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Neue jüdische Presse · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 1Ö. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17 in den Gemeinden t u n, die doch keine Partcidisziplin verlangen. Wir sind mit, unseren Ausführungen zu Ende; — doch noch eins: Herr Joseph H. fragte in Nummer 12: „Was hat uns der Zionisnms gegeben?" Der Zionismus beruht auf der Erkenutnis, daß cs eine doppelte Not gibt, die der Judenhcit und die des Judentums. Die Diaspora bringt cs mit sich, daß sowohl erstere. wie das letztere verkümmern und verkümmern müssen — und um diesem abzuhelfen, muß dem Judentum ein natürlicher Boden, seine alte Heimat, gegeben werden. Nun, Herr H., ist das Ziel erreicht, sind wir im Besitze Palästinas, daß Sie die Bilanz ziehen? — Und doch hat uns der Zionismus bereits viel, ja sehr viel gegeben: wenn unsere Rechten und Linken aufgchört haben, im Fahrwasser der Assimilation zu segeln, so hat dies der Zionisinus bewerkstelligt. Wenn man heute die Juden nicht mehr in alle Welt zerstreuen will, damit sie so schnell als möglich von den anderen Kulturen aufgesogcn werden, und die Tendenz dahin geht, sie dem Lande der Väter zu erhalten, so ist cs ein Werk des Zionismus. Wenn man sich heute freut, daß die Türkei Hebräisch als eine offizielle Sprache ansieht, so hat cs der Zionismus getan. Wenn endlich heute die Tendenz immer mehr nach rechts geht wrd die Liberalen bejahend zu arbeiten beginnen, so ist cs ein Werk des Zionismus. Auch die zunehmende Solidarität unter den Juden, die Belebung der Sprache und Literatur sind Werke des Zionismus. Und Sie als guter Zionist werden sich wohl auch mit letzteren freuen oder? . . . Wir sind uns dessen bewußt, daß unsere Feinde aus dem unglückseligen Bruderzwist für sich —l'schem schomajim natürlich — Kapital zu schlagen suchen. Man verbreitet, daß wir gemäßigt geworden sind. Doch >ver Augen hat und sehen will, wird einsehcn, wer in Wirklichkeit die Interessen der Gesetzestreuen wahrnimmt. Gewiß sagen >vir bisweilen der Orthodoxie bittere Wahrheiten; allein es ist ein altes Wort unserer Weisen: „Es ascher jehaw haschem jauchiach" und „Chausech schiwtau schaune b'nci". Uebrigens ist es nicht die Orthodoxie, sondern sind es vielmehr einzelne sogenannte Politiker, die das Heft in Händen haben und durch eine verkehrte Taktik alles entzwei schlagen wollen, denen wir die Wahrheit sagen. Aber trotz allen Hctzens und Schadens, den man' uns — l'schem schomajim natürlich — zufügt, gehen wir unbeirrt unseren zum Wohle des überlieferten Judentums cingeschlagencn Weg weiter. Damit schließen wir die unliebsame Diskussion und überlassen cs unseren Feinden, die Sache weiter für sich auszuschlachtcn. Jüdische Frauen in der Zeit nach Mendelssohn. Von E. B. (Fortsetzung.) Zu dem an und für sich nur anerkennenswerten Streben nach Wissen und Bildung gesellte sich aber im ganzen Umfange ihres schädlichen Einflusses die Modetorheit der damaligen Zeit: französische Sprache, französische Sitte und hiermit auch französische Leichtfertigkeit. Die sonst so klugen Jüdinnen lernten mit Eifer französisch, um mit den Hofkavalicrcn, welche bei ihren Vätern Anleihen erhoben, in der Modesprache konvcrsieren zu können; sie sogen hierbei alles Frivole und Verderbte der französischen Weltliteratur in vollen, durstigen Zügen ein, und nur zu bald begann cs bedcnllich abzufärben auf ihre bisherigen Sitten und althergebrachten Gewohnheiten. Solange Mendelssohn lebte, sein Haus der Mittelpunkt der Gesellschaft, er selbst das sittliche Vorbild der jungen Generation war, machten sich allerdings das Hinwcgsetzen über die überlieferten Formen, der mangelnde Sinn für die Tradition des Judentums noch nicht in ihrem ganzen