihm die Frau fehlt, die mit dem, was der Mann erarbeitet, zu wirtschaften versteht, die Ordnung uird Sauberkeit um sich verbreitet und ein Heim schafft, in dem die Kinder gesund heranwachscn können. Wir wollen nicht nach Ursache oder gar nach Schuld fragen, wir wollen nur die Tatsache uns klar machen: wir brauchen tüchtige Hausfrauen in Palästina. Und solche zu erziehen will der Verband sich bemühen. Er will Haus ha ltungsschulen gründen, um die jungen Mädchen für den Beruf in ihrem späteren Heim vorzubereiten. Wenn späterhin mit diesen Haushaltungsschulen noch Abteilungen für ländliche Wirtschaftsführung verbmrden würden, so wäre das außerordentlich zu begrüßen, denn gerade auf dem Dorfe ist die Arbeit der Frau unentbehrlich. Der Geflügclhof, die Milchwirtschaft, der Gemüsegarten gehört zu ihrem Gebiet; hier muß sie den Mann unterstützen. Bis jetzt aber trifft man in den Kolonien kauin eine Frau, die hierin ihren Pflichten genügen kann. Der zweite Punkt betrifft die Errichtung eines Krankenpflegedien fl es. Es gibt ja jüdische Krankenhäuser, in Jerusalem allein deren vier. Doch reichen sie längst nicht aus, auch nur einen Bruchteil derer aufzunehmen, die hilfesuchend kommen. Da kann die gut ausgebildctc Pflcgeschwcster, wie bei uns, helfend und lindernd vieles leisten. Hier erblüht dem Verband ein schönes, dankbares Arbeitsfeld. Die Äerzte in Dorf und Stadt werden mit Freude die Mitarbeit von Schwestern begrüßen in ihrer schweren Tätigkeit, wo sie oft ganz allein ohne geschulte Hilfe kaum auskommen können. Eng damit verknüpft ist die Sorge für Wöchnerinnen nnd Säuglinge. Man erzählte uns doch in Jerusalem, daß für die armen Leute — und arm ist dort die überwiegende Mehrzahl — überhaupt keine geschulte Hebamme zu haben sei. Welch Wunder, daß gerade hier das Wochenbettsicher erschreckend häufig ist und unzählige'Frauen in den kräftigsten Jahren dahinrafft. Hierin Wandel zu schaffen, wäre ein verdienstvolles Werk. Die Frauen nun, die der Verband zur Arbeit in Palästina heranzieht, sie werben ihre schwere Pflicht nur übernehmen können, wenn chnen die kleinlichen Sorgen für das Alltagsleben erleichtert werden, wenn sich nicht jede allein durchkämpfcn muß, sondern wenn siegegenseitig an einander Anregung nnd Unterstützung finden. Darum hat der Verband als letzten Punkt auf sein Programm gestellt: „Die Errichtung eines Frauenheims für Krankenschwestern,' Lehrerinnen und andere gebildete Damen". Der Verband, der im Jahre 1907 gegründet worden ist, hat seine Tätigkeit bereits ausgenommen.*) Er hat sich ein großes und schönes Arbeitsgebiet ausgesucht, und cs wäre wohl zu wünschen, daß viele Frauen sich ihm anschließcn, ihn fördern und ihm helfen, sein Ziel zu erreichen. R. S. Aus aller Meü. Deutsches Reich. Berlin. Gleiches Recht für alle In der dieser Tage erscheinenden Broschüre „Der Freisinn im Block" ans der Feder ThcodorBarth's heißt cs in Bezug auf den bekannten Sprachenparagraphen in dem jüngst angenommenen Bereinsgesetz: „Sollte es einmal zu einer gesetzgeberischen Ein- - schränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Inden oder der Sozialdemokraten ober der Freidenker kommen, dann wird man den Freisinnigen stets entgegenhalten können, daß das, was den Polen gegenüber recht war, jedem anderen Staatsbürger gegenüber kein Unrecht sein könne." Berlin. Vom Heinedenkmal in Korfu. D e r K a i s e r hat als Eigentümer des Achilleions auf Korfu