Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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<ar,/L'. . t♦ i t (1 -:—'—-—> Diese Zeitung"erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In, Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i—.-—--——-— Hle-aKktoir und Geschäftsstelle: Srankfurt 2. in., vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Telefon 10507. Heraitsgever: Kaltz Gels. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile .. 100 Platz- und Daten-Vorschrijt ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 1—__________ 6. Jahrgang. Freitag, de« 7. Ijar 5668 (8. Mai 1908). No. 18. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Grundlagen der Jüdischen Religionsphilosophie. — Der erste österreichische Judentag. — Ein Frauenbund für Palästina. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Der Prior. — Jvsua Steinberg. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Grundlagen der Jüdische» Religionsphilosophie nach Hermann Cohen. Dargelegt und erörtert Von Dr. Jacob Klatzkin (Jacob b. Elijah.) . III.*) Die Dogmatik. Darf die jüdische Sittenlehre nicht den Titel einer wissenschaftlichen Disziplin, einer wissenschaftlichen Methode beanspruchen, so darf sie jedoch andererseits nicht in einen Gegensatz zur jüdischen Glaubenslehre gesetzt werden. Man soll sich nicht durch das Beispiel des besonders in den letzten Jahren hervorgetretenen Problems der christlichen Sittenlehre verleiten lassen. Dem Christentum ist dieses Problem der Sittenlehre im Gegensätze zu seiner Glaubenslehre entstanden, weil der christliche Glaube einen Konflikt mit der menschlichen Vernunft enthält. Es ist das Dogma, welches diesen Konflikt bildet. Ganz anders — sagt Cohen — liegt die Sache im Judentum. Welcher Inhalt der jüdischen Glaubenslehre konnte einen Vorwurf der Skepsis bilden, sodaß die Fixierung der Dogmatik sich darauf hätte versteifen müssen? Und welcher Inhalt der jüdischen Glaubenslehre vertrüge, geschweige forderte die Absonderung von der Sittenlehre und den Gegensatz einer Sittenlehre? Man könnte an die Zeremonialgesetze denken. Indessen konnten diese, nachdem die Opfer geschwunden waren, kein eigentliches Problem mehr bilden, aus dem der Gegensatz einer Sittenlehre hätte herauswachsen können. Hatten doch die Sprüche der Väter bereits diese als Zaun für die Lehre gekennzeichnet. Ein Zaun ist kein Garten? (D. Problem d. jüd. Sütenl. in d. Monatsschr. f. Gesch. u. Miss. d. Jud., 1899, @. 388—389.) : . V Und die mittelalterlichen Dogmatiker des Judentums, - seine Philosophen, habest ihren. Gott als Gott ' der. Sittlichkeit zu erkennen und.' zu proklamieren gesucht. „Nur diejenigen Attribute Gyttes sollen Gegenstand der menschlichen, der religiösen Erkenntnis sein-dürfen, welche das Wesen Gottes als' das Urbild' der Sittlichkett bestimmen., Außerhalb dieses Interesses an der Sittlichkeit ist das Wesen Gottes unerforschlich, d. h. nicht. Gegenstand des philosophischen Interesses und ebensowenig des religiösen Glaubests. Diese Position der jüdischen Dogmatik, welche durch die ganze. Reche dieser Klassiker hindurch behauptet - . *) SSetgl. Nr. 48 v. und Nr-1 d. I.;; wird, ist eine solgerichttge Fortführung der urprünglichen Bedeutung des prophetischen Monotheismus. Gott hat sein Wesen ausschließlich in der Sittlichkeit. Er ist das Vorbild und Urbild der Sittlichkeit, welche die Menschen in ihren Handlungen kraft ihrer Freiheit zu betätigen haben. Der Mensch selbst ist Herr seiner Sittlichkeit; er hat sie zu vollziehen und daher auch zu verantworten. Gott kann ihm dabei beistehen; doch das ist schon ein Ausdruck, der an der Grenze der Popularität liegt. Genauer ist das Wort des Talmuds: daß die Gottesfurcht außerhalb der Sphäre der göttlichen Allmacht liegt. Nur als Ideal der menschlichen Handlung darf das Wesest Gottes gedacht werden. Nur diejenigen Attribute, in denen die Tugenden bezeichnet werden, dürfen als Attribute Gottes den Gegenstand der religiösen Erkenntnis Gottes bilden. Die entscheidende Bedeutung, welche in dieser Grundrichtung des jüdischen Denkens für den Begriff des Judentums sich darstellt, ist dahin zu forniutieren: daß dadurch derMythosaus der Religion des Judentums ausgeschieden wurde." (Rel. und Sittl.) So bildet die jüdische Sittenlehre das Prinzip der jüdischen Religion, das Prinzip, nicht die Konsequenz. Das ist die Differenz zwischen Judentum und Christentum. Das Christentum wurzett im Mythos. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Während im Judentum nur „Attribute der Handlung" von Gott ausgesagt werden, Gott nur Vorbild der Sittlichkett ist, bildet im Christentum den eigentlichen Inhalt des Glaubens — das Wesen Gottes. Im Judentum — sagt Cohen — ist das religiöse Interesse nicht daraus gerichtet, was das Wesen Gottes ausmachen mag, sondern darauf, was er verkündet hat. „Er hat Dtt verkündet, o Mensch, was gut ist." Im Christentum aber bleibt das Interesse an der mythischen Frage nach der Natur Gottes, dem Wesen Gottes, hasten. Freilich vollzieht sich dieses Wesen in der ganzen Geschichte seines Daseins nur unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit; aber es ist nicht der Gesichtspunkt der selbständigen, menschlichen Sittlichkett, durch den und auf den' das Wesen Gottes eingeschränkt wttd. Das ist das Erbteil des Mythos, Welches im Christentum lebt. Nicht baß darum schon dieser Gottesbegriff unsittlich oder widersittlich würde; auch der Mythos Hai die Tendenz? zur Sittlichkeit; also eine außersittliche Sphäre wird dadurch das Dogma zu? beschreiben genötigt; wenn anders die Sittlichkeit auf .Freiheit beruhen muß. . Der Mythos sucht ein unmittelbares Verhältnis zwischen Mensch und Gott, die Propheten haben dieses direkte Verhältnis bekämpft und den Blick des Menschen auf seinen Nebenmenschen gelenkt. „Dieses spezifische Merkmal, welches die Religion vom Mythos unterscheidet,! hat. sich -im Judentum, erhalten; denn es . war der Grundbegriff der Einheit Gottes, welcher dieses Fundament in Kraft erhielt. Der jüdische Monotheismus wäre zugrunde gegangen, wenn dieses Mottv, dem er seinen Ursprung verdankt, hätte erschüttert werden können." Das Wesen des jüdischen Gottes ist das Wesen der Sittlichkeit. Das Christentum aber wurzelt tief im Mythos und Dogma. Es genügt, auf die Trinität und auf den Opfertod Christi hinzuweisen, um die mythologischen Motive in der Bestimmung des christlichen Gottesbegriffes einzusehen. Jedoch deutlicher entblößt sich der Mythos in der Erlösungslehre, die das Spezifische der christlichen Gotteslehre bildet. Christus ist Erlöser. Nicht in )er eigenen 'Kraft seines Willens wird die Erlösung der Menschen gesucht, sondern in einer auswärtigen Quelle. Die Selbständigkeit des Menschen als einer sittlichen Person, seine Willensireihett wttd damit verdächtigt. In der christlichen Erlösungslehre können wtt die meisten Differenzpunkte zwischen Judentum und Christentum erkennen. Zunächst den eben berührten Punkt: Willensfreiheit. * * * Es wurde eingangs dieses Kapitels der Verdacht abgewehrt, als enthielte die jüdische Dogmattk, gleich der christlichen, eine Wsonderung von der Sütenlehre. Die Zeremonialgesetze vermögen ebenfalls nicht eine solche Absonderung zu bewttken. „Ein Zaun ist kein . Garten." Wir können es uns nicht versagen, die. Worte Cohens über diesen Punkt anzuführen, in welchen sich drastisch die Seelendistanz zwischen' ihm und den dem Judentum entfremdeten liberalen Juden kundgibt: „Daher ist es in unseren Tagen besonders erklärlich, daß man den . Schutzwert des Zaunes wieder einsichttger schätzen mag. Es muß leider zugestanden werden, daß wir die Reife der Zetten überschätzt hatten. Wtt befinden uns leider noch nicht in den Vortagen des messianischen Zeitalters. Und so muß der Zaun mit weiser DPkretion noch Wetter gepflegt werden. Unb die Dankbarkeit zumal gegen ihn, die in den ttefsten Gefühlen der .Pietät gegründet ist, kann niemals untergehen unter uns. Man glaubt, es sei ein enges, verengtes Dasein in' dies« Welt des Zaunes. Aber wie haben die Jahrtausende dieses absonderlichen Innenlebens durch alle Qualen des Mmschenhasses und durch alle Tröstungen des Gottesfriedens gelitten., Und wie haben sie eben dadurch den Horizont dieses Innenlebens geweitet, den sittlichen wie den geistigen. Nicht nur das poetische Gemüt fand darin seine Belebung, nach der es in aller Not und Angst des bürgerlichen Daseins das rührende Verlangen bewahrte: in der Äebetordnung und ihrer musikalischen Beseelung werden die ästhettschen Kräfte der Weltkultur aufgezogen. Wochrlich nicht allein die Poesie des geschichtlichen Judentums, sondern geradezu der geschichtliche Geist des Judentums wttd diesen Zauber, nicht brechen können, sondern nur seine endliche Lösung erharren."