erschreckenden Umfange geltend, obwohl ein Hauch jenes Geistes, der in der Folge so verhängnisvoll werden sollte für die gesamte Judenhcit, schon damals zu verspüren lvar. Was aber der nachmendelssohnschen Generation hauptsächlich fehlte, das waren Männer, die, mit dcni vollen Bildungsgehalt ihrer Zeit ausgerüstet, in wahrer Liebe und aufopfernder Hingebung zum überlieferten Judentum als treue Führer hätten voranlenchten sollen. Nach Mendelssohns Tode wurde Sammelpunkt der Freunde das Haus des Doktor Markus Herz. Herz war ein gesuchter 'Arzt, ein Freund und Jünger Kants, berühmt durch seine philosophischen Vorträge, denen hochgestellte Persönlichkeiten, sogar der Thronerbe Friedrich Wilhelm, bcizuwohnen pflegten. Aber mehr als der sprühende Geist und scharfe Witz, womit er seine Unterhaltung würzte, fesselte seine Frau. Der Umgang mit der schönen Jüdin Henriette Herz war eine Zeitlaug nächst dem Hofkrcise das, was am meisten in Berlin gesucht wurde, sic -bildete einen förmlichen Zaubcrkreis, deni alles, was es an Einheimischen und Fremden von Auszeichnung und Bedeutung gab, gewissermaßen zuflog. Sie hätte, wenn nicht von verführenden Einflüssen irregeleitet, segensreich für die Judenhcit lvirkcn können. Henriette Herz, mit ihrem Mädchennamen de Lemos, war sozusagen ein Sonntagskind, deni das Glück von frühester Jugend an znlächelte und cs verwöhnte. Von ihren Eltern wurde sie in religiöser Innigkeit und patriarchalischer Sittsamkeit erzogen und von deni Vater, der den Unterricht der Tochter selber leitete, schon in den ersten Bildungsjahren vernröge ihrer Begabung in die biblische Literatur im Urtext eingcführt. Frühzeitig wuchs sie zu einem der liebreizendsten Mädchen Berlins heran; sic erregte durch ihre Gestalt und klassischen Züge Aufsehen, Ivo sie sich nur blicken ließ, und man naimte sie „die tragische Muse". Künstler bewunderten diese vollendete Schönheit, wie sie vollkommener selten aus der Meisterhand der schöpferischen Natur hervorging. In diesem schönen Körper aber webte eine leichtgläubige Seele, die selten der Boden eigenen Denkens war, empfangene Eindrücke aber unverwischbar festhielt und die hohe Gabe besaß, im rechten Augenblick zu schweigen und das von anderen in sich Aufgenommene im passenden Momente zu äußern. In sehr jungen Jahren noch wurde sie mit dem Arzt Markus Herz verlobt und in seinem Hause wie im Umgang mit Mendelssohns Töchtern erweiterten sich ihre Kenntnisse. Im großen Ganzen aber naschte sie, wie Geiger sagt, an allen Wissenschaften, war Dilettantin auf vielen Gebieten, Künstlerin, vollendete Meisterin aber nur in der Gesellschaft. Ihre Reisen nach Dresden und Italien, wo sie Studien halber sich längere Zeit aufhielt, waren reine Modesache, ihre Schwärmerei für die Romantik so wenig innerlich und nachhaltig, daß sie mit einer neuen Richtung ihr Ende fand. Aber diese Schöne besaß ein seltenes Anpassungsvermögen und dieses Talent befähigte sie ganz besonders, der Mittelpunkt eines großen Kreises zu sein. Berühmte Fremde — wie Schiller, Chamisso und Jean Paul — besuchten ihr Hans, Ausländer — wie Mirabeau und Frau v. Stasi — rechneten cs sich zur Ehre an, in dasselbe eingeführt zu werden; Gelehrte und Künstler, die längere Zeit in Berlin lebten, waren Stainmgäste chres Salons — so die Brüder Humboldt, die später europäische Berühmtheiten werden sollten, Arndt, der Freiheitsdichter, der preußische Aleibiades, Prinz Louis Ferdinand, der moderne Apostel, Schleiermacher und Börne, damals noch Ludwig Baruch, der sich in Leidenschaft für die schöne Frau verzehrte und wegen der Aussichtslosigkeit seiner Neigung sich sogar mit Selbstmordgedanken trug. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Heimlrlkunst. „Heiniatkunst". Gerade die jüngste Zeit hat dies Wort, anfgenommen und als Kennwort einer ganz bestimmten Slrt von Kunst in die Massen geworfen. Einer Art von Kunst, die uns am meisten anspricht. Urwüchsig, bodenständig. Ans der Tiefe kommend, zn Herzen gehend! — Und „Jüdische Heimatkunst?" — — Kann nian eigentlich bei uns Juden von H e i - m a t kunst im eigentlichen und wahren Sinilc deS Wortes reden? — — Wo denn die Heimat? wo die Wurzeln dieser Kunst treiben sollten?- Die Antwort auf diese Fragen konnte derjenige bekommen, der die Abende besuchte, die die Jargongcsellschaft Fischer Abrahamowitz im großen Saale des Kaufin. Vereins veranstaltet hat. Ans vielen jener Lieder, die man dort hören konnte, spricht die Seele unseres Volkes, zeigt sich sein Charakter, ungeschmälert in seiner Eigenart, Das feine Gefühlsleben, das scharfe Verstandeswesen. Dort löst sich die Seelenstimmung in feinen Humor aus, hier wird sie wieder zum sarkastischen Spott; immer aber bedingt und hervorgernfen von pilpulistischer Schlagfertigkcit. — Und das alles im Gelvandc des „gedrückten" Inden. — So wächst er weit hinaus über eine kleine Stellung. Und dies nimmt uns so ein und weckt Echo im jüdischen Herzen: wenn er sich erhebt der verachtete Jude. — — — Aber ob jetzt die Weisen einen humoristischen Stoff begleiten — getragen und nachlässig — ob sie jetzt wieder anschwellen und mächtig und leidenschaftlich in sich drängenden, auf jauchzenden Tönen dahinrauschen wie Fanfarenklänge zur Errettung aus jahrelanger Schmach — immer durchdringt die Lieder eine Melodie in allen möglichen Variationen; jene, die der Geige Klagen so wundersam trifft und die ihren Ansdruck findet in den Worten — Golus — Golns! Alles lvnrde init Empfindung vorgetragen und das zahlreiche Publikum empfand mit, war hingerissen, und folgte den abwechslungsreichen Darbietungen niit wachsendem Mitgefühle, wenn von Frau Fischer die lustigen Kouplets gesungen wurden Wenn Herr Abrahamowitz seine verschiedenen Lieder zum Besten gab, dann folgten lustige und traurige Szenen. — Wie ein alter „Jid" im Alter nicht die rechte Aufnahme bei seinen Kindern findet. — „Komödien" d. h. Burlesken, possenhafte Episoden zwischen Eheleuten, „Chassidim" usw. Alles Darbietungen, die man gesehen haben muß, um sie zu würdigen. Aber seltsam! Weit über die Gestalten, die wir da sahen, trat riesengroß die Gestalt des alten „Jids" heraus, des Greises, der die Hände verzweiflnngsvoll ringt, als ihm nirgends ein Heim bereitet wird, des Mannes, der — nach langem Wandern — sein müdes Haupt auf eine Ruhestatt legen möchte — wo ihm diese fehlt. Die ganze Schwere des Unglücks unserer armen jüdischen Brüder trat uns gleichsam vor Augen. — Und ein Pilichowski'schcs Bild kam mir ins Gedächtnis. Einen Juden zeigend, wie jenen Alten. Er liegt auf der Straße — zusammengebrochen — und hat seine Ruhestatt gefunden. — Doch auch das muß man der Jargongesellschaft lassen. Sie verstand abzutönen. Daß diese Gedanken uns nicht überwältigten. Und die wehmutsvolle Stimmung, die der arme Greis — nicht hervorgebracht, sic schlumniert schließlich in jedem Inden — aber geweckt hatte, übermannte uns nicht. Aber als man dann nach Hause ging, als man sich zur Ruhe legte und sich die Bilder nochmals vor Augen vorbeiziehen ließ, da traten alle vor einen! in den Hintergrund. Aus den vielen Gestalten, die Wir gesehen, die man uns so glaubhaft gezeigt, zeigte sich uns wieder jene, die Glaubhafteste und Wahrste von allen. Gleichsam symbolisch. Der verfolgte Jude, der in bitterem Weh gen Himmel schreit — der wandern muß, dem die Heimstätte fehlt. Dazu hallten dann leise nach die zitternden Töne der klagenden Violine, als ob sie Sprache hätten: „Golns" — „Golus"- Leopold Perlmutter.

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