bekanntlich angeordnet, daß an der Stelle des dort befindlichen Heinedenkmals von Hassclris ein Standbild der verewigten Kaiserin Elisabeth errichtet werden soll. Es war zu erwarten, daß die antisemitische Presse ans diesem Vorgang Kapital schlagen und bei dieser Gelegenheit zur Abwechslung wieder einnral das Oberhaupt des Deutschen Reiches als Gesinnungsgenossen reklamieren würde. Leider hat sie damit gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt kein Glück, denn es sind erst wenige Wochen her, daß sich der Kaiser in antisemitischen Blättern versteckte Angriffe deshalb gefallen lassen mußte, weil er Meyerbeer für seinen Lieblingskomponisten und die „Hugenottcn"-Musik mehr als jede andere zu schätzen erklärt hatte. Die Heinedcnkinalsangelcgenheit ist für den Kaiser nichts weiter als eine Geschmacksfrage und kann durchaus unbefangen allein als solche betrachtet werden. Daß Wilhelm II. für den Dichter Heinrich Heine nicht viel Sympathien haben kann, ist jedem, dem die Wesensart und Geistesrichtung des Monarchen nur einigermaßen vertraut ist, psychologisch ohne weiteres klar; nicht minder, daß die Kaiserin, die gerade im vorliegendem Falle als Instanz vielleicht noch mehr als ihr Gemahl in Frage kam, keine Heine-Freundin sein kann. Diese Abneigung hat mit Konfession und Rasse genau so wenig zu tun, wie wenn etwa der. Kaiser sich Gerhart Hauptmann gegenüber ablehnend verhält, wenn er von Lederers Hamburger Bismarck- Denkmal nichts wissen mag, wenn er in der Malerei die ganze moderne Jmpressionistenschule und in der Musik die herrschende Richtung Wagner-Strauß verwirft. Speyer. In Saalbau zu Neustadt a. H. fand am 26. April eine von etwa 120 Vertretern fast sämtlicher israelitischer Kultusgemeinden der Pfalz besuchte Versammlung unter dem Vorsitze des Herrn Dr. med. Reis-Speyer statt, welche nach eingehendem Referate des Herrn Rechtsanwaltes B l ü t h e - Kaiserslautern mit begeisterter Zustimmung die Gründung eines israelitischen Kreisasyl-Vcreiues für die Pfalz einstimmig beschlossen hat. Derselbe bezweckt nach analogem Beispiele von Baden und Württemberg auch in unserer Heimat^ für unsere alten oder erwerbsunfähigen Glaubensgenossen ein würdiges Heim zu schaffen, wo es ihnen vergönnt ist, in Ruhe ihren Lebensabend zu genießen. Die Debatten, an denen sich auch der Vorstand der badischen Synode, Herr Dr. Staadecker- Mannheim mit seiner reichen Erfahrung auf diesem Gebiete der Wohltätigkeit in dankenswerter Weise beteiligte, bekundeten das freudige Interesse, das allseitig der Sache cntgegengebracht wurde. Möge der warme Appell an die jüdischen Herze», und die zuversichtliche Begeisterung, mit der die Herren Bezirksrabbiner Dr. Salven di - Dürkheim und Dr. M a y c r - Zweibrücken für diese Bestrebungen eintraten, einen niächtige» Widerhall in und - außerhalb der Pfalz finden; denn zur Errichtung . dieses Werkes jüdischer Nächstenliebe wird auch auf die tatkräftige Hilfe und pietätvolle Unterstützung aller derjenigen gerechnet werden müssen, deren Wiege in unserer pfälzischen Heimat stand und die als äußeres Zeichen ihrer' Dankbarkeit gegen lebende oder verstorbene Eltern und Verwandte dieses unvergängliche Denkmal der Liebe in unserer pfälzischen Heimat miterrichten lvollen. *) Vorsitzende: Frau Professor Marburg, Berlin W., Ühlandstraße 175; Mitgliedsbeitrag mindestens 3 Mark. - . . ' ... ■ . .

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